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Freies Blatt · 1896-01-19 · 198 (19.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
198 (19.1.1896)
Date
1896-01-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 198... Seit« 8. .freit» Eine nach diesem Briefe von der „Tinieö" auf meine Veranlassung eingeleitete Untersuchung ergab indessen, daß Herr St.-Hilaire gleichwohl einen französischen TagcSschriftsteller empfangen und ihm wörtlich alles das gesagt hatte, waS in der „Times" berichtet worden war! In die Ecke'getrieben/mußte St.-Hilaire dies vollkommen bestätigen. Er suchte sich dann — immer mit ausgesuchter Höflichkeit — nur damit bei mir herauszureden, daß er nicht gewußt habe, daß der Bericht in der „Times" erscheinen würde, da jener TageSschriftsteller sich als Mitarbeiter an dem Pariser „Galignani'S Mesienger" (waS er übrigens wirklich war) mit seiner Karte eiiiF geführt hatte. Ein solcher AuSgang der Untersuchung war wahrhaft peinlich. In dem weiteren Briefwechsel, der nun folgte, wiederholte St.-Hilaire unablässig: es sei „nicht zeitgemäß", „im jetzigen Augenblicke" die Forderung nach der vollen Rheingrenze zu erhebe»; der Streit wegen Elsaß-Lolhringenö genüge „gegenwärtig" ü. dgl. m. Allein obwohl ihm bemerklich gemacht wurde, daß in dem unter Ludwig Philipp und Napoleon III. gebrauchten, amtlich gebilligten Schulbuche von Dussieux („Frankreichs Geschichtliche Erdkunde") die natürliche Grenze des Rheins „von seinen Mündungen bis zu seiner Quelle" beansprucht und „die Grafschaft Nizza, Savoyen, die Schweiz, Rhein - Baiern, die preußischen Rheinlande, das Herzogthum (!) Luxemburg und Belgien" als zum französischen Gebiete gehörig bezeichnet wurden: so konnte Barthelcmy St.-Hilaire nun und nimmer dazu bewogen werden, atif diese „natürliche Grenze" Frankreichs zu verzichten. Zuletzt schrieb ich iJjnV:' „Wenn ein Deutscher etwa sägen wollte, cs sei ,in -diesem Augenblicke nicht zeitgemäß', die Frage der natürlichen Grenze der Maas zu erheben, so würde man in Frankreich mit Fug denken, eS sei daS eine Drohung für die Zukunft, die man sich merken müsse. Ebenso ist die Erklärung, cö sei sin diesem Augenblicke nicht zeitgemäß" (p:»i> opportun en c<* moment) für Frankreich, die Frage der natürlichen Grenze des Rheins zu erheben, eine schließliche Bedrohung (une inenaee eventuelle) für Deutschland, die Schweiz, Belgien und Holland." ES half Alles nichts. Barthelemy St.-Hilaire verharrte, stets in den liebenSwürdigstcii Formen, bei seinem Gebahren. Erst sollte Elsaß-Lothringen wieder -ju Frankreich kommen. Das Weitere war der Zukunft Vorbehalten. Auf alles linksrheinische Gebiet, von den Quellen deS Stromes bis zu seinen Mündungen, hatte Frankreich zufolge diesem, anscheinend der ausgleichenden Gerechtigkeit huldigende», nahezu neunzigjährigen Weltweisen einen unzweifelhaften Anspruch. DaS ist eine Thatsachc, die man sich unter Deutschen wohl merken dürfte. ' Arbeiter und Handwerker. Es war in den letzten Tagen des abgrlanfcne» Jahres, daß sich eine zahlreich besuchte Bersannntung Wiener Gewerbetreibender in feierlicher Weise gegen die Einbrziehnng sännntlichcr Gewerbe unter die Unfall. vcrsichcrungSpflichtigcn Unternehmungen verwahrt, die »ach deck Er gebnissen einer im November und Tcccmbcr abgchaltcncn E»q»>'tc etwa erfolgen könnte: und erst vor einigen Tagen hat ein in Egcr versammelter Gcwcrbetag eine ebendahin zielende Erklärung abgegeben. Eine Reihe von durch die social-dcmolLatischc Parteileitung cinbc rufencn Arbeiterversaminlungen hingegen hat am 12. Jänner in einer gleich solennen Entschließung gegen die Gcwrrbcnovelle Protest eingelegt, weil sie die von den Vertretern der Arbeiterschaft bei der im Jahre 181*3 stattgehabten parlamentarischen Enqm'te vor gebrachte» Wünsche ignorirc und das Princip des Arbeitcrschuyes i» namentlich aufgcführten Punkten, die vorwiegend auf die Arbeit im Kleingewerbe Bezug nehmen, verletze. „Abgesehen davon, greift die von der Regierung geplante Reform der Gewerbeordnung durch eine Reihe ganz nnqualificirbarer Bestimmungen einer einschneidenden Reform des Krankencasseu- und UnfallvcrsichernngsgcsctzcS vor." Offenbar sind beide Gruppen von Staatsbürgern in gleichem Rechte, von der Gesetzgebung die weitestgehende Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse ihres Standes zu fordern, offenbar hat die Gesellschaft allen Grund, darauf zu sehen, daß kein Stand, er heiße, wie er wolle, in seinen berechtigten Ansprüchen gekränkt werde. Allein, wohin, fragen wir, soll eS führen, wenn diese Ansprüche sich so schnurgerade entgegengesetzt sind wie in dem vorliegenden Falle, und wenn die -Arbeiter ebenso nnabbringlich an der vollständigeü Einbeziehung des Kleingewerbes in die Unfallversicherung festhaltcn wolle», wie die Gewerbetreibenden an der unbedingten Ablehnung dieser Forderung? Was die Regierung immer unternehmen mag, sie wird den einen oder Statt. den anderen Petenten verletzen oder keinen von beiden befriedigen. Auch hier mnß wie überall, wo lebenskräftige Gesetze geschaffen werden solle», der Regierung bloß die Sanrlion und die staatliche Antorisirung über lassen werden für Verhällnissc, die aus dem (leiste und dem Bedürfniste der intcressirten Elasten erwachse», geschlichtet und geklärt find. Allerdings sind die Dinge, so wie sie kirnte liegen, einer derartigen, aus dem Geiste der wirthfchaftlichen Solidarität aller Elasten hervor gcgangcucn. Lösung wenig günstig. Einer jahrzclniielangcn Agitation ist cs gelungen, die »inzclncn an der Production beiheiligten Factorc» zu einander in den grellsten Gegensatz zn bringen, nnd indem man diese Gegensätze obendrein noch mit verschiedenen politische» Parteiungen verquickt«, entstand die. ganz widernatürliche Erlclzeinung, daß man heute thatsüchlich von einer politische» Partei der Großindustriellen, von einer solche» der Kleingewerbetreibenden nnd von einer der Arbeiter sprechen kann. DaS ist ein geradezu unerträglicher nnd widernatürlicher Zustand. Was an wirklichen nnd nicht hinwcf>;»dispnlire»den liegen sätzen in her wirthfchaftlichen Gesellschaft vorhanden ist, wird dadurch ins Ungeheuerliche gezerrt, petrisicirt; es wird eine Gesinnung? und Gemmens fache daraus gemacht, (Gegensätze, die eigentlich mit allen Kränen zn vcrlvischcn wären, aufrecht zu erhalten und eher z» vergrößern: cs wird ängltlich darauf gesehen, daß nicht auch einmal das (Gemeinsame ins Bewußtsein der Parteien dringe, das unzweifelhaft alle Factorc»' der Production verknüpft, obwohl diese einigende» Momente vielleicht mächtiger, zahlreicher sind als die trennenden. Es läßt sich nicht in Zahle» ans drücken, aber cs übersteigt auch vielleicht alle »nfcrc .^ahlcngrößcn, was diese vcrhängnißvolle Verirrung der Industrie^ dem Handwerk und dem Arbeiter in gleichem Maße geschadet hat: stark dabei sind aber nur Jene geworden, welche auf die Zwietracht des Voltes ihre Herrschaft aufbauen. Das Vcrständniß für eine über die engen Grenzen der »»mittelbaren Standcscollcgialität weit hinanSgchcndcn Solidarität mangelt heute noch in allen Elasten, und das ist wohl dacv größte, wenn nicht das einzige Hindcrniß einer gedeihlichen Socialrcforni. Das Geheimnis; der ganzen große» Frage offenbart sich ja doch zuletzt in den ichlictitc» Worten des Dichters: Mann mit zugeknöpfte» laichen, Dir thut keiner was zulieb; Hand wird nur von Hand gewaschen, Wenn du nelnne» njillft — so gib! Die Klcingcwcrbctrcibcndcn würde» mit Recht ein SüNem anklagen, welches , protcctionistisch auf die eine Gcscllschaftsclaisc die Fülle von Gunst und Wohlthat häufte, die anderen aber sich selbst nnd ihrem Ster» überließe, wenn nur die Handwerker nicht dasselbe wollte». Sic baben ja gar nicht mit dem Protcctiouismns gebrochen, nur nehmen sic die ganze Protection für sich in Anspruch und verbinde» sich mit Leute», welche bald für den Bauer, bald für die armen (Grafen und Fürsten, bald wieder für die noch ärmere Kirche eigene Privilegien beanspruchen. Daß. wenn mit dem Steuergnlden ciitcs Bauers, Lehrers oder Beamten das Kleingewerbe »ntcrstützt wird, auch dem Handwerker Verpflichtungen gegen Nichtangehörigc feines Standes erwachst», dafür in leider noch kein Verständniß voichandeg. DaS geht recht bandgrciflich aus der oblchwcbendcii Frage der Unfallversicherung hervor. Wir leugnen nicht, daß die Einbeziehung der Kleingewerbe in diese Institution eine für Biele fühlbare Mebr brlastung des ohnedies mit großen Schwierigkeiten ringenden Gewerbes bedeuten würde, wir wollen nicht sagen, daß die dcrmalige Verivaltnng der Unfallversicherung nicht einer Reform fähig wäre, die-vielleicht mit finanziellen Ersparnissen verbunden fein könnte: allein das ändert nichts an der Billigkeit der Forderung der Arbfitcr. Eine auf die natürlichen Verhältnisse Bedacht nehmende Gesetzgebung bat die Arbcitcrunfallversichcrung zünächst vorwiegend auf die beim (Großbetrieb beschäftigten Arbeiter beschränkt. Allein weder das Geien noch die Wirklichkeit kennen eine scharfe Grenze zwischen Großnnd Klein betrieb; die Uufatlsstatistik beweist, daß die'»leisten Unsällc keineswegs ans der Hantirung mit Motoren entstehen,, und cs ist daher ein schreiendes Unrecht, ivcnn zwei Arbeiter einen verschiedenen 'Schutz genießen sollen, bloß deshalb, weil der eine bei einem Handwerker, der andere aber bei einem Fabrikanten arbeitet. Das kann natürlich auch nicht ohne üble Wirkung ans die Handlvcrkcr selbst bleiben, weil sich die besseren, gesuchteren Arbeiter selbstverständlich lieber dorthin ziehen werden, wo sic des ausgedehntesten Schutzes gegen Krankheit nnd Unfall thcilhaft sind, während sich dem'Gewerbe zn dessen Schaden nur die minder gualificirtcn Kräfte zuwcnden werden. So zeigt sich schon hier die Richtigkeit unserer Behauptung, von der Solidarität aller Jntercfscn. Das würde der Kleingewerbestand aber am eigenen Leibe wohl am besten dann erkennen, wenn die Unfallversicherung für das Gewerbe durchgcführl

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