Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 198 (19.1.1896)
- Date
- 1896-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .freie* Statt. Nr. 198. ist gesagt: „Es ist selbstverständlich, daß ein Mann von so ausgleichender Gerechtigkeit die Juden als Vollbürger angesehen wissen wollte." Gewiß sollte man dieS — hundert Jahre nach der großen französischen -Staatsumwälzung —• als selbstverständlich onnehmen, nicht bloß bei Barthelemy St.-Hilaire, sondern bei seinen Landsleuten überhaupt. Doch leider hat sich selbst in Paris, das sich als die Leuchte der Welt — die Villa Lumiere, wie Victor Hugo sie stolz nannte — betrachtet, eine judenhetzerische Partei aufgethan. Zum völkerverfeindendcn M a sse n ka m p f, zum heftigen inneren K I a s s e n k a m p f, möchte sie auq noch den Rassenkampf unter den nächsten Mitbürgern fügen! Ja, es erschien vor Jahr und Tag ein Werk von einem ehemaligen Mitgliede der Pariser Commune, Gustav Tridon, das die Worte enthält: „Die Semiten, daS ist der dunkle Schatten im Gemälde der Sittigung. Alle ihre Geschenke sind eine Pest. Den semitischen Geist und seine Gedanken zu bekämpfen, das ist die Aufgabe des arischen Stammes.- Die gleiche Lehre wurde in einem Werke eiiieS anderen hervorragenden Mitgliedes der Pariser Gemeinde-Regierung entwickelt, einem Manne von sonst ausgezeichneter Bildung, der sich an deutscher Wisienschaft genährt halte. Und die Commune wollte als Ausbund alles menschlichen Fortschrittes gelte»! Wie aber stände es um den von Gustav'T r'id on erhobenen arischen Anspruch, wollte man etwa gewisse Gegenden von Mittel-, West- und Südfrankreich auf die Reinheit der arischen Abkunft ihr.r Bevölkerung hin untersuchen? Ließen sich da nicht in der augenfälligen körperlichen Erscheinung dieser Bevölkerungen vorgeschichtliche lappisch-finnische und aus geschichtlicher Zeit iberisch-turanische, pHönikische und sarazenische, also in letzterer Beziehung zweimal semitische Bestandtheile Nachweisen? Doch lassen wir das für heute, und erkennen wir bereitwillig an, daß Barthelemy St.-Hilaire sich von den jetzt auch in Frank- Trict» wieder angeregten Gehässigkeiten gegen Mitbürger hebräischer Abkunft anständig frei gehalten hat. Fremdes Verdienst willig zu ehren, wie solches dem französischen Philosophen und Staatsmann unzweifelhaft zukommt, ist stetö ein lobenSwerther Zug der Deutschen gewesen. Sie .haben diesen Zug sogar aus Kosten dessin, was im eigenen Lande geleistet wird, ausgebildel. Daher stammt ja der schöne Ausdruck: „Das ist nicht weit her!- Indessen wollen wir immerdar fortfahren, volle Gerechtigkeit gegen Fremde zu üben. Rur im äußersten Notyfalle werde des dem deutschen Volke zugerufenen Dichterworles gedacht: „Sei nicht allzu gerecht!" Ein' solcher Rolhfall ist aber leider in Bezug auf Barthelemy St Hilaire vorhanden. Lasten wir ihm alle Anerkennung zu Thcil werden für sein wissenschaftliches Streben, für feine milde Aufklärung, für seine Haltung gegenüber den Juli-Ordonnanzen vom Jahre 1830 und dem meineidigen Staatsstreichs-Kaiser, wie auch für seine Verurlheilung des russisch-französischen Bündnisses, dieser schmachvollen Entehrung des Freistaales. Als freilich der geständigermaßen nach der Krone strebende Abenteurer Ludwig Bonaparte sich um die Oberhauptschaft der Republik bewarb, um sie eines Tages oder in einer dunklen Nacht abwürgen zu können, da war St.-Hilaire nicht unter denen gewesen. die ihm entgegentraten. Und doch wußte alle Welt, worauf 'der Mann von Straßburg und Boulogne ausging. In seinen „l,It-o8 Xapoleonieniies“ halte er die Wiederherstellung des Kaiferlhums osten als sein Ziel bekannt. Vor Louis Blanc, als dieser ihn im Gefängnisse zu Ham besuchte, gestand er es abermals. Ueberdics — und das ist jüngsthin von St.-Hilaire selbst in seinen letzten Tagen wieder erzählt worden — halte Ludwig Bonaparte von Anfang an Kriege geplant. Nachdem er zum Mitgliede der Volksvertretung gewählt worden war, ging er oft bei den einzelnen Gruppen umher, unr ihnen zu sagen: „Der Zweck meines Lebens ist die Rache für Leipzig, Waterloo und Trafalgar!" — Rache an Deutschland und an England. Also Krone und Krieg: das war des falsch-napoleonischen Abenteurers Ziel! Trotzdem war St.-Hilaire damals nicht unter seinen Gegner» zu finden. ES soll hier nicht darauf eingegange» werden, daß der hervorragende Gelehtte, der sich so viel mit griechischer Weltweisheit beschäftigte, den Forschungen der neueren Naturwissenschaft und den daraus erfließenden philosophischen Ergebnissen ablehnend oder feindlich gegenüberstand. Er huldigte, wie auS dem im „Freien Blatte" mitgetheilten Briefe an eine» Geistlichen in Prunlrut ersichtlich ist, einem „liberalen Katholizismus". Aus dem kurz nach seinem Tode in der '„Times" erschienenen Gespräche zwischen ihm und Max Müller erhellt ferner, daß er auf daS sogenannte Religionsparlament in Chicago seine Hoffnung gesetzt hatte. Alles Dinge, die ihn uns nicht als einen wirklich freien Denker kenn-' zeichnen, so sehr er auch geneigt war, den Gott der verschiedenen Glaubensbekenntnisse als einen guten Mann gelten zu lassen. Schließlich bemächtigte sich die römische Geistlichkeit unwidersprochen seiner Ueberrestc. Eine Kundgebung der wahren Freunde der Aufklärung bei seinem Leichenbegängnisse, wie solche in Frankreich bei hervorragenden Männern üblich ist, blieb.daher ausgeschloffen. Was nun seine Stellung zu Deutschland betrifft, so hat St.-Hilaire selbst noch dem Kriege von 1870 wohl hie und da ein anerkennendes Wort gesprochen — sogar für Bismarck! Es ist ihm von den Chauvinisten dermaßen verübelt worden, daß sie ihn gelegentlich als einen „Preußen" brandmarkten: ein Schimpfwort, das bekanntlich durch kein anderes in Frankreich übertrumpft werden kann. Aber Thalsache und Wahrheit bleibt rS darum doch, daß er im Grunde seines Herzens zu denen gehörte, die gleich Victor -Hug o Frankreich zum Besitze der Rheingrenze berechtigt hielten. Ja, unter der „Rheingrenze" verstand er sogar etwas, woran man in Deutschland bei diesem Worte gewöhnlich kaum denkt. DieS ergab sich aus einem zwischen mir und ihm vor ein paar Jahre» geführten umfangreichen Briefwechsel, dessen ich in Kürze bereits anderwärts gedacht habe. Barthelemy St.-Hilaire war lebenslänglicher Freund deS orleanistischen Staatsmannes Thiers, der uns schon 1840, so bei Gelegenheit einer orientalischen Frage, gern den Krieg erklärt hätte, um den Rest der deutschen Rheinlands wieder an Frankreich zu bringen. Mit dem „National", dem Sprechsaale der demokratischen Partei unter Ludwig Philipp, stand St.-Hilaire schriftstellerisch in Verbindung. Der „"National" aber, in welchem Armand Carrel die Feder gegen die „Verträge von 1815" führte, hatte die Wiedereroberung der RheingrenL'e eben« falls zur. Losung. Mit Carrel befreundet, theilte St.-Hilaire die gleiche Auffassung. Mehr noch. Er erklärte vor vier Jahren einem bei ihm vortretenden Pariser Tagcsschriststeller, mit dem er zuerst über Rußland sprach, wörtlich Folgendes: „Die natürlichen Grenzen Frankreichs sind vollkommen klar bestimmt. Es sind die beiden Meere, die Pyrenäen, die Alpen und der Rhein. Der Rhein ist unbestreitbar die wahre Grenze im Osten." lind als ich ihn brieflich darauf aufmerksam machte, daß in dieser Fassung ein Anspruch nicht bloß auf die Zurücknahme von Elsaß-Lothringen und auf die Eroberung des gesammten deutschen Gebietes auf dem linken Ufer des Stromes erhoben würde, sondern daß sogar Belgien und ei» Thcil Hollands, desgleichen der größereTheil der Schweiz, die alle diesseits des Rheines liege», nach dieser Lehre an Frankreich fallen müßten: da war der greise ehemalige Minister des Auswärtigen nicht dazu zu bringe», diese letzteren Forderungen von sich zu weisen! Im. Beginne unseres Briefwechsels gab er sich zudem eine Blöße, die ich nimmermehr bei ihm für möglich gehalten hätte. Er schrieb mir nämlich zuerst wörtlich Folgendes! „Je n’ai pas eu de eonversation avec aucun des redacteurs du Times, et je ne comprends pas qu’un journal aussi serieux se soit laisse tromper par un de ses correspoudants. J'ai exprime mes opinions sur la Russie voila quatre 'ans dans nion ouvnige sur l inde Auglaise; et les manifestations de Cronstadt ne peuvent que la confiimer. Quant aux frontieres naturelles et geographiques de la France, je n’en ai rien dit. Nous les avons possedees du Traite de Campo Formio jusqu’au Congres de Vienne; mais aujourd’hui il s’agit uuiquement de nos provinces d’Alsace-Lorraine, et de rien de plus.“ — Und so weiter. („Ich habe keine Unterredung mit irgend einem der Mitarbeiter der .TimeS" gepflogen, und ich begreife nicht, wie eine so ernsthafte Zeitung sich^- durch einen ihrer Berichterstatter hat täuschen lassen. Meine Meinung über Rußland habe ich vor vier Jahren in meinem Werke über ,E»glisch-J»dien' ausgesprochen, und die Kundgebungen von Kronstadt haben diese Meinung nur bestärken können. Was die natürlichen und geographischen Grenzen Frankreichs anlangt, so habe ich nichts davon gesagt. Wir haben sie vom Vertrage von Campo Formio bis zum Wiener Congreste besessen; allein heute handelt es sich lediglich um unsere elsaßlothringischen Provinzen.")