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Freies Blatt · 1896-01-19 · 198 (19.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
198 (19.1.1896)
Date
1896-01-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Adouiiemrut-Vret-. Kür Oesterreich-Ungarn: Banzjidrig ... 8 fftonen (fl. 3.—) Hoibläbriq. . . . 3 ffronen 40 Heller (st. 1.70) Bierteljihrig...» Kronen (fl. l.—) 8Oi da« gelammte Hu«lanb: BanzjLhrig.' 6 Marl Haldfaljrig .. 4 Mark #injflne Nummern 8 kr. Unfrankfrle Briefe «erden nicht angenommen. Erscheint an jeden: Sonntage. Redaetio» und Administration: I. Seilerftätte 10. Iafcrate «erden Mil SO Heller (io kr.) fite di« viermal gefpalten« Nmivareilleieiie berechnet, ikleiner »nzeiger da« Wort 4 Heller <» kr.), klufnadme von Jnferaten in unferer Administration fo«i« im Nnnoncendureau M. Duke», I. lüolljeil« 0. Nummer 198. Wien, 19. 2ünner 1896. V. Jahrgang. Zur Freisprechung Deckert's. In den sogenannte» Conferenzreden, welche der literarische Genosse eines Paulus Meyer, Dr. Joses Deckert, nicht etwa in einem vorstädtischen Wirthshause, sondern in der Pfarrkirche von WeinhauS, deren oberster Hüter er ist, im Mai vorigen Jahres abgehalten hatte, erblickte die Staatsanwaltschaft das Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung nach § 302 des Strafgesetzes. Alle Anwürfe, welche die Judenhasser unter Vorspiegelung confessioneller, wirthschastlicher oder nationaler Gründe gegen die „mißliebigen -Zuzüglinge" erheben, waren in de» Deckert'schen Kanzelreden mit außergewöhnlichem Sammlerfleiß zusammengestellt und erschienen nur zu sehr geeignet, gegen die jüdischen Staatsangehörigen aufzureizen. Auch die Bibel mußte dazu herhalte», um auS derselben Schlüffe aus die schlechte Charakteranlage der heutigen Juden zu ziehen. Es ist dies überhaupt eine antisemitische Eigenart, literarische Erzeugnisse zur Anschwärzung von Widersachern zu verwerthen, und in neuester Zeit begegnen wir auch dem Versuche, mit Hilfe der Dichtungen eines Adam Mickiewicz Verdächtigungen gegen die Loyalität — Casimir Badeni's auSzustreuen. Dieser antisemitischen Specialität ließ Pfarrer Deckert stets in Wort und Schrift, besonders aber in seinen Conferenzrrden, eine liebevolle Pflege angedeihen, und seine polemische „Schneidigkeit" erntete auch die Anerkennung des Staatsanwaltes, welcher ihn vor die Schranken des Gerichtes citirte. Die Geschworenen aber fanden den Angeklagten einstimmig nichtschuldig. Es wäre nun ein müßiges Beginnen, die Motive zu untersuchen, welche dem fVerdict der Jury zugrunde lagen. War eS die Zustimmung zur Kampfweise oder bloß zum Kampfziele Deckert's, war eS ResHect vor der freien Meinungsäußerung überhaupt oder nur die Ansicht, daß daS Strafgesetz vor den Pforten einer Kirche Halt machen müsse — gleichviel, der Freigesprochene wird sich ermuthigt fühlen, auf der bisherigen Bahn weiter zu schreiten und die Pfarrkirche von WeinhauS zu einem Sammelpunkte Jener' zu machen, die daran mehr Geschmack fstide», Hetzreden gegen Juden anzuhören, als einer weitläufigen Interpretation dieser oder jener Stelle deS alten oder neuen Testamentes zu folgen. DaS Widerspruchsvolle und, wie Virchow sich ausdrückt, Räthselhafte der ganzen antisemitischen Bewegung war auch bei diesem Processe deutlich wahrzunehmen. Ein katholischer Geistlicher bekämpft nicht nur die Juden aus confessionellen Motiven, sondern er bekennt sich auch zur Racrntheorie eines Dühring, obwohl er dann folgerichtig der Stellung entsagen müßte, welche er der „neuen palästinensischen Lehre" verdankt. Als Racrnantisemit findet er es jedoch für angezeigt, zu seinem Anwälte einen Mann zu wählen, welcher in seiner Art ein Paulus Meyer ist. Als Vertheidiger Deckert'S fungirt Dr. Max Anton Löw, dessen Christenthum sehr jungen Datums ist. Nicht mit juristischen Gründen tritt er der Anklage entgegen, nein, er spricht so, alS ob er ein unverfälschter „Arier" wäre. TacituS, Cicero, Martin Luther rc. führt er als classische Zeugen für jüdische Missethaten an, und er läßt sogar die Möglichkeit offen, daß Juden „Ritnalmorde" begehen. Wie der .Schulmeister in der Mosenthal'schen „Deborah". sucht Dr. Löw alle Anklagen, welche im Verlaufe verschiedener Zeiten gegen seine StammeSgenossen vorgebracht wurden, unbekümmert darum, daß man sie schon so oft und in überzeugendster Weise widerlegt hat, als erwiesene Thatsachen hinzustcllcn. Es war ein kläglicher Eindruck, de» das Plaidoyer des Advocalen Deckert's in den Kreisen der anständigen Wiener Bürgerschaft machte. Plan kann sich allenfalls vorstellen, daß ein Jude seine Confcssion wechsle und die Richtung seiner früheren Glaubensgenossen für schädlich ansehe. Daß aber ein solcher Convertit sich auf den Racenstandpunkt stelle und den Juden die Eignung absprcchk) rechtschaffene Menschen zu sein, glaubt selbst der verstockteste Antisemit nicht. Es ist ja nicht anzunehmen, daß der Neubekehrle so wenig Eigenliebe und so viel Selbsterkenntniß besitze, um sich selbst für ein verworfenes Subject zu halten. Fürwahr, der Racenantisemit Max Anton Löw ist ein würdiges Seitenstück zum Racenantiscmiten Pfarrer Josef Deckert. Von den Organen der öffentlichen Meinung Wiens geben namentlich zwei, allerdings ans verschiedenen Gründen, ihrer Befriedigung über den Abschluß deS ProceffeS Deckert lebhaften Ausdruck. ES sind dies das „Vaterland" und die „Arbeiter-Zeitung". Während daS Organ der feudal-ultramontane» Partei in dem Wahrsprnche der Geschworenen einen Sieg der religiösen Freiheit erblickt, findet der pnblicistische Herold der Social-Demokraten, daß die Richter aus dem Volke sich für die unbedingte freie Meinungsäußerung ausgesprochen haben. Wir würden einem protestantischen Pastor, geschweige denn einem Rabbiner nicht empfehlen, im Vertrauen auf diesen Sieg der religiösen Freiheit gegen Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche zu predigen. Aber auch für social-demokratische Redner bleibt es ein gewagtes Spiel, von der freien Meinungsäußerung in einer Weise Gebrauch zu mache», welche die Staatsanwaltschaft unter das Strafgesetz subsumire» kann. ES finden sich nicht immer so vorurtheilsiose Geschworene, wie eS diejenigen im Processe Deckert waren, welche zu ihrem. Obmann Herrn Vincen; Vollhoscr, Inhaber der Firma Gebrüder Klemsteiner, GemischtwaarenlMdler, I., FranziSkanerplatz 1, erwählten, der nach Mitthcilung der Tagbläller auch einem christlichen Wählerverein der inneren Stadt alö Vorstandsmitglied angehört und bei den letzten Wahlen in der vordersten Reihe? der vereinigten Gegner des Liberalismus stand. Pastoren, Rabbinern und social-demokratischen Rednern möchten wir noch in Erinnerung rufen, daß sie schon deshalb nicht auf die weitgehende Toleranz der Geschworenen ihres WirkungSsprengels zählen dürfen, weil ein zu Recht bestehendes Gesetz auch die Delegirung eines anderen Schwurgerichtes ermöglicht. Vor der Jury in Tarnow oder Tarnopol z. B. hätte die Beredtsamkeit der Deckert und Max Anton Löw kaum einen Sieg der religiöse» Freiheit oder der freien Meinungsäußerung erzielt. ttt ' t _ Barcheleiny ^t.-Hilaire's Gesinnungen und seine Stellung zu Deutschland. Von Karl Blind. Amiens Plato; magis nmioa veritas. Eine anmuthende Schilderung der wissenschaftlichen Thätigkeit und der Sinnesart des berühmten französischen Gelehrten und Staatsmannes ist von Dr. Bernhard Münz in der Weihnachtsnummer deö „Freien Blattes" gegeben worden. Man kann dieser Darstellung in allem Wesentlichen gern beipflichten. Am Schluffe

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