Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 197 (12.1.1896)
- Date
- 1896-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 197. ■■ Freie» Blatt. Seite ü. bcizutrcige», wird mir heilige Pflicht sei»." — Om Tiroler Vaub tagt hielt Abgeordneter Dr. v. Grabmayr bei Begründung ein^S von ihm gestellten Antrages, betreffend die Agrarreform, eine Rede, der wir nachstehende, sehr bcachtcnswerthc Stellen entnehmen: Er habe, erzählte der Redner, nach den Landtagswahlcn eine Woche in Wien geweilt und das Abgeordnetenhaus an den beiden in diese Woche fallenden Sitzungen besucht. Sbwohl sonst kein Amateurphotograph, habe er doch zwei Momentaufnahmen gemacht. Tic eine Aufnahme am I l. November: (Zähnende Leere im Hanse, Ocinand spricht, dem Niemand zuhört als die Stenographen, der Präsident unterdrückt ein ' (Zähnen, etwa zehn Herren schreiben Briefe: eine bleierne Langweile j drückt auf das Haus. (Gegenstand der Bcrhandlnng: die Agrarfrage, j Zivcitc Anfnahinc am I»>. November: Bolles 'Hans, (Valerien' zum ' Breche» voll, lebendiges Ontqrcfsc ans allen Mienen, kurz, der ganze Pomp einer parlanicutarischcn (Galavorstellung. (Gegenstand der Ber Handlung: Lueger-Frage. Er habe-genug gehabt, daher das überfüllte Antise^nitcntheatcr verlassen und sich mit dem Seufzer „Armes Sestcrreich!" in den heimwärts fahrenden Eilzng gesetzt. Ans diesen , photographisch treuen Momcntbildern könne man entnehme», wie viel i die tirolische Landwirthschaft vom Rcichsparlamcnt zu erwarten habe.! Om weiteren Berlaufc seiner Ausführungen kam der Redner ans die j Spaltung innerhalb der Rechten des Landtages während der Wahlen und. auf die (Gründung der „öt a t h o l i s ch e» B o l k s p a r t c i“ zu sprechen. lieft neue Partei habe noch im Muttcrlcibc die Coalition im Reichsrathc erwürgt. Tas Bcrhaltc» der späteren Secessioninen . habe während der Coalitionspcriodc den Forderungen des politischen Anstandes nicht entsprochen. Tic „Katholische Bolkspartci" bilde eine i schwere (Gefährdung der öffentlichen. Ontcrcsicn durch ihr intimes Bundes- 1 verhältniß zur demagogischen Umstnrzparlci der Autise»ii:cn. Ta die r Wogen dieser stürmischen Bolksbcwegnng »ach Tirol hercinschlagen, müssen die Tiroler, gern oder ungern,' zum Antiseniitismus Stellung j nehmen. Ter Antiscinitisnins erinnere an die (ircuzzüge Wie vor i H)U Jahren pflanze man auch heute wieder das .(kreuz als heiliges Panier auf, ein neu erstandener Peter von Amiens rufe mit dem alten Fcldgcschrci „Gott will cs!" die Arier zum- Pcrnichtnngskanipsc gegen die Semiten. Alles sei wie damals, auch die Franc» ziehen in den -(kämpf. Rur die Waffe» haben sich geändert und der (iampfpreis. Statt der Waffen handhabe man heble ipive Federn, grobe Worte, Schimpf, ä'iigc und Berleumdnng, wen» cs hoch tomnic, Stuhl beinc und Fäuste. Ter Preis des Kampfes sei aber nicht cjn sagen! uniwobcncs Odcal, das als Wiege der Religion geheiligte Va»b, cs sei das goldene Bliest, das manche Semiten besitzen und alle Antisemiten; zu besitzen wünschen. Ter Eine habe das Eapital, der Andere möchte 1 cs haben, das sei für die grostc Mehrheit der (lern der foeialcn Frage. £ n in Unterschiede von der c h r l i ch e n, n n d c o n s c g n c n t e n ' Socjal Tcmokratie, die das Capital der (Gesellschaft ohne A n s n a h ln c c o n f i s c i r e n w o l l c, b c s ch r ä ii f c d e r A n t i s c in i t i s in u s die E r p r o p r i a t i o ii auf bas bewegliche jiidi s ch c Eapital und belasse die S.ch w a r; c n b c r g, H a r r a ch, liechten st ein u n d E o » s o r t c ii i in ruhige n B e sitze ihrer Latifundien, auf denen ihnen Hundert lausende in Hnngcrlöhncn frohuen. Ondcst, über solch wirthschaftlichc .Fragen möge man wie immer denke»; dagegen ekle Vciitc von der Denkungsart des Redners das Hcrcinzichcn der Religion in diesen Kanipf i»n den Brotkorb an, die widerliche Henchel-ci,' mit dcri die gemischte Gesellschaft der „Christlich Socialen" das C h r i st e n t h n in mit ihrer Volk s v c r giftenden Agitation verflechte. Tic Gemeinschaft der „(kalho tischen Bolkspartci" mit solchen senken stelle ihren (((riiiidcharaktcr als conscrvativc Partei bedenklich in Frage, .(können die Herren die Tcvisc im Kampf? gegen die liberalen vergessen: „Autorität, nicht Majorität!"? (keine Partei verleugne diesen conscrvativen Grn»dsatz frecher als die „Christlich-Socialen". Keine Autorität lassen diese modernen (ircuzfahrcr unangetastet, selbst directc Bcrsügungcn der Krone begegnen dem dumpfen Murren der aufgewühlten Menge. Ebenso wie die weltliche werde auch die geistliche Autorität verhöhnt." Tr. v. Grabmayr berührte auch die Crnennnng Lucgcr's; n in - Ehrend ü r g e r v o n Kalter». Freilich kläre sich diese Erscheinung auf, wenn man erfahre, daß der geistige Herr und weiter von Kaltern, der Gründer der „.(katholischen Bolkspartci", mit der Firma Liechtenstein Lueger in niannigfachcin Gcschäftsvcrkehre stehe. Solche Bersuchc, in Tirol Filialen des Wiener Antisemitismus zu errichten, miissc» wir Alle tief bedauern, obwohl die schlimmeren Folgen nur die in . .zwei Lager gespaltene conscrvativc Partei büstc. Wohin diese Agitation führe, habe man im letzten Wahlkampfe gesehen, der in gewissen Wahlkreisen unter der Signatur „Priester gegen Priester" vor sich ging ' Man könne sich eines menschlichen Mitgefühles nicht erwehren, wenn ( man mit anschc, wie ein mißleiteter Thcil des jüngeren Clcrns seine verdienten und erprobten geistlichen Führer roh beschimpfe und in von Koth ziehe. Tas Umsichgreifen dipjer ratiical demagogischen Partei;n verhindern, sei zunächst Sache bct^gcmästigic» Elemente der coiiscrvativcii Partei: wolle sic noch länger als staatscrhallende Partei gelten, dann möge sic sich den Radau ÄntiscinitisiniiS, den ein treffender Witz den „SocialismiiS der dummen Leute" genannt hat, vom Leibe halten. Tr. v. Grabmal,r sprach hieraus über die bielgeschniähte» Liberalen, die man so oft und so gern todtspge und die doch nicht ausstcrben wollen. On der alten Stärke und mit de» alten politischen Ucber zcngiingcn seien sic im Hause erschienen. On gewissen (kreisen herrsche die Mode, den Liberalismus als widerlichen Popanz hinziistellen, als treuen Hort des gcsrästigen (((rostcapitals, als bösen Feind der Re ligion und des arbeitenden Bottes. Tcni ganze» mörderischen Svcctäkcl gegen den Liberalismus liege eine Bcrwechslnng und eine Berinengnng zugrunde. Tie von der Bereinigten Linken und ihre» Führern bc' gangencn Fehler schreibe man dem Liberalismus, zur Lall und verkünde seinen Untergang, weil jene Parlamcntssractio» da und dort ein paar Mandate verlor. . Darin anstcre sich eine (iurzsichtigteit, die zwischen grossen Odcc» und deren Trägern nicht zu nnterscheidcn vermag So gcwis; cs im nächsten Reichsrathc eine „Rechte" und eine „Liiife" geben werde, ebenso gewiss werde sich eine Iraftvollc liberale Partei,' ' wiedersinden, welche die Grundigve des politischen Liberalismus vcr treten »nd Hochhalten werde. Wenn das Bolt sich henke geneigt zeige, ti bcra lc ' Er r u» gen scha ft e n gering zu schätze», so beweise dies nur den U»da»I und de». Wantcln,uth der Menge. Tein Princip der Autorität das gleich berechtigte und glcichwcrthige Princip der Freiheit gcgenübcrgcstellt zu haben, sei das nnvcrgäuglichc Berdienst des Liberalismus. Tie liberalen (((r u n d i d e c n weite r a n s z n b i t d e n -und i h ne» i in praktischen Leben »ic h r, als cs bisher geschah, Geltung zu verschaffen, bildc dic ^nkunstsanfgabc bcv liberalen P arte i, gleichviel unter welchem Fraciionsnaiucn sic sich im nächsten Reichsrathc versammle. Weit nicht >rls durch alle politischen Fehler der Bereinigten Linken habe der Liberalismus durch die Berquicknngs mit dein Manchcstcrthni» gelitten. Tiefen vcrhänguistvoUcn Orrthnm erkenne man n»n. Toch nicht dadurch sei der Fehler gntzuinachc», dast man von der Freiheit zur (((cbundcnhcit zurückkehrc, sondern dast - inan einer neticii höheren Wirthschaftsniisc zustrebc. ((Gebundenheit — Freiheit — Organisation: mit diesen drei Schlagwortc» lasse» sich <('a»g und ^tcl der wirthschaftlichcn Cntwilllnng bczcichncii. (Zur Ltcllung ber jüdischen Lchrrriiiiicii in Berlin.» On einer am Schlüsse des Oahres I s1.».’> abgehallenen Sitzung der Repräscntanten der Berliner jüdische» Gemeinde tain felgendes Schreiben, betreffend die Stellung der jüdischen -Lebreriniic» in Berlin, zur Ber leimig: B erli ii, den ct-7 Tecember 1B!'5 Tjc Besürchtnngen, welche der Bauland der jüdi'üien Gemeinde i» »einer Eingabe vom 17. Fniii d. 0. an die Ber'ügnng des hiesigen löniglichen Pro - vinzial Schnleolleginm» vom 1,5 Mai d F. knnp'l, sind, mit ich nach ivieder Holter genauer Erinittcliing teS SachvciHalis (estgcsieUl habe, nicht begründet Tas von der Hiesigen ftüdlischen Schuldepination an die »aininilichen im Gememdeschnldienst der Stadl Berlin iM’dläftigtpii, noch nicht definitiv angestellien indische» Lehrerinnen gerichlcie Schreiben vom >>. 0»ni d. F., das - in de» betheiligte» .(treiskn Bennrnhignng hervorgernien Hai. beruht an» einem Miß Verständnisse der oben bezeichnen» Bersngnng de» löniglichen Provinzial Süml, coUeginin», ivelches durch eine weitere Peifiignng dioier Behörde vom Seplember d. F. ausgellart worden ist. E» hat sich nur darum,gehandelt, daß bei Heranziehung von Bertretern und Berlrelerinncn für bjenrlandle oder erkranlie Lehrpersonen im Gemei»de»chnldi.eusl der Slad: Berlin der Berircter auch demsclbcii Bekenntnisse angehürl wie derjenige, denen Berliclnng er. iiberilimnit. Ter Erlaß meine» damaligen H-rrn .'lnn»vorganger» vom >». Juli' ' 1.S75 wird tntch die bezügliche Anordnung übe bauet nicht berührt. (Gez) B o s,' e. A» de» Borsland der indischen Gemeinde ' l Der Fall.(>ammcritciu mib Die Bcrlincr Staatsanwaltschaft.) Bor dem Landgerichte Han » over kam am »> d. M. ein Prestproccst zur Bcrhandlung, in welchem der Fall des Frcihcrrn v. Hai» in e r ft ein bereits eingehend cröilcrt wurde und nach dessen Bcrlauf der frühere und der jetzige Borsitzcnde des „(krenzzeitungs" Comilüs. GrafKanitz Rath ii» Miiiistcrinin' des königlichen Hauses - nnd Graf Finckcn stein, durch ihr Bkrhdlten gegenüber der (Gerichtsbehörde sehr bloßgestellt erscheinen. Angcklagt war der Rcdactenr des Hannover'scheu social demokratischen „BolkswiUcn", Rauch, wegen Belcidignng der Berliner Oberstaatsanwaltschaft durch einen Artikel über deren Haltung im Falle Haininerstein, betitelt: „Bor dein Gesetze sind alle Preußen gleich." Ter Angeklagte bestritt die Absicht der Beleidigung. Ter Artike»