Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 197 (12.1.1896)
- Date
- 1896-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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freies Blatt. ZTr.'197: Seite 4. fliuififl im Handelssiandc rorfonimen, sind die wenigen vorhandenen Diüercnzen für »nscren Vergleich nicht von ivesezitlichem Belang. Günstig in Dclictsarten, wo die nichtjüdiichen Einwohner deS Königreiches Sachsen eine ilirem Perccntiatz entsprechende oder noch größere Zahl von Vcrnrtbeilnngd» autwcisen, stehen die Juden: bei allen Sittlich keitsdclictcn, bei Mord, Todtichlag, Vergütung, Abtreibung, Diebstahl, Unterschlagung und Begünstigung sowie bei Gemalt und Drohung und Befreiung von Gerangenen. Umgekehrt stehen die nichkjüdischen Sachsen günstiger als die Ariden bei Beleidigung," Vergehen gegen die Wehrpflicht, bei Eidesverbrcchen und einfachem Bankerott. Lcptcres ist eine sehr merkwürdige Ericheiilung, denn obgleich die Sachsen in einfachem Bankerott günstig stehen, stellen sic zu dein betrügerische» Bankerott einen enorm hohen Anthcil, nämlich den sechsten Theil aller Fälle, die in Deutschland überhaupt Vorkommen. Es lei nur noch beuierkt, daß der vorstehende Vergleich, der mit dem eingehendsten Zinernmateriale belegt ist, nur mit den christlichen Einwohnern des Königreiches Sachsen, gemacht worden ist und daß die kleine Zabl von Strasthaten, welche von Juden im Königreich? Sachsen begangen wurden, jedesmal von der Generalsumnie abgezogen worden isi. Für uns isi der hier aiifgcdccktc Parallelismus aber eine äußerst wcrthvolle Erscheinung, indem er im Allgemeinen die antisemitischen Anschuldigungen wider die Inden schlagend widerlegt, aber im Besonderen auch noch zeigt, wie, sehr gerade die nichtjüdische Bevölkerung von Sachse», diese Kerntrnppe der Antisemitcrei, Grund hätte, mit den Juden milder ins Gericht zu gehen. Ein neuer liberaler Verein) Am 9. d. M. constitnirtc sich ein neuer liberaler Wrcin unter den Namen „Verein der Fortsch rit,tS rrcn »de i»i XIX. Bezirke". Der constituirenden Ver samnilnng wohnte auch Dr. Grübl bei, welcher eine Ansprache hielt. Er gab seiner Freude Ansdruck, daß im XIX. Bezirke wieder ein liberaler Verein gegründet wurde, und sagte n. A.: „Ein solcher Act stellt sich als ein Protest gegen die wüste Hebe dar, die in unserer Stadt wnllicr und deren Ende doch einmal kommen muß. Es ist ein Protest gegen den Gesinnungswechsel, ein Protest gegen das Uebcrlanfen und die Ucberläufcr, ein Protest gegen den schmählichen Undank, mit welchem die liberale Partei behandelt wird. Viele sind von uns abgetanen, weil sie glauben, daß wir keine Kraft mehr haben und haß lliiscr Einsluß heute nicht mehr groß genug in, um ihnen Vorthcile zu vcrschassen. Es ist aber »och nicht aller Tage Abend. Waffen wir diesen Ventfu die Freude, untere Gegner zu fein, nin int gegnerischen Lager neue Bortheile zu ergattern; lasten wir ihnen aber auch die Nene über den Undank, die sie ja doch einmal empfinden werden . . . Die Hossiiniig.'aus eine baldige Besserung dürfen wir nicht aufgeben und brancheii sic auch nicht auszngebcn. Nicht die communale Frage war cs, sondern die Bcamtensrage, die uns heruntergebracht hat. Und da glauben nnd verlangen wir von der Einsicht der Regierung, daß sic die Beamtciltragelöic und diesem traurigen Spiele in Wien, das die rnlnge Entwicklung dieser Stadt hindert, ein Ende mache." Die Worte Dr. Grübt's wurden von der zahlreich besuchten Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgeiiommen. «Tie Social Demokraten und die Gemeinderathswahlen.) In Sievering fand am d. M. eine social demokratische Versammlung statt, welcher auch eine größere Anzahl christlich-socialer Hauer aus - Sievering und Grinzing beiwohnte. Der Arbeiterführer Skaret sprach über das Eingreifen der social demokratischen Arbeiterschaft iu die bevorücl,enden Gcmeinderathswahlen nnd wies den von antisemitischer Seite gemachten Vorwurf zurück, als ob die Social-Demokraten i>» drillen Wabltörpcr die Arbeit für die liberalen verrichten würde». Tic Elirisilich Socialen vermögen cs nicht zu unterscheiden, daß es noch weit wichtigere Dinge gibt,- als „Hoch Lueger!" zu schreien und .die >«uden für Alles verantwortlich zu machen. „Dem Elend im Volke," sagte der Redner, „kann man nicht damit abhelfcn, daß man einem Manne znjnbclr, als wäre er ein zehnmal gesalbter.Heiliger. Haben die Antisemiten ein Programm in Bezug auf bcsiere Wohlfahrtseinrichtuugen in der Gemeinde ausgestellt? Nichts ist geschehen; der ganze Kampf drehte sich um die Person Luegers Durch das Eingreifen der Social Demolranc werden die Christlich Socialen jetzt Farbe bekennen müsien, man wird ichen, wie cs mit dieser Sorte von Volksvertretern bestellt ist. Tie Arbeiter können mit den Ehristlich-Socialen gar nichts gemein haben: sic verwahren sich, vielmehr entschieden dagegen, daß sich die dinfitidi iocialc Partei als Volk von Wien declarirt. Es ist eine vollständige Verkennung der wirthichaftlickcn Entwicklung, den Juden die Schuld am 'Niedergänge der bewerbe zuzuschreiben." Zwischenrufe der Antisemiten veranlaßtrn den Redner, sich an dieselben mit folgenden Worten zu wenden: „Was würden Sie machen, wenn Sie zufällig jüdische Elgern hätten? Bei dem bevorstehenden Wahlkampfe werden die Antisemiten sich mit der Social-Demokratie und deren Programm beschäftigen muffen. Es gibt nichts Hinfälligere«, al« auf die Dummheiten und Phrasen der Christlich-Socialen bauen zu wollen." Schließlich beantragte Skaret die am 26. Dccember v. I. iu den Arbeiterversammlungeu vorgelegte Resolution. Der den Borsitz führende Arbeiter Kurzbauer forderte die anwesenden Christlich-Socialen wiederholt auf, das Wort zu ergreifen, doch ohne Erfolg. Man schritt sodann zur Abstimmung über die Resolution. Bor derselben verließ. jedoch ein großer Theil der Christlich Socialen den. Saal, während die übrig gebliebenen dagegen stimmten. Nach Annahme der Resolution wurde die Versammlung geschloffen. (.Aus dem Badener Gemeinderache.) Die antisemitische Minderheit des Gcmeindeausschusses der Curstadt Baden trat an den Landesausschnß mit einer Beschwerde über die liberale Mehrheit heran. Diese wurde beschuldigt, daß sie sich in ihrer Beschlußfaffung lediglich vom Partciintcreffe leiten lasse, und daran das Ersuchen geknüpft, den GemeindcauSschuß aufzulösen. Der Landcsausschust wies'diese Beschwerde als ganz unbegründet zurück. Folter und Genossen wollen nun, wie sie iu den ihnen befreundeten Organen ankündigcn, die Auflösung de«. Gemeindeausschuffcs durch Fernbleiben von den Sitzungen erzwingen, aber auch dieser Versuch dürfte nicht den gewünschtem Erfolg aufmcisen. Vorderhand richteten die antisemitischen Stadtväter eine Art von Ultimatum an den.Stadtvorstand. Alö Preis für ihre fernere Betheiligung an den Verhandlungen des Gemcindeausfchuffes stellten sic drei Forderungen auf, die sie als „selbstverständlich" bezeichneten, und zwar: ldie schriftliche Zusicherung, daß sich der Vorsitzende in Zukunft einer unparteiischen Leitung der Verhandlungen befleiße, 2. die schriftliche Zusicherung, daß die gefaßten Beschlüsse auch rasch ausgeführt werden, nnd 6. die Einberufung einer Ausschußsitzung, auf deren Tagesordnung die BürgcrrcchtSgesuchc nnd der Antrag auf Beschlußfaffung wegen Vergebung von Gemeindcarbeiten an Mitglieder des Ausschusses stehen sollen. Ter Stadtvorstand fand sich nicht veranlaßt, dieses Ultimatum einer Antwort zu würdigen. Nur Böswilligkeit kann, wie ein Badener Eorrespondent ausführt, dem gegenwärtigen Bürgermeister den Vorwurf machen, daß er die Sitzungen parteiisch leitete oder die Geschäfte nicht im Sinne der AuSschußbeschlüffe führte. Wenn dann und wann eine gewisse Nachgiebigkeit seitens des Vorsitzenden zu Tage trat, so mar sie fast immer zu Gunsten der antisemitischen Opposition angewendet, und es wird doch noch Nimand vergessen haben, daß gerade deshalb der Bürgermeister so manchen Strauß mit der Majorität zn bestehen hatte, weil man gegenüber der scandalsuchenden Minorität eine schärfere Tonart wünschte und der gegen Jedermann conciliantc Bürgermeister sich nicht dazu .verstehen wollte. Mit ihrer Kundgebung verfolgten die antisemitischen Ausschüsse denn auch keinen anderen Zweck, als einen Scheingrund für die Fortsetzung ihrer Abstinvnzpolitik zu schaffen, durch welche sic bisher zwar manche Verzögerung bei Erledigung der Gemcindcarbeitcn hcrbcigcführt, aber Dank der Einsicht und dem unermüdlichen Eifer der liberalen Mehrheit keine Schädigung der städtischen Interessen bewirft haben. (Mannhaste Worte.) Am 4. d. M. nahm die Handels- und Gcwcrbckammcr in Salzburg die Wahl eines Landtags Abgeordneten an Stelle des leider allzu früh dahingcschiedencn Dr. Rudolf S p ä n g l c r vor nnd wühlte einstimmig den Kammerpräsidenten Herrn Ludwig Zeller. Ter ncugcwählte Abgeordnete hielt eine treffliche Ansprache, in welcher er sagte: „Sic mögen sich deß versichert halten, daß ich meine besten Kräfte einsetzcn werde, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Ich empfange mein Mandat von der Handels- und Gewerbckammer, also von der vom Gesetze berufenen Vertreterin der Arbeit, jener productiven Arbeit, die die Gesellschaft baut. Es ist also selbst verständlich, daß ich mein Hauptaugenmerk auf die Interessen von Handel und Gewerbe, Industrie und Verkehr richten werde nnd daß ich, so weit cs in. der Macht meines Votums liegt, die wescutlichen wirthschaftlichcn Factorcn des Lande« zu fördern bestrebt sein werde. Dies wird mich nicht hinderndort, wo höhere -Rücksichten, allgemeine Interessen in Frage kömmcn, nicht zu vergessen, daß das Ganze über den Theil, die Interessen der Gesammtheit über specielle Wünsche zu stehen kommen. Ich glaube, daß meine Berufung durch alle anwesenden Mitglieder der Kammer nicht erfolgt ist, ohne voraus anznnchmen, daß ich mein Mandat im Sinne des Fortschrittes, ich scheue auch das alte Wort nicht, im liberalen Sinne ausüben werde.. Meine innerste llebcrzeugung ist, daß der Liberalismus, worunter ich die freie nnd ungehinderte Entwicklung aller geistigen nnd materiellen Kräfte des Volkes verstehe, der allgemeinen Wohlfahrt dient uud daß es häufig nur Mißverständnisse und Verhetzungen sind, die uuS von anderen ehrlichen Patrioten trennen. Mit diesem auf dem gemeinsamen Boden der Liebe zu den heimatlichen. Gapen zu wirken nnd zu schaffen und nach Kräften;u deren Wohlfahrt mein Schiirflein