Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 196 (5.1.1896)
- Date
- 1896-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439257--2423-4888805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 196. Seite 7. Freie» Sympathie und' Ane>.ke»»»»g ausspricht, H a g e n h o f.e r's lind «altene g g e r's Vorgehen aber als Scandal mißbilligt. (Im Eonflict mit den Strafgesetzen.) Da« Amtsblatt zur „Wiener Zeitung" bringt in Nr. 301 folgende« Erkemttniß: Ta« k. k. Oberlandesgericht in Wien hat über die Beschwerde der k. k Staaisanwaltichatt «rem« am 17. Tecember 1895;u Recht erkannt: Der Inhalt de« in der periodischen Druckschrift: „U »verfälschte deutsche Wort e", Nummer 23 vom 1. December 1895, enthaltene» Artikels mit der Ueberschrifl: „Tie Zwölser» bünde als Mittel zur nationalen Erziehung der reiferen Mittelichullugend" begründe i» der aus Seite 289, zweite Spalte, vorkouimendc», mit de» Worte» „Warum hat uns" beginuenden und mit den Worten „Hciinalslanddecke»" endigende» Stelle den Dhatbestand de« Verbrechen« der Störung der össciillichen Ruhe nach § 65, lit. a St.-G., die deshalb von der Staatsanwallschast Wien veranlaßte Beschlagnahme werde nach § 489 St.-P.-O. bestätigt und da« Verbot der Weiterverbreitung hinsichtlich dieser Stelle »ach tz 493 St:P.-O. ausgesprochen. 8. l. 8rei«gericht Krem«, am 23. Decembex 1»95. (Eilt neues Blatt.) Man schreibt UN« aus Salzburg: Tie Gründling des »eiten deutsch-naiionalen antisemitische» „S a l z b u r g e r T a g b l a t t e S" wurde vor wenige» Tagen ösfentlich kundgegeben. ES ist ein ivahrhast beschämendes AriinilhSzeugniß, daß die Dentsch-Natioiiale» mit ihre» drolligen nrteutonischen Allüren, ihrem Julseste u. dergl. so viele Gläubige, so viele Bewlindeler in der Salzachstadt besitze». E« ist viel Reclame für da« neue Blatt gemacht worden. Trotzdem dürfte e«, wie andere antiscinitische Blätter, an Jnserateiimangel zugrunde gehe». Au« dem Programme de« neue» Tagblatte« erfahren wir. daß die Partei, welcher e« dient, dem Fortschritte huldige. DaS war uns neu, denn bisher galt die Gleichberechtigung aller Staatsbürger al» der höchste Gipfel der freiheitlichen Entwicklung. Fortschrittlich wäre e,S dagegen, wenn das neue Blatt in seinem Weih»achi«programi»e angekündigt hätte, es wolle bestrebt sei», gegen die Indolenz im Lande, gegen den geistlichen Truck auszutreie», eS wolle capitalskräftigen österreichischen Industriellen ohne llutcrschied der Coiisesfion die Wege ebne», e« wolle AUcS ih»>», um Mittel herzuleiten, damit eine lebhaftere Industrie im Lande geschaffenwerde, was so viel bedeutet, daß auch der Stadt mehr inneres Leben »nd HandelSthäiigkeii gebracht werde. Antisemitische lind ' deiitsch-nationale Großsprecherei hat bisher »och niemals ökonomische Erfolge gebracht, im Äegenthcile nur die friedliche Arbeit stet« gestört, Hader nnd Unzusriedeiihkit i» die Familie» getragen. Industrie, und Gewerbe könnten sich auch in Salzburg ganz gut entwickeln, ohne daß man dabei die Pietät für Alt-Salzburg vergesse» müßte, und es wäre der Dcllljchen dieser Stadt ganz würdig, für die Erhaltung der „schönsten denlsche» Stadt" einjutrelen, zugleich da« anierikanische Nivelliren ohne Rücksicht aus »lalerische und historische Punkte zu verdammen. Tie Hebung de« Fremdenverkehrs gehört angeblich auch zu den Programmpilukten des neuen Blatte«. Wenn eS dabei aber die Erhaltung de« alten TypuS der Stadt vcrwirst, so ist es kein Fortschrittsorgan, denn es verkenitt de» Werth dir Denlmäler. Es ist ein trauriges Zeichen de« Rückschritte«, wenn Schönhettsgesühl und andere edlere Regungen im Menschen programnimüßig erstickt iverden. Unter der Spitzmarke „Die Verbauung de« Rudolsquai«" wird da? Blatt schon ,u seiner PrograiniNliummer persönlich. Wir sehe» also, wa« wir erivarteu dürfen: «eine Besserung im Tone und de» alten Terrorismus — „wer nicht für mich ist, ist wider mich!" Nu» wir das stolze Programm gelesen, könne» wir »ur mit noch größerer Sicherheit wiederhole», c« ist ein AriintthSzeugiiiß für Salz bürg« Bewohner, daß dieses Blatt entstehe» konnte. Daß gewisse angesiedelte Fremde, die aber wahre Freunde Salzburgs sind, de» intoleranten Herren in Mvzarl's Wohnhauie unbequei» sind, wollen wir ja gerne zugeben; aber dort, wo e« zu radeln gibt, sind Ralhgeber a» ihrem Platze, und der Tank wird ja nicht heute verlangt; er wird aber schon koinmen. . 0. (Antisemitische KampfkSwkisc.) Man schreibt UNS au« Eg er: Es ist bekannt, wie die Antisemite» da« Bo»>couiren von jüdischen Firmen verstehe». Auch 's» Eger ließ Herr I r o vor Weihnächte» durch seine Trabanten Massenweise Flugblättchen mit der Inschrist vertheile»: „Teutsche Frauen! Deutsche Männer! Da« Weih nachts fest, eigentlich das alte germanische Fest, ist ein deutsches Fest. Tie Juden habe» keinen Antheil an diesem alten deiitschvolklichcn Feste. Besorgt daher euere Weihuachlsciiikäufe nur in deutschen Geschäjle» Meidet die Läden der Fremdlinge nnd FreindlingSknechte!" In deiitselben yerhetzeiiden rüden Tone bewegt sich auch schon seit Woche» die ganze Schreibweise der antlsemilischeu „Ascher Zeitung", deren Auslage bei einigen der letzten Nummeril weil die Höhe der Abonnenteuzahl überschritte» hatte. Tie Blätter, die au« dem von clericaler Seite gespeiste» Parteifonds bezahlt wurde», find ‘m der Stadt Eger all>i» in vielen tausenden Exemplaren verbreitet worden. Tic Zeitungen wurde» in alle Wohnungen getragen und de» Leuten nicht nur unentgeltlich verabsolgt, sonder» sörmlich'ausgedräiigt. In Folge dieser unerinüdlichen Thäligkeit wird nun auch Eger von Nenjahi; ab mit einer, daselbst crscheiueude» antisemitischen Zeitung beglückt. Welche Früchte unter de» Strahlen der neuen Heilsbotschaft, reisen, sei durch solgende» drastischen Beleg veranschaulicht: Ich -fuhr am 17. December mit einein von Eger «ach «arlSbad abgchenden Zuge, als sich ein junger Man», der gleichfalls in Ege^in das Coupe gestiegen war, während der Fahrt eifrig daran machte, die obenbezeichncle» Blau. Flugblätlche» Iro'S unter die Miijahrendc» zu vertheileu. Ta sich ein Mitreisender jüdischer Handelsuia»», dem der cisiigc Jünger Iro"S gleichfalls das Machwcrl aubot, gegen eine solche Belästigung entichieden verwahrte, sing uuser germanischer Jüngling alsbald zu toben und zu schiinpsen an und drohte, er werde die „jüdische Auniaßung" in der „O st d e u i s ch e u R » u d s ch a u" veröffentliche»! Erst durch das energische Auslielen einiger Passagiere tonnte der hcldenhasle Mnlh des gekiänlie» GermaneuiiiirgtingS etwas gekühlt weiden. Somit steht auch da» Egertand vor dem sittlicheii Ber'all, welcher die Reichs-. Hauptstadt bereits geichädigt hat. (ch „Westfälische 'Jitfotiu".) Einer Berliner M »Heilung zu'olge, sah sich die „Westsäliiche Resorm" in Torlinuud, einer der bösartigste,i Ahlwardl- Blätler, beniüssigt, „ivegen ividrigcr Verhältnisse, tilerariicher und siuauzirller Schwierigkeiten" ibr Ersicheine» vom 1. Jänner ab cinzustellen. Fciii'lltton. Zur Geschichte der (Lmcrncipcition in Deutschland vor dem )cihre 18-^8. . (.^ ach älteren O- » e l l e ri bearbeitet.» Die Emancipation der Inden in wie jede andere wirksame und anhaltende Emancipationsbestrebung aus der Selbsthilfe hervorgcwachse». Tie beschichte dieser durch den 'Jiamcii Aroscs Mendelssohn s gekennzeichneten innere» Rcfornibcwcgung des Jndcnthuins, welche zuletzt natürlich auch in dem Bedürfnisse nach äußerlicher politischer und socialer Gleichstellung der IndcN gipfelte, kann als mehr oder weniger bekannt vorausgesetzt werden. Ter Gegenstand der - folgenden Ausführungen ist vielmehr jene unuiilcrbrochcne Reihe von gesetzgeberischen Maßregeln, welche in Deutschland und den deutschen Ländern etwa srit der französische» Revolution zur Regelung der staatsrechtlichen und staatsbürgerlichen Bcrhältnifsc dcS Iudcuthums getroffen wurden und schließlich in die vollständige politische nnd sociale Gleichstellung desselben mit den anderen Eonfessionc» ausliefcn. Mögen fickf.auch die Bcrhältnifsc in anderen Ländern nach mancher Richtung hin etwas anders enNvickelt haben, so ist doch Deutschland für die Eniancipalionsgcschichtc typisch zu »cnncn, insofcrnc cs der Ansgangspunkt'dcr mit geschichtlicher Rothwcndigkcit und naturgemäß sich entwiekelndcn Selbst emancipation der Juden, ihres Eintrittes in die cnltnrellcn -und »atiwnalcu Bestrebungen der Zeit war. ' llnd wie Deutschland nnd spcciell Berlin der Ausgangspunkt jener cullnrhistorifchen und »ationalen Entwicklung war, auf die sich die Eniancivaliousbcstrcbnngen stützten, so ist auch der erste bedeutsame Schritt zur Gewinnung der politischen Emancipatio» voy Berlin ansgegangen. Der Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II , der, erst später christlich orthodorcn Tendenzen zu huldigen begann, aber anfangs für freisinnige Reformen geneigt schien, gab die- Beranlaffung zu jenem Schritte/ Die Sberlaudcsältesten nnd Aeltcsten der jüdischen (Gemeinde zu Berlin, wandten sich im Jahre I 7>">7 an den «iönig mit dem Gesuch um Bcrmindcrnng ihrer Laste» und Bewilligung eines AnthcilcS an den Gcrcchtsamcu der übrigen Unierthanen. In Folge dieses ivnrden von der Regicrnng Depntirte der »ludenichatlen aus den Provinzen zur gcmcinsanien nnd niotivirten Darlegung ihrer Beschwerden und Wünsche berufen Imd eine königliche Eommissiou ernannt, die mit diesen Deputirten verhandeln, und dcninllchst ihre Anträge auf Reform des Iudcuwcscns an die Staatsrcgicrung stelle» folllc, „um deren bürgerliche Berhältniffc zu bessern". An diese' Eomniisfion richtete nun - die Deputation eine von David Friedländer verfaßte Darlegung „von dem politische» Zustande der sämmtlichcn jüdische» Eolonicn im preußischen Staate", welche in ebenso ausführlicher als gründlicher Weise zusammensteUtc: 1. die ungehenerc und erdrückende Last von besonderen und zum' Dhcile cntchrendcu Abgaben, Stenern und Verpflichtungen, die »eben den allgemeinen Landcsstcncrn aufden Juden ruhten; 2. die zahllosen nnd wichtigen Beneficien, Rechte und Freiheiten, vpii denen dieselben ansgcschloffcn, und die fesselnde» Beschränkungen, von denen sic in ihrer gesanimten Erwerbs nnd Bcrnfsthätigkcil gehemmt seien; .’>. die materielle», socialen und sittlichen Rachthcilc der solidarischen Bcrbindlichkeik,. die jeden einzelnen Juden für die Bcrpslichtnngcn, für Zahlungsunfähigkeit, für Berbrcchcn und Uebertrctung, ja selbst für sittliche Laster nnd gesellige Ilirtngcndcn aller seiner Glaubensgenossen vor der Staatsreqieruuq und der öffentlichen Meinung mitverante ■fl '