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Freies Blatt · 1896-01-05 · 196 (5.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
196 (5.1.1896)
Date
1896-01-05
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. / Nr. 19«. Freie» abzuwarten. Aber diese kamen nicht; denn Tr. Lueger versteht immer noch wenigsten» so viel vom Gesetze, um;u wissen, daß im vorliegenden Falle mit Gendarmen nicku» auszurichten war. To gingen die drei „Weindeschreiber" nach längerem ersolglosen Warten wohlgemuth hin und erstatteten bei der Bezirkrhaupimannschaft die bezügliche Anzeige. (Auslösung einer Alltisemitenversammlung) Am 29. Tecember sand in Eg gen bürg in einem Saale de» dortigen Redemptoristenklosters die Antisemitenverianiinlnng statt, deren Abhaltung schon in der vorigen Nummer de« „Freien Blaues" du-ch ein schreiben des Prästdenten deS Abwehrvereines, Freiherrn v. S u 11 n e c, angekündigt wurde, liefe Bersammlung, an welcher die Abgeordneten Lueger, G e ß m a u n und Steiner theilnahmen, wurde von dem Regierungsvertreter, Bezirkscommiffär Ritter v. Pa uz, ausgelöst. Ueber die Veranlassung dieser Maßregel wird ooii ■ antisemitischer Seite berichtet: Lueger kam auf die „Judenfrage" zu sprechen und sagte:" „Ich bin Antisemit deshalb, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß viele Juden auf allen Gebieten deS wirtb chaftlichen, sociale» und gesellschaftlichen Leben» al» Verführer de» cbristlichen Volke« gewirkt haben, tueil ich die Schändlichkeit . . ." I» diesem Momente fiel der Regierungsoertreter dem Redner ins; Wort: „Ich nife die. Herren Pfarrer von Matssau und von Horn al» Zeugen I an, daß der Redner gesagt hat: .Alle Juden sind .... Lerführer deS christlichen Volkes.' E» lügt >omit der Tbatbestand de» § 202 De« Strafgesetze» vor und ist die Versammlung nach § 21 des VereinSgesetze» geschlossen und ausgelöst. Ich eruietje, aus dem Saale sich zu entfernen." Rach dieser Erklärung de» Regierung?vertreterS erhob sich ein unbeschreiblicher Tumult. Man verlangte die Fortsetzung der Versaminlung und wollte de» Saal nicht verlassen. In Folge deffen begab sich das Pläüvinm der Versammlung mit dem RegiernngSveitreter in ein in. einem anderen Xlostertract gelegenes Zimmer, wo eip Protokoll abgefaßt wiitde: inzwischen nahmen auch die Versammelten Raison an unk gingen auseinander. — Ein wenig anders lautet ein Bericht, de» wir aus Eggenburg erbalten. Unser hochachtbarer Gewährsmann schreibt: Die Veranstalter der Ver-ainmlnng waren die Herren vom Katholischen Gesell e tt u e r e i n, vulgo die Patres Liguorianer, deren Vertreter auch d-e Herren Lueger, G e ß m a n n und L t e i n e r am Bahnhof enivfingen; sonst kümmerte sich Niemand aus der Station um die Wiener Helden. Ter Saal des Katholischen Gesellenvereines, der etiva 1200 Personen faßt, war zwar gefüllt, aber größtentheil» nur mit neugierigen Bauern, die ebenso gekommen wären, wen» dort ein Affentbeater zu 'eben gewesen wäre. Es fand auch keinerlei Ovation >m große,, Sinie statt, nur i:n Saale selbst erschollen Zurufe von Seite einiger Mucker und Lehrer, die bedauerlicherweise ziemlich stark vertreten waren. Die anständige Ea^nburaer Bürgerschaft und die Beamten hielte» sich von der Sache ganz sepne. Zneist iprach Steiner in seiner gewohnten Weise über die „Judeupresse", daun Geßmann über die Gewerbetreibenden und da» „Jndencapital". Nachher erging sich Lueger in wüthenden Ausfällen gegen den Gra'en B a d e » i, erklärte alle Juden o h n e A u » n a h m e kilr Gauner und tagte, daß die gegenwärtige „Polakenwirthlchaft" ein Unglück für Oesterreich sei. Ta erhob sich der RegierungSvertreter und löste die Versammlung aus. Oline Lang und Ä'ang zog daS Trifolium wieder nach Wien. Was sagt da« Lultusministerium-razu, daß die frommen Patre» ein GeielUnhans er richten und dort Versammlungen veranstalten, in denen Brandredest gegen die Regierung gehalten werde»!' «Stöcker und die ankisemilischeti Sklldenkeu.i Wie seiuerzeit gemeldet wurde, bat der B e r l i n er „V e r e i n d e-u t s ch e r S t u d e II t e n". welcher sich zum AntisemitiSmu» bekennt, Stöcker zum Ehrenmitglied« ernannt- Tiese Wahl stieß an maßgebender Stelle aus Schwierigkeiten, und der neue Rec'or der Berliner llniversität, Professor Tr. Adolf L a g n e r, der bisher ein Freund Stöcker'» gewesen, soll der „Volkszeitung" zufolge dem Vereine den Rath gegeben haben, jenen Beschluß jetzt nicht zur Aussülirung zu bringen. iVom dollardurstigen Adlwardk) In Berlin cursiren Gerüchte, wonach Ahlwardt nicht die Absicht batte, von keiner Amerikareiie zurückzukehren. Sicher ist. daß er in Unfrieden mit seinen engeren Genossen Södel und Bodeck geschieden ist. Leine Parteigel.osie», die „freiheitlichen" Antisemiten, haben sich in ihrer letz'e», nicht öst'entlichen Sitzung mit dieser Angelegenheit eingehend beichasiigt. Rach stnimiichen Debatten wurde folgender Beschluß gefaßt: „Die außerordentliche Hauptversammlung der antisemitischen Volkspartei, Verband Berlin, erklärt, daß , der ReichstagSabgecrdnete Ahlwardt seine Reise »ach Amerika ebne Wlsien und Willen des Verbandes unternommen hat und daß der Verband die>e Reffe entschieden mißbilligt. Alle» Weitere in dieser Angelegenbeit behält sich der Ve, band vor." — Herr James Mooney, der aus gezeichndle L-'or-eder der westlichen Jndianerstämme Nordamerikas, sandte uns einen. L aß 'Nummer» von „T h e W a >'h i » g t o n Post" ein, in welchen mit ziemlicher Auskiibrlichkeit über Ahlwardt'» Austreten berichtet wird. Man darf diese» angeiebeiiste und weits t breitete Blatt Washington« mit Fug unh Recht al» das Organ, der wirklichen öffentlichen Meinung der besten Gesellschaft anseben. Nach echt amerikanischer Art wurde auch Ahlwardt gleich bei seiner Ankunft vom Reporter der „Washington Post" interviewt. Die Heberschrift de» Ari kels lautet: „Zur Schürrmg des RacenbasieS. Ter berüchtigte Tr. Ahlwardt als Vorleser in diesem Lande". Im Uebrigen beschränkt sich Blatt. der Reporter auf eine trockene Wiedergabe der Aeußerungen A h l w a r d t'S, Wie immer konnte es Ahlwardt auch dem Reporter gegenüber nicht unterlassen, zu lügen. Er gab sich vor Allem für einen Doctor ^er Philosophie äu» und behauptete, der Führer der antisemitischen Fraclion im deutschen Reichstage zu sein. Von seinen allbekannte» VerleumdungS- und EhrabschneidungSprocessen sprach er keine Silbe, dagegen erzählte er. daß er erst durch de» „Berliner Univerfitätsprosessor Teuring" fürde» Kamps gegen die Inden gewonnen worden und in deffen Fußstapfen getreten sei. Jener habe sich bloß aus die Theorie der Antisemiterei verlegt, er, Ahlwardt, aber sie „in Wahrheit und Praxi» nmgesetzt". Alle die in Teutschland gegen die Jude» getroffenen Maßnahmen seien nur sein alleinige» Verdienst. In einer zweite» Nummer bemerkt da» Blatt kurz: „Der Empfang, den Ahlwardt hier gefunden, war möglichst kalt. E» stellten sich allein einige Reporter von berufrwegen bei ihm ein." Am dritte» Tage notirt da» Blatt wieder unter den TageSneuigkeiten: „Herr Ahlwardt hat sich vor Augen zu halten, daß seine Mission in diesem Lande der Freiheit vollständig ziveckwidrig ist. Wir bedüisen unter keiner Bedingung solcher Individuen, die eine Specialität aus der Schürung der Racenvorurtheile machen. Ahlwardt soll die erstbeste Gelegenheit ergreifen, um sich wieder heimzutrollen." Am 8. Tecember hielt Julius H a r b u r g e r, der Großmeister der 38 Loge des „unabhängigen Ordens der freien Söhne Israels", eine Rede mit Bezug auf Ahlwardt, deffen Auftreten er als eine Lumperei bezeichnete, die im schärfsten Gegensätze zu den Grundprincipien de» freien Amerika stehe. - Das jüdische Volk bedürfe in Amerika keiner Vertheidiger gegen die fanatische», heuchlerisch-muckerischen und unsauberen Lehren eine« Ahlwardt. Auf viele telegraphische und briefliche Ansragen sieht sich zuletzt die Redaction deS Washingtoner BlatteS veranlaßt, über Ahlward 'S Umtriebe eine eigene Meinung des Näheren abzugeben. Unter der Ueberschrift: „Von einem Subjecte, das in keiner Weise den Geist de« JahrhnndertS repräsentirt" wird die Thätigkeit dieses Agitator» auf ihren richtige» Werth zurückgesührt. Er sei ein verdächtige«, unwiffendeS, vertögene» und habsüchtiges Jndividnnm, da« gekommen sei, nm aus Kosten der Leichtgläubigkeit, Bigotterie »nd Ignoranz, die in Amerika selber kein Bürgerrecht besitzen, gut zu leben und sich die Taschen zu füllet) Nicht einmal seine eigenen LandSleute, die Deutschen in Amerika, möge» von ihm etwas hören. Ec möge darum schnellstens in sein Geburtsland zurückkehren, daS er 'auf eine so unglückliche Art i» Verruf bringt, und erzähle», daß die Juden in Amerika sich um die Wohlfahrt des Staates unvergängliche Verdienste etworben haben, und man werde ihm dies um so eher glauben, als die Juden selbst in Deutschland um die Eultur vetdient seien Seine Beinühung sei ein öffentlicher Scandal, den man in Amerika nicht dulden kann. Ob ec denn an der ausgesprochenen Verachtung (proiuuttteeck eontempt), mit der man ihn begrüßt, noch nicht genug habe, sondern erst kräftigere Beweise für sein überflüssiger Dasein abwarten wolle? F. 8. K. Aus antisemitischen Blättern. (Tie Abstammung des Freiderrn v. Hammerskeiii.) Die „Deutsche Zeitung" glaubt e» ihrer Neophyien-Stellung schuldig zu sein, andere Antisemitenblätter zu überbieten, und bezeichnet Defraudanten Hammerstein als „Jndenstämmling". Dem gegenüber is^u bemerken: Das Geschlecht der Hammersteine war nach Blockhaus ursprünglich am Niederrhein, später in Hannover, Mecklenburg-Schwerin, Oesterreich u. s. w. ansäffig. Die alten Burggrafen v. Hammerstein residirte» aus einem den Rhein beherrschenden Felsen, gegenüber von Andernach. Ein Graf Otto.v. Hammerstein war im Xl. Jahrhundert-Gaugraf de» Wetter- und EngergaueS. Er lebte mit Irmgard Gräfin v. Jeringen in einer nach damaligen Begriffen ivegen zu naher Verwandtschaft verbotenen Ehe, weshalb Kaiser Heinrich U. die Trennung der Ehe verlangte und, da der Gras sich nicht fügte, die Burg belagerte und nach langer Gegenwehr auch eroberte. Diesen Stoff hat W i l b r a n d t in seinem Trauerspiele „Ter Gras von Hammerstein" behandelt. Der ehemalige Ehefredacteur der „Krenzzeitung", Wilhelm August Earl Alexander Emil Freiherr v Hanimerstein, geboren am 21. Februar 1838, ist, wie au» dem Gotha'schen Almanach zu ersehen ist, der Sohn des Freiherr» Ernst v. Hammerstein, des Eibherrn der Güter Retzow, Leppin, Kloplow, Rechlin und Roggentin i» Mecklenburg, Herrn der Güter Schwartow, Münsterdoff und Waldhoff in Pommern, und der Melusine v. Arenstorff auf Krümmel. Der Vater gehörte der Gesinelder Linie de» weitverzweigte» Geschlechtes der Hammersteine au, welches im Gotha'schen Almanach elf Seite» füllt. Ei» Bruder de» Defraudanten war, ebenso wie dieser, Ehrenritter de« Johanniter-OrdenS und mit der Gräfin Wanda Eulenbürg vermählt. Iu der österreichischen Armee diente vor nicht langer Zeit ein General aus dem adeligen Hanse Hammerstein, welchem der gegenwärtige preußische kandwirthschaitSminister sowie ein von den Christlich Sociale» gerne al» Autorität citirteS Mitglied der Gesellschaft Jesu ebenfalls angehören. (Gill Bischof, wir sie ihn haben wo.leu.» Die anttsemitischen Blätter sind in der angenehmen Lage, mu einem östeireichiiäsen Kirchensürsten besonders zufrieden zu sein. Es ist die« der Vorgesetzte S ch e i ch e r'S. der Bischof von St. Pölten, Tr. Rößler. Dieser hat „spontan" an den Baron Di p auli einen Schreibebrief gerichtet, worin er diesem und seinen Genoffe» seine vollste

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