Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 196 (5.1.1896)
- Date
- 1896-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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5eite ». .freies Ulan. Nr. 196. wörtlich machte. An dirir Darlegung knüpft sich schließlich der Antrag: alle bisher erlaffenen und in den verschiedenen Landen zn Recht bestehenden Judenreglements als nicht vorhanden zu betrachten und mit Zuziehung der Deputirten ein neues Reglement zu entwerfen, welches, auf Grundsätze der Menschenachtung und Duldung begründet, dem Flor des Staates »nd den Talenten und Kräften der Kolonie angeniesien sei. Mehr als zwei Jahre nach Einreichung dieses 'Gesuches sowie der Vorschläge der Eommission zur Reform des Jndenwesens andie Staatsregierung «Generaldirectorium) wurde den jüdischen Depntirten am 4. Jänner 171K) von derselben ein vorläusiger Entwurf zu diesen Re formen mitgetheilt, der im Allgemeinen ganz an den bisherigen Bestimmungen und Grundsätzen der Ausschließung von den allgemeinen Bürgerrechten und der ausnahmsmeisen und bedingten Verstattung einzelner Befugnisse und Freiheiten festhielt und daneben nur die Verpsiichtnng einer verhesierten Erziehung und des Militärdienstes als all gemeine Bedingung für den Berbleib der jüdischen „Eolonisten" im i'aiibe ausstellte. Auf diese Borlage, die mit der Anfrage verbunden mar: „ob die sämmtlichen einländischen Judenschaften, gegen Erlangung der neueröffnete» Rechte und Vergünstigungen, auch die neuen Pflichten und Obliegenyeiken zu übernehmen sich verbindlich machen können und wollen-, erwiderten die Deputirlen in wahrhaft würdevoller und ehrenhafter Weüe. daß sie sich nicht für berechtigt hielten, diesen Anträgen - gegenülier eine bindende Erklärung für ihre Glaubensgenosien abzugeben, während bei Berleihnng gleicher Rechte mit den übrigen Unterthaneudie Ueberuahme gleicher Pflichten sich von selbst verstände und einer besonderen Zustimmung der einzelne» Genieinden und Hausväter nicht . bedürfte. Wenn sie aber als Privatleute eine Meinung anssprechen sollten, so müßten sie dem vorliegenden Entwurfs gegenüber „mit tiefgekränktem Herzen einen Wunsch äußern — einen schrecklichen Wunsch, in den aber doch alle Mitglieder der Eolonie einstimmen würden: daß Eure königliche Majestät geruhen möchten, uns in der alten Berfaffung zu lassen-, wogegen sie es andererseits als ihre Bitte bezeichnen müßten: „die Eolonie niit Abnehmung aller Lasten und Ertheilnug aller Frei . Heiken gleich anderen Unkerthanen auch allen den persönlichen Pflichten derselben zu unterwerfen". Diese männliche und würdevolle Erklärung scheint nicht ohne Wirkung auf den König und die Staatsregiernng geblieben zu sein, die freilich durch den Einfluß der französischen Ereignisse auf die öffentliche Meinung- und selbst auf den Hof wesentlich unterstützt wurde. Die königliche Eommission erhielt den Auftrag, ihrerseits anderweitige Grundsätze zur Reform des Judiknweieiis aufzustellen. nutz diese, nach Maß gäbe der Dohm'schen Ansichten in sehr freisinniger Weise formnlirt, > hakten bereits die königliche Genehmigung erhalten, als die großen I Kriegsbegebenheiten die Ausführung der betreffenden Gesetzgebung, und! gewiß" nicht zum Rachtheil der Juden, zwei Jahrzehnte aufhielten. In ^dessen wurde durch königliche Berordnung der ^eibzoll, die Porzellan j ftciier und insbesondere die solidarische Verbindlichkeit der Juden ans; gehoben sowie der Grundsatz festgesiellt, daß bei voller Freibeit der j öffentlichen und privaten Religionsübung jede Art religiösen Zwanges gegen Einzelne von Seite der Rabbiner und der Gemeinden unstalt hair fei. Endlich wurde einzelnen hervorragenden jüdischen Familien . ans ihr Ansuchen schon jetzt das volle und unverkürzte Bürgerrecht iRaturalifation .verliehen. Während in Deutschland und insbesondere in Preußen die innere und äußere Emaucipation der Juden Hand in Hand ging und die Umgestalknng ihrer politisch socialen Zustände sich in organischer Ueber einstinimung mit der national religiösen Reformbewegung naturgemäß entwickelte, gelangten die Juden Frankreichs durch einen plötzlichen und gewaltsamen Sprung, ohne eine vorbereitende Mitwirtnug von ihrer Seite, zur vollen Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern. Der freie Eintritt der Juden in den politischen und socialen Staatsverband Frankreichs und bald darauf Hollands har 'auch unter diesen ungünstigen Bedingungen vor ganz Europa Zeuguiß abgelegt, daß dem Baierlaude, das sich ihnen eröffnet, die Juden aller Elasten und aller religcksien Schaiiirnngeu mit Treue uud Patriotismus ergeben sind, und daß die freie Entfaltung ihrer Kräfte für die Interessen des Gemeinwohls durch die ausgezeichneten Leistungen vieler Einzelner für den Staat ron nnverteuubarem RutzeiPist. Es konnte daher nicht auSbleiben, daß die französische Revolution wie die Ideen, von denen dieselbe getragen war, auch auf den Ent wicklungsgang der geistigen Bewegung im deutschen Judenthum eine tiefe Wirkung hervvrbrachlen. Tie französischen Schriftsteller, ivelche man »>u Recht als Borgäuger und Berkünder der Revolution betrachtet, Rousieau, Bolraire und die Encnklovädisten, haben einen besonders tiefen nüd allgemeinen Eindruck auf Geist und Gemüth der Juden hervorgebracht. Wie sollte auch ein begeisterter Prediger für angeborenes und Allen gemeinsames Menschenrecht und Menschenwürde, der kühne und schwärmerische Borkämpfer für Duldung und Aufrichtung der Bedrückten, wie Jean 'Jacques Rousieau, nicht von, denen als ein Apostel der Wahrheit begrüßt werden, die vergebens nach Menschenrecht und Duldung verlangten? Ter ,.6mile", der „Lontrat so<-i:il‘°, die ,.C'onfessioDs“ wurden mit Gier und Begeisterung gelesen, und Hunderte von jungen Männern lernten ohne Grammatik aus der kectüre dieser Werke Französisch, wie sie aus Mendelssohn's Schriften Deutsch gelernt hatten. Die Ideen, die sie aus diesen Schriften einsogen, wurzelten tief und unauslöschlich in ihrem Gemüth. Boltaire's Schriften waren mehr für die Höhergebildeten. Obgleich persönlich nicht gerade ein Freund der Juden, empfahl er sich doch durch sein kühnes Auftreten für religiöse Toleranz. Für seinen beißenden Witz, niit dem er die Schwächen seiner Zeit geißelte, fand sich in wenigen Kreisen so! lebhafte Empfänglichkeit wie in den jüdischen, wo dieser Witz zu Hause i ist. Boltaire wie die Encyklopädisten sprechen den jüdischen Geist ganz j besonders durch die Verstandesschärfe und durch die zersetzende Kritik! an, mit der sie ihren Ideen gegen althergebrachte Borurtheile Bahn zu brechen wußten. Wie sie für die Ideen von Menschenrecht, von Toleranz, I von der Alleinherrschaft der Vernunft leicht empfänglich waren und sie | bald in ihrer Weise zu ihrem freien Eigenthum gemacht hatten, so nahmen sie auch die Verkündigung der französischen Revolution von der Verwirklichung dieser Ideen und vor Allem von der Gleichstellung ihrer Glaubeusbrüder mit den christlichen Staatsbürgern mit allgemeiner Begeisterung auf, zumal die Revolution in ihren ersten Stadien in Deutschland überhaupt bis iu die höchsten Kreise hinauf lebhafte Sympathien fand. Das glänzende Ziel, das nicht mehr unerreichbar war, stand plötzlich in glorreicher Wirklichkeit vor ihren Blicken: es bildete von fetzt ab das unverrückbare Ziel ihres StrebenS und Verlangens. Aber der Einfluß, den einerseits die plötzlich zur Herrschaft gekommene neue Ideenwelt sowie andererseits der überraschende Fortschritt der Juden in der Aufnahme der Zeitbildnng zu Gunsten derselben auf die öffentliche Meinung ausübte, verschaffte ihnen in gewiffen Kreisen einen zu raschen und zu leichten Erfolg, als daß sich nicht bald auch verderbliche Folgen desselben zeigen sollten. Es bemächtigte sich nämlich der Inden ein unruhiges Drängen nach Bildung und öffentlicher Geltung, ein krankhaftes Verlangen nach Hinwegräumung aller Scheidewände zwischen ihnen und ihren christlichen Mitbürgern, das ihrer naturgemäß fortschreitenden inneren und äußeren Entwicklung schaden mußte. Geistesbildung wurde nicht mehr nach dem inneren Werth geschätzt, den ihre Aneignung verlieh, sondern nach dem äußeren Erfolg, den ihr Besitz verschaffte. Gebildet scheinen uud für gebildet gelten wurde znm Gegenstände des allgemeinen Ehrgeizes: der Erfolg, den man erstrebte, war kein anderer als die Aufnahme oder doch die Zulaffung in die gebildete christliche Gesellschaft. Das Mittel aber, durch das man hiezu zu gelangen hoffte, glaubte man vornehmlich in der l'ösung von all den Formen zu finden, die bisher den Juden vom Ehristen nnterschieden und "getrennt hatten. 'Man glaubte de» Inden zunächst äußerlich abstreifen, die Entäußerung vor der Oeffentlichkeit docnmentiren zu müffen, um der Gemeinschaft mit den Richtjuden würdig und zugänglich zu werden. Scheinwiffen, Scheinbildung und besonders Scheinaufklärung, d. h. ein ostensibles Prunke» mit der Richtachtung alles desien, was bisher dem Inden eigenthümlich, werth und heilig gewesen war, wurde unter tonangebenden wohlhabenden Inden zur Tagesordnung. Scheinemancipation derselben von der Ausschließung ans der christlichen Gesellschaft war der einzige Erfolg derselben. Wenn Männer von Geist und Eharakter, von ernstem und bewußtem Streben bereits offen den Standpunkt Mendelssohn's ans gabe» und mit der Selbstbefreiung von hergebrachter jüdischer Unbildung und Unsitte sich auch von der Beobachtung des jüdischen Gesetzes lossagten; wenn dieselben in Wort und Schritt für die Autonomie der Vernunft, als der obersten Richterin über alle Fragen der Religion und des Gebens, sich erklärten; wenn diese Männer in Folge ihrer allgemeinen geistigen und sittlichen Stellung iu den gesellschaftlichen' Kreisen der gebildetsten und hochgestelltesten Ehristen jederzeit willkommen waren nnd eine ausgezeichnete Stellung einnahmen — jo gestalteten sich alle diese Tendenzen und Erfolge vor den Blicken und im Streben der großen Schaar der nachahmenden Menge zu einem ganz anderen Bilde, das nicht nur der anziehenden Originalität, sondern auch der maß- und würdevollen Haltung nnd der sicheren Abgrenzung gänzlich entbehrte, nnd daher nur zu leicht nnd nnr zu oft an das Gebiet der verzerrten Earicatnr streifte. (Forti, tzuug folgt i