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Freies Blatt · 1896-01-05 · 196 (5.1.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
196 (5.1.1896)
Date
1896-01-05
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Freie» Statt. V Nr. 196. In den Reden, mit denen diese Resolution begründet wurde, kamen die Antisemiten sehr schlecht weg. Es wurde ausgeführt: Das ganze Programm der antisemitischen Clique bestehe im Schimpfen auf die Juden. Es müsse aber diesen Leuten der Irrwahn benommen werden, als ob sie isie Herren von Wien seien und das 'Volk wirklich hinter ihnen stehe. An .die Stelle des heute herrschenden lächerliche» PersonencultuS müssen Principien treten, die ehrliche Reformarbeit für die Interessen des arbeitenden Volkes. Solche Arbeiter, welche den Antisemiten folgen, laufen thatsächlich ihren eigenen Henkern nach. Der .kleine Mann" der Christlich-Socialen sei der „ärgste Arbeiterschinder". (Daspricht Bände!) Ter Reisende der Firma Honig & Rchab, Moriz Rosenbcrg, wurde am 10. Oktober 1805 von dem Landes-, gerichte Wien wegen Verbrechens der falschen Zeugenaussage zu einer zweimonatlichcir'Kerkerstrafe vcrurtheilt. Rosenbcrg hatte nämlich anläßlich eines Civilprocesses der Firma Honig & Nehab gegen den städtischen Beirath Alexander P urscht puncto 52 fl. 25 kr. eidlich bestätigt, mit diesem ein fixes Lieferungsgcschäst abgeschlossen zu haben, während im Strafverfahren Alexander Purscht in Ueberänstimmung mit vier bei ihm Bediensteten Personen eidlich bekundete, daß er ausdrücklich sich bedungen habe, nicht fix zu kaufen. Dieses in einer Rich- ' tigkeitsbeschwerdc angcfochtene Urthcil wurde vom Caffationshofe mit Entscheidung vom 20. November 1895 aufgehoben und die Vornahme neuer Erhebungen angcordnet. Nach Durchführung dieser Erhebungen von Seite des Landesgcrichtes ist nunmehr die Staatsanwaltschaft von der Verfolgung des Mori; Rosenberg zurückgctreten, weshalb die Einstellung des Strafverfahrens erfolgte. Herr Purscht gehört, wie männiglich bekannt ist, zu den Wiener antisemitischen Größen. (Ein Katechet als antisemitischer Agitator.) Dem Wiener Bezirksschulrathe liegt gegenwärtig eine Angelegenheit zur Entscheidung vor, welche in weiteren Kreisen lebhaftes Interesse in Anspruch nimmt. Bekanntlich hat anläßlich der letzten Gemeinderathswahlen im Bezirke Leopoldstadt der Caoperator an der Pfarre St. Josef, P. Dittrich, der gleichzeitig auch als Katechet an zwei Bürgerschulen dieses Bezirkes fungirt, eine intensive agitatorische Thätigkeit entfaltet. In einer damals abgehaltcncn Wählcrversammlung rügte der Bezirksausschuß und Armenrath Thyam in scharfer Weise das Verhalten des Cooperators und gab auch dem Befremden darüber Ausdruck, daß es von maßgebender kirchlicher Seite geduldet werde. Kurz nach Abschluß der Wahlkampagne richtete Thnam an den Lcopoldstädter Ortsschulrath eine Eingabe, in welcher er erklärte, den bocumcntarischen Nachweis für die agitatorische Thätigkci0>es P. D Ulrich an treten zu wollen. Dieser dokumentarische Nachweis besteht in einem Briefe des Cooperators an den Gastwirth Straffer, welcher durch das nähere Eingehen des Verfassers auf die Einzelheiten der antisemitischen Agitation ihn als Leiter derselben erscheinen läßt. Tie Eingabe Thyam's wurde sofort an die kompetente Schulbehörde, den Wiener Bezirksschulrath, übermittelt. Inzwischen hat auch der Lcopoldstädter.Trtsschulrath in seiner letzten Sitzung zu dieser Angelegenheit Stellung genommen. Ter Obmanustellvertretrr Hel big führte aus, daß durch die nachgewicscne agitatorische Thätigkeit P. Dittrich's das Vertrauen der Bevölkerung In die Lehrtätigkeit desselben als Katechet tief erschüttert werde, und auf seinen Antrag wurde einstimmig der Beschluß gefaßt: Es sei der Wiener Bezirkschulrath zu ersuchen, die erforderlichen Schritte beim fürsterchischöflichen Consistorium einzuleiten, damit P. Dittrich von der Ertheilung des Religionsunterrichtes an Schulen des Bezirkes Leopoldstadt enthoben werde. 'Wieder ein Gerichtsfall Scherzer.) Ter ehemalige Pfarrer von Schrick'Leopold Scherzer, hatte wieder einmal einen gerichtlichen Anstand. Diesmal handelte es sich jedoch nicht um Kirchengclder, die in Verlust gerathcn wären, sondern nur um Verleitung zur Uebertretung des 8 23 de» Preßgcsctzes. Scherzer hatte einem Schulknaben Flugzettel „nicht rein religiösen Inhaltes" übergeben und ihn aufgefordert, sie unter seine Mitschüler zu vcrtheilen. Das Bezirksgericht Alsergrund verurtheilte ihn" deshalb in Contumaciam zu einer Geldstrafe von zehn Gulden, eventuell zu achtundvierzig Stunden Arrests. 'Ein verurtheiltrr Advorat.) Aus Suczawa wird uns unterm 29. December geschrieben: Gestern fand vor dem Bezirksgerichte in Strafsachen unter großem Audrange des Publikums die Ehrenbeleidigungs verhandlung gegen den Advocaten Dr. Jsopcscul statt.-Derselbe hatte am * December während eines Coucertes zwei vor ihm stehende .Hochschüler mit den Worten „jüdische Lausbuben" ohne irgend welche Veranlassung insultirt und denselben in der Folge sowohl ritterliche Genugthuung als auch Abbitte verweigert, woraus die Genannten die Ehrenbeleidigungsklage erhoben. Bei der Gerichtsverhandlung bot der Geklagte durch seinen Vertreter Advocaten Tr. Lutia eine Ehrenerklärung an, die von den Klägern nicht angenommen wurde. Tie ein pernommcnen Zeugen sagten durchwegs belastend aus, worauf Advocat Dr. Isopescul schuldig erkannt und zu 15 fl. Geldstrafe, eventuell drei Tagen Arrests vcrurtheilt wurde. (Julius Wolff über Mucker.) In einer Zeit, da Mucker- und Pharisäerthum immer frecher sein Haupt erhebt, ist eS wohl angezeigt, an die kräftigen Worte des gewiß Deutschen Dichters Julius Wolff zu erinnern, die er im „Till Eulrnspicgcl reäivivns" gegen das Mucker¬ und Pharisäerthum schleudert. Diese Worte lauten: Bei meinem Kauz, ich könnte rasen, Daß ihr von den verdammten Phrasen DcS tollsten Aberglaubens schweigt. Der euch umnebelt und umnachtet. Und dieser Lügenbrut nicht zeigt Wie grenzenlos ihr sie verachtet. Friigst du jetzt noch, woher mein Zorn Beim Anblick jene» Wichte» stammt? E» steckt im Fleisch mir wie ein Dorn, Der mich mit Fieber wild durchflammt: Ich hasse diese Bande tiefer Al» Pestilenz und Ungeziefer. Und kommt mir einer in die Quer, So fall' ich wülhend drüber her Und rufe: „Knüppel au« dem Sack, Aus« Heuchlervolk, anf» Muckerpack!" t (Wird» eine Schulchau-Arnch-Pelition.) In der ersten sächsischen Kammer wurde mit Bezug auf eine Petition, betreffend die Ucbersctzung des Schulchan-Aruch, ein Antrag, diese Eingabe der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, abgelchnt und der Beschluß gefaßt, „die Petition auf sich beruhen zu lassen". -(Christliche Barmherzigkeit.) Unter dem ersten Kaiserreich gebrauchte man im Rathe für den öffentlichen Unterricht bei Verlesung eines Berichtes einmal den Ausdruck „christliche Barmherzigkeit". Adolf Franck, ein Mitglied des Rathes, erhob sich hierauf sofort und bemerkte. daß noch vor Jesus der Pentateuch, die Propheten und der Psalmist Gefühle bekundet und Gesetze (dictirt hätten, die das enthielten, was man „christliche Barmherzigkeit" zu nennen liebt. Ohne Zögern erklärte Monsignore Darboy, sein jüdischer College habe vollkommen Recht, die „christliche Barmherzigkeit" sei in der Thät die Tochter der „jüdischen Barmherzigkeit". (Ter Bischof von Plock und die Juden.) Auf einer Bisitationsrcise kam der Bischof von Plock, N o w o d w o r s k i, nach S e r o ck. Daselbst begrüßte ihn auch eine jüdische Deputation, deren Sprecher der Rabbiner war. Auf die an ihn gerichtete Ansprache, welche sein Eintreffen als eine Gewähr für Frieden und Eintracht zwischen Juden und Christen bezeichnete, erwiderte der Bischof Folgendes: „Ich danke den Herren herzlich für den freundlichen Empfang, und zwar danke ich hiefür zunächst aus dem Grunde, weil diese Begrüßung eine Artigkeit ist, die ich zu schätzen weiß, dann deswegen, weil Ihr Vorgehen vernünftig ist. Sie bekunden dadurch angesichts der weitverbreiteten Strömung des antisemitischen Racenhasses, daß Sie sich dessen bewußt sind, wie sehr die katholische Kirche die Juden immer gegen die von Zeit zu Zeit wider sie sich kehrenden Ausbrüche des Hasses seitens der von der heiligen Lehre der evangelischen Nächstenliebe nicht genug durchdrungenen . Menge zu schütze» pflegte. Aber Ihre Begrüßung gefällt mir insbesondere auch deshalb, weil sie schön ist als Ausdruck religiöser Hoffnung. Ist doch euer Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs, unser Gott; ist ja eure heilige Schrift auch unsere heilige Schrift. Mit euren Psalmen verrichten wir in unseren Kirchen unsere Gebete. Eurem Volke entstammt der menschliche Körper unseres Erlösers, aus eurem Volke gingen unsere ersten Apostel hervor. Wir haben mit euch viel Gemeinsames, wie viel gerade bei dem, der zur Erlösung Aller gekommen ist und den eure Väter nicht anerkennen wollten! Die Scheidung zwischen uns erfolgte, und euer trauriges Geschick begann. Das traurige Los, das euch zutheil wurde, und die Leiden, die ihr durch viele Jahrhunderte zu erdulden hattet, sind hinlänglich bekannte Dieses Schicksal wurde euch von Osias vorhergesagt. Es gibt jedoch Prophezeiungen, die euch eine heitere Zukunft ankündigen, in der ihr euch mit Allen und -Alle mit euch versöhnen werden. Diese Versöhnung kann nicht anders als durch und in Liebe vor sich gehen. Allein diese Liebe soll nicht bloß im Munde geführt werden, sondern sie muß im Herzen der Menschen auflcbcn. In Ihrem Erscheinen hier erblicke ich ein Anzeichen dieser künftigen Annäherung, und deswegen erflehe ich für Sic Gottes Segen." (Juden in der nordamerikanischen Marine.) In dem Buche „Tie Juden in Philadelphia" werden folgende Einzelheiten über die Betheilignng der Juden cm der Marine der Vereinigten Staaten von Nordamerika erzählt:' Uriah Philipp Levy, der Sohn eines jüdischen

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