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Freies Blatt · 1895-12-29 · 195 (29.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
195 (29.12.1895)
Date
1895-12-29
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 195. .frei** jüdischen Geschäften ergeht, darüber gehr »nS abermals ein Beitrag zn, de» wir hiermit veröfsentliche», indem wir den Einsender selbst sprechen lassen: .Die Firma H a r t o ch Hierselbst ist, wie ich vermuthe, auS der LrtS-Xrankencasse ausgeschlossen worden wegen allzu häufiger Krankheitsfälle der Personal-, welche Fälle von der zu lang ausgedehnten Arbeitszeit heerühren, da eine solche biS 10'/,. respective II Uhr Abend« dauert. Die Firma schritt nun zur Gründung einer Privatcasse n»d befahl dem Personal am SamStag de» 16. d. M:, Sonntag den 17. d. M., 7", Uhr Morgen», vollzählig im Geschäft zu erscheine» behuf« Borlesung der Statute», eine Halde Stunde später hieß e«, da« Personal brauche erst um 8 Uhr dort zu sein. Nachdem die Angestellte» auch vollzählig erschienen waren und der Tinge harrten, die da kommen sollten, wurde bekannt gemach«, daß die Borlesung erst »>» 9 Uhr beginne» wurde und Niemand sich unterstehe» solle, sortzugehe». Ich ging jedoch um 9 Uhr zu den Herren Chef« und bat dieselben, zur Kirche gehen zu dürse», erhielt jedoch keine Erlauhniß, sondern die Herren Hartoch« sagten mir, ich könne wohl auch ein andermal zur Kirche gehen. Trotzdem ging ich fort. TaS Personal wurde biS 10 Minuten vor 10 Uhr dort ' behalten und somit tun Kirchgänge wohl ganz verhindert. AlS ich um 11 Uhr in« Geschäft kam, kündigte mir Herr Simon Hartoch die Stelle mit den Worten: ,Sie können in vier Wochen an«, treten, so lange habe ich Sic snr eine» anständigen Menschen gehalten, aber durch Ihre heutige Handlungsweise bin ich vom Gegentheil überzeugt.' Ich war vom 1. August d. Z. bis 17d. M. dort, »nd habe» die Herren nie eine Beranlafiuiig gehabt, über mich zu klagen, weder über meine Leistungen »och über da» Betragen.' Eine Bestimmung über die Sonntagsruhe lautet nun so, daß au Sonn- und. gesetzlichen Feiertage» i» der Zwischenzeit von!>—11 Uhr Morgens kein Angestellter sich in den GeschästSräumen aushallen dari Stehen die Herren Gebrüder Hartoch vielleicht unter Ausnahmebestimmungen V Es ist Sache der Polizeidehöide und des Staatsanwaltes, sich dieser Angelegenhc.it anzunkhmen. Ter betreffende Herr hat auch bereits Anzeige dieserhalb erstatte« und erwarten wir mit Bestimmtheit, daß das Gericht hier Ausklärung schafft. Ist e» schon eine große Dreistigkeit, das Gesetz zu übertreten, so übersteigt eS wohl den Gipfel alle« Tagewesene», i» der gesetzlich geschützte» Zeit christliche Angestellte am Gottesdienst zu hindern, trotzdem darum gebeten wird. Solche« kann aber auch nur in,indische» Geschäften geschehe», »nd darum laust immer wieder hin, christliche« Bolk,. und tragt die Groschen, hi», ihr seht, wie man er euch Tank weiß. Ten christlichen innge.n Leuten rnsen wir wiederholt zu: Geht nicht zu einem Inden in Stellung!" Tie Berliner „Mitiheilungen au« dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" erhallen nun von einem BertrauenSmanne solgendc Erklärung de« EhesS der Firma Gebrüder Hartoch; „1. Wir sind nicht au» der Krankencaffe ausgeschlossen, sondern nur anfgesordert worden, respective mair stellte eS uns anheim, eine eig-nr Eaffe;u gründen! 2. Die Arbeitszeit ist die i» de» »leiste» Manusaclurgeschäflen übliche — biS 9, auch 10 Ubr AbeUdS, indessen geht die Hälsie des Personal« jede zweite Woche schon um 8 Uhr zu Hause. 3. Ter betreffende junge Mann hat nicht um Erlaubniß gefragt, in dieKirche gehen zu dürse,i. sondern wnlde von eiuein der beiden EhesS, alS er um 9 Uhr Miene inachle, zu gehen, gefragt, weshalb er nicht dablicbe. Er sägte hieraus, daß er zur Kirche gehen wolle, und har Niemand auch nur den Versuch gemacht, ihn hievon zurücizuhalte». Ec ist übrigens nicht in die Kirche gegangen, sondern hat vor dem Ladenlocal solange Ausstellung genommen, bis das übrige Personal sorigiug, was etwa um 9V, Uhr der Fall war. 4. AlS der junge Mann um 11 Uhr inS Geschäft kam, wurde ihm allerdings gekündigt, aber ohne daß die von ihm angegebene» Worte gebraucht wurden. TicS war erst zwei Tage später der Fall. alS er wegen Vorspiegelung falscher Thatiachc», respective grober Lügen plötzlich entlassen werden mußte." j-nulimni. Dux barbarorum. (Erzählung au» Groß Wien von T—f.l > >. ftovtfefnitä.;2(tilns.;) , VI. ES war iill Juli, zehn Monate später. Im Dörfchen Wildcring war Kirchweih. An hohen Maibäuinen flatterten unzählige Fähnchen; Zelte und Buden enthielten köstliche Leckerbissen, Gebrauchswaaren :c. Alt und Jung war auf den Beinen. — Der Pfarrer hatte schrecklich zu thun. Dieser Tag war stets seine Angst gewesen. Und heute gar! Sollte doch seines Freundes, cheS Försters Bonkaiupf, Lohn in die großen Ferien koinmen und seine Braut dem Bätcr und der Multer vorstcllcn. Da gab'S eine besondere Predigt, nicht so eine nach der Schablone. Der gute alte Herr! Jinmcr Menschcnlicbc predigte er von der Kanzel, wahre Nachfolge Christi, und iiniucr mehr und mehr haßten einander die Menschen da unten!• Cr verstand die Welt, die , 8 lat«. — ' seile 7. Zeit nicht mehr! Die junge» Heißsporne gar, die nicht pariren wollten den epiScopalen Verordnungen, lieber mit de» „Lumpcnsanimlcrn" und den Aufwieglern fratcrnisirten! Pfui Teufel!. Waren das ivahre Priester des. Herrn? Tie Predigt sollte ihncn'S auch jagen, dem Bonkampf auch; cs hieß ja, Fräulein Nanctie, seiner Brant, danke er die Rückkehr zu cinenr arbeitsame» Leben, die Besrcinng auS den Krallen der BolkSversührcr. Cin wahrer Engel von Treue »nd Selbstlosigkeit, so hatte Heinrich geschrieben... Ta kam der Wagen angcfahrcn. Tie Messe begann.» Ter Schul meister präludirte sein Bestes; die Schulkinder fangen rücksichtslos, ohne Zagen. Er sah sic nicht die Zwei, erst »ach dem Evangclinm, alS er predigte, da sah er sie; ihn so sanft, sie entschlossen und doch wieder cin Bild milder Weiblichkeit. Es verwirrte ihn fall dieses a»S drucksvolle Mädchenangcsicht mit den edlen Zügen, daS seinen Worten, diesen Worten der Liebe, lauschte. Und. auch in Bonkamps'S Her; drangen diese Worte deS edlen Priesters wie Friedensbotschaft nach langem Kampfe, nach eiuein Kampfe, auf dessen einzelne Momente er nicht immer mit Stolz zurückblickcn konnte. Aber der Segen'- des PsarrcrS dort wischte das Alles aus, waS noch wie Makel an seines Seele hastete, und alü durch die bunten Fenster deS Kirchleins die helle Julisonne in goldene», warmen Strahlen siel, zeigte - sie ihnen alle Mensche», die da mit andächssgcr Miene saßen, in einem neuen Lichte, in cincr liebe- und versöhnungStruiikencn Stimmung' - Aber »och cin Anderer hing mit stuinmer Andacht an den Vippea des greisen Prediger« da oben. Es stand/den Psarrkindcrn nnsichrbar, hinter einem Beichtstühle nächst der Sacristci, cin Man» in den ni-.iilercii Jahren, . dessen etwa« verlebte Züge nicht mit dem priestertichen G.-lva»de har moniren wollten. Ter Prediger schilderte den Berns des Priesters, und ein Zug von bitterer Rene legte sich auf sein Gesicht. -.Koch bevor der Pfarrer von der Kanzel stieg, verließ er das Gotteshaus scheuen Schritte«, als fürchtete er, von den Menschen gesehen und erlannt zu werden. — — — AlS der Gottesdienst vorüber war, ginge» Alle in o.is Förster Haus. TaS war cin Jubilircn und Gläscrklingcn! Bon draußen er tönte» Musik und Gesang, ein wahre« Fest! Nach dem drille» Gange der Mahlzeit /erhob sich der greise Pfarrer und ließ das Brautpaar leben. Tqran knüpfte er die Bitte, Fräulein Nanckie möge erzählen, wie sie Heinrich wieder zurcchtgekrsiegt hätte auS dem Sturme seiner Jugendthorhcitcn. Unter dem Beisallc der Gäste und der Ellern er zählte sic den Vorgang und schloß: „Tie Hungrigen svei'en »nd die Turstigen tränken, daS sind Werke der christlichen Barmherzigkeit.^ Aber jetzt, Herr Pfarrer, daif ich nicht mehr weitcrredcn?' „Reden Sie nur, Fräulein, nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund." „Also, darf ich Alles sagen?" „Alles, Sic sind iin Voraus absolviri!" „Nun den», ich sagte ihm am Tage, nachdem ich ihn vom Hungcrtodc errettet und auö den .Klan.» der Wühl". Heft eit hatte, um jeder immerhin möglichen Reeidive . vorziih-ngen: Heinrich, soll ich's sagen . . .?" Heinrich nickte znstimmcnd und lachte. „Ich sagte ihm: Sie Teuticher sind ciu Römling. ein Psassen knccht geworden!" „Potz Blitz, die kann's!" platzte der Se lwlger heraus, „aber Recht hat sie, eines oder das andere - Weiler! " „Mertlct ihr beschränkten Männer eS den» nicht, daß die Finster lingc euch nur zum Besten hatten? Sie werten euch benutzen, so lange sic euch branchcii können, dann aber werken sie euch abstoßen, denn ihr seid nur eine Sluse snr Rom, ihr echten Germanen! Merkt ihr'« denn nicht, daß Wien i» den Händen von Lentcn ist, welche alle geistigen Güter, alle sreiheitliche» Erriiiigenichaslcn hassen"?" „Bravo," schrie Her alte Förster. „Töchterlein, daö lob'ich mir!" „Unsere freisinnige Richtung zwingt uns, fortan mit dem Revolver durch die Straßen zu gehen! Wenn die Regierung sich als Pflegerin der Künste und Wissenschaften benimmt,- ein eigenes Ministerium für den Unterricht hat, wie konnte sie eine solche niedrige^ allen menschlichen Gefühlen, allen Gnindbegrisfen der. Staatsordnung .und den bestehenden Gesetzen widersprechende Bewegung groß werden lassen?' Ich achte nur den Mann, der heute gegen den Strom schwimmt! .Heinrich, sagte ich: Wo ist das Sündengeld? — Er gestand, daß die Anweisung zerrissen sei. So sei auch 'das Band zu Jenen zerrissen, sagte ich." „TaS ivirllc," fiel der'Bräutigam cin, „und noch etwas, die Worte .NanctlcnS: .Ucbrigcns, daß Sie bei diesen Leuten unmöglich geworden sind, spricht für Sic, denn cö beweist mir, daß Sie noch nicht so lies gesunken sind; den» um daS Wohlgefallen dieser Sone zu erringen, bedarf cs eines solche» Grades von nitdriger Gesinnung, der Ihnen nicht angeboren ist.' Tan» kamen die Bücher!"

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