Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 195 (29.12.1895)
- Date
- 1895-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 195. Seite 8. Artus Blatt. „Und damals," fetzte Naucltc hinzu, „war er windelweich, streckte die Arme ans wie ein .Kind und rief: .Kannst du mich berühren? Fürchten Lu nicht mehr die Insertion? Ich gesteh' eS, ich war ein Barbarcuführcr, ein Häuptling -wilder Horden, aber jetzt niuim den Ning, denn ich bin dein mit Leib und Seele, durch Leiden klug geworden!' - Ta nahm ich den Ring, und da bin ich!"-— Kein Auge war trocken geblieben. Segnend hob der alte Pfarrer die Hände über das Paar" und sagte: „Ucbcr'S Jahr traue ich euch! Pis dahin aber beten wir täglich für die Berirrtcn, die Bcrwilderten und für die abtrünnigeu Priester, welche Christi Lehre vergefsen haben, der da sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Thun wir Gutes denen, die uns hasten, bis von ihren Augen die Binden fallen, bis ne sehen, dag die Gesetze,- welche uns die liberalen Männer gaben, viel christlielier sind als die Grundsätze jener .christlichen' Bolksbetrüger, welche nieutals'die Bergpredigt verstehen werden!" Cs tlopfle. Alle verstummten Tann flog die Thür auf und Carlan Nnseiidors trat ein und trat auf de« greisen Priester zu. ' , Her: Pia:rer," flehte er, „Ihre Predigt von heute Früh ist yxtv lief ins Herz geschrieben. Ich habe auch Ihre Worte vernommen, die Tie .r.n sprachen. Icli bin ein Kind dieses Thales! Heinrich Bonlanips. reichen Tie mir die Hand, und dann verzeihen Sie mir! Jener, welcher uns Beide vom Wege abgebracht, hat seine Strafe: Cr -Mii Handgemenge mit trunkenen Sociatistcii, welche ihn als Polizeiagenlen entlarvten: Wilhelm Guhler ist lobt! Ich aber werde 'onan leben im Geiste der Hunianilül, denn wir waren nur von einer Krankheit ergriffen, und unser Sieg wird unsere Heilung sein. Was wir angegrifsen, wir könnten cs nicht fortführcn. Wir bekennen :u*v;•.! 'chwach! Gott -helfe weiter!" „Amen!" riet der Pfarrer. „Mag auch das Thörichke" und Teblech:.' wie der Kork leicht oben tchwinmicu, ein, gesunder Sturm 'egi die T berstäche rein, und brüderliche Zeilen, Cintrachr, Menschenliebe werten wieder Luziehen, wo beule dje Feinde der Cultur, die Feinde des Reiumentchlichen ihr Lager aufgcichlagen, als sollte Alles rmltt aeive'en feilt, was wir 'errungen in bitteren Tagen vor cincin iialben Jahrhunderte!" .. Tie knieten, von gemeinsamem Impulse bewegt, nieder. Ter Pfarrer e.ing ran Cinem zuni Anderen und haue für Jeden ein besonderes Wort: bei Heinrich >agke er: „Ter Gerechte fällt siebenmal!" .!Friede den Menschen auf Erden! Tas ist der wahre Priester!" der Forüer. „Wir wollen nicht ruhen: der Feind muß im Staube 'r-rnen, -ra::::t Friede werde den Menschen! Und die Frommen waren zu ».'ig. die H.evvriester zu tadeln!" . Tie" Glocke» schlugen zur Besper. zusammen. Ter Abendwind bc-!regle lute die Borhänge. Glukbraih strahlte der Westhitnmcl. Cs war Allen, als ob der Cuge. Mr Benöhnung durchs Zimmer 'schwebte. Aler de: 'aß a dort und lueli lachend die Hand des bekannten .. 11 .i•.i: ■ ■ . "M.i.i" T:e rerkorverie Menschenliebe! Ciik" glückliches Paar, in lange! Ttnndc verbunden im Kainvfe! Solche .Kette» und '.st' C :: d e v£tn 2\ttuaImot*c\ „Das ist mein.Geheimniß!" erwiderte er. „Ich gehe zum Rigorosum." „Glück auf!" rief ich lachend, „und ich in die Kneipe. Heute ist Kneipabend, die Alemannen kommeu zu Gast, ich werde etwas später nach HauS kommen, doch immer zeitlich genug, um dich entweder als imiversne medicinae doctor zu begrüßen odet dich über den Durchfall nach Herzcnskräften zu trösten. Servus!" Ich muß ausdrücklich erwähnen, daß mir die Drohung des Freunde« im Falle eines Mißerfolges geradezu komisch vorkam: mein Freund Jacob hatte sämmtliche Rigorosen mit Auszeichnung bestanden, und kein Beruünftigcr konnte annchmen, daß er daS letzte nicht bestünde. Ich ging zur Kneipe, von der ich als Chargirter pflichtgemäß mit meinen zwei Füchsen als letzter schied, um in ci»cm Kaffeehaus bei einem Glase Punsch die Eventualität zu erwägen, was geschehen könnte, wenn mein Freund Jacob dürchstele. Ter eine meiner Füchse meinte, er würde sich erhängen oder erschießen. „Lächerlich!" sagte ich, „er drohte mit etwas, was die Welt »och nicht gesehen hat." „Cr wird," sagte der zweite Fuchs, „die ganze löbliche PrüfungS commission zum Fenster hinaus werfen." „V In Slavata und Martinitz!" bemerkte der erste Fuchs. „Nichts Neues, schon dagewcsen." In diesem und ähnlichem Geplauder verging eine Stunde, die außer oberivahntcn Crwägungen noch einige Cognacs gebracht hatte. Ich kam in etwas unsicherem Zustande gegen zwei Uhr Morgens nach Hause. Tic Stube war leer. „Jacob! Jacob!" rief ich,-„am Ende bist du doch durchgcfalle»!" Ich entkleidete mich halb und legte mich, auf den.Divan, um Jacobs Ankunft zu erwarten. Cr inußte, und plante er noch so Ungeheuerliches, heimkomme», um von mir, seinem - besten Freuiidc, Abschied zu nehmen. Und er kam. Es war gegen drei Uhr. Sein Antlil? leuchtete gespenstisch, geisterhaft Hu! cs durchschanerte mir Mark und Bein. „Jacob! was thust dud" wollte ich rufen, allein mir schnürte die Angst die Kehle zu. Mit Jacob waren gleichzeitig zwei Männer im langen, schwarzen Talar cingctrctcn. .Der eine trug ein großes doppcltgeschlisscncs Messer, der andere einen großen Sack. „So, Herr-diirchgcfallencr Doctoraiid, da wäre» wir. Zur Sache. Sie wird nicht schwierig sein. Ihr Freund ist ja total bejcdjt. Doch che wir zur Proeedur schreite», wollen Sic gefälligst cinen Abschieds bricf im Namen Ihres Freundes schreiben. Die Welt soll glauben, er halte sich ertränkt. Was wissen Sie für Gründe, -die Ihren Freund in den. Tod freiwillig treiben konnten?" So sprach der eine der schwarzen' Männer, der das Schäditincsicr hielt, und der andere mit dem Tacke Hub an: „Hat er Schulden?" „Unbedeutende," erwiderte mein Freund Jacob „Hat er eine Gelicbfe?" fragte der Schwarze mit dem Sacke wieder. i „Ja," sagte diabolisch lächelnd Jacob, „ja, er glaubt eine zu haben, aber der Thor irrt sich, die von ihm Angebetete ist mein eigen. Heute hat sie, mir ihre Liebe gestanden." Ich wäre bei diesen Worte» Jacobs tot Wulh aufgesprungen und häkle ihn erwürgt; aber eine todesähnlichc Lethargie lähmte meine Glieder. C? ».y.. zue Z:ir ies Trsza Cszlarer Proccffes. Alle Well sprach .ruicrtwuidiqen. Proccne, selbstverständlich auch ich, zumal P Biuke: Studie über heidenmäßig viel freie Zeit verfügte. Ich den: Pre..'»e, gerade so wie mein Freund und Slubeiigenolse, .-er T o.'trraud der Mediein, I P , ei» Jude, eine nicdcrträchüge Berieuilidliug t.: T r.rwass:! gewinnen wollenden Istoczn-Partei. Wenn mein Trnbengeii—Ja.ob. k will td) ihn in aller Kurze nennen, um 9 llhr .-.acki Hau': :am und mir seine Aengsten und Torgen, bctrctiend sein!.?i.s eiiiac'..''lim, milthrilie, -sprach ich gewöhnlich: „Lassen wir das! Here li.-tzn ^u, was idi über die Tisza Cszlarer Anaire Neues hörte" .' in.:,! .zur:: Ja.'!' hörte uiid horte. .. r ir, Kar'.." 'aale er mir am Tage deS Rigoronlins. „wenn cS ' . 'chl.'chz g'ollle. dann gcichie-ht' waS." .. .ras 'ollie denn ge'chehcn?" sagte ich lachend „Tann machst du . '''.n:i halt noch einmal." Ich erzählte hierauf, wie viele und K.'l'vvhäen der Wissenschaft schon das Unglück gehabt uu. Pauten und Trompeten durchzufallen. F.!i::o herie mich schweigend au und sagte, nachdem ich .: .neu leenrigt: „Freund, ich sage dir, wenn ich heute Pech bare, bann s,:'chi:-a etwas" — und dabei firirle urich Jacob in einer We:>e -■•- „ivas die Welt noch nicht erlebt hat." - ..Und das wärcf" Törichte ich. „'Nun vortrefflich," sagte der Schwarze mit dein Schächlinesser. „so schreiben Tic denn!" Jacob fetzte sich an den Tisch und schrieb, der Schwarze mit dem Tchächiincsser dietirte ihm: Liebe Ellern! -Berzeiht mir! Unglückliche Liehe trieb mich in teil Tor. Tröstet Euch: „Es gibt ei» Wiedersehen!" Euer unglücklicher Karl. Tas Tictat war fertig. „So, Herr durchgefallencr Toctorand, jetzt lassen Sie uns acks Werk gehen Wir zwei werden den Mann halten. Sie nehmen das Messer in die rechte Hand, in die linke das Becken. Sehen Tie zu, daß kein Tropfen Blutes verloren geht. Christcnblut ist kostbar. Für jeden Blutstropfen erhalten Sie beinahe eine Rigorosentarc. Passen Sie auf, daß der Querschnitt rituell ist. . Nun ans Werk! Eins — zwei —" Ta sprang ich plötzlich auf. „Mörder, Räuber!" rief ich und packle meinen Freund Jacob am Halse. „Was hast denn du um'Himmelswillen?" rief dieser, sich meiner erwehrend. „Tu Mörder, du willst midi sd)ächten, nachdem du mich um 'meine Geliebte gebracht? Ja, so etwas hat die Welt noch nicht ge-