Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 195 (29.12.1895)
- Date
- 1895-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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.freie* Statt. Nr. 195 Sri.» 4 Sriirfi’iibc Bestimmungen, und bezüglich der Hilfsarbeiter werden ganz „ubiintmifnt'ine 'A'ormeit festgesetzt. Auf das, maS hauptsächlich die G.-w.-rbetreibcuden drücke, sei in der /Novelle eigentlich gar nicht Rückffckit genoimnen. De» kleinen Mann drücken die großen Forderungen, e:e der Staat an ihn stelle: die im Steigen begriffene Erwerbs- und Einkommensteuer, die hohen Miethzinse, die Vertheuerung der Lebens- »ijilel und die fortwährende Abnahme dcS Exportes. WeitcrS drücke unsere Sleucradministration die Kleingewerbetreibenden bis aufs Blut. Ser Redner erläuterte an Beispielen, wie die Steuerbehörden bei Beu,I',ing von Steuern Vorgehen, und betonte, daß ein Gewerbetreibender im ReichSrathc bei Beralhungen über Gewerbefragen außerordentlich i'eaensreich wirken könnte. Sek Abgeordnete Steiner aber, welcher vor 'einer Wahl hoch und lheuer schwor, für den „kleinen Mann" einuisteben, kümmere stch um-Fragen, die er absolut nicht verstehe, die ireik über seinen Horizont hinansgchen. Der „Zimmermalcr und A.-ein'chelik.er" Steiner treibe lieber hohe Politik. Auch cultivire er d.' Hetze, wozu bekanntlich weniger Verstand gehöre als zur ernsten, sachliche» Ber.ithung Out weiteren Verlause seiner Ausführungen kam H::v ,iraneiil'.nger ans die Wiener Gassrage zu sprechen und crsich dafür, daß ein Vertrag mit der englischen Gasgcscllschafr a! '.'R.'i'en werde, demzufolge die Gemeinde Wien mit einem be- .'. Pereeni'atz am stutze» partieipire, die Gesellschaft den Gas r.e.r die Straßenbclenchtnug billiger stelle und endlich nach . ,:;;v l en.mmten Reihe von Jahren sämmlliche (Gaswerke uncnl- ,:777l:ch uu- Eigen:!»"» der Eommune übergehen sollen. Hierauf bcder Redner die neueste Erscheinung in der „Fraucnfrage", die V. '.'ammlu.igen der ReUen Samen .In den schärfsten Worten charakteri- >er b::'- Bewgung, welche den guten Ruf der Wiener Bürgcrsru -'.Pätuien geeignet sei.! iö Pakote „Kauft nur bei Ehriften!", ...!n dineh di.se Frauenver'amuilungeu Heuer zum erstenmal in herr.'r>.a>.'i'ter Weile eine praktische Belhätigung erfahren habe, sei scheu d u traurigsten Folgen begleitet gewesen. Turch diese unvcraut- ..::l:che Hetze, dr. leine Regierung dulden sollte, seien viele Spenden .'.üdgeb.ieben. im Rarbbaus stießen dieselben nur l'ehf spärlich ein. Sie!..lü"z:gen Spender haben cs endlich satt bckonimcn, für ihre lninu:::» Inicnli.'nen stch noch beschimpfen zu lasten. Ser Redner W. .ß au: denl Wunsche, daß cs der stlegiernng recht bald gelingen e. w::der angenehme und friedliche Zustände zu schaffen. In der nn» 'elaenden SiScuision gab Eounnereialrath Stiaßnn, welcher der Sn:e ur.r die >^eweroenooelle als Experte zugezogen war, die Erna ab. daß die Antiliberalen - in den Gesetzentwurf das Meisterst.:. das Ge'e.,eusli:ck und den Befähigungsnachweis im Handel aufa:.:on.ne» wiffen wollten'. Es sei ein Verdienst der Regierung, daß st n.ä! >o weil gegangen >'ci. Auch sei zu hoffen, daß der auSge-; ä,n.:e ffiei^ienr Hofrath Sr. Exn er zweckentsprechende Modisicänan.en au dem Entwurfs vornehmen werde, zumal der Handelsminiftcr >a E'e:relbed.!!sfchusse sich bereit erklärt habe, solchen Abänderungen Beide Redner ernteten lebhaften Beifall. Walllftillchltllg. Bei den letzten GemcinderakhSwahlen machte e .'lä'ehändler Johann Prijate! den Versuch, in der i*eopolbffabt den Wahldoeuinciiien seines Bruders Josef Prijatel die antist:a:::'ä'.!> Eandidaien zu wählen. Er wurde jedoch vou dem Vor- Wahleommisston, Bezirksausschuß Haller, beanstandet d ai» 23. d. M. von ciiiciit Erkenntnißsenatc des Landcsgerichtcs schist.dstz erlannc nnd zu vierzehn Sage strengen Arrests vcr- ::i:!:;ir. VllCrtf riaucr Der Sliat. > Ser Hausirer Alter Feuerstein trat a.w.ch :a in O'aühauS des II. Bezirkes, in welchem der antisemitische >. : :a:.'v Ac..i (Vvien mir seiner Geliebten saß. Als Grien des Hanst'.n.S an'ickirig wurde, rief er: „Hoch, Lueger!", was dem Hausirer st n. en.g vertrauenerweckend' schien, daß er schleunigst das Local wieder i e: lo."'en irollte. lslricn rief ihn aber wiederhol) zu sich, und als Fencri: :u 'einein Ti'che kam, utußre er ihm mehrere Saschenmeffer zur '.n: sich: '.d. nzen. Sa bemerkte er, wie die Geliebte Grien's di.'.m n l..' n Fußtritt gab, und im nächsten Momente fehlte schon eines . ' l:s re: gelegten Bl.»er. Als der arme Haustrcr dasselbe rcclav.n'rde er beschimpft, nnd er verließ, fro! ohne Hiebe fort» ins Local: draußen aber theilre er eine:» Wachmanne sein st i.:.' Sie'er schritt auch ein, und Grien hau h am 2;}. d. M. : . ::: E:ra'richler des Bezirksgerichtes Lcopoldstadl wegen Dieb- : - "> rerantworlen. Ser staatsanwaltschaftliche Functionär gab : u . äi: >.le'.anni, daß jGricn sammt feiner Geliebten schon früher ' w st nute-, ganz gleiche» Umständen wegen Siebstahls zum Nach- :! .:n:e jüdischen HausirerS angeklagt waren. Ter Richter vertagte ca! r di" Verband,ung zur Ausforschung der Geliebten des Än- >: . . igt.u sowie zur Herbeikchakfung des Boractcs. (Eine Spende aus Hannover.) Mehrere antisemitische Frauen Hannovers übersendeten dem Wiener Anlisemitcnführer 40 Mark als Beitrag zu den Kosten des Kampfes, den er eben führt. Vermuthlich sind diese Spenderinnen identisch mit jenen Vertreterinnen holdseliger Weiblichkeit, deutscher Sitte und züchtiger Anmuth, welche einst unter der Anleitung deS liebenswürdigen Leuß den keuschen Busen mit dem Bildniffe eines gehenkten Juden einfach und geschmackvoll schmückten. (Heiteres.) Die Berliner „Lustigen Blätter" bringen in Nr. 5 t folgende niit einem Trauerrande versehene Anzeige: A r i z o n a Jt i i t,r. Hauptstadt Phönix i» Arizona, Tecember tstt'5. Durch die vorliegende Extra Ausgabe unseres Plattes erfülle» wir die traurige Pflicht, unsere Leser von dem Ableben »nsereS Localredacteurs in stenutniß zu setze». Er hat sich heute eine Kugel durch den Kopf gejagt, und zwar mittelst eines vorzüglichen Revolvers, den die Hinterbliebenen zum Preise von 15 Dollars etwaigen Liebhabern ähnlicher Handarbeiten zur Verfügung stellen. Das Motiv seines verzweifelten Schrittes ist in der Anknnst A h lw a r d t's in Amerika zu suchen: unser verehrter College, der im Punkte lügnerischer Sensation das Höchste geleistet zu haben glaubte, konnte eS nicht velivinde», durch das Auftreten eines »och giößeren Aufschneiders und VerlenniderS in den Schatten gestellt zu werden. Scho» gestern war das Herz nnseres lieben Mitarbeiters von bangen. Ahnungen erfüllt: es wurde nämlich an, hellen Tage plötzlich stockfinster, ein Beweis, daß Ahlwardt seine Thütigkeit in Amerika bereits begonnen und Hierselbst das Blaue vom Hiinmel hernntergelogen Hane. Dazu signalisirte inan uns per Depesche den ersten Bortrag Ahlivardt's in Rew zhoik, welcher dermaßen von dreisten Ungehenerlichkeiten strotzte, daß die Schwalben ans den Telegraphcüdrähten der ganzen Strecke, vom Sänvindel ergriffen, bcwußloS zur Erde stürzte». Wir werden selbstverständlich nicht zögern, Herrn Ahlwardt nach Arizona einznlade» und ihm den erledigten Redactionsposten.au unscrein Blatte anzubieten . Um stilles Beileid und verstärktes Abonneineui bitten Verlag u n d R e d a c t i o n. In derselben Rnmmcr der „Lustigen Blätter" sinden wir ferner nachstehende Notiz: Ter Präsident ' k e v e l a » d hielt jüngst eine Rede, in welcher er aus kandelspoliti'chen Ursachen sehr grob gegen De>>t>chla»v wurde. Bon seinevUmgebnng ans dao Unpassende seines Lcnehinens ansinerkiam gemacht, ineinte er: „Ach was! Tie Deutsche» jaffen sich ja doch Alles gefallen!" Aber schon an» näck'sten Tage widerrief er diese Aenßernng. „Ich habe etwas Entsetzliches erfahren," jammerle er, „die Dculschc» rächen sich in fürchterlicher Weise an den Ainerikanern — sie haben uns soeben den Ahlwardt herübergeschickl " (Zur Berussstatistik der Juden.) Vor den in Berlin kürzlich zu Ende geführten Gemcindewahlen ist ein Vcrzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde erschienen, eine zwar unvollständige und ungenaue Liste, der sich aber doch mit Bezug auf die sociale Stellung der Juden in Berlin manch interessante Daten entnehmen lasten. Was zunächst die gelehrten Berufe anbelangt, so befinden sich unter den Mitgliedern der Berliner CultuSgemeinde 526 Acrzte und 315 Rechtsanwälte; unter den Aerzten sind 2 Geheime Medicinalräthe, 12 Geheime Sanitätsräthe und 52 Sanitälsräthe, unter den Rechtsanwälten 1 Geheimer Iustizrath und l* Justizräthe. Tein juristischen Berufe gehören noch an: 0 Amls- und Landgcrichtsräthe, 8 AmtS- und Landrichter. Tiö Liste zählt ferner auf 40 Profcfforen, darunter 3 Geheime Regierzingsräthc, 11 Privatdoccuten, 12 Oberlehrer, 42 Lehrer, 30 Journalisten und- Redacteixre (das also ist die verjudcte Berliner Presse!) und 31 Schriftsteller, ferner 25 Musiker und Eomponisten. Im Staatsdienst sind angcstellt: 1 Legationsrath, 4 Rcgierungsräthe, 1 Rcchnungsrath, 1 Stcucraufseher; im Eommunaldienst: 9 Stadträihe (darunter mehrere a. D.), 2 Stadtbaumeistcr, 1 Bauinspector, I SyndicuS, 2 Magistratsastestorcn, 1 Standesbeamter, 2 Magistratsbcamte. Beim Postfach befinden sich: 1 Obcrpostsccretär, 1 Postsecrclär, 2 Postbeamte, 1 Briefträger; beim.Eiscnbahnsach: 1 Eiscnbahnbetricbssccretär, 1 Eisenbahnbureauassiftent. Es finden sich ferner 12 Maler, 7 Bildhauer, 8 Schauspieler, 3 Thcatcrdirectoren. Im Baufach sind: 11 RegieruijgS-Bauiiieister, 10 Maurermeister, ferner 48 Ingenieure, Architekten, Zimmermeistcr und Baumeister. Hieran schließen sich 30 Ehcmiker in der Liste. In den einzelnen Gewerben zähltman: 112 Schneider, 57 Kürschner und Mützenmacher, 20 Schuhmacher, 18 Uhrmacher, 12 Buchdrucker, 13 Tapezierer, II Buchbinder, 9 Klempner, 5 Drechsler, 3 Sattler, 5 Schlaffer, 6 Bäcker, 14 Glaser, 8 Vergolder, 5 Mechaniker, 4 Tischler, 3 Graveure, 3 Bürstenmacher, 2 Friseure, 2 Lederarbeiter, 1 Webermeister, 1 Korbmacher, 1 Töpfer, 3 Gärtner, 1 Färber, 1 Schirmmacher. ES finden sich außerdem noch in dieser Liste: 2 Maffeure, 1 Schaffner, 1 Oberkellner, 1 Feuerwehrmann, 1 Stallmeister,