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Freies Blatt · 1895-12-29 · 195 (29.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
195 (29.12.1895)
Date
1895-12-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 195 Sfitc 3 Fr«1» Pächtern des Christenthums einen heillosen Schreck eingcjagt, der vielleicht das einzig Wahre und Aufrichtige ist, das wir jemals von dieser Sippschaft zu sehen bekamen. Es ist ganz possierlich, welche Bocksprünge die steifbeinigen Junker und schwarzbcknttctcn Superintendenten und Consistorialräthe jetzt machen, wie sie sich den Schaden.besehen, den ihr frivoles Spiel ihnen nun selbst macht. Tuich Jahre haben sie der Geistlichkeit das Recht vindicirt, die Kanzel zu politischen Treibereien niederster Sorte zu mißbrauchen, durch Jahre hat man den § locker und JSkraut mit breitem Wohlbehagen applaudirt, wenn, sic die dummgläubigen Seelen in dichten Schaare» der Rcaction zuführten. Run auf einmal, da ein paar Leute mit dem socialen Christmihum Ernst machen wollen, entdecken die Erbpächter des EhristcnlhumS, daß sich eine solche Wirksamkeit gar nicht für sittsame PastorcS zieme, und daß man derartigen gefährlichen Umtrieben energisch cntgcgcntretcn müsse. Seit.Monaten dauert in Deutschland bereits das Kesseltreiben der Conscrvativen gegen die sogenannten „christlich-socialen Pastoren"; man hat sie aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen, man hat sie politisch zu compromittiren versucht; sogar die große, alle, knarrende Wetterfahne im Sachsenwalde glaubte den „strebenden Pastoren" Eins versetzen zu müffcn, obwohl, als Bismarck noch des Reiches Leibarzt war, seine Reccple stets tinc ganz ergiebige Dosis von „strebenden Pastoren" aufwiesen. Man hatte aber an alledem noch nicht genug. Die Gefahr für die junkerliche Ruhe und Ordnung ist eben groß, und deshalb mußte der preußische Obcrkirchcnrath gegen die christlich-socialen Pastoren losgelassen werden, um sic :i tont j>rix. auch mit der Androhung der kirchlichen Tisciplinarstrafen zu Paaren zu treiben. Die Bannbulle.des preußischen OberkirchenrathcS ist ein seltenes Prachtstück pfäffischcr Unverfrorenheit. Sie besagt nämlich das ganze Gegentheil von dem, was die hochwürdigcn Verfasser eigentlich meinten. Mit der Mahnung, über die Beschäftigung mit sociylcn Fragen, die sie nichts angehcn, ihre pfarrämtlichc Thätigkcit nicht zu vernachlässigen^ wendet sicks der Oberkirchcnrath an Pastoren, welche in der Erfüllung ihrer Berufspflichten geradezu musterhaft dastchen, und seine Warnung vor der Parteinahme für die Forderungen des einen oder anderen Standes, der einen oder anderen GcscllschaftSclassc adressirt er an Leute, welche ihre sociale Mission eben nicht im Interesse einer einzigen Elaste oder Partei auffasten und ausfasten wollen. ES ist ja gar kein Zweifel, daß der Oberkirchcnralh und seine Hintermänner gar nichts gegen die sociale und politische Agitation der Pastoren einzuwcnden hätte und hatte, wenn diese jugendliche» Hitzköpfe die Kanzel nur wirklich in den.Dienst eines Standes und einer Gesell' schaftsxlaste stellen wollten. Diese heuchlerische Bcrdrchung der Thalsachen wird weit mehr zu einer Berurthcilung dcö OberkirchenrathcS und seiner Hintermänner in der öffentlichen Meinung führen als zu einer Berurthcilung des Pastors Naumann und seines Anhanges; diese scheinen. unS vielmehr die Leute, die sich nicht so leicht von einem Schreckschuß ins Bockshorn jagen laste», ja Pfarrer Rauman ist ganz chcr Mann, der vor einem Martyrium keineswegs zurückschrickt. DaS fehlte aber gerade noch, um die Jungpastoren-Partci zu stärken und zu kräftigen und damit dem ganzen christlich-socialen Schwindel der Stöckerei und Muckerei ein Ende mit Schrecken zu bereiten. Wir llnbctheiligten können ja der Entwicklung der Geschichte ruhig zuschcn und uns einstweilen — wir gestehen es ganz offen '— ein wenig schadenfroh die Hände reiben. Jede Schuld rächt sich auf Erden. (Der Zwist im rcactionären Lager.) Wir haben schon in der vorigen Nummer des „Freien BlatteS" von der schriftlichen Auseinandersetzung zwischen den Abgeordneten D i p a n l i und Hagen Hofer Notif genommen. Dieselbe fand nach einer Reihe von .Erklärungen ihren Abschluß in einem vom „Vaterland" veröffentlichten Briefe Hagenhofer's, worin cs hieß: „Herr Baron Dipauli gibt durch sein emsiges Bestreben, mich eineS BcrtraucnSmißbraucheS zu beinzichtigcn, eigentlich selbst zu, daß er mir Mitthcilungcn gemacht hat, von denen er jetzt wünscht, daß sie nicht allgemein bekannt werden. Ob eS aber überhaupt männlich, geschweige denn christlich ist, solche thatsächlich gemachte Aeußerungen einfach in Abrede zu stellen, wenn deren Bekaimtwcrden unbequem wird und denjenigen, den man früher aufgesucht und ersucht hat, dieselben einem größeren Kreise von Männern mitzutheilen, geradezu als Lügner oder als Trottel hinzustellen, auch wenn derselbe nur ein — Bauer ist, überlaste ich der Beurthcilung aller anständigen Menschen." Auch im Parlamente kam dieser Zwist zur Sprache, da Abgeordneter Kaltei^egger demselben fast seine ganze Rede in der Debatte über ba3» Budgetprovisorium widmete Antisemiten aller Schattirungcn äußerten darüber ihren Unwillen. Lueger fand, es sei schmachvoll. Geheimniste im Hause anszumachen; Steinwendcr unterbrach den Redner mit den Worten: „Zu »lat«. dumm!", worauf dieser cntgegnete: „Sie sind mir zu dnmi»!"; der drollige Ritter Troll titulirte den Abt Treuinfels „Rabbi", weil der Letztere seine Zustimmung zu den 'Aeußerungen Rallcneggcr's kundgab, der sich übrigens durch Zwischeuinfe nicht ans dem Eoncepte bringen ließ, sondern den Steinwendcr, Lueger :e.. eine derbe Lectio» crthcilte. „Die Herren," sagte er, „glauben, sie.könne» mit mir so verkehren, wie sie cS in ihren Kreisen gewohnt sind. Unterhalten Tic sich mit Ihrer Rohheit, so viel Tic wollen." Zum «Gegenstände des Streites selbst machte Kaltcncggcr folgende Mittheilungcn: „Die Richtbestätignng des Dr. Lueger war der Ausgangspunkt davon, daß einige Herren sich veranlaßt sahen, ans dein Eonjervativen Elub anSzutrctcn und eine eigene Partei r» gründen, Würde» wir Steirer alle diesen Elub verlassen haben, sp wäre."zweifellos die Folge die gewesen, daß der Conscrvativc Elub zerfalle» wäre, und das wäre vor» katholischen Standpunkte lies bedauerlich gewesen, den» wenn wir eine rein. >rationale Politik treibe», hört die österreichische Politik, von selbst auf. Dr. Lueger, so hieß cs, war der Srci» des Anstoßes. Run hörtenwir in neuester Zeit cms der Mittheilnng des Obmannes der neuen ' Partei, daß das doch nicht ganz richtig ist Er hat vielmehr erklärt und den Herr» Abgeordneten Hagenhoscr ermächtigt, dies auch in Graz zu sagen, der Grund der neuen Parieibildnng sei gewesen, daßdie Herren den durch die .Reichs post' irregeleiteten jungen ElernS wieder in die richtigen Bahnen znrückleiten wollen. Wir sind der bescheidenen Meinung, daß >oir den jungen ElernS rn führen weder das Mandat, noch den Beruf, noch die Geschicklichkeit haben. .Wir »alten es für eine Beleidigung, vom jungen ElernS zu sagen, daß er sieh so weit von der .ReichSpost' in ciiEr ichlimnreu Weise leiten ließ, ivas übrigens der Herr.Abgeordnete Freiherr v Tipauli mit einem Namen. ngnnte, den ich gar nicht wiederholen ivill, den aber der Herr Ab geordnete Hagcnhofcr vielleicht einmal nennen wird. Tie Leitung des ElernS ist. Sache der Bischöfe. Ist -das wirtlich w'a h was Baron Dipanli über die .Reichspost' sagte, dann wäre' daS Wirken dieses Blattes verhäng nißv oll. Herr Baron Dipauli erklärte, er wölle nichts-zu thnn haben mit der christlich socialen Bewegung, und er ermächtigte den Abgeordneten Hagcnhofer, daS in Graz;n sagen. 'Run aber leugnet er Alles stricte chb. Herr Baron Dipauli hat den Herrn Abgeordneten Hagenhofer ausgesucht und nicht-der Herr-Abgeordnete Hagen-. Hoferden Herrn Baron Dipauli. lind er hatte eine Absicht dabei' verfolgt, als er verlangte, daß die Sache in Graz bekannt werde. Ich sagte damals gleich dem Abgeordneten Hagcnhofcr: Ich traue Her ganzcn Geschichte nicht recht; ca kommt mir so ybr, als ob Bai^i Dipanli etwas mehr gesagt hätte, als er hat sagen wolle», nnd^n dem Zwecke, um uns cinznseifcn. Wenn sie mit dem Tr. Vuege^nichts zu thnn haben, so sind wir ja Ei»S, und mit der .ReichSpost' auch. Der ElernS in ganz Steiermark ist in eine schiefe Richtung gebracht worden. Alan wird erkennen, daß die Partcibildnng sich. nicht ans ganz sicherer Grundlage aufbaut, daß die Redensarten, die da geführt werden,- nicht für den Einen wie auf den Anderen päsien. lind, es muß das einmal offen gesagt werden, e S i st oaS G a n z e e i u Werk de.S Herrn Abgeordneten Baron Morien, lind warum'? Auch das kann ich offen sagen: D e: Herr ist'darum, so verletzt, weil er nicht Minister geworden ist. Die Sache ist auf seinen persönlichen Ehrgeiz znrückznfnhren.' Herr Baron Dipauli selbst hat den A b g e' o r o« e t e n v M o r s c y beschuldigt, daß d i c D i n g e s o w e i l g e d i e l> e»- s i n d, daß cs zum Bruche kam. Es ist einmal geschehen, es muß nun auch die Aufklärung kommen, sonst geht die Berwirrnng immer weiter, daß sich schließlich kein Mensch anskennt. Ich kann daS Borgehen des Herrn Baron Dipanli nur aus.chaS' Tiefst'e'bedauern, nnd er hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn nun die Meinung von ihm, die vielleicht früher eine ganz vorzügliche war,- etwas abgeschwächt wurde.-" Baron Dipauli »ahm daS Wort, nnd sagte: „Im Rainen der .Katholischen Bolkspartci' erkläre ich, daß wir Alle insgesamt,« cS unter unserer Würde halten, auf dcn^Lrattth des Abgeordneten Kaltencggcr auch nur mit Einem Worte ci^^sehcn: damit bi» ich fertig." Dem gegenüber constatirte Kaltencggcr, daß nichts-berichtigt worden sei und daß er Alles ansrechkerhalte, wa? er 'gesagt' habe. In den Wiener Antiseinitcnblättcrn, namentlich in der „ReichSpost", wird min der Abgeordnete der Grazer Landgemeinden so behandelt, alS ob er ein Liberaler oder ein nicht durch das Bad der Taufe gereinigter StämmcSgenosie der Porzcr und Spitzer-Weimar wäre. (Äkrciir zur Hcbnnst der Gewerbe in Wien. In der letzten Sitzung dieses Vereines sprach der ehemalige Gemeindcrath Francnbcrgcr über wirthschafllichc Fragen nnd erörterte zunächst die neue Gewcrbcnovcllc. Der in derselben enthaltene erweiterte Besähignngö Nachweis sowie die verlangte Bestätigung des Gewerbescheines seien

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