Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-12-29 · 195 (29.12.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
195 (29.12.1895)
Date
1895-12-29
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441704--2403-4888785
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 195. Freie» Blatt. sEIniftlidi focialc paftoren. (Ciiir: ’.! Millhcil^iig bei „freien Blattes" ) ’ I Berlin, 21. X^fmber. Tte hauptsächlich aus „jüngeren Slemcntcn“ bestehende Partei der . christlich socialen Pastoren wird von den Tivoli-Beuten dermalen viel attgcfeiitM, weil sie einen großen Theil des Polles, statt durch die antisemitische Phrase zu harauguire», in ein ernstlich soeialistischeS Fahrwasser luneinlenkt und nun auch eulschiedene Stellung zum Antisemitismus genomiuen hat liegen denselben erklärte sich neulich in einer Versammlung in Franksurt Pfarrer Naumann, der Führer der „jungen" Christlich Socialen. Er führte u. A. aus, es gebe traurige Zustände in Teur-schland genug, an denen die Juden gar keinen Antheil haben. Tie sächsischen und schlesischen Weber hätten einen viel schlimmeren Stampf durchznmachen als die hessischen Kleinbauern, und in jenen liegenden seien keine Juden. Unter die ostpreußisclzcn Gutsarbeiter komme kein lebendiges Ehristenthum, aber diesen Mangel haben nicht Israeliten verschuldet, sondern Germanen, die möglicherweise Conserratire sind. Ter Antisemitismus sei nicht zur Basis einer volkSwirihschasilicheu Bestrebung geeignet, als Weltanschauung sei er gesährlich. In EhristuS steckte, soweit er Nkeusch war, ein Stück ScinitiSmus: eS bleibe in ihm, wenn es viele Bölker auch nicht anerkennen wollen. Tie Tivoli-Leute werden schon noch spüren, wen ihr ''rivoles Spiel mit der „christlich socialen" Phrase zu gnterletzt auf die Tinger brennen wird. Porläusig kommt ihnen der preußische Obcrkircheuraih, der so viele Jahre hindurch zu den Umtrieben eines Stecker geschwiegen hat, mit einem Erlasse zu Hilfe, der sich gegen d:e den Manteussel und Genossen unbequemen Pastoren wendet. Als Anlaß zu der Kundgebung wird die Wahrnehmung bezeichnet, daß auch die Kresse der Geistlichen nicht unberührt geblieben sind von der das o'tentliche Interesse beherrschenden social politischen Resormbewegnng aut wirthschastlichem Gebiete, und .daß die an einzelnen Stellen vorgekoinmenen Ausschreitungen einen gewisiermaßen symptomatischen Charakter haben. Es mehre sich in geistlichen Kreisen die Neigung, auch über die in der Zwecklvhäre der Kirche' liegenden Aufgaben, insbesondere über die ihr befohlene Betheiligung an Werken der christlichen LicheStbätigkeit hinaus an socialen Bestrebungen theilzunehmen, namentlich auch ihre Thätigkeit unter Hintansetzung ihrer pfarramtlichen Wirksamkeit der Erörterung volkswirthschanlicher und social- : politischer Probleme zuzuwenden. Turch solche Thätigkeit könne die i Bertrancussiellnng der Geistlichen in ihren Gemeinden gefährdet i werden. Tie Hauptunache der bedauerlichen Wahrnehmungen sei zu i suchen in der jahrelang sortgesübrten, schon bei Sludirenden und Eani t-.taten einsetzenden Agitation, welche, begünstigt durch die weite Kreise . beherrschende, übertriebene Werthschätzung der irdischen Güter, bei j manchen Geistlichen dazu geführt habe, ihr Interesse rein wirthschaft- : lich-n, dem pfarramtlichen Berufe fernliegenden Gegenständen zuzu-! wenden und sich in einem der treuen BernfsersüUuug zum Schaden aereichende» Maße am politischen und socialen Parteileben zu beibeiligen. Tann heißt es wörtlich: „Gott hat sie (bie Kirche) nicht j -,ur Sci'iedsrichterin in weltlichen Sachen gesetzt. Jeder Persuch des <Geistlichen, maßgebend und Insbesondere außerhalb seines Amtsbereiches , ans die dem kirchlichen Gebiete fremden öffentlichen Angelegenheiten in-,»wirken, noch mehr jede Parteinahme für die Forderungen des : ::nc:i oder anderen Staitdes, der einen oder anderen Gesellschaftsclaffe j iu.liß das Ansehen des Geistlichen bei den anderen Gemeindegliedern schädigen, wahrend er rur Erfüllung seines Berufes des Bertrauens aller Gemeiutegüece-. bedarf. Gelingt es den Geistlichen, durch treue,! den Einzelnen nachgehende Seelsorge, durch liebevolle. Bewahrung der : Jugend, sonderlich der consicmirten Jugend, durch Ausgestaltung einer i alle Hil'dbedürftigen umfassenden Gemeindet siege, unter Umständen . alich durch Pflege einer die verschiedenen Kresse der Gemeinde ver- '! aidciiden edlen Geselligkeit, bei den begüterten Elasten dem Gewissen; utuprägen, daß tlceichthuin, Bildung und Ansehen nur. anvertraute! •v.ter sink, welche tic rum Besten ihrer Mitmenschen zu verwalten! . kte unter dem Trucke des Lebens stehenden.Elasten aber zu :r;eugen daß Wohlfahrt und Zufriedenheit auf gläubiger Einfügung u >>'rtter Weltordnung und Weltregierung auf tüchtiger, ehrlicher ' Arbeit und Sparsamkeit sowie auf gewissenhafter Fürsorge für das i! rauwachs.-,-.de '^-ckchlcchr beruhen, daß dagegen 'Neid und Gelüste nach! des Nächsten Gut k-.u göttlichen Gebot zuwider, sind, so tragen diei '.'lden r tcl tut Hebung der socialen Nothstände und zur Wiederherstellung des Perträueus zwischen Neichen und Armen bei." Der Oberkirchcuratb g^bt ''chlteßlich der Hossnung Ausdruck, daß die vorstehend entwickelte Aussa"uug über die Aufgabe der Kirche gegenüber den socialen Zeitströmungen nicht allein bei allen kirchenregimentlichen Organen Zustimmung, sondern anch in kirchlichen Kreisen, bei Geistlichen wie bei Laien, Widerhall finden werde, daß Ausschreitungen, durch welche daS kirchliche Leben und der Friede der Gemeinden gestört werden können, fortan nicht zu beklagen sein werden und den kirchlichen Behörden die Nothwendigkeit erspart bleiben werde, von den Mitteln der Disciplin Gebrauch zu machen. Die „jungen" Christlich- Socialen dürften sich kaum einschüchtern lasten. i ' II. i | Frankfurt a. M., in der Christwoche. | Tie christlich-sociale Bewegung in Deutschland hat einen eigenlhümlichen Wandel in Wesen und Form durchgemacht; eS war ein Kreislauf, der sich jetzt schließen will. Der ursprüngliche Charakter des christlichen Socialismus war ein ehrlich und praktisch aufgefaßtes Ehristenthum, nicht die Propaganda einer dogmatischen und speculativen Religion, nicht ein hierarchisches Streben, sondern ein Evangelium der! Lebensführung im Geiste der Bergpredigt, stark durchsetzt mit dem! realistischen, socialreformatorischen Sinne AlbionS, wo diese Idee von I leuchtenden Geistern geboren und getragen worden war und glänzende Erfolge errungen hatte. Ine den Sechziger- und Siebzigerjahren fand . diese Idee der werkthätigen, christlichen CaritaS auch in Deutschland j Eingang, in den Genostenschaftsaposteln V. A. Huber und Raiffeisen, ' dem Bischof Ketteler und anderen hervorragenden Männern feuerzüngige und thatkräftige Borkämpfer, und die Wirksamkeit dieser Bertreter des l christlich-socialen Gedankens ist sowohl in der Abhilfe in socialen! Nöthen )vie als Werk der socialen Versöhnung nicht hoch genug anzuschlagen. j Diese Lauterkeit der Ideen und Personen kam aber der Bewegung : bald abhanden. Wenn wir die Herolde der christlich-socialen Partei —! wie sie sich jetzt schon nannte — im abgelaufenen Decennium betrachten,! die Stöcker, Vogelfang u. A., so merken wir von der ehrlichen CaritaS! zwar nichts mehr, aber umsomehr drängte sich in-der christlich-socialen Bewegung eine muckerisch-speculative Richtung und ein politischer Elericalismus im Geiste der Stahl'schen Schule einerseits, andererseits aber eine Verquickung wirthschqftlich und politisch reactionärer Aspirationen vor, welche einen Thomas Carlyle oder Cardinal Manning, einen V. A. Huber oder Bischof Ketteler mit Abscheu erfüllt hätten. Christlich-social hieß bald agrarisch, hieß bimetallistisch, hieß zünftlerisch, hieß — antisemitisch. Das Wort christlich war nur mehr ein Köder, um die naivgläubigcn, das Wort social eine Verführung, um die radicalen Elemente des Volkslebens in dem reactionären Tümpel einzufangen, über welchen das Junker- und Muckerthum das alleinige Fischereirecht besitzen sollte. . Die Pastoren und besonders die junge Geistlichkeit sollten daS auserlesene Werkzeug sein, um die gläubige Schaar im Interesse des hochmögenden IunkerthumS an die Urne zu treiben, während die Antisemiten unterschiedlicher Couleur unter dem social tiefaufgewühlten Bürgerthum der Städte erfolgreich die Werbetrommel für die Reaction unter der Führung der Stöcker und Hammerstein schlugen. Tie Eintracht.unter den heterogenen Elementen war eine Zeitlang rührend. Jndeß nur eine Zeitlang. Es konnte nicht anders kommen, als daß eine große Zahl von Anhängern, besonders die jüngere Geistlichkeit, welche die christlich-sociale Idee ernst behandelt und vielleicht eben nur um destentwillen die schmutzigen Erscheinungsformen mit in den Kauf genommen hatte, eines Tages die Geduld und den Opportunismus von sich werfen und die Bewegung wieder in ihrer Reinheit herzustellen sich bemühen würde. Dieser Moment ist 'jetzt gekommen. Von der großen, dunklen, eklen Maste hat sich eine „Jungpastoren"-Partei losgelöst, in welcher der Geist eines praktischen Christenthums in seiner ursprünglichen Reinheit lebt und mit unheimlichem Ernste zur„Bethätigung drängt. An der Spitze dieser Partei der „socialen Pastoren" steht ein Pfarrer Naumann. Ter Mann ist Socialpolitiker mehr ex protes^o als prokessione, seine „Briefe an reiche Leute" können vielleicht nicht vor dem unerbittlichen Richterstuhle wissenschaftlicher Kritik bestehen, aber sie habeU etwas von der lyrischen Unmittelbarkeit Lamennai's in sich, jede Zeile, die Naumann schreibt, ist von dem hohen sittlichen Ernste, von dem wahrhaft evangelischen Geiste des Verfassers erfüllt. Und dieser Mann, der es nicht nur wagt, den Antisemitismus, dieses unerläßliche Requisit des Stöcker-Hammerstein'schen christlichen SocialismuS, als etwas höchst Unchristliches hinzustellen, der Mann, welcher milde und duldsam nach unten, gegen die Pharisäer von schneidender Rücksichtslosigkeit sein kann und sich nicht scheut, den Tempel von den schachernden Zöllnern zu reinigen, die im Hause deS Herrn ihre Geschäftchen machen wollen, dieser Mann hat den braven Drahtziehern der finstersten Reaction, den frommen Stützen von Thron und Altar, den Erb-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.