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Freies Blatt · 1895-12-29 · 195 (29.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
195 (29.12.1895)
Date
1895-12-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AdoniiknikiltspreiS. ffür Orsterrrich-Ungarn: Ga«;jäbrig ... 6 Kronen (fl. S.—) Halbiäbrig . . . . 3 Kronen 40 Heller (ft. 1.70) Vierteljährig. . . L Kronen (fl. i.—) ftür dagtjamnite dlu-land: Ganzjährig.6 Mark Halbiährig .. . 4 Mark Einzelne Vtnmmern S kr. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage 'Jicbnctiou inid Administration: I. Teilcrstiitte 10. Jnfccat« traben mit 20 Heller tl» ft.) iilr die viermal gefpaUe«': 2tonpLr>.iUneile berecdnct. Kleiner dlineiger dcrö Wort 4 Heller (2 kr.). Ausnahme von. Inseraten in unserer Administration s)wie im Annoncenburean M. TukeS. I. Äoll»cile n. - Rümmer 195. Wien, Li). Vtcember 1895. IV. Jahrgang. , Der Antisemitismus im 3afyre A895. In Oesterreich nahm der Antisemitismus in dem an der Neige stehenden Jahre eine bedrohliche Ausdehnung an. Der »iedcrösterreichische Landtag war schon zu Beginn deS Jahres der Schauplatz widerwärtiger Ausschreitungen. CS wurden daselbst von derMinorilät nicht nur Juden geschmäht und verdächtigt, sondern auch die Rachsucht gegen Christen, die dem antisemitischen Terrorismus Widerstand leisten, befriedigt und der gute Ruf gemeinnütziger Anstalten, die zur Förderung humanitärer und wissenschaftlicher Zwecke diene», in frevelhafter Weise angctastet. Der geistliche Rector der Wiener Universität konnte nicht umhin, zur Abwehr der thcils durch Unwissenheit, thcils durch Böswilligkeit verursachten Angriffe auf akademische Lehrer seine Stimme zu erhebe», allein die parlamentarischen und journalistischen Wortführer des Antisemitismus fielen über ihn so her, wie neulich wieder über den Reckor der Wiener technischen Hochschule, welchersich unterfing, die studitende Jugend vor Raccndnnkel und konfessioneller Engherzigkeit zu warnen. Den skandalösen Auftritten im Landtage^ folgten bald Gemcindewahlen in Wien, deren Ergebniß ei» Triumph der antisemitischen Hetze Mar. In Folge dessen entschloß sich die liberale Partei des Wiener Gemeinderathes, obwohl sie noch über eine kleine Mehrheit verfügte, von der Leitung der Communalgeschäfte sich zurückzuziehen. Der Anlisemilenhäuptling avancirte sofort zum Bicebürgermeister und erhielt dann sogar die nöthige Slimmenanzahl, um zum Stadtobcrhaupte vorrücken zu könnciz, hatte aber nicht den Mnth, bei einer solchen Zusammensetzung der Gemeindevertretung an die Spitze der Berwaltnng zu trete», und süh-te die Auflösung de« Gemeinderathes herbei. Rach einem heftigen, den ganzen'Sommer hindurch währenden Wahlkampfe schlosse» die Neuwahlen mit einem entschiedenen Siege der antisemitischen Streiter, deren Anführer nunmehr gern bereit war, die goldene Bürgermeisterkctte als Belohnung für seine AgitationSknnst dankend anznnehmen. Doch halten sich inzwischen die inneren Zustände stark geändert. DaS Coalitioiisministerium, auf welches auch die Gönner der Wiener antiscmili chen Bewegung einen mächtigen Einfluß übte», war zurückgetreten, und nach einer Interimsregierung, die der opferwillige Statthalter von Niederöstcrreich leitete, wurde ein definitives Cabinet ernannt. Der Chef desselben, Graf Badens, erklärte von vorneherein, er wolle führe», nicht aber sich führen lassen. Er benahm sich auch demgemäß, als der Antijemitenführer zum Bürgermeister gewählt wurde, und ließ sich von seiner Ansicht, daß daS öffentliche Interesse es erheische, dieser WahlFne kaiserliche Bestätigung zu versagen, durch nichts abbringe». -Der Antisemitenführer wurde als Bürgermeister nicht bestätigt, und der Gemeinderath, der ihn hierauf demonstrativ wiederwählte, aufgelöst. Diese Borgänge bewirkten eine Spaltung im parlamentarischen Club der Conservative»; aus demselben schied eine Anzahl intimer Freunde der Wiener Antisemiten und errichtete eine selbstständige Gruppe, welche von der Leitung des CentrumS in Berlin, offenbar auS Unkenntniß der Personen und der Dinge, mit einer Sympathiekundgebung begrüßt wurde. Der Streit um den Wiener Bürgermeisterposten rief ferner eine Reihe unerqnicklicher Skandale im Abgeordnetenhause hervor. Auch außerhalb deS Parlamentes kam eS zu Scandalfcenen, namentlich dadurch, daß der antisemitische Generalstab zu seine» als Drohung gegen >i> Regierung ver anstaltetcn Manövern anchRvcibliche Hilfstrupven nrigine. Allerlei Spektakel und Excesse, die Einstellung der Geineindeautonömie, die wirthschaftlichc Schädigung vieler Bewohner der Sladl durch lärmende Boykotte und eine in aller Stillt vor sich gehende ernst» Gegenactio», endlich die zunehmende sittliche Verrohung,' welche au-? den gerichtlichen Prolokvllen vst genug zu ersehen ist — das sind die Früchte, welche die antisemitische Bewegung in Wien zur R-'isr gebracht hat. Nicht so turbulent wie in der Metropole, aber inseinen Wir knngen nicht minder verderblich grassirl der Antisemitismus in den österreichischen Provinzen. In Ober oster re ich wagen es rechts kundige Mitglieder der obersten autonomen Berwaltnng, das 2iuuc grnndgcsctz zu Ungnnsten jüdischer Aerzle zu corrigiren. Die G, meindevcrlretung von Graz hält sich für berechtigt, die Freizügigkeit im Bereiche der steierischen Landeshauptstadt „mißliebigen Fn züglingen" zu vergällen, wobei sie -alterding« nicht so radikal v -r- . geht wie die Bürgerschaft des galizisch- TtÄd'.chens La'.'busch In einem mährischen Cnrorte werden jüdische Patienten nerhöhnl, beschimpft und selbst thätlich mißhandelt. Auch in den deutschen Bezirke»- Böhmen» treibt, wie die Landlagswahlen :>'üuu, der Antisemitismus immer mehr und iiiehr sein Unweien, und. .zwar sowohl der national schillernde als auch jener christnch-meial ge färbte, dessen Bekämpfung durch ein Machlwo;l des Balie-.u» der Fürsterzbischof von Prag nicht zu erwirke» vermochte. I» Ungarn aber wird kein Versuch zur Wicdeidtummg des Antisemitismnö geduldet, und das magst trasche Regiernngsistsiei» hat sich daher bei der antisemitische» Jnternationäle gründlich ver haßt gemacht. Weil toleranter ist inan den Antisemit«! gegenüber in einzelnen Staaten Deutschlands, besonders in SaAifen und Preußen.'Daselbst erlitt jedoch die Liga der Jndenheber cimu furcht baren Schlag durch den Fall Hämmerst«». Die sogenannt,» n servaliven können nicht mehr den Mund so voll nehmen, uni Corruption als „Eigenart der Juden" hinzuslellen, und auch die meisten Radau-Antisemiten befleißigen sich seither tut deutschen Reichstage eines ruhigen Tones und einer objeeliven Ausdrucks weise in einem solchen Maße, daß inan sie i» Wien für „Inden liberale" halten würdei In der Manier unserer- Aittlscmiten kämpft dagegen nach wie vor Eduard Drumont' in Paris. Da man aber Franzosen nicht durch fortwährendes Losziehen gegen Inden langweilen darf, sorgt er für pikante Äbwcchslmig, indem er bald bei einer Verlenmdungseamp.'.gne gegen de» Präsidenten der Republik initthut, bald zu», vermeintliche». Nutze» auswärtiger Genossen fremde Souveräne verunglimpft. - Zur Freude aller Antisemiten hat sich im Jahre l^'.C» auch der Stand der Inden frage in Rußland und Rumänien, in Marokko und anderen halb barbarische» Staaten im Wesentlichen nicht geändert. Nur in wenigen Gebieten des großen Czarenreicheö ist eine etwas mildere Praxis wahrznnchmen. Dort wirken eben Gouverneure, welche sich, soweit es in ihrer Macht liegt, an die Worte halten, die Nikolaus II. als Großfürst-Thronfolger gesprochen.haben soll:. „Ich bin ein frommglänbiger Christ, aber der Glaube an meinen Hei land gibt mir noch nicht daS Recht, andere Mitmenschen um ihres Glaubens willen zu verfolgen." Möge im Jahre l^'.l'i allerorten eine Wandlung im Sinne der Rechtsgleichheit sich, vollziehen! _ ttt

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