Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 194. Freies Blatt. eite l»l. leben!" antwortete freilich Talleyrand: „Ich sehe die Roth- Wendigkeit nicht ein!" In diesem Pnnkte sind die betreffenden Menschen jedoch meistens anderer Ansicht als der ehemalige Bischof von Autun. An Süßkind von Trimberg sehen wir jedenfalls, wie frühe sich bei deutschen Juden ein Versuch der vollkommenen geistigen Verschmelzung mit dem Bolke, unler dein sie wohnten, zeigte, ja, wie hoch der zuletzt schnöde Zurückgestoßene über seiner Zeit stand. Hinterher kommen dann die Glaubenseiferer und die Racenmäkler und werfen den so Behandelten vor, daß sie etwas Fremdartiges im deutschen Bolkskörper feie». Das ist die wahre wölfische Art, wie man sie auö einer anderen Thicrfabel kennt. Der Aaiser uttfc das poftbiicfyl. Eine WcchiilichlSkiiiiiierung. ES war im Jahre 1860, als der bekannte Theaterschriflsteller Haffner in FünfhauS an seinem Schreibtische saß. Er halte den sorgenschweren Kopf auf seine Hände gestützt, den», wie schon oftmals, hatten sich Kummer und Roth wieder zu Gaste geladen. Während so seine Gedanken sich mit der raschen Abwehr der beiden unliebsame» Gäste beschäftigten, öffnete sich plötzlich die Thüre, um dem Briefträger den Eingang frei zu mache». Er brachte aber nicht den gewissen Brief mit den fünf Siegel», er brachte überhaupt gar nichts, denn der Mann war an diesem Tage dienstfrei. Der arme Schriftsteller kegelte sich fast die Augen aus — aber wo nichts ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren. Der Besucher war der alte Geldbriefträgcr Kan, der heute nicht als Zusteller, sonder» als Bittsteller bei dem Poeten erschien. „Schamster Diener, Herr Haffner!" grüßte Herr Kan. „Servus, Herr Kan!" dankte kleinlaut Haffner. „Bringe» Sie mir den» gar nichts? Greifen Sie doch in die Tasche. Bielleicht finden Sie doch in einem Winkel einen Creditbrief an Rothschild für mich." * „O, mit so an Papier hält' i schon im Hof unt'n ,Bival Danzig!" g'schrien. I komm' diesmal nit, um was z'bringe», sondern um was z'hol'n." „Etwas zu holen? 4son mir? Unglückseliger, wer gack dir diesen Gedanken ein?" Der Briefträger blinzelte den Schriftsteller ein paar Secunden schweigend an, dann schlug er mit verschämten Wangen die Auge» nieder und lispelte schüchtern: „Postbüchl!" „Ha!" rief Haffner erbleichend und sank in seinen Stuhl zurück. „Ra, na, erschreckcn's nit! Sachen hält'» wir kvohl schon gnua für unser Postbüchl, a Menge G'spaß und Dummheiten^ | aber i möcht'. gern amal was Solides bringe», aber ja im Politisches oder ElericäleS, daß i ja nur kan Berdruß mit/dcr Polizei oder Geistlichkeit Hab'. So was G'mülhlich'S — mir n klans Gedichterl — 'S erfahrt's ja ka Mensch, daß Sie's g'macht hab'n." Haffner griff mechanisch in seine Mappe, Und der Zufall spielte ''ihm folgendes Gedicht in die Hand: DaS Testament des alte» Soldaten. Auf mit Gott, dem Feind entgegen, ' Der dem Baterlande naht. Doch zuvor den Batersege» Meinem Knaben, Kamerad! Eh' die hung'rige Hyäne- Unser gutes Eisen wetzt, Laß mir noch die warme Thräne, Die die braune Wange netzt. Ach, wer weiß es, auf wie lange Uns das ernste Schicksal trennt, Darum, liebes Kind,- empfange Mein Soldatentestament. ' » > Junge, sich', mein treuer Degen Ist mein bestes Hab und Gut, Dein sei's mit dem Vatersegen, Du kleinwinziger Recrut! Dein sei meine ganze Habe, Deutschen Kriegers deutscher Sohn! , Liebe, Treue biS-zum Grade, ' . Rimm für deinen Fürstenthron! Deinem Vaterlande weihe Dciizen letzten Tropfen Blut! Deine Ehre fei — die Treue, - Deine Tugend, sei — der Math! Folge keinem fremden Sterne, Der dir eitlen Glan; verspricht! Für Paläste in der Ferne Gib die deutsche Stätte nicht! Trost und Hoffnung sei dei.n Glaube, Zeige offen dich und wahr! Sei im Frieden eine Taube,. Und im Kriege sei ein Aar! Laß den Schwachen nicht bedrücken! Leih' der Unschuld gern dein Ohr! Zeig' dem Feinde nie den Rücken! Zieh' den Tod, der K>tte vor!; Knabe, was ich bin, das werde, Ein Soldat mit Lust und Math — Dann such' einst daS Hänflciu Erde, Wo dein alter Vater ruht! Und wenn aus den blaue» Zelten, Die die goldn'e Kuppel ziert, Einst der Feldherr aller Wellen „Abgelöst!" dir commandirt, Dann, mein Junge, abgesesscn! Bring' dem Feldherrn den Rapport, Und hat man dich hier vergessen, Avancirst du sicher, dort! Der Dichter laS Kan das Gedichtchen vor, aber dieser kratzte sich hinter den Ohren und schüttelte sehr bedenklich das patriotische Haupt dazu. „In Hiutmelsname», i will s wag'n!" sagte er endlich mit ■ einem schweren Seufzer. „Aber wann i nur kan Anstand Hab'! Mil'n Militär is nit z'spaß'n." J Das Gedicht erschien im „Postbüchl", und schon am Jänner deS neuen Jahres wurde der Briefträger Kan aufs Gcnerälpostamt beschiedcn. Der gute Mann glaubte vor Schreck i» die Erde zu sinken, als er dort plötzlich einem hohe» Officier, M»qii Obristen, gegenüberstand. ,VSic sind der Verleger dieses Postbüchelö?" fragte der Ge waltige. — „lniterthänigst aufz'warl'n!" stotterte erbleichend der Gefragte. „Von wem ist das Gedicht ,DaS Testament des alten Soldaten"?" „Von, — 4)oii — o mein gerechter Himmel — hal s an An. stand. Euer Gnad'n?" „Fragen Sie nicht, sondern beantworten- Sie meine Frage, die ich im Aufträge deS Kaisers an Sie stelle." — „Des — des — Kaisers?" hauchte Kan. „Der Teufel hat \ mi zu dem Demagogen h'nauSg'führt. I Hab' mir's glei dacht, daß da a wilde Wäsch h'rauskomme» wird." ' Er-mußte den Rainen sagen, fügte aber mit zitternder Stimme hinzu: „Auf Ehr' und Seligkeit — i bin unschuldi!" „Riemand zweifelt daran," cnlg-gnete lächelnd der Officier. Kan eilte nach Fünfhaus. Spielberg — Kufstein — Munkacs und andere wohlklingende Rämen von Rebellenkäfigcn schleuderte er aus trockener Kehle heraus, als er wieder das Zimmer Haffner's betrat. „Fliehen Sie, Unglücklicher — fahr'n's ab, 's ist ka Augenblick mehr zu verlier'n!" „Was sagen Sie?" „Z'sammpack'n, furt frag'nS nit, Sie — Sie Hochverräther!" „Ich?" „Gerechter Gott, was ist geschehen?" fragte die Hrau, hie zitternden Kinder an sich pressend.