Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. Nr. 194. Freies Lin jüdischer Minnesinger vor 700 fahren. Bon Sttrl Blind. In einem Feuilleton über „Heinrich Heine" von Gustav Karpeles ^Nr. 153) wurde Lipmann Moses Büschenthal, der Lerfasser des Dramas „Der Siegelring des Salomo", als ..der erste oder mindestens einer der ersten jüdischen Dichter in deutscher Sprache" genannt. Vergessen wir indeffen nicht, daß in weit älterer Zeit, als die Kunst der Minnesinger — der „ersten elastischen Dichler" Deutschlands, wie man sie bezeichnet hat — in ihrer Blüthe stand, ein Manu aus. hebräischem Stamme bereits in unserer Zunge dichtete und einen für jene Tage bemerkenswerth hohen. Gedankenflug nahm. DaS ist der Jude Süßkind von Trimberg. Er lebte vor bald siebenhundert Jahren i» Würzbnrg. Eine landläufige, aber irrige Ansicht geht dahin: die Minnesinger seien lauter große Herren aus adeligem oder fürstlichem Geschlechle gewesen. Sogar Uhland, der es als gründlicher dienner unserer alten Dichtung sicherlich besser wußte, hat in seinem . Märchen von der deutschen Poxsic" öicfer Meinung unwillkürlich Borschub geleistet. Um die Gegensätze zwischen dem Minne- und Meistersang und der nachfolgendeit „Sluben-Poesiescharf herauszuarbeiten, schfldert er den ersten Zeitraum so: Kiel flolze Ritter ginge» Ter Holden Dienste nach: Heinrich von Lflerdinge», Wolfram vcn Eicheiibach. Sie gingen in Stahl und Eisen, Goldborten in der Hand: Tie Fürstin war zu presse», Tie solche Tiener fand. Und dann hören wir, wie — Kor alter Städte Mauern Ter Wiederdall erklang; Tie Kürzer und die Kauern Erhüben frischen Sang. Gewöhnlich wird denn auch angenommen, der Minne- und Meistersang trügen ihre strenge Verschiedenheit schon in ihren Namen. So macht man eine ungebührlich scharfe Trennung. In Wahrheit war die Bezeichnung „Meister" schon in der sogenannten Minnesinger Zeit üblich. Unter Anderem sagt Meister Hadlaub imdreizehnten Jahrhundert von seiner Vaterstadt Zürich und der vorhandenen Singschule, d. h. Lehranstalt für die Dichtkunst: Des prüeft man <lik da meistersaug. Dasselbe Wort „Meistersanggebraucht der ebenfalls im dreizehnte» Jahrhundert lebende Dichler, der unter dem Namen „Der Unverzagte" bekannt ist. Andererseits ist der Ausdruck „Minnesinger", obwohl er schon im Mittelalter vorkam — u. A. bei Hart mann von Aue —erst im achtzehnten Jahrhundert durch Bödmer zur Bezeichnung unserer älteren Dichler aufgebracht worden. Nun stammt allerdings die Mehrzahl der aus dem Mittelalter auf unS gekommenen nieder von Männern adeligen G-schlechtes, namentlich deS niederen Adels. Sogar Kaiser schlugen die Leier. Der Hohenstaufe Heinrich IV. gehörte zu den Minnesingern. Ein anderer Hohenstaufe. Friedrich II., versuchte sich nur i» italienischer Zunge. Beide haben tiefgefühlte Liebeslieder hinterlassen. wie man eS namentlich von dem erstgenannten, hart und gewallthäiig angelegten Herrscher kaum erwarten möchte. Ob der größte Minnesinger, der auch gegen das Papstlhum mächtig donnerte und für die Reicheeinheit wider das Kleinfürstenthum stritt, Walther von der Bogelweide, ursprünglich dem Adelsstände oder dem Stande der einfach Freien angehörte, ist »och nicht auSgemachk. Im Uebrigen sinden sich unter den „Minnesingern" eine Anzahl Leut.e aus der Masse des Volkes; darunter ein Schreiber, ein Schulmeister, ein Fischer, ein Schmied und andere Handwerker —- ja. schrecklich zu sagen, auch ein Jude! Uiner den Handwerkern sang Barthel Regenbogen so von sich selbst: Ich Regenbogen, 3d> war eiu Schmied; Ans hartem AmboS Gewann ich gar kümmerlich mein Brot. Atmuth hat mich besessen. Blatt. Dieser Volksdichter, der sozusagen Luther's große Kirchenverbefferung um mehr als zweihundert Jahre voraussah, läßt in einem Zukunfs-Gesichle den Kaiser Friedrich (es ist damit ohne Zweifel nicht der Rothbart, sondern der geistig freier denkende Friedrich II. gemeint) wieder auferstehew und seinen Schild an den bekannten dürren Baum der Sage hängen, worauf dieser sofort zu grünen beginnt. Die Macht des Reiches wird nun wieder hergestellt und gewaltig vermehrt, „der Pfaffen Meisterschaft" aber bedeutend verkürzt. Die Klöster, die zerstört er gar, der Fürst gar hochgeboren; Er gibt die Nonnen in die Eh', da« jag' ich euch fürwahr. Sie müssen uii» bauen Bzein und Sorn: Wenn dageichieht, so kommen unr gute Jahr'. Aber in einem Vorurtheile ist Regenbogen unheilbar befangen. Er ist ein Judenfeind und spricht die Hoffnung aus: der wiederkehrende Kaiser werde scharf mit ihnen verfahren. In einem besonderen, gegen die Ungläubigkeit der Hebräer gerichteten Liede Regenbogen'S heißt es: .lud. glaubst du. da? Got hiinel und erdm Besehüefe’ — „JA. dar weiz ich wizzenlich viir war!" Daz ist guot, Jud! üeloubestu. Daz er ist schepfer aller creatiiire. Daz er gemachte mensche werden? — .Kein! dö zweiet sich diu rede: Got ist bar Der menscheit! Nieman mich dar zu Kan bringen. Der geloube ist ungehiure, Daz Got je würde menschenbaer, Uder von einer meid ie bürtie werde!" : Da der Jude nun zwar den Gottrsglauben bekennt, aber keine Menschwerdung der Gottheit zugeben will, so ruft Regenbogen aus: „Schweig', Schalk! Soll man dich verbrennen auf der Hürde?- Schließlich sucht er ihm aus einer Stelle in JesaiaS zu beweisen, daß eS mit der Menschwerdung und der Geburt durch eine Jungfrau seine Richtigkeit habe. Wie sprach sich nun, inmitten so grimmig ketzerrichterlicher Gesinnungen, der Jude Süßkind von Trimberg auS? F.st im Sinne von Spinoza sang er: Gedanken kann Niemand'verwehren den Thoren, noch den Weisen; Trum sind Gedanken frei, erhaben über alle Dinge . .. Gedanken schlüpfen durch den Stein, durch Stahl und durch Eisen; Gedanken sorgsam erwägen, wie die Hand die» »nd da« vollbringe. Lbwohl man Gedankt» niemals sah. So spürt man doch ihr Streben. Gedanke fliegt schneller über Feld, ÄlS eines AugeS Blicken Gedanke kann wohl ob allen Aaren hoch in den Lüste» schwebe». Süßkind zog, nach damaliger Dichter Weise, an den Höfen von Fürsten und Herren umher. Seine Sprache zeigt große Gewandtheit; und er vermochte wenigstens eine Zeiilang durch solche llinfahrten seinen Lebensunterhalt in derselben Weise zu erwerben, wie dies die meiste» Sänger von adeligem Geschlechle, desgleichen Walther von der Vogelweide, thaten. Zuletzt aber wurden ihm traurige Erfahrungen zu Theil. In einem Liede, in welchem er Abschied von der Kunst nimmt, erzählt er : er fahre auf der Thoren Fahrt, da die hohen Herren ihm nicht mehr Gabe reichen; so wolle er denn ihretl Hof fliehen, sich einen langen Bart grauer Haare wachsen lassen und nach alter Juden Art lebe». Angethan mit langem Mantel, den Hut tief ins Gesicht gezogen, wolle er demüthiglichen Ganges dahinwandeln und selten mehr singen höfischen Sang. Es ist noch ein Lied von Süßkind vot Händen, eine Thierfabel, worin der Wolf ansruft: man klage ihn mit Unrecht deffen an, was er doch lhnn muffe, um seines Leibes Nahrung zu erwerben. „Dazu bin ich geboren; die Schuld, die ist nicht mein!" Gar mancher Mann hat treffliche Pflege, Ten man sieht Falschheit treiben Und Gut gewinnen offenbar Mit sündiglichem Trachten. Ter thiit viel schlimmer, als wenn ich nähm' ein Äänselein. . . Solch' Falscher in seiner Weise , Ist schädlicher, als ich,, und will unschuldig sein! Man hat nicht ohne Grund angenommen, eS sei dies eine vertheidigende Entschuldigung für dir aus vielen BerufSzweigen ausgeschlossenen, daher auf gewagte finanzielle Unternehmungen angewiesenen Juden, die eben auch glaubten, leben zu müssen. Dem Bettler, der ihn mit den Worten ansprach: „Ich muß doch