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Freies Blatt · 1895-12-22 · 194 (22.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
194 (22.12.1895)
Date
1895-12-22
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr. 194. Seite 11. reies 11 I d t t. PetruS thut, ach, dann bin ich noch iminer nicht geboren! seufzte . . er traurig im Weiterwandern. So schlich er zur Stadt hinaus. Die Weihnachtelichter verschwanden hinter ihm, vor ihm lag nächtlich und dunkel ein weites Blachfeld. Nach einiger Zeit sah er ein Dorf und im Dorfe ein altcS Schloß, welches zu einem Gefängnisse eingerichtet war. Das ganze Gefängniß strahlte von Wcihnachtstichlcrn. Der Knabe jubelte. Recht so! rief er, die Arme», die Nackten, die Gefangenen sollt ihr bedenken. Hier endlich wird meine Wiege stehen. Sofort war er im Hause. Da sah er ein Weib, welches in einer (icke faß und weinte, uubelheiligt am Weihnachlssiste.; Warum bist du verstoßen? fragte der Knabe voll Milleid. Weil ich eine rückfällige bi», war dir Antwort dcS WcibeS. Warum wurdest du rückfällig? Ich mußte. Ich war in Noth und vergriff mich an fremdem Eigcnthume. Hat man aus.einem christlichen BesserungShausc dich im Stande der Noth entlassen? > Ja. Soll'ich das glauben? Ist daS die Wahrhcil? Und das Geist äuge des Knaben sah ihr mit wunderbarer Schärfe i„ö Her;. Das Weib antwortete: Ich könnte anö dem Ucbcrvcrdienste meiner Sirafarbeit allerdings eine Baarschaft von 2S Gulde» haben.' Aber die frommen Schwestern und ihre gollscligc Oberin nsirtlen sich in den Augen der hohen Hcirschafien hcrvorihun — leider auf Kosten der armen Gefangenen. Und so nehmen sie u»ö unaufhörlich unser Bischen Erspartes weg, woran wir ein kleines Capital zu einem ehrlichen Erwerbe hätten. Bald müssen wir steuern für die Wasseruoth, bald für die tapferen Krieger, am meisten aber für den Pgpst und den PelerSpfennig. So haben, sie mir meine 28 Gulden »ach und nach bis auf 12 zusammengeplündert. Sage nicht „plündern". Solche Gaben sind freiwillig und du Chattest ein Recht, Nein zu sagen. Du sprichst wie ein kltineS Kind. Wen» man nicht tanzt, wir die Nonnen Pfeifen, so sckkiren sie Einen zu Tode. Da schrie der Knabe, alS ob ihm. ein Messer i»S Herz führe, zum Himmel hinauf: Mein Vater, mein Vater, ich bi» »och immer nicht geboren! Und mit verfinstertem Anleihe stürntte er aus dem Hause und sprach einen Spruch gegen daö HauS — ein Nachtvogel, der an scinem Munde' vorbeistrich, hat ihn gehört. Und der Nachtvogel flog in die Stadt hinein. Dr. Giokra aber fuhr ans dem Schlafe, denn er hörte ein Zwitschern vor seinem Fenster: Du Mann da drinnen, wen» du Minister bist, ende die geistliche Verwaltung in Nendorf! Der Herr trägt dir'S! auf — und das Volk erwartet, daß du klüftiger fei'st als ein Schwächerer vor dir! — j Bin ich doch neugierig, mcinen Peter zu sehe», der so vitte j Pfennige braucht, .sogar de» ei preßte» Schweiß der armen Ge-; fangenen! So sprach der Knabe und' zog auf der Straße »ach! Süden iinmcr tiefer hinab. Von seinem Wandel ging ein Schein ■ auS, und in Städten und Dörfern guckte bald da, bald dort > Einer zum Fenster heraus und meinte, es. sei ein Nordlicht. Kein Mensch erkannte — de» Knaben auS der Fremde! Auf einmal {loAib eine Ricfenkuppel in der vufl und ein Palast lag dabei mit unzähligen Vorhöfe», und das Ganze war umi schwärmt von bewaffneten Garden, vivröe-Bediente», Earosscn, > Fackeln, Piffcrari-Gcdudel. Der Knabe schlüpfte durch all daö Gewühl und — stand im Eabinete deS Heiligen VatcrS.; Der Heilige Vater saß bei einem guten Kaminfcucr und! schlürfte eine Tasse Ehocolade. ES war ein alter freundlicher! Herr mit milden, leutseligen Züge», welche sogleich daS Her; bcö! Knaben gewannen. . ■ i Grüß' dich Gott, Statthalter, sagte er; ich bringe dir meinen . PcterSpfennig. Aber sage, wozu brauchst du nur. alle diese Pfen- | nige, he?! Um das Reich Ehristi zu verthcidigen. j Warum nicht gar! Deö Menschen Sohn hatte nicht, wohin er . sein Haupt legte, und soll sein Statthalter mehr habe»? Mein i Reich ist nicht von dieser Welt, sagte Ehrislus. j Der Statthalter antwortete: Kind, das vcistehst d-u nicht.! Wen» die Mensche» gehorche» solle», so müssen sie Macht sehe». j Erst geistige Macht, bald ober sinnliche, glänzende, ja schreckende,! K denn die Menschen sind ein schwaches Geschlecht. Der Knabe schmunzelte mit einer holdseligen Ironie: Nu», man muß ihrer Schwäche nur nicht allzu willig entgegenkomme»! Der Statthalter fuhr fort: Ich habe die Frage der weltliche» Herrschaft reiflich studirt. Wenn ich mich bestrebe, dieselbe aufrecht zu erhalten, so geschieht" das wahrlich nicht aus Ehrgeiz, sondern weil ich überzeugt bin, daß diese Herrschaft mir unerläßlich ist, um einer vollständige» Unabhängigkeit, zu genießen und um meine geistliche Autorität mit alter Fre heil anszunben. Der Knabe schüttelte den Kopf. Du sagtest, die Mensche» sind so schwach, daß sie weltliche Macht sehen müssen, nm;» gehorche». Wie aber, wenn sie diese Beacht bestreite»? Dam, ist i» ihren Genitilhern eine Wandlung vor sich gegangen, und diese. GcmüthSwandlring ist selbst wieder eine Macht, eine geistige Macht, stärker als deine weltliche. Pelerchcn, Peterchen, .in was für einem falsche» Zirkel bewegst dn dich da! ' Daö ist ei» verdrießliches Gespräch, sagte der Statthalter und kraule sich daö Ohr. Der Knabe fuhr fort: Vergangene Zeiten habe» dich mit Weltlicher Fürstlichlcil niiegestallet, die veränderte Meinung der gegenwärtige» entkleidet' dich wieder derselben. Denk' also mit Hiob: Der Herr hal's gegeben, der Herr hal's genommcir, gelobt sei der Herr. ' Der Statthalter sagte: Hiob war. er» srommer Blau», aber Petrus ist größer. ' Der Knabe anlworlcle: Ich streite nicht »in deinen Besitz. Dn bist ein Friedenssnrst, und kannst du ihn friedlich genießen, so thn's. Aber dn kannst cS nicht.. Er kostet dich Btnlveraußen, Krieg. Und wenn d» von Petrus sprichst, so hat Ehnsius der Herr-zu PetruS gesagt:" Wer daö Schwert gebraucht,, wird durch das Schwert umkommcn. Der alte Herr, welcher bekanntlich ein witziger Kops war, sagte mit heiterer vaune: Ja siehe, mein 'Kind, das befolge ich aufs Wort. Ich gebrauche auch nicht daS Schwert, sondern das Ehassepot Gcwdhr. Aber dem Knaben lhat dieser Witz bitterlich iveh. Eine Thiäne trat in sein schönes Auge, und mit dem'iicssten Herzcnslone klagte er: Ach, ich bin »och immer nicht geboren! — Er irrte vom Trasievere ans andere Ufer hinüber Hier war eine andere Welt. Kein .fröhliches'Menschengewühl, kein lausend flammiges Weihnachtoleuchle». Oede und , menschenleer war die Gasse, still und dunkel. ES war das Ghetto. ' Indem der Knabe im traurigen Sinnen w hinschlich, drnnge» ans einem Fenster deS Erdgeschosses die Gebelesworte an fein Ohr: „Hanaurcs haloilo onu madlichim al hampim Ha, meine Muttersprache! ries der Knabe. In diesen Vanten hat meine allerseligste Mutier mich sprechen gelehrt! Gegrüßt, sei die Zunge deS vandömannes. und gesegnet die rippe des'Beters! ^Lein Her; wallte hoch auf, eine Frcndcnlhräne durchglünzte sein Auge. Im Nu stand er im Zimmer. In der Mille schwarzlockiger Knabe» ragte die Gestalt des Patriarchen; Silber umwallte sein Haar, und sei» halbblindes Auge sah Gottheit und Ewigkeit. Noch hielt er den Schamcs in der .Hand, womit er zum. EhanntaFeste daö erste Vicht der achlzüngigcn vainpe angezündel. Und soeben kam die Mutier nach -Hanse, einen schweren'Pack von Wochenkram auf dem Rücken, wovon sie den alten Vater und die jnn.uü Kinder im Schweiße ihres Angesichtes ernährte. Sie halte den Kindern Spielzeug und Süßigkeiten nulg. bracht, worüber ein Slnrin von Jubel ansbrach. Aber der fremde Knabe bekam von Allem sein Theil und die Kinder luden ihn. ein, Trcnderl mit ihnen zu spiele», und' so .oft-er gewann, r'r>ulen sie sich, und Alle herzten und hätschelten ihn, und der Freude wurde kein Ende. .. , In der Mille der Jndenkiuder feierte sein Weihnachlsfest — der Knabe anS dev Fremde! , ' So vcrjzing die Nacht. Die Kinder 'sckilieien in ihren Bellchen. Aber der Knabe anö der Fremde schlief nicht. Er trat an die B lichen seiner Gespielen heran, streckte segnend feine Hände über sie anö, und sagte: Wachset und werdet groß, und alle Schütze der Erde solle» euch , verliehen sein. Ihr sagt wenigstens nicht, daß ihr sie sammelt in meinem Nälucn und zu meiner Ehre. Ihr beleidigt mich ivenigsteuö nicht! — — Dieses Blättchen widme ich allen guten und ehrbare» Menschen, ganz besonders aber meinen geistlichen Freunden, welche mein vorjähriges Weihnächte Feuilleton in einer Staalsschrifl verewigt und so in die Geschichte Oesterreichs cingcführt haben. /

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