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Freies Blatt · 1895-12-22 · 194 (22.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
194 (22.12.1895)
Date
1895-12-22
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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> Nr. 194. freies Blatt. Seite 9. der dortigen Polizei in Empfang genommen und zur 'Verbüßung seiner Strafe in das Ratiborer GerichtSgcfängniß eingelicfert. (Reichthum der russischen Juden.) Nach der officiellcn Statistik des Gesundheitsamtes zu Wtlna verzehrt jeder christliche Einwohner der Stadt jährlich 151 Pfund Fleisch, während der Verbrauch der jüdischen Bevölkerung nur 123 Pfund per Ropf im Jahre beträgt. Es gibt kein drastischeres Zeugniß für die Armnth der dortigen Juden.' Aus antisemitischen Oereinen und Oersammlungen. (Eiu Wcihuachtstoast.) Ein Freund »nseres Blattes schickt n»r folgende» Toast zu. de» ein Amiseinitensiihrer in einem christlich-sociale» Conventikcl zur Weihnachtsfeier halten wild: „Liebwerthe Gesinnungsgenossen! Gelobt sei JesuS Christus, so ruse ich heule ans liesstci» HerzeiiSgrnnd'e, bis in alle Ewigkeit, Amen. Heute, am hehre» WeihnachtSfeste, wo Christ»» der Herr , in die Menschheit getiele», um als Berkiinder der frohe» Botschaft von der alle Menschenkinder umfassenden Liebe dein Satan, diejcm Berkiinder des Haste», den Raps zu zerlrelen, heule ist e» eine heilige Pflicht jede» wahrhaft Christlich- Socialen, den Baler, der über den Sternen thronet, zu preisen, daß er seinen einzigen heißgeliebte» Sohn geopfert, um die Sünde» der Menschheit z» beheben und Satan« Herrschaft sür immer zu brechen. O, gepriesen sei die göttliche Weisheit,- die sich eine schlichte Jungfrau ans dem Stamme David eilor, ni» da» Gcheimniß der Menschwerdung vollsühren. Anbelen und be-vnndern laßt uns den göttlichen Ralbschluß, daß gerade anö der Milte de» hart geprüfte» und über alle Welt zerstrente» Volker der Inden der göttliche Erlöser hervorgieng! Da« arme unglückliche Bolk der Juden ward anSerkiese», der Welt den Heilattd und Erlöser zu geben, da» geknechtete, utig>itck>eltge Bolk ward wirklich ei» auSerwählteS: a»S seiner Mitte erwählte Christus der Herr fein» Jünger, welche der Welt da» Evangclittin der alle Menschen ohne Unterschied de» Glaubens, der Abstaiiimmig und des Standes titnsaffenden göttlichen Liebe verkünden sollte». Tank dem seinem Gölte treu ergebenen Bolle Judas, lausendmal Tank! Ohne diese» vott Gott selbst auSerwählie Bolk könnten wir dieses hehre Fest der Wiedergeburt des Lichte» ztnd der Lefreinng der Menschheit auS den Banden der Hölle nicht feiern. Deshalb, Ihr lieben'Nachfolger Christi, wo Ihr einen Inden sehet, rufet mit lantcr Stimme: Nieder mit den Juden!" Frenetischer, nicht endenwollender Beifall wird dieser^ Rede folgen; dreitausend Weiber wetden dem Redner eine shtnbolische Roseukrone statt der Dornenkrone aufsetzen, und der slovakische Pfarrer ans Milotitz wird rufen: „Hoch Christu»! Hoch Lueger!" K. li. (Die Nelken Tftmen.) Außer den von uns in der vorigen Nummer erwähnten Berfammlniigen von Nelken-Tamen fand noch eine große Anzahl solcher Meeting» statt, und bei einem derselben wurde den Frauen nahegelegt, tagtäglich beim Einkäufe recht viel beiseite ztt legen und e» dem antisemitischen Wahlsonds zu widmen. Sonnlag den 15 d. M. fand sich der Antiietniten- Häuptling bewogen, sein Amazonen-Cotpr zu beurlauben; in einer im Hotel Wimberger abgehältknen Bersammlung that er nämlich kund und ztt wissen: Die Frauenversammlungen müssen nun aushören, damit die Frauen zu Weihnachten zu Hause bleiben können. Ta», was die Franen in den Bersammlungen gehört haben, sollen sie gut im Gedächtnifle bewahren, fleißig agitiren und ebenso fleißig für den Wahlsonds sammeln, aber nur im Geheimen; sollte c« dann vor den Wahlen »oththnn, dann werde man wieder Frauenversammlniigen einberusen, die Frauen wieder mobilisiren, um dem Grafen B a d e n i zu zeige», wa» die Wienerinnen vermögen. Am Wahltage selbst müsien die Frauen energisch agitiren und die Männer unterstüven. An demselben Tage, an welchem diese Beurlaubung erfolgte, erklärte einer der Führer der Social-Temokraten in einer Arbeitetversammlung, da» Bolk von Wien habe andere Sorgen al» die, ob Lueger zum Bürgermeister avgncire oder nicht, und er machte auch die Bemerknng, der Schlauheit Lneger'S sei der Ministerpräsident weit überlegen. Trotz ihrer Beurlaubung haben übrigen» die Amazonen-Corp? doch noch einige Uebnngeii abgehalten. (Politische Oomnil» Voyageurs.) Man schreibt «NS: Der „Deutschnationale Berei n" i» B r ü il n hatte zu seiner 22. BereinSversammlnug die Herren S. H. Wolf, Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau", und Dr. je. F o ch l e r, ehemaligen Gemeinderaih i» Wien, zu Gaste geladen. Herr Wolf hielt einen Bortrag: „Politische St>eiflichter" Und sei» Reisebegleiter eine Rede über die „Wiener Gemeinderathswahlen". Ter Bortrag dr« Herr» Wolf, der nichts den»-" eine Copie der bekannten pbrasenreiche» einzigen Rede Schönerer'» war, die in dem Satze ruht: „Nicht libeial, nicht clerical, sondern national!", enthielt auch eine» Protest gegen die Zumtzthnng, al» ob die Deutsch-Nationalen von der Couleur Schönerer etwa» Gemeinsames mit de» Christlich-Socialen und Clericalen hätten. „Wir wollen," rief Herr Wolf mit Emphase, „vor Allem da» Heil de» deutschen Volkes, »nd weil wir dcSJudenthüm für eine Gefahr erkannt habe», wollen wir da» Judenthnm auSgeschieden haben. Nicht deswegen, weil e« einen große» Theil de» NationalcapitalS zusammengerafft hat, wir wolle» es, weil es nnS in unserem BolkSthume, in »nsercin germanischen Idealismus geschädigt hat. llnser AntisemitiSmnS ist nicht bloß ein wirthschaftlicher, 'sondern auch ein ethischer., Durch gar vie^f Canäle dringt jüdischer Geist in nnS. Einer meiner Freunde sagte einst zu .. mir: ,Jch brauche alle Jahr wenigstcNS eine» Monat, um mir meine geistige Gesundung z» holcn. Da krieche ich in Tirol ans einen hohen Be/g zur Sonne, und bevor ich den Ort beziehe, lasse ich mir die Geivißheit geben, daß tritt - Jndenblatt hinauflomntt. Ich muß eine geistige EntjndttngScur vornehtnen.'" Wie schade, daß Herr Wolf nicht den 'Namen seine» alljährlich heilbedürstigen Freundes nennt. Dem könnte int Schloß Rosenau viel früher geholfen werden. Oder sollte dieser ttiigenannte Freund etwa der ehemalige Chef und Busenfrenttd. Wolf'», Herr Ernst Bergani sein? U. A w. g (Attch ritt Priester des Ebristettlhums.) - Int Tentich-conservativen Verein zu Frankfurt a. M. hat dieser Tage der Psarrer JulinS Werner auS Beckendorf bei OscherSlebe > einen antisemitischen Portrag gehalten, in welchem er znm „energischen Itan-ps gegen da» moderne Judenthnm" aufries. Pfarrer JulinS Werner motivirte diesen ÄampseSrns durch-das Dogma, daß „jeder' anstäudtge Mensch Antiseniit" sei. An einer anderen Stelle seiner Rede' sagte der Priester der Nächstenliebe auch: „Tie Juden .sind mir so gleichgiltig, daß ich sie am liebsten gar nicht sehe." Man schreibt nun der „Frankfurter Zeitung", daß dem Herrn Psarrer denn dockt nicht immer die Juden so gleichgiltig waren, jedensall» nicht zu Ansang der Achtzigeriahre, da er al» Sindiosn» der Theologie ein Stipendium a tt S e i n e r F r a n k f n r t e r S 11s t u n g b e z o g> d i e e i n I tt d e z n G n n st e n S t u d i r e n d e r aller C o n ses s ione n gegründet hat. Ja „Dankbarkeit ist eine Zier, doch kommt man weiter ohne ihr". (Shsicmatischc Jtldcubetze.) In Leipzig btldele.sich ei» netter Berein, der die Judcnhetze in ein Siistem zu bringen sucht. Tie mittelalterlichen Bersolgnngen sollen wieder anslebcn und durch die nene"Racentheorie vetstärkl werden. „T e n t s ch e r Berein" — nennt sich diese taubere. Leipziger Gesellschaft, deren Satzungen folgeitde-Befttminnngen enthglten: „tt Verbot gemeingesährlicher Einwanderrtttg (Inden, Chinesen, Neger u. t. w.>. §. 7. Wir stehen aus dem Boden deS AntisemitiSin»». AIS liemtzeiche» des JüdenthnntS gilt die Race. AIS Juden sind alle diejenigen zu betrachten, bei deren Abstammung innethalb der drei. letzten Geuerationc» «Eitern, Großeltern, -Urgroßeltern) auch mit eine Person rein - jüdischen B.ntcs nachzutveitcn ist. Wir fordern folgende Jndengesetze: I. Ausschluß der Inden von den Aemtern der Richter und der ordentlichen UniversitätSprosessoren: ron allen behördlichen Stellungen: von den Stellungen militärischer Borgeietzier und der unteren Be- - amten. Tiefe Ausschließungen gelten auch sür diejenigen Teutschen, welche Jüdinnen geheiratet haben. Znlasinug znm RechtSanwaltstand nach Percentjatz. Indische Aerzle dürfen nltr Inden behandeln, ausgenommen in Fällen erster dringender Hilfeleistung. Jndiiche Lehrer dürfen nur in jüdischen Schulen nnter richten. 2. Einrichtung'jüdiickier Schnlen. Ofsenlassnttg de» Privainnlerrichte» sür Mischlinge. 2. Verbot, nicht-jüdische Dienstboten zu halten 4. Ausschließung von össentlichen Lieferungen und Berpachtnngen. 5. tleberietznng der jüdischen Gesetz- und Religionsbü^ter, besonder» d ü Talmud und des Schnlchan Aruch. 6. AuSdehnunz des sächsischen Schächtverbotes ans dar Reich. 7. Stenntlich. machung durch jüdische/Bor> und Znnamen. dl. Judeustatisiik." Tie Veranstalter dieser systematischen Jndenhctze treten sehr selbstbetvnßt ans; trotzdem sie. den jüdischen Einfluß bei allen Großstaaten sür übet mächtig halten, scheinen -sie nicht zu besorgen, daß zum Schutze der Inden früher oder später der „großen Seestadt" Leipzig eine europäische Flottendetttoustratiott drohen könnte. ' zAhlwardl'ö Gastspiel in New?)orf.V Nach einer Meldung der „Times" anS New?>ork machte dort da» Gastspiel de» dollatdutstigen Ahlwardt gänzlich Fiaseo. Tie geiammte New Porker Presse sprach sich gegen Ahlwardt an» und behandelte satirisch seine Person und seine Bestrebnitgen. Ahlwardt hatte eine Bersautmlntig in Cooper'S Union Hall angelündigt, welche-2t»0 Personen saßt. Zn derselben erschienen jedoch .mir 2<X) Personen, wovon beinahe die Hälfte Polizisten waren, die schließlich den Saal räumen tnnßien. Man hörte Ahlwardt gar nicht an und warf nach ihm mit faulen Eiern. 2ius antisemitischen Blättern. (Lieben Jahre „Tcitlsärrs Volksblatt".) Am 15. d. M feierte das „Deutsche Bolksblatt" seinen siebenten Geburtstag und widmete demselben einen Leitanfiatz voll stolzen SelbstbewußtieinS. Zwischen den Zeilen war zu lesen: Al» unser Blatt da« Licht der Welt erblickte, mußten wir unS vor Schönerer, welcher, nnierer Gcldnoth spottend, ntt» einen sesten, unzerreißbaren Strick al» RettnngSmittkl empfahl, dentüthige», ihn, den Böiert, lobpreisen, dafür aber die un« vermöge ihre» Charakters näherstehenden christlich-germanischen Männer Schneider, Lueger und Pattai anrempeln. 'Heute sind wir bereit» in der' glücklichen Lage, dem Schönerer den Schtnuel Leeb liohn vorzuhalten. Hron'«, Wols'S, Arnot'cht'S, Jro'S Enthüllungen haben uns nicht daS Geringste geschadet. Mag tut«' der Schloßherr von Rosenau nicht bezahlte Ehrenschulden, Corruption, literarische und selbst nichtliterarische Tirbstähle -vorwerfen lasten, wer gibt heutzutage etwa» aus diesen Millionär und seine Schreibknechte? Wir halten jetzt Schneider für einen Ehrenmann; mir behaupten, daß Lueger - nie seine Uederzeugung und Parteistellung gewechselt hat. daß Schlesinger in der WährungSsrage sich auSkennt und-Pattai persect Französisch spricht; wir ver-

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