Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i Nr. 194. .freie» Statt. Seite 5. A» unsere Leser! Wir erlauben uns den P. T. Herren Abonnenten und Gesinnungsgenossen uiitznthcilen, daß das „Freie glatt“ vom I. Jänner 1896 ab insosernc sein ArbcitSprograuiin zu erweitern gedenkt, als es zn der bloß negativen Polemik mit den Antisemiten eine ständige Rubrik für social- T politische Artikel und llotiicit gesellen wird. Wir beabsichtigen in dieser Rubrik nicht nur jene wirthschaftlichcn Verhältnisse, welche von den Antisemiten zn Agitationszweckcn ausgrbcutct wurden, eingehend vom social politischen Gesichtspunkte;n beleuchten, sondern auch positiv, im Geiste der friedlichen, ans gcnosscnschastlichcr Selbsthilfe beruhenden Socialrcforin auf die Kleingewerbetreibenden zu wirken »nd unter diesen fruchtbarere und zugleich freiere Ideen zu verbreiten, als dies der Autiscmitismns thnt. Wir. appcilireu hiebei nicht in letzter Linie an die Thcilnahmc aller Gtsinnnngsgenossen und bitte» sic ganz besonders, »ach dieser durchgcsnhrtcn Reform auch für die Verbreitung des „Freien Blattes^ in den kleinbürgerlichen Kreisen thätig sein zu wollen, zu welchem Zwecke wir jederzeit bereitwilligst Freiexemplare zur Verfügung stellen. Tic Administration dcS „Freien Blattes". tVercin zur Abwehr des Antisemitismus.) ^Montag den Ui. d. M. hielt der „Verein zur Abwehr des Anliseniilisnius" niiler Vorsitz deS Herrn Präsideiitcii Baron A. G. v. Suttner und in Anwesenheit zahlreicher Herren eine Vorstnudssitzung ab, in welcher außer de» administrativen Fragen besonders eingehend die Stellung des Vereines zur focialcii Frage des Kleingewerbes und die Thätigkeit des NechtschutzbureauS diseulirz wurden. (Ans dem Abgcordnttcnhansc.) In der Debatte über den DiSpositioiiSfondS hielt Abgeordneter Noske am UH d. M. eine Rede, in welcher er sich mit den Zustände», die der AntisemiliSinuS in Wien gcschast'en hat, eingehend beschäftigte. Tie BoycotlirnngSvcrsuchc,. die Massenfälschung von Wahllegitimalionen, die Meclingö der sttelken- Taine», 'die Mitwirkung der .Christlichen Familie" bei den antisemitischen Umtrieben — all daS wurde vom Redner auf. Grund von Thatsachcn zur' allgemeinen Aufklärung erörtert. Derselbe berührte auch die Förderung, welche den antisemitischen Hetzern von Seite der Geistlichkeit zutheil wird, und sagte: „Wir haben in Wien Geistliche die auf der Kanzel den Unfrieden predigen, welche die Bevölkerung gegen die jüdischen Mitbürger aufhetzcn." Hierauf erzählte er folgenden Fall, der sich in der Provinz zugctragen hat: „Ein arme Frau nimmt sich aus Wien ein Findelkind, welches das Unglück hat, ein jüdisches zu sein, und setzt den Pfarrer des Lrtcs davon in Krnntniß. Mit einem Ansdrucke von Bildungsmangcl. der nur von jenem Ausdrucke übcr- Iroffen wird, d u ein Wiener Tomdcchant bei einer anderen Gelegenheit gebraucht ■ it, wird die arme Frau angesichts dcS Umstandes behandelt, weil st sich erlaubt hat, ein jüdisches Kind zu bringen, und der Ausdruck e.^ Fanatismus steigert sich »och mehr, als dieses arme Kind stiebt. Ter Pfareer sagt: Dieses Judcickind lasic ich nicht auf dem Friedhöfe begraben, verscharrt cs auf dem Hutanger, und so geschah es auch. In Folge einer Beschwerde dcS RabbinatS wird dieses Kind später exhumirt und auf Befehl der weltlichen Behörde auf dem Friedhöfe beerdigt. Und so etwas nennt sich katholischer Priester! Co ctwaS harf geschehen, ohne daß eS die Erbitterung aller anständigen Leute herauSfordcrtc! Wan» wird endlich der Kirchcnsüist crst.chc», der sagen wird: Ist das katholische Religion? Wann wird er erstehen und wird die Religion der Nächstenliebe predigen und sagen: Ich darf nicht die Interessen der streitenden Kirche über die Interessen der christlichen Religion stelle»; ich darf nicht zugcbcn, daß, weil eine Bewegung mir Handlangerdienste leistet, sie die katholische Religion und Alles, waS dem Katholiken heilig ist, in da« Grgenthcil verkehrt, ihm durch ein solches Vorgehen sein katholisches Bewußtsein raubt, weil er daran zweifeln muß, ob das jene Religio» noch ist, die Christus der Herr seinerzeit gelehrt hat? Man mögc nicht vcr-' gessen, daß eine solche Bewegung, wen» sie auch momentan gewissen Jntercsien der.rlericaleu Partei Hilfe leisten mag, das wahre Christen - thuin und den heiligen Begriff des Christenihums, der in jeder christlichen Lecle lebt, auf daS Tiefste schädigt und schädige» muß Man j müsse sich fragen, ob eine solche Christcnletrrc niil dem wahren Christenthum im Einklänge steht. Ter Ministerpräsident hat jüngst-ein schönes Wort gesprochen. Er sagte, die Regierung sei der Anschauung,, daß Christcnthum Duldung sei. Ich danke ihm für didseS schöne Wort, aber ich'Hütte gewünscht, daß dieses schöne Won ei» hoher Kirchen i fürst gesprochen hätte. Seine Cache wäre eS gewesen, diese Art j Christcnthum in den Vordergrund zu stellen, und ich hone, daß auch .! die Zeit kommen wird, wo die richtige Erkcnntniß in diese Kreise : dringest wird." Herr Lueger unterbrach den Redner mit dem Zwischcn-! rufe: „Ein solcher Kirchenfürst wäre ei» Schurke, wie er nicht ärger j sein kann." Abgeordneter NoSke hat sich insoferne geirrt, als schon; einzelne Kirchen fürsten in Ccsterrcich bei vrrschedenen Anlässen die ' antisemitische Bewegung auf das Schärfste verurthciil haben, darunter der ruthcnischc Metropolit Cardinal S c in b r a l o w i e z . Cb Lueger \ diesen Jrrthum nicht absichtlich übersah, al? er den Schurken Zwischenruf - wagte, möge dahingestellt bleibe». Seine sonst noch Form und Inhalt treffliche Rede schloß der Vertreter der Inneren S:adt mit den Worten: „Ich rufe nicht nach der Polizei. Fch verlange nicht Strai,naßregeln, ich I verlange prophylaktische. Maßregeln. Ich verlange, daß die Regierung die Gefahr für die önentlichc Crdnnng und Sicherheit erkennt, die in dieser Bewegung liegt, daß sic im Vorhinein sorgt, daß dsr richtige Geist i» die Bevölkerung komnil und das ösienilichc stebe» autgeklärt werde über die Verhetzung, damit endlich die ZeiiHviederkomiut, wo die Bürger Wiens sich bewußt werde» der große» Aufgaben, die vor ihnen stehen und die sic nur durch Einigkeit und Eintracht lösen können. Die Bürger Wiens mögen nicht auf dcni W-ge dieser kleinlichen und erbärmliche», Hetze sorlschreitcn. sie mögen wegen di,'er jammervoll kleinlichen Geschichte, ob ei» Maun.daS Ziel seines Ehr gcizcS erreicht hat oder nicht, sich nicht bekriegen,, sondern einig dem Ziele zustrcben, durch große wi'.lhschaslliche Maßregeln die Blüthe und daS Gedeihen dieser Stadt zu fördern, lind in diesem Sinne glaube ich mit de» Worten eines anderen Redners ebenfalls schließen zu sollen: Möge Gott unser armes Wien vor seine» Feinden und schlechte" Rathgcber» bewahren!"' Im ivciicren Bei lause der Sitzung poleinist'ite Lueger gegen Noske: trotz der Tüza Efzlarer Bn'ennadel, die er sich einst als'Gegner der Blutbeschuldignng spcndiren ließ, "iliat er, so, als ob er an jüdische Ritualmorde glauben würde, und erklärte seiner pathetisch, daß „wir des heiligen Vaters in Rom sicher find". Dann bemängelte'Lueger die Wahrheitsliebe des Ministerpräsidenten. Der ehrliche Lueger, welcher nie von,der Wahrheit abweichl! Zu'all'gerweise.war der „SlovcnSki GoSpodar" an demselben Tage so indisrrei, zu erzählen: Lueger habe im Sommer in Steinbrückmit einem i'lo vcnischen Nationalen eine llntcrrcdnng gehaot und diesem gesirgt, er werde wohl gegen die Slovenisirung d.eS . Cillier «'stunnasiumS n.it Rücksicht auf seine Wähler stimmen müssen, er tlme eS aber i» der llebcrzcugung, daß die Slovenc» auch ohirc ''eine Partei die Mehrheit, erhalten. Käme die Cillier Frage wirklich in Gefahr, ''o iviirde er mit seiner Partei de» Slovenc» zu Hilfe c-ilcu. Graf B r b e n i behandelte diesen WährhcitSfrc'und nach Verdienst, als er ans denen periörliche Angriffe nicht einging und nachdrücklichst betonte, 'r werde sich nicht Worte herauSlocken lasic», die dann verdreh: und absichtlich »ul schlechtem Glauben mißdeutet werden. - - Am 17. d M benützte Lueg'cr die Besprechung des Au'wandeS ^'Nr die gemeinsamen An-' gclcgcnhcitc» zu einem mit E>gi'»l»b vermischten wtisteu >>Kä'chiuipse ' sowohl gegen Ungarn als auch gegen die Dcn'.'ch-ViberaUn, »nd -während einer strebe, in welcher Tr. Eduard» S ucß mit großer Sgch kcnntniß daS Verhällniß CcstcrrcichS zu Ungarn .beleuchtete, rief er dazwischen: „Die ungarische Regierung gehört ins Criurina! " <M>ß mann, Steiner, Tr-oll undSchcächcr benahmc.r sich ebenfalls, wie der Vorsitzende sich auSdrückte, „eomplct unanständi'g". Tresiend bemerkte Dr. Ruß, daß Lueger'S Auslassungen oft einen psychopathischen Eindruck machen und daß viele Erscheinungen in Wien an den BoulangiSmus erinnern. — Am Schlüsse der Sitzung vom 1* d. M. kam ein DringlichkcitSaulrag Steiner'S zur Verhandlung, welcher dahin ging, eS sollen auch männliche Lehrkräfte sür die D-ireelionS- . und Lehrstellen ^an weiblichen Volks- und Bürgerschulen compctircn können. Die Dringlichkeit diese« Antrages, welcher keinen anderen Ziveck ‘ hat, als die Lehrerinnen, die eben kein Wahlrecht haben, z r Gunsten! der Herren Wähler aus dem Lchrerstande zu beeinträchtige», ,wurde! abgelehnt. Ter UnterrichtSministcr bekämpfte den Antrag Steiner als! gesetzlich und administrativ unzulässig, die Abgeordneten Dr. Beer