Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441702--2386-4888769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Niger 1× ep/1824046
OCR text
Nr. 194 Seife 4. freie* Blatt. -Schule von Alexandrien, eine Uebersetzung der ZliaS in Bersen und eine Uebersetzung der „Gedanken" von Marc Anrel. Kostbare Früchte zeiligle ferüer das eindringliche Studium des Sanskrit und der altindischen Philosophie. Barth-lemy war ein entschiedener Bekämpfer des Materialismus und huldigte der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit der Seele aus inewphysischen und moralischen Gründen. Nicht als Hypothesen wollte er sie gelten lasten, sondern er drückte ihnen den Stempel vollendeter Wahrheiten auf. Bezeichnend für seine Weltanschauung ist ein Briet, welchen er am 10. April 1880 an den altkatholischeu Pfarrer Pepy in Primtrul (Canton Lern) gerichtet hat. Er lautet: .A'icber Herr! Ich will mit Ihnen hoffen, daß man Sie in Ihrer Pfarre lasten wird, und nach den Einzelheiten, die Sie mir geben, wäre cö eine Verletzung der Gefühle Ihrer Pfarrkinder, wenn ein Eultus eingestellt würde, der so viele Anhänger hat. Der liberale KatholicismuS scheint mir die einzige Zukunft der Kirche in Frankreich und den anderen katholischen Ländern zu sein. Ebensowenig als Sie glaube ich an den Sieg des Materialismus; er widerstrebt allzusehr dem gesunden Perstande und ist trotz seiner wiffenschaftlichen Ansprüche zu wenig intelligent. Er macht heute großen Lärm, aber ich vermag nicht zu gewahren, daß er an Boden gewinnt, ja er scheint manchmal eher zurückgedrängt zu werden. Ich empfehle Ihnen in die'er Hinsicht die Redf, mit welcher der Chemiker I. B. Dumas Herrn Taine in der französischen Akademie antwortete. Der beständige Seereiär der Akademie der Wiffenschafien war niehr als jeder Andere Untreu, io zu. svrcchen, wie er cs thak, und das französische Publicum batte >eit Jahren nichts AehnlicheS gehört. Ich bin noch ganz von Beivnnd'rnng ersüllt.?ie Jesuiten regen sich gegenwärtig stark, und der Erzvnchof von Tours macht nach dem Borgange des Monsignor Frexvel. gemeinschaftliche Sache mit ihnen. Ich halte sie aber für zu ichl.ru, um den .itamvf ans einem so ungünstigen Boden zu unternebnien: sie haben das Gesetz und die öffentliche Meinung gegen sich und werden es nicht bis zum Aeußersten kommen laffen. -Sie werden >:ch hinter den' Wind zurückzii^en, um im Geheimen wieder aufzukauchen und in ruhigeren Zeile"» ihre Complolte fortzuspinnen. Die Regierung wtrd fest bleiben, ohne zu verfolgen, und all dieser eitlen Hindernist- Herr werden. Die Kirche Frankreichs würde einen schweren Fehler begehen, wenn ne sich mit den Jesuiten identisicirle; ich hoffe, daß sie der Gefahr, der jene sie anssetzen, inne wird. Sie sehen, lieber Hsrr, daß ich optimistisch bleibe, wie ich es endlich auch hinnchtlich des europäischen Friedens bin. Berlin denkt mehr an Rußland als an Frankreich, und cs hat Recht." Es ist selbstverständlich, daß ein Mann von io ansgleichender Gerechtigkeit die Inden als Bolll Niger angesehen wissen wollte. gebiete, welche Hunderttausenden von Arbeitern Erwerb bietet, nur „dem Fleiße und dem reellen Wettbewerbe der Juden" zu verdanke» ist. Die Tuchfabrication in Lodz, das den Namen, eines russischen Manchester sich erwarb, verdankt nach dem Berichte des Grafen Schuwalow ihren guten Ruf der Solidität der jüdischen Fabriken. Bei seinem jüngsten Besuche in Lodz hat der Generalgouverneur mit eigenen Augen die nützliche Thätigkeit der Judeü 'auf dem Gebiete der Tuchfabrication gesehen und sich von der allgemeinen Achtung überzeugt, 'welche die jüdische» Fabrikanten bei ihre» christlichen Mitbürgern sowohl als auch bei den Arbeitern genießen. Die gleichen Folgen für eine gedeihliche Entwicklung der Fabriksindustrie hatten, wie Graf Schüwalow berichtet, die von den Juden in Bielostok wäb"'nd der Jahre 1870 bis 1880 errichteten Fabriken. Gegen die >o ott gehörte Behauptung, daß die bäuerliche Bevölkerung von den .Inden angeblich ausgebeulet werde, führt Graf Schuwalow eine gt..ize Reihe von Petitionen verschiedener Bauerngemeinden im Wcichselgebicte an, welche um die Zulaffung von Juden zur unbeschränkten Ansiedlung in den Dörfern ansuchen,, und aus denen klar hervorgeht, daß die Bauern die feste Ueberzeugnng hegen, daß gerade die in den letzten Jahren stattgefundene Maffenausweifung von Juden aus den Dörfern den Niedergang der Landwirthschaft und die Verschlechterung ihrer materiellen Lage herbeigeführt. habe. Mit ebensolcher Entschiedenheit kehrt sich Graf Schuwalow gegen die von den Judenfeinden ausgestellte Behauptung. daß die Juden im Weichselgebiete den Wucher professionsmüßig betreiben. Die Gerichtschronik dieses Gebietes für die letzten fünf Jahre weist nicht einen einzigen Fall auf, wo ein Jude wegen dieses DelicteS-'verurtheilt worden wäre. Wohl standen Jude» im Laufe dieser Zeit unter der Anklage des professionsmäßigen Wuchers, sie wurden jedoch von den Geschworenen einstimmig freigesprochen, weil die Anklagen sich als unstichhälng erwiesen. Bon dem Gemein- und Wohlthätigkeitssinn der Warschauer Juden weiß Graf Schuwalow viel des Guten zu erzählen. Die von ihnen in Warschau errichteten Asyle für Obdachlose und für Krüppek ohne Unterschied der Confessio» werden vom-Generalgouverneur als Werke der wahren Nächstenliebe und Barmherzigkeit bezeichnet, die für den Assiniilationssinn der Juden deutlich genug sprechen. Der Schluß, zu dem er in seinem Projecte kommt, ist, daß die Eigenschaften der Juden in moralischer und ökonomischer Hinsicht durchaus nicht derart sind, wie sie die Judenfeinde schildern, und keineswegs eine Rechtfertigung für die Politik der Judenverfolgung bilden können. In seinem Bestreben, im Weichselgebiete eine Politik der Pacisicirung zu begründen, will Graf Schuwalow die Lage der Juden in Congreßpolen ebenfalls mildern und trftt deshalb für die Schaffung normaler Zustände auch zu Gunsten der Juden ein. stimmen aus Marschau und Tiflis. > Tnginal Mittheilnng de« „Freien Blattes".) PelerSbnrg, Mitte Teceinber. 'Rgen Ende dieses-Monates treffen in Petersburg die Generalaauverneure von'Warschau und DifliS, Graf Schuwalow und Scheremekjew, et:i, um die von ihnen der Regierung überreichten Projecte zur 'iiimiliaiig von Reformen im Weichselgebiete und im Kaukasus mündlich zu unterstützen. Unter den Reformplänen der beiden Generalavuverneure verdienen icne besondere Beackttung, welche sich mit den :siech!sverhältn<s'en der Juden befaffen. Wenn die in der letzten Zeit in Petersburg eingelaufenen zahlreichen Petitionen des Adels, der Ständeverwalinngen uyd der bäuerlichen Gemeinden um die Einstellung der JudenauSwei'nngen aus den Dörfern und den Marktflecken die russischen Machthaber von der verhängnißvollen Wirkung der anrijüdischen Politik der letzien sünizehn Jahre aus das gesammte ökonomische Leben im Czarenveichc noch nicht überzeugt haben sollten, so dürften den Allgewaltigen;Ansiührungen deS Grafen Schuwalow und des Generals Scheren:: über die Lage und die Bedeutung der Juden in den ihnen uvierstehenten «Gebieten denn doch diese Ueberzeugnng beibringen. Citt ein Jahr bekleidet Graf Paul Schuwalow das Amt des r''e:'algoilvcrneurs im Weichselgebiete, aber er hatte in dieser Zeit!'»re ich: nt: ' Rleg.'nheil, wahrzunehnien, daß die unter seinem Vorgänger Ginko ganz willkürlich erhobenen Anschuldigungen gegen die Inten in Congreßvolen der Wahrheit nicht entsprechen. Der KriegSruf der rv'fischen Judenfeinde. „Rettet die junge russische Fabriksproduction '■ot der Au-benlniigssuchl der Juden!" findet in den Darlegungen des Grafen Schuwalow eine wohlverdiente Zurückweisung. Tatenmäßig meist er nach, das das Aufblühen der Fabriksindustrie im Weichsel- Berdienen schon die Ansichten des Grafen Schuwalow über die Juden die größte Aufmerksamkeit, so sind jene des Generals Tcheremetjew in doppelter Hinsicht intereffant. Bezeichnet doch General Scheremetjew die Inden im Kaukasus als das staatserhaltende Element, eine Eigenschaft, die ihnen in Rußland überhaupt stets abgesprochen wurde. Nachdeui Scheremetjew sich über die Juden als Förderer.des Weinbaues im Kaukasus, der Hauptproduclion deS Gebietes, sehr lobend ausgesprochen hat, hebt er die Bedentung der kaukasischen Juden vom Standpunkte der Staatsidee hervor. Während die russische StaatSidee im Kaukasus, führt Scheremetjew's Reformproject aus, bei den eingeborenen Stämmen und sogar bei den Armeniern,' die vozr den j russischen Regierungen stets mit Wohlthaten überhäuft werden, weder i Berständniß noch Unterstützung findet, sind die Juden im Kaukasus das einzige Element, welches diese Idee fördert und ihr als mächtige Stütze dient. Schon diese Thatsache allein spreche zu Gunsten der; kaukasischen Juden, welche in Anbetracht ihres erprobten russischen Patriotismus Anspruch haben, wenigstens von den gegen sie ins Leben! gerufenen Beschränkungen in Bezug auf Wohn- und Handelsrecht bei freit zu werden. Die Gouvernements Warschau und Tiflis, durch Raum und Beri hältniffe weit getrennt, erheben also in der Person ihrer höchsten Leiter i die Stimme gegen die Ausfälle der Judenfeinde und für eine humanere j Behandlung der russischen Unterlhanen mosaischer Confession. Autorita-! tivere Ilrtheile über die Juden im Czarenreiche sind bis jetzt kaum gefällt worden, und man darf deshalb die Hoffnung nicht aufgeben, daß sie eine Wendung zum Befferen herbeiführen werden. Dazu be-! sitzen gerade die Chefs dieser beiden Gouvernements das Ohr des! jungen Czars, der „die Förderung der Wohlfahrt aller seiner llnteri thanen" aufrichtig will und anstrebt. Argus. i