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Freies Blatt · 1895-12-22 · 194 (22.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
194 (22.12.1895)
Date
1895-12-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite :i Nr. 194. Frei», doch die Posten gehalten werden, die man noch innehat, und einzelne Erfolge sind trotz der kurzen Spanne Zeit seit den letzten Wahlen doch zu erreichen. Jeder Mann thue seine Pflicht, bringe persönliche Opfer — die Sache, die wir verfechten, verdient sic. f , Unser Appell ergeht namentlich auch an Alle, die das Zeug dazu in sich fühlen, als Kandidaten aufzutreten. Wenn sic auch nicht überall auf augenblicklichen Erfolg rechnen dürfen, so ist eS doch Bürgerpflicht, für die Principien, zu denen man hält, sich auch zu exponiren. Es wird die Zeit kommen, wo man der Männer dankbar gedenken wird, die in gefahrdrohender, sturmbewcgter Zeit auSgeharrt und sich dem übermächtigen und übermüthigen Feinde muthig entgegengcstellt haben. Unser Schlachtruf sei: Hoch die Freiheit, hoch die Wahrheit und die Gerechtigkeit! Nieder mit den Reactionären aller Farben, mit den BolkSbethörern und Friedensstörern! 3ules Bartheleiny SatnM?ilatt\\ Von Dr. Bernhard Münz. Der am 24. November im Alter von neunzig Jahren dahingeschiedcne Philosoph und Staatsmann Jules Barthelemy Saiut- Hilaire war einer der abgeklärtesten und geläntertsten Geister des heutigen Frankreich. Er war allezeit bescheiden, von spartanischer Einfachheit, arbeitsfroh; fein Thun und Treiben deckte sich vollständig mit seinen Lehren. Diese waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, sie verdichteten sich in ihm znm festgefügten, harmonischen Charakter. Sein Leben war den Studien und der Pflicht geweiht. Diese ordnete er keinen Rücksichten unter. Er war' ein Mann der Wisienschafl mit stoischem Gepräge. Als solcher .hat er am 26. Juli 1830 den Protest der Journalisten gegen die Ordonnanzen des Königs unterzeichnet, welche u. A. die Freiheit der periodischen Prcfle aufhoben, das Erscheinen der Journale von einer besonderen königlichen Autorisation, die alle drei Monate erneuert werde mußten abhängig machten und im Falle dcS ZuwidcrhandelnS sofortige Beschlagnahme der Exemplare und Versiegelung der Presse androhtcm Von dem kategorischen Imperativ durchdrungen, hat er während her achtzehn Jahre deS Kaiserihums in unversöhnlicher Opposition gedarbt. Nach dem Staatsstreiche vom 2. December 1852 verweigerte er Napoleon III. den Eid und verzichtete, ''ob er auch kein persönliches Vermögen besaß, sofort auf die glänzende Stellung, welche er der Wahl seiner Collegen verdankte. Er machte selbst nicht von der Nachsicht der kaiserlichen Regierung Gebrauch, welche ihn deS Eides überheben wollte, und gab seine Entlaffung als Dircctor und Professor am 0olle§e de France. Als CabinctSchef feines vertrauten Freundes ThierS, an dessen Erhebung zum Chef der Executivgemalt er großen Antheil hatte, bewohnte er in dem Präsidentenpalais zu Versailles nur ein kleines, kaum möblirtcs Zimmer mit einer eisernen Bettlade und einigen Büchern. So hielt er sich, wie er sagte, stets bereit, sein bescheidenes privates Heim in der Rue d'Astorg wieder zu beziehen. Er hat in der That mit Thieis die Macht als wahrer Philosoph ohne Gram und Leid verlassen, ja er schätzte sich sogar darob glücklich, daß er zu seinen häuslichen Penaten zurückkehren, sein ruhiges und anspruchsloses Dasein weiterspinnen konnte. UebrigenS ist er. — ein seltenes, leuchtendes, an die Antike gemahnendes Beispiel patriotischer Ilneigennützigkeit — während der Dauer der Präsidentschaft Thiers' seinen mühevollen Functionen unentgeltlich obgelegen, gleichwie er schon während der Februarrevolution unbesoldeter Sccretär der provisorischen Regicrung"gewesen war. Edle, opferfreudige Selbstverleugnung im Dienste deS Staates war cs auch, welche den fünfundsiebzigjährigen Greis bestimmte, das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten in dem von JuleS Ferry gebildeten Ministerium zu llbenzehmen. Es konnte keinem würdigeren, zugleich aber auch keinem umfassenderen und universelleren Manne anvertraut werden. DaS republikanische Frankreich bietet uns nicht selten das erfreuliche und erhebende Schauspiel, daß eS feine gelehrten Söhne zur politischen Arbeit beruft. Die Versuche, welche den zünftigen Staatsmännern ein mitleidiges Achselzucken abnöthigen, sind bisher noch immer geglückt. Auch Barthelemy hat sich seiner schweren, verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen gezeigt. Cr hat sich als ein ebenso fester wie gemäßigter Steuermann des Staatsschiffes erwiesen. Schon das Rundschreiben, welches er an die Mächte beim Antritte seines Amtes sendete, offenbarte, weß Geistes Kind der „Minister von Stamra", wie er unter Hohnlachen von seinen radicalen Landsleuten wegen seiner gründlichen Beschäftigung mit Aristoteles genannt wurde, fei, und es erwarb ihm allerorten lebhafte Sympathien. Er hatte übrigens seiner Ministerlaufbahn schon sehr stimmungsvoll durch einen im März des Statt. JahreS 1880 an den Herausgeber der „Deutschen Revue", Herrn Richard Fleischer, geschriebenen Brief präludirt, in welchem der äußeren Politik des Fürsten BiSmarck das Zeugniß ausgestellt" wird: „ Sie scheint mir sehr tief und sehr nützlich im Interesse des europäischen Friedens. Der Vertrag von San Stefano hat ihn gewarnt, und ans dem Berliner Congreß hat er seine Folgen so weit als'möglich beschränkt. S» Voraussicht deS nahen Sturzes ^deö türkischen Reiches hat er sich Oesterreich genähert, welches Rußland gegenüber dieselben Interessen hat wie Deutschland--^ . Niemand kann bestreiten, daß dies - eine sehr große Politik ist, die sehr wohlthätig werden kann, wenn sie, wie ich glaube, auf dieser Bahn verharrt, ohne siH je ablenken zu lassen." Und auch nach seinem Rücktritte vom Amte kämpfte er mit dem Aufgebote seines ganzen gewaltigen Könnens, bis zu seinem letzteiz Athemznge gegen die immer .weitere Kreise ergreifende chanoinisttschen - Strömungen. Es ist höchst b.'inerkenSwerth, daß er im Jahre 1800 zur Beschickung der social-politischen Conteren; in Berlin rielh, BiS--- marck'S Genialität rückhaltlos anerkannte und den nngehettercn Wazemuth besaß, das Problem einer russisch sranzösischen Allianz als Sine große - Ungeschicklichkeit zu bezeichnen. Ec hat eben in Bezug ans; Rußland die Ansicht, welcher er in der Einleitung zu feinem 1887 erschienenen Werke „ 1/In i>: .4.n»Ini»e" Ansdruck gegeben, nicht geändert. Diese Einleitung gipfelt in der nicht etwa nur an die englische, sondern an die gcsammte "curopqische Diplonuie gerichl/ten Mih.ninz, dem nach dem Besitze der Türkei und Constantinopels schielenden runi'chen Kolosse, der slavischen Macht mit der, wie ThierS dem Zigeder- " Geschichtsphilosophic folgend, sich im Jahre 1851 in der gesetzgebenden Vcrsam nlung anläßlich der Frage über den Freihandel anSdrückie, . „unglücklicherweise reichen Zukunft" viribtw unitU den Weg zur Verwirklichung ihrer weitgehenden P.änz zu verrammeln. Und er lieferte eine» glänzenden Befähigungsnachweis für sein staatSmännischeS Können, als er sein » avcant consiiles! in die Worte kleidete: „Tie Eroberung ConstantinopelS durch die Russen wäre für alle europäischen Staaten ein Schlag, von dem sie sich nie vollkommen erholen könnten. Ist nun die civilisirte Welt für diese Katastrophe, die vielleichr die größte sein - wird, welche die Menschheit bisher gesehen hat, und die ohne Zweitel die Gestalt unseres W.stttheilcs von Grund auf verändern wird, genügend vo/bereilet? . . . Europa soll sich nicht selbst daS Schicksal verhehlen, das ihni bevorsteht, wenn unversöhnliche Feindschaften fortfahren, die cioilisirten Völker zu entzweien . . . Der Vergleich der Lage Europas Rußland gegenüber mit derjenigen des alten Griechenland' gegenüber Macedonien, das ebenso wie das heutige R ißlguid noch halbbarbarisch war, kann nichts Verletzendes für uns, enthalten, wenn wir uns nur diese zu bekannte Lehre zu Herzen nehmen wollten . . . Dank den leicht auSznbeuteuden Zwistigkeiten wird—es Rußland noch dahin zu bringen wissen, sich selbst unter den Rationen, welche versucht werden könnten, ihm gemeinsam cntgegenzntrelen, Bundesgenossen zu erwerben. Man wird in ihren Reihen gar mannigfachen Beweisen von Schwäche und Verführung begegnen, und die trügerischen Versprechungen wex^cn hier keine geringere Wirkung auSüben als die Drohungen. Der falsch verstandene Patriotismus wird in manchen Fällen sogar., dem Jrrlhnm zu-Hilfe kommen, nnd^ man wird dahin gelangen, gegen die Civilisatiön unverbesserliche und geradezu verbrecherische Sünden zu begehen, die im. Grunde, nichts Anderes fein werden als eine leere Täuschung, lind in der ^.hat, Eines von Beiden: Entweder wird Riißland, wenn einmal der Kampf auSbrichz, - besiegt werden, und welches LoS erwartet dann die mit ihm be>iegten Bundesgenossen? Oder Rußland wird siegen, aber waS wird dann angesichts dex riesenhaften Supcrioritäk deS Siegers 8aS ^chickiai derjenigen sein, welche'ihm blindlings zum Siege verholsen haben? Und selbst 'wenn die Beute getheilt wird, was werden sie, die unbedeutenden Bundesgenossen, vor dem gewaltigen Herrn sein, dem sie ebenso wie daS übrige unterjochte Europa werden gehorchen müssen?"' Barthelemy's Lebenswerk war die im Jahre 1866 in Angriff genommene und 1887 vollendete Ueberscyung deS AriltoteleS, welche ihm in der Geschichte der-Philosophie und der classischeu Philologie einen ruhmvollen Platz sichert. Sie war dazu bestimmt, einen Anhang zu der von seinem Freunde und Meister «Cousin veranstalteten llebersetzung Platon'S zu bilden. Er bcgnüAe sich indcß nicht mit der bloßen Uebersetzung, sondern er versah jede der SchrifleH mit kritischen Erörterungen und Anmerkungen, in denen ihre Echtheit sichergestellt, die Methode deS Aristoteles beleuchtet und die etwaigen Jcrthümer, welche er sich zu Schulde» kommen läßt, markirt werden. lleberdieS werden den einzelnen philosophischen lBiSciplincn. welche Aristoteles behandelt, Vorreden vorausgcschickt, in welchen sich Barthelemy in leb-- Hafter Weise mit der Entwicklung, die sie vor ihm eingcschlagen, und mit der Ausgestaltung, zu der sie sich nach ihm durchgerungrn haben, auseinandersctzt. Außer diesem Riesenwerke beschäftigte ihn die

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