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Freies Blatt · 1895-12-22 · 194 (22.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
194 (22.12.1895)
Date
1895-12-22
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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.freit» Blatt. Nr. 194 rrilt 'J üntiivm besaß. wen» nicht 2. dir Vermuthung gercchlfkrtigt wäre, Nix die Großindustrie auch nach der Einschränkung der Gcwerbesrnlieil weinr piospiriren werde, wie sie zu Zeiten der alten Zunflherrlichkeit bereits geblüht, und wenn nicyt endlich 3., wie wir bereits erwähnt, noch ganz andere Ursachen an dem wirthsckanlachen 9!iedergange des Mittelstandes Schuld trügen. Aber gegen die wirthschaftlichen Folgen der Abtretung von Lombardo- Veneiien oder gegen die Folgen der MacKinley Bill dürfte kaum d-r Befähigungsnachweis das richtige Heilmittel sein, und wir zweifeln auch, ob jemals eine Zunft mächtig ge»usein wird, um gegen j ne bocharistokratiichen Viehzüchter, welche heute den Import von billigem Fleisch über die runiänische Grenze verhindern, es dnrclizuseyen, daß der darbende und spärlich verdienende Kleinbürger i» Wien den Grundstock seiner Nahrung zu aufbringlichcn Preisen bekommen werde. Und dabei wären wir »och froh, wenn; di.ses Berlangcn nach dein angeblich Alles heilenden Befähigunisnachweis bloß eine harmlose Schwärmerei wäre. Aber es ist sehr zu fürchten, daß die Gewerbetreibenden, während sie allgemcineu Seb agworten nacktrenne», besten Falles von dem richtigen Weg, ivi'n' richtigen Erkcnnlniß abgelenkt werden. Es iü heute für die Kleingewerbetreibenden ein schier unumstößlicher, Von Jedem sofort geglaubter Satz, daß die gehässigste t'Viv n ictim gegen Großindustrie, Eapital. Handel und gegen den Aufwand der wohlhabenden Elassen der natürliche Weg deS KI ingeirerbes z» seiner Rettung sei; ja, es gibt auch unter den logeuannien „Gebildeten" eine große Anzahl von Leute», wckche! iv'f Er ckeinnng für ganz natürlich und wenn nicht für nützlich,! so doch auch nicht für schädlich hallen. Indeß ist die Sache vieliEchl doch nicht jo gefahrlos. Bor Allem ist es keineswegs so ' ausgemacht, daß das Kleingewerbe der Großindustrie einerseits , ui-s dem Handel andererseieS ungestraft sich feindselig entgegenj w-.ifeil könne. Ctme den Handel ist die Production tobt und Der» Io:eil. und d:c Großindustrie gibt dem Handwerker gar oft das B.ol, das sie ihm mit der einen Hand nahm, mit der anderen io ich ich wieder zurück. Zahlreiche Handwerker zieht der Großbetrieb! als gut be'oldele Arbeiter und Werkmeister in söine Kreise, zahlreick e» >,ibi er, unbeschadet ihrer wirthschaftlichen Freiheit, reichliche lind lohnende Arbeit. Aber auch taö Capital ist in Wirklichkeit j kcn:ee.we».s die dein «bewerbe all- und jederzeit feindselige Macht,; iur die es gehalten 'wird; ja gerade der Handwerker mit seinen I ewigen, unslillbaien Ercdilbcdürsnisscn hätte allen Grund, das Etpilai vichl zu verschüchtern und nicht zu lästern. Es ist kein ' Zw. ist l, dbß der im Berglciche mit dem Auslände noch immer , IkIk Z'I sfiiß ei» großer Rachtheil für das Gewerbe ist. El» l Hii tireiker in Wien, der unter sonst ganz gleichen Berhältnissen im: einem Eoncurrenten in München arbeitet, wird diesem gegeni.L> v imii er noch insoferne im Nachtheile sein, als diejer sein »eld, seinen Ercdit billiger erhält als der Wiener Handwerker. Wenn nun — wie es leider gerade durch die Gewerbetreibenden g 'ck> el!l — dein Capital durch eine systematische Verhetzung die Vi;it und der Multi zur Bethüligung am gewerblichen Leben gei.. nu n werden, w-nu cs sich ganz auf die Spcculation wirft oder gar ns Ausland zuiückzichl, so wird dadurch natüilich in letzter .'uifii.u; das Geld, für den Handwerker noch mehr vertheuert werde» und der Schaden ganz seinerseits sein. Das Capital wirkt s aber noch in anderer Hinsicht maßgebend auf das Gewerbe, nämlich | du'.ch den Verbrauch und spccicll duich den Luxus. Es ist eine j bekannte Thaisache, daß line ganze große Reihe von Gewerben, > v B die Tischler, Schlosser, Drechsler, Hulmacher, Leder- und »via.neriearbeitcr u. s. w., gerade in jenen Artikeln, die mehr e. n der Made, dem jeweiligen, rasch vorübeigehenden Geschmack abhänaen, sich dem Coarakler des Kunstgewerbes nähern oder sonst >'»-.■ Sv.cialitäl bilden, mit giuem Erfolge die Concurrenz mit d '.!>'!»>industrie aushaltkn kann, welche sich im Allgemeine» ü!s nur auf die currente Waare wirft und in der Massen» + ihre Rechnung findet. Das Kleingewerbe hängt also mit •ii: .liia und dem mehr als nolhwendigen Bei brauch auf das m zusammen," und wenn die Handwerker heute den Luxus! belamp-en, wenn sie jeden Träger eines besseren Rockes als ihren j AusoMer heu achten, so spucken sie sich nur selbst in den Bart; i. o N' i een ö,e R.chnung für den durch eine solche Sinnesj wiwuruiig angerichleten Lchaden ausschließlich aus der eigeuen! i ticke zahlen.! 2o >chen wir ein.®eift in den Reihen der Gewerbetreibenden leben, den wir jlist au^ dem Grunde, weil wir aufrichtige und! uiiniteieffirte Freunde dieses Standes sind, tief beklagen müssen, i denn dieser Geist wird das um seine Existenz kämpfende Gewerbe , überall andershin, nur nicht zu dem angestrebten Ziele führen. Wir wolle» hier nicht die große Frage aufrollen, ob zwangsweise oder freiwillige Genossenschaften die richtige Form der dem Gewerbe gewiß nöthigen Organisation seien; aber das steht bei unS fest, daß diese Organisation, so oder so, nur dann von Erfolg sein wird, wenn sie einem Geiste der Solidarität und Billigkeit entspringen würde, der jrfct dem Kleingewerbe leider noch fremd zu sein scheint. Diese Solidarität äußert sich in erster Linie darin, dass man dort, wo man verlangt, auch zu geben bereit ist, daß man Leistung mit Leistung, Opfer mit Opfer, Nachgiebigkeit mit Nachgiebigkeit heimzahlt. DaS muß jeder Einzelne aus bereitwilligem Herzen thun, wenn er mit mehreren anderen BerufSgenoffen sich zu irgend einem Zwecke vereinigt, ohne diese Bereitwilligkeit werden weder freie Erwerbs- und WirlhschaflSgenosseu schäften, noch zwangsweise Berufsgenossenschaften gedeihen und wirken. Dieser Geist der Bereitwilligkeit und Duldsamkeit muß aber auch dem Stande als solchem inuewohnen, wen» er will, oaß sich noch ein Anderer außer ihm für die ehrliche Socialreform inleressi.ren soll. Die Gesellschaft hat ein großes, lebhaftes Interesse an der Erhaltung des Gewerbestandes, sie hat aber dasselbe Interesse an allen anderen Ständen, und eine Reform, die sich in der Begünstigung des einen Standes durch Schädigung des anderen erschöpft, wäre eben keine Reform. Daher möge der Kleingewerbetreibende immerhin kämpfen im eigenen Interesse, unerschütterlich und unentwegt; unserer Hilfe im Kampfe darf er gewiß sein, so lange er mit Waffen der Billigkeit und Gerechtigkeit kämpft. Aber wenn er das Wesen der Selbsthilfe darin erblickt, daß er andere Berufskreise systematisch verfolgt, oder wenn er die Socialreform so auffaßt, daß sie ihm Alles gibt und ängstlich Halt macht, sobald sie von ihm — wie bei der Frage der Arbeiter- Unfallversicherung — auch einmal fordert, da werden wir unS als des Handwerkers beste Freunde stets dadurch erweisen, daß wir ihn warnen oder bekämpfen und, wen» nölhig, ihn gegen ihn selbst oertheidigen. Der neue Vahlkcrrnpf. (Zuschrift an daS „Freie Blatt".) Der „bis in die Knochen schwarz-gelbe" Herr Lueger will auch gegen den Willen deS Kaiser« Bürgermeister von Wien werden. Die Wiener Bürgerschaft muß daher im Februar neuerdings zu Wahlen in die Stadtverlrelung schreiten. Die Auspicicn, unter denen sich der diesmalige Wahlkampf vollzieht, sind für die fortschrittliche Sache nicht besonders günstig. Tie unablässige Agitation und Berhetzung der Volksmasscn hat seit den letzten Wahlen nicht ab-, sondern zugenommen, und man hat nun auch die Frauen aller Bezirke in den politischen Kampf hineingezerrt — wohl die häßlichste Erscheinung in der ganzen, an widerlichen VolsMen so überreichen antisemitischen Bewegung. Alle Vernunftgründe, jeder Hinweis auf die jahrelange redliche Arbeit, auf die gute Verwaltung der Stadt haben nichts gefruchtet — die bethörten Mafien laufen noch immer jubelnd hinter den Leuten her, die schon so viel versprochen, aber noch so wenig für daS Wohl ihrer Mitbürger geleistet haben. DaS Alles darf aber jenen Theil der Bürgerschaft, der trotz aller Vergewaltigung, trotz aller Boykotte und Einschüchterungen und trotz alle- SiegeSjubelS der Feinde noch immer und für alle Zeit an den Grundsätzen des wahren Christcnthums, an Duldung und Menschlichkeit, an freiheitlicher Fortentwicklung der Bevölkerung, an den Ideen der Gerechtigkeit und ewigen Wahrheit festhält, nicht abhalten, treu zusammenzustchen und für die entfaltete Fahne so wie bisher unentwegt zu kämpfen. Es ist kein leichtes Beginnen und kein angenehmes Geschäft, sich unter den obwaltenden Umständen, bei der Rücksichtslosigkeit und rohen Kampfesweise der Gegner in diesen Wahlkampf zu begeben. Aber eS ist nichtsdestoweniger Pflicht jedes fortschrittlichen ManneS, sich in die Bresche zu stellen und die unvergängliche Idee deS Liberalismus zu verfechten. Mögen auch vorübergehend Wolken die Sonne verdunkeln — immer wieder dringt sie siegreich durch, und so wird die hohe Idee der Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit doch endlich wieder unversehrt aus all dein tolle» Spuk hervorbrechen, der jetzt als übelriechender Nebel sie zu ersticken droht. Darum muthvoll anS Werk, ihr Kämpe» deS Fortschrittes! Laßt euch nicht, bange machen durch die Zahl der Gegner, nicht durch ihr Geschrei, nicht durch ihre Praktiken. Wenn rS auch nicht möglich sein wird, schon jetzt die vereinigten Reactionärc aus allen erstürmten Positionen hinauSzuwerfen, so müffeu

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