Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 194 (22.12.1895)
- Date
- 1895-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hei ßn aefil s ai m m er Erscheint an jedem onntaae 92ummtr 194. Wien, (>2. Dcrcmbcr 1895. IV. Jahrgang. ^b0nncmrtit#-$r>ing»tifTe: ,<iir OVfttrreu'i' llnaaru: tFauijähu «» Kronen (3 VI*); Isillnohria ' Kronen 4° i'eKei >1. I.?1’ ft*-? . * j.: grfammtc Ausland: t^.nr^jäbrig <» LNaek; NilhjuhrU l!Uatf. ^tn^dnr Iiumntotn «» fi. ^nfrrate melden 'na 2o l'- -» ' . ri - . jkile berect net. Kleiner Anzeiger das Morl L'eller -2 ft. . .Kuniabtin» pon ^irser.nen in unterer K>mim»'tt\mo» ,to:yw* mt^l-iuv n Ni.? n : I U'- . Nrdnrtisn und Adminiftration des ,.£rrmt i'taitea : Uheit, I. OeilerrtäHr IO. Wir ersuchen jene «P. T. ülüouucutcu, bereu 'ilboiiiicmcut (vubt Xccemüec b. \V fällig uiirb, um cliciuiiglirimc C'THCüenitin 8ce '.'lüüiiucmcitiü,. damit in der Zusendung «S „Freien Plaues" keine tlutcrbrcrtjmtfl timriu. jjC >.>lvi»ininralion. - -,—=-*---:-:-:- Ein IPott an die Kleingewerbe treibenden. Eine schwere Zeit hat den einst nrkräflige» Grundstock unserer städtischen Bevölkerung hcimgesucht. Ter Satz von dein Hand' werk, daS goldenen Boden hat. ist eine legende geworden, an die Niemand mehr glaube» will. Ganz begreiflich, .denn der Wohlstand der gewerbetreibenden (Staffen ist in zu offenbarem Rückgänge k griffen, die Hoffnung, ein in seineß'Production wie i» seiner Lebensführung von Änderen unabhängiger Meister;u werden, ist dem Gcwerbönianne der Heranwachsenden Generation fast ver schlossen, die Zahl der wirklich selbständigen Meister schmilzt von Tag zu Tag zusammen. Wer wollte sich diesen Thatsachc» verschließen? Wer beklagt sie nicht aufs Tiefste? Wer gibt sich nicht wenigstens den Anschein, als ob er sie beklage? Drängt sich doch ÄlleS zu dem Krankenbette des darnieder liegenden Handwerks, weiß doch Zeder einen neuen Er klärnngS grnnd für daS Nebel, hat doch ein Zeder sein eigenes Heilrecept dafür. Und das ist wohl die größte Gefahr.für den kranken Stand: Er ist in der Lage eines Patienten, der, ungeduldig über die langsamen Erfolge seines erfahrenen Arztes, sich den Basen und Badern anvertraut, sich mit fünfzig Mitteln zugleich be-' handelt und dabei krank und kräizkcr wird. Schließlich* ist die seelische Krankheit, an welcher der Mann laborirt,. weit größer als .sein wirkliches körperliches Leiden. Und das will unö — so sehr wir die Nothlage des Handwerkerstandes anerkennen — den» auch bei diesem manchmal brdünken. Er ist ja in vielen seiner Glieder krank, aber sein ärgstes Leiden ist He Hypochondrie, welche das Hebel sucht, wo es oft gar nicht ist,, den Grund desselben verkennt und in der Wahl der Mittel beständig fehlgreift. Da möchten wir denn die Kleingewerbetreibenden vor Allem daraus aufmerksam machen, daß der krisenhafte. Zustand, in dem sie sich heute befinden, keineswegs so neu und keineswegs' so allgemein ist, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Blühende Gewerbe, wie das der Waffeiischniiede, der Perrückenniacher u. a., sind auch in früheren Zeilen, wo weder vom EapitaliSinns noch von Gewerbefreiheit die Rede war, von ihrer Höhe herabgesunken oder, wie die Bierbrauerei im Großbetriebe aufgegangen. Andererseits gibt es auch heute noch eine große Anzahl von Gewerben, welche trotz EapitaliSinns und Gewerbefreiheit siegreich neben dein Großbetriebe auSharren, während sehr viele andere Gewerbe doch wenigstens in einigen Zweigen und Art kein von der übermächtigen Großindustrie fast ganz unbehelligt bleiben. Diese allgemeine Trost- und Muthlosigkeit von heute ist daher ganz ungerechtfertigt, und die Gewerbetreibenden sollten endlich lernen, daß eö nicht an -• gehe, vereinzelte Thalsachen und Erscheinnngen zu verallgemeinern. So wenig die 'Nothlage des. Handwerkes wirklich heule schon eine allgemeine ist, so wenig ist diese Nothlage dort — wo sie .wirklich ' vorhanden ist — durch eine einzige Ursache zu erklären. Tie Großindustrie und die capitalistischc W'-thschaftsordnung habe» denr^ Kleingewerbe viele und . iß .-een ,,-s.k ,zen;. :ö>. ' dies keineswegs. Allein es wäre .mehr als übereilt, die ganze Schuld an dem gewerblichen Niedergänge ausschließlich und ganz -allgemein in der heute mundgerechten Weise auf di> Großindustrie und den EapitaliSinns zu schiebe». Nickt weniger als diese beiden Schreckgespenster für politische Kiiider haben ganz vereinzelte llr suchen an dem gewerblichen 'Niedergänge tnitgewirkl. Der Berlust unserer italienischen Provin.cn;. B. hat eine ganze Reihe von Gewerben arg und unwiderbringlich geschädigt. Eni dereiusk in Wien blühendes Gewerbe, das der »'old und Siiberdrahlzleher, hat sich von d e eai Schlage nicht mehr erhall, weil es zu gleicher . Zeit in der Lombardei und Beuelie» sein Htuptabi'avgebiet verlor, ' ass in Oesterreich die gold und silberstrotzenden Uniformen in der? Armee, wie die Mode der Gold- und Silderaauben.-auf 'dem van>e abkam. Es ist noch gar nicht lange her, daß durch ein Zollgesetz, welches die Bereinigten Staaten von A »erita aunahm.n. hier in Wien ein ganzes Gewerbe, das Tausende ernährte lind eine Spe. eialität uuser'cr Stadt war, die Perlm.ulerdrechslerei, mit einem Schlage vernichtet wurde. Eine Reihe von Gewerben, wie die Seiler, die Photographen u. A., leid'en sehr unter der immer mehr zunehmenden Theucrung des Platzes, .den ne za ihrer Arbeit nnbediiigt benölhigen. Was Habei? ab.r alle diese Dinge mit der Großindustrie und dem EapitalisuniS zu lhuu? Difeubar .bensowenig alS die zahlreichen zollpolitischen Maßregeln, die oft unausweichlichen Schritte der äußeren Politik, welche zwar im Gesaminlinteresse des-Staates begründet sind, aber aus das Gewerbe wie ein tödtlicher Windhauch wirkcif, und zwar auf die Großindustrie . nicht weniger als ans das Handwelk. . Und nu» kommen wir.zu dem wundesten Punkt in der male-- ricllc» "und moralischen Berfassung des Handwerk-»den Kleinbürger lhuins. Geschäftige Agitatoren habe» cs de» Handwertern glaubhaft gemacht, daß alt ihr Elend nud Zammcr nur aus der Gewerbefreiheit herrühre, welche.allein die Mutter des erfolgreichen Großbetriebes sei, und daß daher das einzige Mittel der Abhilfe die. Erdrosselung dieser Gewerbcfreiheit durch Befähigungsnachweis und ZwangSgenossenschaft sei. Dies wäre auch recht gut und schön, wenn nur 1 wirklich der Großbetrieb nicht viel älter wäre als die Gewerbcfreiheit, welche bekanntlich erst seit 1 dann, während. Wien im Jahre 1 "47 bereits 42.') Fabriken und Manu Die heutige Dummer ist achtzehn Seiten stark! -«sj