Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 193 (15.12.1895)
- Date
- 1895-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 ttr. 103 Freie» Wunsch zu Gefallen ist, da sind gewisse Kreise gleich auS de», Häuschen und können dieses selbstständige Auftreten nicht laut genug verdammen. So soll die hiesige junge Geistlichkeit über den letzten Leitaufsatz der .Unverfälschten Deutschen Worte' .empötU'sein. Warum, wissen wir nicht. Wir haben den Aussatz wiederholt durchgelesen »nv kein einziges die Geistlichkeit beleidigendes oder die Religion herabwürdigendes Wort darin gefunden. Daß LaudtagSabgeordnrter Jro kein Clericaler oder Christlich-Socialer ist, habest die Herren doch gewiß vor dem Wahltag ebenso gut gewußt wie heute, und die Wahlrede Jro'S konnte diesbezüglich auch keinen Zweifel aufkommen lassen. Oder sollte Jro wegen der Stimmen der Clericalen etwa seine streng natiünalen oder, wie die Herren sagen: ,hypernationalen' Grundsätze verleugnen? Das glauben die Clericalen oder Christlich-Socialen wohl selbst nicht, und die Ausführungen des Candidaten über den .österreichischen SlaatSgedanken') in der Wählerversammlnng waren wohl auch in dieser Beziehung deutlich und klar genug. Wir glaubten eben, daß eS den Herren Geistlichen Ernst mit ihrem Antisemitismus ist, und^daß sie einzig und allein deshalb (ohne die sonstige politische Haltung deS Bewerbes in Betracht zu ziehen) ihre Stimmen auf den deutschnational antisemitischen Candidaten vereinigsen. Eine Bertretung clericaler Interessen durften die Herren von einem ausgesprochenen Anhänger Schönerer'- denn doch nicht erwarten. Für so naiv leiten wir die Egerer Geistlichkeit nicht. DaS wäre gerade so, als ^penn wir von ihnen die Bertretung unserer seit Jahrzehnten bekannten .hsjpernationalen' Anschauung«» verlangen würden. Die Herren haben bisher eine solche Forderung leider auf daS Entschiedenste abgelehnt. Na also! Jedem das Recht seiner-politischen Meinung, und nicht zu viel verlangt! Wenn einige junge Capläne angeblich eine Mißtrauenskundgebung gegen den Egern^LandtagSabgeordneten vorbereite», ohne daß derselbe bisher noch seine >Thätigkeit als Landbote ausgenommen hat, so wird eine solche Kundgebung Herrn. Jro wohl schwerlich in der nationalen Ausübung seines Mandates behindern, und eS wird ihm nicht im Traume ^einfallen, etwa deswegen .abzudanken'. Die .Deutsche BolkSpartei' zu hänseln, ist dem neuen Abgeordneten unserer Stadt ebenfalls gewiß nicht eingefallen, und eine kleine Belehrung über antisemitischen und nationalen RadicaliSmus kann dieser in Böhmen jungen Partei niemals schaden. Das ist noch immer kein Staatsverbrechen. Jro wird trotzdem stets Seite an Seite mit der .Deutschen BolkSpartei' kämpfen, wenn es gilt, gegen die Feinde deS deutschen Volkes zu Felde zu ziehe». Wenn die judenliberale .Egerer Zeitung' in jüdischer Weise die Sache so dreht, als. ob Jro mit deni Ausdrucke .unanständige Liberale' Pr. Bareuther und Genoffen treffen wollte, so ist das eben echt — .judenliberal'. Die .Egerer Zeitungweiß ganz genau, daß Herr Jro,. trotz bestehender kleiner Meinungsverschiedenheiten in einzelnen Fragen, mit Dr. Bareuther in der " freundschaftlichsten Weise verkehrt und auch als ,Wilder'" diesen Verkehr sell stverständlich nicht abbrechen wird; bezüglich der unterlaffenen Emps hlung der Bewerbung Jro'S durch Anschlagzettel seitens der.Deutschen BolkSpartei' hat die Mittheilnng bereits wieder versöhnend gewirkt, d.ß auch anderenorts eine Emvfehlung der Candidaten der .Deutschen BolkSpartei' durch öffentliche Anschlagzettel nicht erfolgte. Jedenfalls ist keine Ursache vorhanden, daß sich deutsche Wühler aufregen, wenn einnial ein Schönerianer unabhängig nach links und rechts auftritt — die nationale Sache erleidet dabei auf keinen Fall einen Schaden." Der „Eigenbericht" des „SpatzenblättchenS" spricht Bäude. So oft die antisemitischen Gruppen sich zu einer gemeinsamen Handlung vereinigen, sucht die eine die andere zu überlisten. In Eger fühlen sich nun die Clericalen oder Christlich-Socialen betrogen wie anderwärts die „Deutsch-Nationalen". Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit im Hause Antisem! (Aus dem Abgeordnetenhaus!!.) Wenn es überhaupt noch eines Beweises dafür bedurft hätte, daß die AntisemitHi sammt ihrem großen Führer über daS Niveau der gewöhnlichsten Bierbankagitation nicht um Zollbreite hknauSragen und für eine großzügige Politik ‘ einfach ganz ungeeignet seien, so würde dieser Beweis jetzt von Lueger selbst erbracht worden sein durch die Gefliffentlichkeit, mit welcher er dermalen aste, jene parlamentarischen Factoren sich selbst abspenstig macht, auf die er noch als Auxiliartruppen "rechnen konnte. Sah sich doch selbst die just aus der Lueger-Frage herausgewachsene „Katholische BolkSpartei" bemüssigt, dem Beherrscher aller Wiener Bierbeißel mit der Aufkündigung der Freundschaft zu drohe», falls er nicht eine den Formen der guten Gesellschaft elwaS angemeffenere Taktik einfchlagen würd.e Nun hat sich Lueger auch in der dümmsten Weise von der Welt mit den Jungtschechen, sonst treuen Secundanten bei jeder antisemitischen Parlamentskomödie, zerworfen; der große Politiker konnte den Groll 81 a 11. über gewisse in der Lust liegende Gerüchte von. einem deni'ch-tschechischen Waffenstillstand so wenig hinnnterwnrgen, daß er in der Sipnng vom <>. d. M. die Jungtschechen in seiner bekannten banalen Weise anfiel und mit Jnvecliven überhäufte. DaS sollte Herrn Lueger aber übel bekommen; die Jungtschechen besitzen nicht die gewisse olympische Ruhe der deutschen Libetale», und so erhob sich denn prompt Herr Dr. Kaizl und sagte, er könne die Redeweise Lueger's nur daraus begreifen, daß Letzterer irgendwelchen Ingrimm persönlicher -Art gegen die jnugtschechische Partei und ihr Verhalten in letzter Zeit empfinde, auS sachlichen Gründen wären derlei Jnvectiven gewiß nicht inotivirt'. „Es ist nicht klug vom Abgeordneten Dr. Lueger," fuhr.Abgeordneter Kaizl fort, „unS, die wir gerade seiner Parteigruppe in vielen Fällen — ich bekenne mich offen dazu — wo es sich um die Dürchfechtung der Rechte einer kleinen, übel angesehene» Minorität handelte, mannhaft und treu zur Seite gestanden sind, jetzt ohneweiters derartige Injurien ins (Gesicht zu werfen, nachdem es auch in jüngster Zeit sich erwiesen hat, daß wir eS waren, welche d.urch niiftre Unterstützung gerade Anträgen von seiner Seite zur Verhandlung in diesem Hanse verholsen habe». Aber wir müssen uns doch dasRecht wahren, Kritik zu üben an Allem, was uns zugemnthet' wird. Wir müsse» doch unser Programm in Betracht ziehen, welches die fundamentale These des Pro grammeS des Abgeordneten Dr. Lueger, nämlich Haff und Persecution einer bestimmten Confessio» öfter. Rare, absolut abweist und nicht bennt, so daß unsere Partei sich n i ch t z n p a r l a m e n t a r i s ch e n D e m o u st r a l G n e » und Actionen hergeben kann, wie sie von irgend ebner Seite gewünf.cht werden. Als der Ministerpräsident die programmatischen Erklärungen hier vorbrachte, waren es abermals wir, welche sofort, ganz offen, und wenn Sie wollen schron. Position gegen diese Erklärungen genommen haben. Ich weiß nichts davon, daß von jener Seite, von der jetzt diese Injurie kommt, eine solche Position sogleich gefaßt wurde. ES mußten andere Ereignisse eintrete», welche erst diese schroffe Position herbeifiihrten. Weil wir in einem — gewissen gleichmäßigen vorausberechneten Tempo in unserer Politik gewandelt sind, deshalb waren diese dazwischen gekommenen Ereignisse auf antisemitischer Seite gar kein Grund, unS irgendwelcher Fahnenflucht oder dergleichen zu zeihen. Wir haben die Führung des Ministerpräsidenten abgelehnt, wir lehnen aber noch entschiedener die Führung deS Tr. Lueger ab und glauben, eS wäre nicht nur unsere-, sondern auch die Pf l ich t ^an derer Parteien, eine derartige Ueberhcbnng, eine solche Art und Weise deS Vorgehens in diesem Hause abzulehnen." Der große Politiker Lueger wird sich allerdings durch eine derartige Lection nicht von seinem selsensesten Glauben an seine große Mission abbringen lassen. Wir aber freuen uns vom vollsten Herzen, daß wir es gleich von allem Anfänge nm als einen „Gspaß" des schönen Karl aufgefaßt, als er erklärte, er werde nunmehr. der Führer uller Elemente werden, welche gegen Ungarn sich in - Opposition befinden. _Lueger besitzt das Zeug, 'mit am Raschmarkl Erfolge zu erringen, aber nicht um der Führer einer parlamentarischen CombinatioN zu werden. Die Suggestion, unter welcher eS das Hans sich dermalen gefallen läßt, daß sich Alles um die Wenigkeit des Herrn Dr. Lueger und seine kleinen Schmerzen drehe, scheint übrigens bald weichen zu wollen. Der erst jüngst gewählte' Abgeordnete Tr. Rener v. Demel, ein Sohn deS verewigten liberalen Parteiführers gleichen Namens, rief in der Sitzung vom U. December dem antisemitischen Berge die Worte zu: „E S g i b t M i l l i o n e n von O e st e r r e i ch: r», die überhaupt den Dr. Lueger und »eine gan;e Bürgerin cifl er frage nicht kenne n, die ihn nicht einmal dem Namen nach kennen, denen eö ganz gleichgiltig ist, wer der. Bürgermeister von Wien ist. Diese Millionen, die sich für die Bürgermeisterfrage gar nicht interessiren, sehen mit bangen, sehnsüchtigen Blicken und hohlen Augen auf dieses Parlament, von den, sie die Erfüllung ihrer bescheidenen Wünsche erwarten, von dem sie Abhilfe gegen die Zerstörungen Elemente, Unterstützung der gewerblichen Arbeit, Aufhebung des furchtbaren Steuerdruckes erwarten, der aüf Grymd und Boden lastet." Unter diesen Umständen müffe es Jedermann sonderbar anmulhen, wenn der Führer der antisemitischen Partei dem Präsidenten den Borwurf mache, daß die großen Aufgaben, die dem Parlamente durch die Ausschüsse zur Lösung yorgelegt wilden, nicht auf die Tagesordnung gesetzt werden, während es gerade diese Partei sei, die dafür gesorgt hat, daß die Herbstsession eine nahezu fruchtlose geblieben ist. Die mannhaften Worte des Abgeordneten Demel sind ebenso, wie die kalte Zurückweisung Kaizl's.danach angethan, wenn schon nicht den Lueger und seine Knone inanrais,-, so doch das übrige HauS von der Bedeutungslosigkeit des ganzen antisemitischen