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Freies Blatt · 1895-12-15 · 193 (15.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
193 (15.12.1895)
Date
1895-12-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 193. Seite 2 fiintcn. Wer die Weltgeschichte aufmerksam verfolgt, wird zu jeder Zeit Einfalt und Thorheit in triumphirender Macht jund Größe finden, gegen welche Einsicht und Bildung vergebens ihre Waffe« kehren. Man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht gar so traurig wäre, reim die Dummheit ist 'zugleich herrschsüchtig und trachtet jedermann zu ihren Gesetzen zu bekehre». Wie viel sMenschenblut ist seit den Anfängen geschichtlicher Kunde bis auf unseren Tag geflossen, um irgend einer thörichten .Einbildung zum Siege, zu verhelfen! Wie ror sechs Jahrtausenden die Egyptcr Jedermann steinigten, der einer Katze zu nahe trat, so haben noch in unserem Jahrhundert die Chinesen um ähnlich thörichtcr Gründe willen die Christen in ihrem Reiche verfolgt. Wer zählt die Beschuldigungen, die im. Mittelalter wahnwitziger Aberglaube gegen alte Weiber, in neuerer Zeit blinder Haß gegen die Jesuiten erhob? Und da sollte man sich über das Bluimärchen wundern, daS noch jetzt, ani Ende des neunzehnten Jahrluiirtem, von sinnlosen Hetzern einem naiven Publicum aufgetischt wird? Diese Agitatoren lieben es, sich mit dem Deckmantel, der Frömmigkeit zu umkleiden. Sie wissen wohl nicht, daß der Glaube an das Blutmärchcn Alles weniger denn fromm ist. Ihr Wissen von der uchengelchichte reicht wphl nicht so weit, daß sie von Bullen der Pävsic gcgcu die Blutbeschuldigung etwas vernommen hätten, und doch bt solche. Schon in den Zeiten deS finsteren Mittelalters, da Barraie, und Rohheit »och allgemein herrschten, sah sich Papst Jnrc.-.n-, IV. reranlaßt, die unterdrückten Juden in Schutz zu nehmen, '.'.'lau lalle ihnen den Tod eines Mädchens in Bälreas in Frankreich zur Van gelegt und deshalb einige von ihnen, ohne daß sie irgend gestanden hätten, verbrannt. Dagegen wandte sich der Papst in;uei Biiücn, die beide vom 2*. Mai 1247 datirt sind. Streng veri::;i;it er diese» Frevel, und mit eindringlicher Mahnung ruft er -dem i e.imeii geistlichen Würdenträger jener Gegenden, dem Erzbischöfe - reu j[-:ei!t:e, zu: „Gestatte nicht, daß sie (die Juden) künftighin wegen d-.-.r oder alnlicher Anklagen von irgend Jemandem widerrechtlich bel.i'ü.u weiten,, und diejenigen, welche sie belästigeri, halte weise durch ü-.ckliche Slraicu, vhne eine Appellation zu gestalte», zurück." In noch des!in,inlerer Weise äußert sich Papst Jnnocenz über den Rilu-almorL in einer Bulle an die hohe Geistlichkeit Deutschlands, die uvt tlidi »ulgeiheill zu werden verdient, „An die Erzbischöfe und Bischöfe in Lenischland Wir haben die jämmerlichen Klagen der Jude» Deutsch, lands reiiicntiiieit, daß einzelne geistliche und weltliche Fürsten und aut -.. Peru eh me und Machthaber in eueren Stlidlen und Tiöeesen, um >ie niigerechkerweisc ihrer Güter zu berauben und an sich zu reißen, g-.-zen ne rnchlose^Anschläge ersinnen und verschiedene Borwände ernuten, ohne doch vernünftig zu bedenken, daß gleichsam aus ihrem Archive die Zeugnisse deö christlichen Glaubens Hel vorgingen. Obwohl doch die heilige Schrift unter anderen Gesetzen gebietet: ,Du sollst nicht trdten- und ihnen verbietet, am Passahfeste «twaö TodteS zu be ubren, erheben jene die falscheWL.eschnldiguiig, dctß Juden bei diesem Feste daS Herz eines gemordeten Kindes unter sich vertheilen, indem ginnten machen, daß das Gesetz selbst es vorschreibe, während eS .doch oüenbar dem Gesetze zuwiderläust, und wenn ein Leichnam geeinten wird, legt man den Mord böswilligerweise , den Inden zur Last, lind ans solche und viele andere Erdichtungen gestützt, wüthet man gegen sie, und ohne Anklage, ohne Geständniß, 'ohne Ueberführnng, eiitgeaen den Privilegien, die ilfnen vom apostolischen Stuhle gnädig gen.ill.t wurden,, beraubt mau sie, gegen Gott und Gerechtigkeit, all ih-.es PermögenS, bedrückt sie mit Hunger, Kerker und so vielen Martern und Oualen, unterwirft sie den verschiedenartigsten Strafen . und veriuiheill möglichst viele von ihnen zum schimpflichen Tode. So werten die Inden, dieunter der Herrschaft obgenannter Fürsten, Poruehmen und Machthaber ein noch schlechteres Los haben als ihre tz-.iter unter Pharao in Egypten, gezwungen, elend di: Orte zu-vertan u, die sie und ihre Borfahren seit jeher bewohnt haben. Daher l aben sie aus Furcht vor ihrer Bernichtung sich an die Borfehnng des arastoinchen Stuhles gewendet^ Da wir nicht' wollen, daß besagte -ut.n mit Unrecht verfolgt werden . . . befehlen wir, daß ihr euch -! i;eu wohlwollend und gnädig zeiget, und wenn ihr findet, daß die i.uäni'rtn "Prälaten, Edlen und Vornehmen willkürlich etwas gegen . .it.n unternehmen, ihr den gesetzmäßigen Zustand wieder hcrstellet .e „ dit -wstalt-et, daß sie in Zukunft wegen dieser und ähnlicher e,.:'.-,.;.» i*n irg'-nd Jemandem mit Unrecht-belästigt werden. Tie- :: e n. ueidie sie belästigen, weiset durch kirchliche Strafen, ohne Arr. lation zuznlassen, zurück Gegeben zu Lhon, den 5, Juli im .'>. Jal re un'eres PontisicarS 1247,." Diese Bulle wurde später von Parst Gregor X. erneuert und von Kaiser Rudolf von HabSburg bestäk'.gr Wir sehen also, daß diese Männer, an deren frommer Gcsinnung. gewiß Niemand zweifeln wird, in Bezug auf daS Blutmärchen anderer Ansicht waren als der Mechaniker Schneider. Ebenso wie Papst Jnnocenz kV7^d»irtammen auch Gregor X., Martin V. und Paul III. in schärfster lWeise die thörichten Beschuldigungen der Judenhasser. Martin V. verbietet „auf das Strengste, daß fernerhin derartiges oder ähnliches gegen die Juden gepredigt werde". Er wünscht, daß „jeder Christ sie mit menschlicher Milde^ behandle und ihnen weder an ihrer Person noch an Hab und Gut Unfair zufüge". Seine Bulle schließt mit den Worten: „Keinem Mensche» soll es gestattet sein, diese unsere Urkunde ... zu verletzen oder ihr mit frevlem Wagniß zuwider zu handeln. Wenn aber trotzdem Einer dies zu versuchen sich herausnimmt, so soll er erfahren, daß er dadurch den Zorn des allmächtigen Gottes und seiner Apostel Petrus und Paulus sich zuzieht." Mit den wärmsten Worten ist später der Cardinal Lorenzo Ganganelli, nachherigcr Papst Clemens XIV., für die Juden und gegen baS Blutmärchen aufgetreten. Aus dem Gutachten, daS er über dasselbe verfaßte, möchte ich zum Schlüsse noch eine charakteristische Thatsache anführen. In diesem Gutachten erwähnt Ganganelli auch das unglaubliche Ereigniß, daß ein christlicher Batcr in Polen seine jugendliche Tochter absichtlich verwundet und diese dann auS vielen Wunden blutend in den Stall eines von Juden gehaltene» Wirthshauses warf, um dadurch gegen diese den Verdacht des Mordes zu erwecken. Glücklicherweise lebte das Mädchen, und erbittert über die - unmenschliche Grausamkeit ihres BaterS, der sein eigenes Kind aus blindwüthigem Fanatismus ermorden wollte, sagte sie der Wahrheit gemäß gegen ihren Vater ans. Die Acten deS ProcesseS existiren noch heute; wir empfehlen den Herren Antisemiten ihre Lectüre. Carl G r i o t. Aus dein Lgerlande. tOrigiiial-Millheilnng des „Freie» BlatteS".) Cger, im December. Tie verflossenen Wahlen für den böhmischen Landtag haben gezeigt, daß der Antisemitismus auch in zahlreiche Orte des Egerlandes seinen Einzug gehalten hat. Wer die rührige Thätigkeit des „Bundes der Deutschen in Böhmen", die schon viele Wochen vor den Wahlen entfaltet wurde, beobachtete, der mußte allerdings von den noihwendigen Erfolgen dieser unausgesetzten Agitation überzeugt sein. Ter von Prag aus entsendete antisemitische HeilSapostcl I>r. mwl. Hiebaum hat glücklich in den meisten Städten des nordwestlichen Böhmen die schon längst angestrebte Gründung von Ortsgruppen des erwähnte» Bundes zust-nde gebracht, die durch Abhaltung von Wunder - vorträgen unter eifriger Mithilfe des katholischen ClcruS bemüht sind, unter dem Landvolke Anhänger für die antisemitische Sache zu werben. Die^Agitation der Antisemiten vor den Wahlen erstreckte sich in vielen Orten selbst bis auf die Schulkinder, die man mit besonderen Wahlaufrufen belheilte. Mitunter freilich konnte sich die Thätigkeit dieser neuesten Retter deS Kleingewerbes und der Laudwirthschaft aber auch nicht vor dem Fluch der Lächerlichkeit bewahren. So ließ in Egcr der antisemitische Candidat Jro ein Circular aller „getauften Juden" die Run'e machen, durch welches sich der früher israelitische Advocat und derzeitige. Antisemit Tr. Lederer so sehr verletzt fühlte, daß, nachdem er nachgcwiefen, daß seine Faniilie nur blonde Haare und blame Augen anfweise, Herr Jro demüthigst um Verzeihung für seinen unliebsamen Mißgriffbitten mußte. Aber auch die Folgen sittlicher Verwahrlosung blieben nicht auS. So herrscht gegenwärtig in der Gcbirgsstadt Graßlitz der bedauerliche Zustand, daß sich an der Mädchen-Bürgerschule Acte großer Rohheit gegen den israelitischen Religionslehrcr wiederholen. Nicht nur daß der Schuldiener die Gewohnheit-' hat, die hölzerne Schultafel im israelitischen Lehrzimmer dazu zu benützen, um unsläthige Schmähinichriften von Stapel zu lassen, werden auch bei Ankunft des Religionslehrers regelmäßig Stuhl und Thürklinke mit menschlichen Excrementen bestrichen, waS gewiß , ein starkes Symptom von Verlotterung ist. Auffallenderweise bestes dieser Ucbelstand bis heute fort, obwohl bereits vielfache Beschwerden an das Bürgermeisteramt gerichtet wurden. Solche abstoßende Erscheinungen, verbunden mit der tendenziösen Geschmacklosigkeit eines Dr. Hiebaum, der in der constituirenden Bcrsammliiiig der Ortsgruppe Falkcnau des „Bundes der Teutschen in Böhmen" die Behauptung aufstellte, die hohe Sterblichkeitszisfer im weftböhmischen Kohlenbecken sei . eine Folge des jüdischen Einflusses, dürften freilich mit der Zeit hinreichen, den Boden fürweitere antisemitische Thätigkeit fruchtlos zu machen. Der „Ostdeutschen Rundschau" wird aus Eger geschrieben-: „ES ist eigenthümlich: wenn einmal ein Deutsch-Nationaler sich seine Selbstständigkeit wahrt und anderen verwandten Parteien nicht nach i

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