Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 193 (15.12.1895)
- Date
- 1895-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnemtiilSvrtiS. Für Oesterreich.Ungarn: Ganzjährig . . . 6 Kronen (fl. 3.—) Halbjährig .... 3 Kronen 40 Heller (fl. 1.70) Vierteljährig. . . r Kronen (fl. l.—) Für da» gesammte Ausland: Ganzjährig.6 Mark Halbjährig .4 Mark Einzelne Nummern 6 kr. Unfrankirte vriese werden nicht angenommen. f __ Erscheint an jedem Sonntage. Nummer 193. Wien, 1.'). Derember 1895. Redtttion n»ü 'Jlömiiüftration: i. Leilcrstättc 10. Inserate werden mit SO Heller «'io fr.) für die vier mal gespaltene Slonpareilleielle berechnet. Kleiner Anzeiger daS Wort 4 Heller (r kr.). Aufnahme von/ Inseraten in unserer Administration sowie Annoncenbureau M. Tuke». k.,Wollz«ile ---:->-*. IV. Jahrgang. Ein wunder Punkt. Dir Antisemiten haben von jeher die Taktik der wirlhschastlichen Aushungerung ihres Gegners befolgt; in ^großen, eigens hiezu einberufenen Meetings, in jeder einzelnen der ungezählten Versammlungen, die sie veranstalten, in ihrer Presse hallte und hallt in den verschiedensten Varianten, in den geschicktesten und ungeschicktesten Verkleidungen die gehässige Boycottformel wider: „Kauft nicht bei Juden!", „Leset und abonnirt nicht die jüdische Presse!" u. s. w. Man wendet sich mit diesem freundlichen Ralhschlage besonders gern und oft an die Frauen, welche dem Händedruck einer Durchlaucht, den verheißenden Blicken des „schönen Karl" nicht zu widerstehen vermögen, welche, unbeirrt durch die Controle dos Verstandes, politische Fragen vom Standpunkte ihres warmen Empfindens zu erledigen pflegen und bei der Verhetzung weniger Gefahren für die eigene Tasche ousgesetzt sind als der gar oft von seinem politischen Gegner lebende Man». So schufen sich die Antisemiten ein Amazonencorps, daS kreischend und keifend den Boycotlfeldzug führen sollte; und gerade jetzt, wo Weihnacht wieder vor der Thür steht, hören wir von Tausenden weiblicher Lippen wieder daS unweibliche „Kauft nicht bei Juden!", gerade jetzt setzen Massenaufgebote von antisemitischen Frauenspersonen, die mit dem Abhub der Wiener Weiblichkeit stark untermischt sind, eine widerliche Boycoltirungöfarce gegen die nichtantiscmitische Presse ins Werk. Es drängt sich da Einem unwillkürlich die Frage auf: WaS geschieht denn auf der anderen Seite, um diesen Janilscharenstürmen auf die wirthschaftliche Existenz aller Feinde des Antisemitismus zu begegnen? Ein jeder Kampf muß doch mit gleiche» Waffen geführt und die Verantwortung für die Folgen ebenauf den mäßigen Angreifer zurückgewälzt werde». Waö würde man einem Feldherrn sagen,, welcher auS Gründen der Humanität kein grobes Geschütz auffahren ließe, während der Gegner unbeirrt in seine Truppen hineindonnert? Im wirthschaftliche» Kriege beantwortet man den Turnout eben mit dem Lockout, und wenn die von den Antisemiten so eindringlich behauptete „Solidarität des JudenthumS" wirklich bestände, gäbe es auf den antisemitischen Boycott eine Erwiderung, von welcher sämmtlichcn Bekennern des unverfälschten Arierlhums und Ehristenthums die Ohren' klingen würden. Allein wir haben Grund anzunehmcn, daß diese jüdische Solidarität auch nicht einmal in jenem Maße bestehe, in welchem sie auch vom freisinnigen Standpunkte immerhin wünschenöwerth wäre. Es gibt eine stillschweigende, unvereinbarte Solidarität unter allen Leuten, die Ehre im Leibe haben, eine Solidarität, die sich in Allen regt, wenn irgend ein Ehrenmann — wäre er auch wildfremd — beschimpft und besudelt wird, wenn einem Unschuldigen mit der Faust ins Gesicht geschlagen wird u. s. w. Spontan kehrt sich mein Unwillen und meine Entrüstung gegen den muthwilligen Angreifer, und wenn ich schon nicht immer zur activen Abwehr gegen ihn schreiten werde, so werde ich doch noch viel weniger den Frevelmuth besitzen, den Verfolger meines bedrängten Bruders zu unterstützen. Als unter dem düsteren Eindruck der Seplemberwahlen das Gerücht lancirt wurde, die Juden würden nunmehr mit einem Lockout dem antisemitischen Wien antworten, sie würden ihre Hand von den zahlreichen Wohlthätigkeitsacten, die sie bisher gefördert, zurückziehen, sie würden die öffentlichen Veranstaltungen meiden, den Theaterbesuch einstcllen ». s. w., da gehörten wir nicht zu Jenen, welche blasse Furcht überkaiti, wir waren auch froh, daß wir nicht an diese Drohung zu glauben brauchten. 'Wir können nicht der reizende», jungen Frau eines BauquierS zumuihen, daß sie weder am Jndnstricllenball, noch am Ball der Stadl Wie» erscheine, wir sehen nicht recht ein, was es den Antisemiten schaden sollte, wenn Juden stall zur Premiöre erst zu einer Reprise gehen oder selbst daS Theater ganz meiden würden, und wir können es weder im Interesse der leidcirden Menschheit, noch im Interesse der Inden selbst wünschen, daß diese ihre niildc Hand von de» Hungernden und Frierenden, von den Waisen und Bresthaslen zurückziehen Aber waS wir von jedem Inden ohne Unterschied erwarten können .und dürfen, -ist, daß er nicht noch die Positionen des Feindes stärke, und daß er nicht jene nichljüdischc» Kämpfer für Freiheit und. Rechtsgleichheit im Stiche lasse, dix freiwillig für ihn den Kainpf auf sich nehmen. Wir geben cs ja gern z», daß der Anti semiliSmnS gerade dicjenigeil Inden, gegen die er am meisten eifert, wirthschaftlich gar nicht trifft; nicht de» Millionen besitzenden Großconscclionär oder Bergwerksbcsitzcr, »ich« den einflußreichen Finanzmann, wohl aber den armen Haustrer oder inzeiid einen unter noch größerem Druck als sein christlicher Eallege arbeitenden jüdischen Handwerker schlügt diese blindwüthige Hetze zu' Boden. Es ist daher in Anbetracht der aUgcniei» nienschlicheii Eharakler cigenthüinlichkeit leider nur;ti begreiflich, daß sich die reichen Inden durch den Mtiseniitismus auch nicht einmal ein Souper verderben lasse»; aber wir finden keinen schoiiendcn Ausdruck dafür, daß sie die Peiniger ihrer armen jüdischen Glaubensgenossen' noch in ihrem unmenschlichen Treiben durch' 'manzieUe llnicrstüpnng fördern. Während die Antisemiten in Massenmeetings die Ans fperrnng der ihnen unbequemen Presse predige», mästet sich der bekannte antisemitische Eorrüptionojournalist bn fetten Bgiikpanschalien, prangen in einer gewissen Presse, neben den schmählichsten Beschimpfungen aller Inden, Inserate bekannter jüdischer Firmen u. s. w. ES müssen.persönliche Motive niedrigster Art sein, welche einen Juden bewegen können, sich seine Scherge» .großznnlttern, während er d* ängstlich meidet, durch die offene' und kräftige Unterstützung der nicht in letzter Linie in seinem Interesse für Freiheit und Recht kämpfenden Presse, vor der Oeffenilichkeit. sich alö Jude-zu declariren. Wir hören nichts davon, daß die Parole der Antisemiten: „Jndenzcilungen hinaus!" mit der einzig richtigen Antwort: „Anlisemilenprcsse hinaus" henngezahll werde:.i»i "'egentheil, dieselbe wächst, blüht, gedeiht lind wird zu hinein prontablen Geschäfte, ganz ausschließlich Dank der freundlichen Unterstützung und Nachfrage seitens der — Inden. Das ist wohl der wundeste Punkt in nuierer Abwehr bcweguiig, auf den wir einmal Hinweisen mußten, und den wir, schon im Interesse - der Achtung, welche sich die , Inden selbst ^schulden, nicht mehr auS dem Auge lassen werden. Die Päpste und das Z3lutmärcbcn. (Zuschrift <m ta-5 „gvdc Blatt".l Von den unsterblichen Wahrheiten, denen unser Schiller -treffenden Ausdruck verlieh, hat das Wort von der Dummheit, gegen die Götter selbst vergebens kämpfen, wohl am häufigsten feine Bestätigung ge