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Freies Blatt · 1895-12-08 · 192 (8.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
192 (8.12.1895)
Date
1895-12-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 192. Seile 4 linmq der über vielt dort .ungesetzlich" wohnende Juden verhängten ' «trafen und Ausweisungen fordern. Ein ganzer Abschnitt auS diesem Protokolle enthält nichts als Fürbitten verschiedener Corporationen, Handelsvereine und anderer eommereieller Gesellschaften, welche daS Börsencomilä im Vauje ■ bc3 Jahres 1895 erhielt, und in denen die Bedeutung der Juden für den Getreidehandel im Innern deS Reiches sowie auch für den Getreideexport hervorgehoben und um die Aufbebung der Handelsbeschränkungen gegen die Juden gebeten wird. Die Urtheile aller dieser gewiß maßgebenden Factoreu über die Tbäiigkeit der Juden auf dem Gebiete deS Getreideexportes gewinnen ntch an Bedeutung, wenn »Am die Thatsache in Betracht zieht, daß daS Finanzministerium von den einberufenen Experten Erklärungen über die Moral der jüdischen Getreidehändler gar nicht verlangt hat. AuS freien «klicken, ohne jedwede Beeinflussung gaben sie diese Erklürungen ab und veranstalteten somit eine imposante Demonstration für die Juden und gegen deren Feinde, welche unter anderen Umständen nicht direct zu den Thren der maßgebenden Kreise gedrungen wäre. Die Ursache dieser spontanen Kundgebung zu Gunsten der vielfach verleumdeten Juden liegt in der Thatsache, daß der gegenwärtige Riedei gang der russischen Landwirthschaft und deS Getreidedandels fast ausschließlich durch die ^intijüdische Politik der letzten fünfzehn Jadre berbeigesührt wurde. Haben doch viele Gutsbesitzer, wie der „Wo'ckiod" neulich meldete, um die Einstellung der Ausweisungen der jüdi'chen Getreidebändler deshalb petitionirt, weil sie .in den Juden das wichtigste Mittel zur Hebung der Landwirthschaft" erblicken. Diese Thatsache, welche die Vertreter des Handels, der'Industrie und der Landwirthschaft unter Alexander Hl. todtschweigen zu münen glaubten, wird nunmehr von allen «eiten zugegeben in der Hossnnng, daß das etwas mildere Regime Nicolaus' II. auch die imtib'chastlichen Nebel beseitigen werde, welche bicj anlijüdische Politik geschaffen hat. > Argus. Zur Wablbcwcstllllsi. Dex politische Verein „Eintracht" in der Jose'stadt lnelt Ende November eine Versammlung ab, in welcher t'.'.udiagsabgeordneter Tr. Albert Richter und ReichSrathSabgeordneter D r Riar M e n g e r über die bevorstehenden Gemeinderathswahlen 'rrachen. Dr Richter sagte: „Mitten in seinem Entwicklungsgänge zu einer «Großstadt wird Wien gehemmt, und die Situation ist angesichts des rasch aufstrebenden Budapest doppelt bedrohlich, Die Ursache dieser Erscheinungen ist das Bordringen der Macht der Elericalen, welche »fit fei» Mittelalter nie so groß gewesen ist, wie gerade im gegenwärtigen Zeitvunkte. Tie Elericalen haben eine förmliche Nebenreaierunq ctablirt, welche auch durch den niederen CleruS gegen die Hierarchie Stellung nimmt und sich auf VolkSfihrer stützt, welche rücksichtslos für ihre Ziele einlreten und vielfach über dff gesetzlichen Schranken binauSgehen. Sie wurden merkwürdigerweise bisher nicht znriickgeiviei'en und mußten daher mächtige Kräfte finiter sich vermuthen. Ans der Enttäuschung anläßlich der Bürgermeisverwahl erklärt sich wob! die Wntb und Berbisienheit jener Kreise, welche bisher thun konnten, ivas ihnen beliebte. Wer die Mächte sind, auf welche sich die bekannten Bolkssührer stützen, ist heute noch ein Grheimuiß, und eine Bencrung der Berhältnisie ist erst dann zu erwarten, wenn die Berclkeruna Klarheit darüber erlangt haben wird, wohin diese Mächte ste tübren wollen. Die Ursache der «istirung der Gemeindeaiitonomie ist in dem Ehrgeize eines einzigen ManneS gelegen. Wäre der anti'eikiiii'che Bürgermeister bestätigt worden, so wäre von seinen Aubänacrn erklärt worden, daß 'damit der Antisemitismus als eine Art ron «taaksreligion erklärt wurde, daß jeder ein Hochverräther sei, der sich gegen den kaiserlichen Willen auflehnt. Tie Nichtbestätigung des anliiemilischen Bürgermeisters dagegen wird als ein Willküract der Regierung dcclarirt." Dr. Menger legte dar, daß es ein Mißgriff sei, an der eigenen Partei zu mäkeln, wenn man im Kampfe steht mit eenem Borstoße der schwärzesten Reaction, welche mit allen erdenklichen «>\',t>.iini,iml,t mit Radau und «candalen das fortschrittliche Bürger-' •!;:»; in den «taub treten, dem Clericalismus die Herrschaft ver- 't'.'.f'en n>ü Wer daS beule noch nicht erkannt habe, dem sei nicht zu ‘ ,i ..Di, liberale Partei." fuhr der Redner fort, .soll die wirthsch.ist.ich ,! und iocial politischen Jntereffen mit allem Nachdrucke vertdar» aber nie dazu herabsinken, nach antisemitischem Muster Ber r. 'chnngen :n^ machen, welche nie gehalten werden können. Tie An'gabe der ,omiiiiinalen Politiker wird es sein, mst allem 'Nachdrucke ka'ür cinzulrelen, daß die arbeitenden Elasten eine iAnzahl von Mandaten «nr den «Nemeinderath und den Landtag in tiner neu zu schaf- 'end'n Wählerclane erhalten, überhaupt für locial-politische Neuerungen, insbe'ondcre kür die Schonung einer städtischen Arbeitsvermittlung einzntreten. DaS Hauptgebot im heutigen Kampfe aber ist die Wahrung der Gemcindeautononiie, welche im höchsten Grade gefährdet wäre, > wenn die Stadt Wien an Elemente ausgeliefert würde, welche die Beraubung und Vertreibung von Mitbürgern predigen, was bisher noch in keiner großen Stadt vorgekommen ist." (Immer großmäulig.) In einer Versammlung des .Politischen BolkSvereines" lieferte Dr. v. Khautz einen hübschen Beitrag zur Würdigung der öffentlichen Wirksamkeit Lueger'S. Als dieser noch kein Autisemitenhäuptling war liijb auf andere Weise vorwärtSzukommen hoffte, sagte er einmal in einer Versammlung, welcher Dr. v. Khautz beiwohnte: .Ich werde sie zertreten, die Pfaffenknechte!" (Wackere Worte.) Man schreibt UNS: Bor einigen Tagen fand im Gemeindehause deS X. Bezirkes eine SectionSsitzung des Favoritener ArmenratheS statt, bei der sich ein peinlicher Zwischenfall ereignete. Der Armenrath und Faßbindermeister Perl fand eS nämlich für angezeigt, sein Bedauern darüber auszusprechen, daß dem Armenrathe auch ein Jude..angehöre, und er stellte den pzäcisen Antrag, es sei ein Vertrauensniann zu wählen, der dem jüdischen Armenrathe es nahe legen möge, abzudanken. Der Schriftführer deS ArmenratheS Kaufmann Kletschka erwiderte, man möge doch den Glaubens-und Racenhaß nicht in eine humanitäre Körperschaft tragen, wie es der Armenrath sei. Abgesehen davon, daß das, was Perl 'verlange, im höchsten Grade unchristlich sei, so sei zu befürchten, daß, wenn derartige Anträge angenommen würden, die Juden bei allen Humanitären Veranstaltungen oder Sammlungen Abstinenz treiben könnten. 99 Percenl der Hilfesuchenden seien Christen, und nur höchst selten finde man im Bezirke Juden als solche; hingegen tragen die Juden gewiß 50 Percent zu den Geldern bei, die an die christlichen Armen vertheilt werden. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Perl's mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt. —r. (Schneidcrgehilfcn gegen Christlich-Sociale.) In der Voltshalle des Rathhauses fand am 1. d. M. Nachmittags unter dem Vorsitze des Gehilfenobmannes S m i t k a eine von circq 2000 Schneidergehilfen besuchte Versammlung statt, welcher als Vertreter der Gewerbebehörde MagistratSrath Victorin beiwohnte. Der Vorsitzende kritisirte aufs Schärfste das Vorgehen der Meister gegenüber den Lehrlingen, welch letztere trotz christlicher Nächstenliebe aufs Aergste auSgebeutet würden. Schädlich für die Gehilfenschaft sei daS Stückmeister-, Sitzgeseflenwesen und die Wochenschneiderei, gegen welche die Gehilfen seitens der gesetzgebenden Körperschaften Abhilfe verlangen. Auch Dr. P len er habe als Finanzininifter die Schädlichkeit der Hausindustrie anerkannt, dasselbe habe auch Prinz Liechtenstein gethan, allein die Arbeiterschaft. müste an den ehrlichen Absichten des Letzteren zweifeln, da bekanntlich viele Wähler in Hernals Stückmeister und Wochenschneider seien. Auf dem Franz Zoses-Bahnhofe sei ein förmlicher Sclaven markt für ankomm ende Lehrlinge errichtet, woselbst für jeden Lehrling 50 kr. bezahlt würden. Auch sei eine Anzahl von Gehilfen von einem Meister deS XVIll. Bezirkes um je 2 fl. an einen Meister iü Bielitz^ verkauft worden. Die gegenwärtige Genoffenschaftsvorstehung, die im christlich-socialen Fahrwaffer segle, finde es mit ihrer christlichen Nächstenliebe vereinbarlich, daß schwarze Listen angefertigt werden, welche die Namen jener Gehilfen tragen, die ihr Recht beim Schiedsgerichte anrufen. Wie wäre es, wenn die Gehilfenschaft schwarze Listen jener Meister machen würde, die schlechte Löhne zahlen :c.? Diese Listen wären wirksamer, daher mögen die Meister mit den schwarzen Listen nicht spielen. Gehilfe Urban polemisirte gleichfalls gegen die christlich-socialen Meister, welche systematisch Lehrlingsmörderei betreiben. Dies seien die Wähler L n e g e r's und L i e ch t e n st e i n's, welche in der Frage der Hausindustrie eine erbärmliche Rolle spielen, indem sie die Schäden derselben kennen und doch nichts dagegen thun wollen. Auch Abgeordneter Steiner habe erklärt, daß die Wochenschneiderei die Schule der Arbeiter sei. Auf dem Bittwege zur christlich-socialen Partei werden weder das Kleingewerbe, noch die Arbeiterschaft etwas erreichen. Zum Schluffe gelangte eine Resolution zur einstimmigen Annahme, in welcher unter Anderem die Abschaffung des Befähigungsnachweises, Einführung eines ReichSversicherungsamtes, einer Arbeitsbörse, obligatorische Einführung voff Einigungsämtern, von StaatS- Lehrwerkstätten, Einschränkung der LehrlingSzüchtung und Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Kleingewerbe verlangt werden. (Ei» cnragirter Luegeriailcr.) Der Hausbesitzer und Gastwirth Franz Straßer (II. Bezirk, Wallenfteinstraße Nr. 80), ein bekannter Führer der Brigittenauer Antisemiten, deffen Local mit den Bildniffen Lueger's und anderer antisemitischer Größen geschmückt ist und erst kürzlich der Schauplatz des scaudalösen antisemitischen Frauenzimmer- MeetingS war, hatte sich dieser Tage vor dem Jnjurienrichter des II. Bezirkes über Klage des CassierS Leo Zuckerberg wegen gemeiner antisemitischer Beschimpfungen und Drohungen zu verantworten. Wie es in der Anklage u. A. heißt, wartete der Wirth

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