Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 192 (8.12.1895)
- Date
- 1895-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 192. Frei«» Blatt. Seite 3 Fragen bietet, das haben wir schon oft, gehört, und cS wundert unS nur, baß an den europäischen Universitäten noch kein Lehrstuhl für diese hochbedcutende Wiffenschast eingerichtet worden ist. Wir wagen jedoch zu glauben, daß eS keiner besondere» wisieuschastlichen Vertiefung bedarf, um auf Juden und Liberale zu schimpfen. Die wissenschaftliche Grundlage dcS Antisemitismus könnte doch nur der jüdischen Geschichte und Literatur und der Kenntniß des jüdische» Lebens ent nommen werden. Diese aber sind nicht so leicht wie die wüsten AgitationSreden, und — was noch mehr sagen will — diese zeigen, wie absurd der ganze Antisemitismus ist. Was sollen die Antisemiten überhaupt mit der „verjudetcn" Wissenschaft anfaiigc»V Für sie gilt die Maxime: Je weniger man vo.n einer Sache versteht, desto bequemer kann man darüber sprechen und schreiben. Sie kritisircn mit Vorliebe den Talmud, weil sic ihn nie gesehen, geschweige gelesen haben. Niemand ist in seinen Behauptungen so kühn als der von keiner Erkenntnis getrübte und von der Wisienschaft nicht angekränkelte ' moderne Ignorant. Denn die Wissenschaft bietet nie diese felsenfeste, unerfchüttcrtc Sicherheit der Unfehlbarkeit, die der Unwisienhcit eigen ist. Die Unwisienhcit ist daher die schönste Zierde und die beste Grundlage aller lichtscheuen Bestrebungen stets gewesen, und der Herr Vcrfasier ist sehr ungerecht, wenn er dieser Hohen Tugend nicht die nöthige und verdiente Anerkennung zollte Die jungen Antisemiten sind mit dem A-B-C der „Judenfragc" nicht cinuial vertraut. Wie schrecklich! Du lieber Gott, was ist da viel zu wisse»? Man gebe uns nur irgend einen Schustergesellen, der eine gesunde Lunge und eine Portion edler Dreistigkeit besitzt, und wir wollen unS verpflichte», ihn in zwei Stunden mit all dem Wisicn und Können der alten Auliscinitcnführer auSzustatten. Ja, wir wollen dafür garantiren, daß diese neue Leuchte daS Sprüchlein ebenso gut aussagc» und ebenso bejubelt werden wird, wie die berühmten Größen der antisemitischen Heilsarmee. Auch die Nullen haben ihr Schicksal, und Tirichlct machte einmal deli geistreichen Witz, die Null bedeute in der Mathematik wie in der Politik nur dann etwas, wenn sie rechts steht. Manche Null sitzt in de» ersten Reihen des deutschen und österreichischen Parlaments, strahlend in Glänz und Herrlichkeit, manche dagegen muß unbeachtet verkümmern. Ein Zufall nur entscheidet oft, ob eine Null den ersten oder den letzte» .Platz in den antisemitischen Reihe» cinnirunit. Es ist also nicht euer Verdienst, ihr Nullen, daß ihr rechts der Ziffer steht und oft große Bedeutung erlangt! Eine bereits geleistete Arbeit soll nicht noch einmal gethan werden. Gut. Aber die antisemitische große Arbeit besteht im Lügen und Entstellen, und wen» rnan so glücklich ist, diese edle Kunst selbst zu besitzen, so vermöge» wir nicht einzusehcn, wozu man noch von Anderen borgen soll. Der kleinste Dorsschueider versteht gerade soviel vom Talmud und der jüdischen Sittcnlehrc, wie der „große" Rohling. Wenn man mit falschen Banknoten handelt, so kann man sie auch schon selbst Herstellen. Siebleibe» sich gleich all die Antisemiten, gkcich im Wesen, im Wollen und Streben. Das bischen Schminke thut wenig zur Sache, cS täuscht nicht einmal beim Lampcnschein. Der Versasier wirkt »och drolliger in seiner Gcncralbeichtc, denn er gibt unS ein genaues Bild des modernen Strcberthnms, das. im Antisemitismus verkörpert ist. Er plaudert in unverantwortlicher Weise aus der Schule, wenn er schreibt: „Bei Anderen wieder liegt die Schuld an jener geistigen Trägheit, die jeder schärferen Anstrengung des Kopfe« gern meilenweit aus dem Wege geht und sich scheut, de» Dingen auf den Grund zu gehen, aus Furcht, daß da vo.r ihre» Bkicken Aufgaben auftauchcn könnten, für deren Lösung mau viel lieber daS Etscheinen irgend eines Herakles abwarten will, statt daß man resolut daran ginge, sich selbst und die Gesammlhcit zu dieser Lösung tüchtig zu machen." Diese Eharakteristik der Antisemitent'nhrcr, die auf alle ohne Ausnahme paßt, ist so scharf, daß sie in einem ..Judenblatte" nicht treffender gezeichnet werden könnte. Geistige Trägheit und sittliche Entartung, das sind eben die ewigen Grundelemente des Antisemitismus. Untergräbt mau diese Säulen der rcaetionärcn Weltanschauung, so stürzt das ganze stolze Gebäude wie ein Kartenhaus zusammen. Seid daher klug, ihr antisemitischen Kritiker, und rüttelt nicht daran. Der Antisemitismus kann keine Kritik vertragen, henn Moral und Vernunft haben ihn längst vcxurtheilt. Bisher war die antisemilischc Partei eine Zufluchtsstätte für alle verkrachten Existenzen und polilifchen Idioten, für alle, die ihre Meinung leicht wechseln, weil sie nie eine Ueberzeugung hatten. Rn» gibt cS derer gar viele, und die Partei vermag sie nicht alle zu beherbergen. Daher wüthct der Brotneid in ihren Schaaren, und der natürliche Proceß der Zersetzung und Auflösung richtet sich nun auch gegen die eigenen Genosic». DaS Ende dieser tragikomischen Erscheinung kann daher nur die sittliche und geistige Anarchie sein. Die Beruichtniig aller Errungenschaften der Cultur und die Zerstörung aller Gesetze der Sittlichkeit und dcö Anstandes ist das Endziel, dem die antisemitische Bewegung langsam^ aber sicher zusteucrl. „Hinter uns ist die Sintfluth!" — das sollten die Herren ans ih.>' Fahne schreiben. Pnl,iu--. > » Die 3u£en und ' "U der (ssetreidebuudel (Criginal Mitthnlung de« „Freie» Blatter".l Petersburg, I. Teceinbcr. Das russische HandclödcparlcmciN l)at eine Eommission mit dem ■ DcpartcmcntSdirertor Gehcimrath KowalcwSkij an der Spitze eingesetzt, welche mit der Regelung dcS GetrcidcerportcS betraut wurde. Ta diese Frage natürlich die russische Landwirthschast unmittelbar berührt, so wurden in die Commission Vertreter der Landwirthschast auS allen Gebieten dcS Reiches bernscn, denen die Ausgabe zusiel, dem HandelSdepartcnicnt und dem Finanzministerium Mittel und Wege vorzuzcichncn, welche die Hebung dcS^ gegenwärtigen völlig daniedc» licgcndcn GctreideexportcS und der Landwirthschast f, hcrbcisübren könnten. Finanzministcr Witte, der alS ehemaliger Dircnbr der Seid wcst-Eiscnbahncn die r dcssacr Getrcidehändlcr genau kennt, bcries nach Petersburg auch einige Vertreter der russischen Getreidebörsen, um von ihnen detaillirle^ Berichte über die den Getreidclandel förderndes und schädigenden Faetorc» abzuverltingcn Aber schon nach der einen ' EomiuissioiiSsitzung gaben sich dje hiesigen jndenseindlichen Blätter allerlei Mühe, die Dhätigkeit der Eommission zu Ilngunsten der .Luden, die im russischen Gctreidccxport eine bedeutende Rolle sviclen, zü beeinflusse». Treu ihrer Methode, in den KainpseSmittel» gegen die Jude» nicht wählerisch zu sei», häufte» diese Prcßorgane Unwahrheit aus Unwahrheit, um die Juden alS die Hauptschuldigen an' dem 'Niedergänge dcS GetrcidcerportcS hinzustellen. 'Noch vor Kurzem ergingen sich die „Nowojc- Wrcmja" und der „Graschdanin" in nicht aualisi eirbaren Ausfällen gegen die jüdischen Erportcure, welche angeblich daS Getreide fälschen und „daS russische Reich schänden". Aber die Eömmission hat sich durch diese phrasenhaften Ausfälle der.Antisemiten nicht beirre» lasse» und ein Material über die Dhätigkeit der Juden aus dem Gebiete dcS GetreidchandclS gesammelt, das nicht nur die Behauptungen der Judenfeinde völlig widerlegt, sonder» eher wie eine Lobhqmnc auf die Wirksamkeit der Juden klingt; so svrachcn einsiiiumig und entschieden die zahlreichen, durch Berus, Stellung, und Raues rer schicdencis örthodorc» Sachverständigen der Eommission sich über die Juden als Getrcidchändler aus,> so vernichtend-lautet ihr Unheil'über' die Verfolgungen und Ausweisungen 'der Juden.im Allgemeinen. Dem „RischSkij Wjcstnik", der Beziehungen zum Finanzministerium unterhält, ist eS gelungen, Einsicht in die Protokolle der Eommission zu nehme»; da heißt cS z. B. in dem Gutachten der Vertreter der russischen Hafenstädte wörtlich: Für die Interessen deS tR-xieidehandeis find die Inden ein nothwcndigcs und äußerst wichtiges Element. Die Beschuldigungen, welche viele Blätter gegen die jüdischen Erportcure erhebe», entbehren jedweder Begründung. Tie Geschäfte der jüdischen Exporteure zeichnen sich?urch große Dolidilät und Reinheit auS. Darüber sind alle Händler einig. Die Eonsnmentcn bckanpten sogar, daß, wenn keine jüdischen Händler wären, der kleine Mann das nöthige Getreide dreifach bezahlen müßte." Daß die jüdischen Exporteure die Gctreidepreise verbillige», wird von dem bcrllhmten russischen Statistiker Professor Janso» bestätigt, welcher erklärt, „daß.die Theilnahmc der Jude» an dem Getrcidchandcl die Entwicklung des GctreideexportcS und die Verbilligung der Preise herbcigcsührt hat". Von großem Interesse ist das Protokoll der Vertreter deS Südwestgebicles, und zwar deshalb, , weil die hiesigen Judenfeinde die Beziehungen der orthodoxe» Bevölkerung zu de» Juden in dickem Gebiete stets als feindselige bezeichne» und die dortigen Inden der AuSbcntuugssucht beschuldigen. In diesem Protokolle wird gesagt: „Die bäuerliche Be-, völkerung lebt mit de» Inden in bestem Friede» und größter Eintracht. Während in Petersburg viele Feinde der Gleichstellung der Juden die Nichtzulassung derselben zuni Ankäufe von (Gütern im Südwcstgcbietc unter allen Umstünden aufrcchicrhaltc» wissen wollen, beklagt die bäuerliche Bevölkerung dieses ^Verbot aus 'daS Tiefste, weil sic Beweise dafür hat, daß die Zulasiung der Juden zum 'Ankäufe von Gütern die Landwirthschast heben, den Getrcidchandel entwickeln und ihre materielle Lage vcrbcsicr» würde. Tie Jude» habe» im Südwestgebicte die Bevölkerung entschieden für sich." Wenn schon die von unS angeführten Protokolle die Dhätigkeit der Juden auf dem Gebiete des Getreidehandels im besten Lichte zeigen, so gehen die Vertreter der Libauer Kaufmannschaft und deS Libauer Börsencomiv S noch weiter, indem sie die Zulafsung von Juden aus dem NicderlassungSgebietc zum Betriebe von Handel in der Hafenstadt Libau und die Annnl-