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Freies Blatt · 1895-12-08 · 192 (8.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
192 (8.12.1895)
Date
1895-12-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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t- ■{ Seite 2 Frei«» ficht, so hchelfeii Sic sich eben, wie Sie können." Der ausgezeichnete Dramaturg, welcher treu seiner Vergangenheit, treu seinen Iiigeiididealen dao politische S'ebnt von einem sehr ernsten Standpunkte bcnrtheilte, schloß diese Erzählung, deren Kenntniß wir einen hochachtbaren GewährSinnnne verdanken, mit den Worten: „Seither grüße ich ihn nicht mehr, diesen Schäker." So leicht ober auch Graf Taasse Alles nahm, man würde ein Unrecht begehen, wollte mau seine Viibe zu Kaiser und Reich bezweifeln. Dazu ist man durch die burichikose Art, in welcher er sich gefiel, keineswegs berechtigt. .Wir glauben daher, daß ihm die Folgen seiner Politik gegenüber den Anlisemile», die Verheerungen, welche sie in der Reichshaliplstad! angerichtet hat, die letzten Tage seines Lebens vergällt haben werden. Die Trauernder christlich-soeialen Antisemiten an der Bahre deS ehemaligen Ministerpräsidenten dürfte jedenfalls aufrichtig fein: er hat, mag er auch sein Vorgehen vor seinem Ablebe» , bereut haben, vollen Anspruch auf eine Ehrung von dieser, Seite, denn ihm, wenn nicht allein, so doch vorzugsweise, ist das riesige Ain'chwellen des Antisemitismus in Oesterreich. zuzuschreiben. In den Annalen der antisemitischen Bewegung deö XIX. Jahrhunderts wird der kleine SlaalSkünstler im „Forlsrelten" keine geringere Rolle spielen alS der eiserne Kanzler, der in Bezug aus allgemeine Bedeutung ihn thurmhoch überragt. - i"rt 2lu=> der Alozart Stadt. > ,Zu-änift a» dar Jyreic Blau" ) ' Lat; bürg, am 3. November. Seit mehr alS einem halben Jahre ist die elelsieal-chrjstlich sociale Maietitäi im Besitze der curuliichen Stuhle. Der! eine Liberale in tiefem Kreise bildet keine Partei,- und man sollte nun denken, daß k:e'd IV.i'i j Alles ansbieten würden, um ihre Zeit zu nützen. Bisher ist aber noch nichts geschehen, waS nicht schon in der Itberalen Aera deS Gemeinderathes ängebahnt worden wäre. Kein erb-.blicher neuer Beichluß zum Vortheile der Fremdelt- und Saisonstadt tiett die Protokolle. Dagegen wird daS erste größere Werk, welches reu der neuen Majorität eben durchberathen und von Commisstonen aevrü't wird, die Regulirung deS „RudolfS-OuaiS" zwischen dein Künstle!hauie und den vor dem Mo;artplatze liegenden Userpartien sein. Wre wir vernehmen, plant man nämlich, die ganze lange Allee, einen wahren Schatz, sowie die dahinterliegenden Rsfte der malerischen Siadtiiianern, ferner das „Schanzt" und sein (Gegenstück (bei der alten Enimündung des „HeUbrunnerbacheS" in diel' Salzach) niedertillegeu. Man wird durch eine Reihe nüchterner- Zinshanssa<,-aden, unterntifcht mit größeren öffentlichen Gebäuden (her Gewerbeschule, dem GerichiSbaus und Gesüngniffe :c.), jenem gerade an dieser Stelle so herrtrchen Siadibilde das bisherige alterthümlrche Gepräge rauben und dabei den Vordergrund total verändern. Manchem Alt-Salzburger :t:ut das Herz. weh, wenn er bedenkt, wie das Resultat der Demolirung des L-nrcrthorcS war, welches man der christlich-soeialen Gewerbepartei raui Dp'er brachte Leere Feuermauern bezeichnen »un die Stelle, wo ::n iodies Viertel durch die Zerstörung eines Historische» Denkmales V.Hen erbaltep sollte Jetzt geht dieselbe Partei daran, die weltberühmte .Stadtausfichi", jenes unvergeßliche.Bild, von zahlreichen Maler» vermengt, zu verunstalten. Gerade die „Confervativen" sollten für das Chrwürdige, das Alte eintreten und die Bestrebungen der Künstler und Kunstfreunde, unterstützen, welche wiederum ihre Stinimen zum Proteste erheben werden, wohl auch wiederum vergebens! Wenn die Ttadtgeichichte reu den zu Ende des XIX. Jahrhunderts sich folgenden Eutwicklungsphaien Salzburgs erzählen wird, dann mußsie auch, wenn ein Unparteiischer sie schreibt, constatiren, daß das Princip der inckfichtslosen AuSnützung d.s städtischen Bodens; ohne die Gebote der Pietät und deö Schönheitssinnes zu beachten, Won der christlich- '.'.iaien Gewerbepartei vertreten wurde, 'von einer Strömung auSging und zur Geltung gebracht wurde, welche die Hebung des Kleingewerbes t .cfiat, al'o gerade Alles thun sollte, um den Zauber der malerischen t:nd historischen Stätten' nicht zu verringern. Ob diese „Volkspartei" , .r -ii-i;--- aber in dem Falle der Regulirung des Rudolfs-Ouais den Bewohnern der Saison- und Fremdenstadt Salzburg Linen größeren Dnnst erwci'en werde, als dies durch die gänzlich erfolglose und inuthwiiU.z herdeigeführte Demolirung des LinzertHoreS geschah, das wollen wtr erst 'ehe». Vprher warten wir''noch aus weitere Thaten der jungen Mairrilat im Rathhau'e, ehe wir sagen dürfen, sie habe keine gesunde Initiative oder demolire mehr, als sie schasst; solches UrtHeil wäre allerdings noch verfrüht und nach sechs Monaten zu scharf» Auf die .. V‘ X [/mnili“ viel zu geben, ist nicht angezeigt; wir sehen, wie Unrecht hicie- Stimme in Wien hatte. Aber Tr. Lueger'S vlatt. Nr. 192. Niederlage hat, wie es scheint, die Salzburger Antisemiten nur noch kühner gemacht. Ein neues Organ des Judenhasses und des „Deutschthums" wird hier erscheinen, u»d zwar in Mozart'S Wohnhause!. Wen» Mozart geahnt hätte, welchen Zwecken der heutige Buchdruckersaal wird diene» müssen, in dem er vor einem Jahrhunderte seine Concerte für die auserlesene Gesellschaft von Musikfreunden, für die Idealisten Salzburgs gab und feine süßesten Klänge zum erstenmale ertönten! Schäme dich, Salzburg, daß du an der Stätte der Har-, monie und deS höchsten Aufschwunges erhabener Kunst, gegenüber dem Musentempel, der die Inschrift trägt: „Dem Schönen ein Heim", die niedrigsten Triebe der Menschen zu wildem, innerem Aufruhre anspornen siehst und es duldest, daß in einem kunstgeweihten Hause das lose Spiel mit der Volksleidenschaft getrieben wird. Gerade dieses Haus! Es. ist wie ein Hohngelächter der immer mehr verrohenden Gegenwart auf die geistigen Güter der Vorfahren, auf das Höchste, was je die Menschenseele bewegt. * I)—f. Antisemitische Selbsterkenntnis;. (Zuschrift an das „Freie Blall".) Köln, Ende November. Ter schlechte Geschäftsgang, über den augenblicklich alle Welt klagt, zeigt sich jetzt auch in der Politik. Nicht als ob die Politik eingeschlasen wäre, o nein! Wie Pilze auS der Erde sprießen täglich neue Parteien mit unklaren Zielen und verschwommenen utopistischen Forderungen empor. Aber der Weizen der antisemitischen Geschäfts- Politiker, dieser neuen Species am Ende des XIX. Jahrhunderts, blüht nicht besonders gut. Tie böse Concurrenz ist eben auch auf diesem Gebiete gar zu groß geworden, nnd das Bedürfniß entspricht nicht mehr dem sich täglich steigernden Angebote. Wie unendlich die Schaar der Thoren und Unreifen, die die antisemitische Kerntruppe ausmachen, auch sein niag, diese große Kundschaft reicht doch nicht nzehr aus, um all die Herren Antisemitenführer, die täglich neu austauchen und die aus Liebe zur ,,guten Sache" ihre früheren Geschäfte aufgaben und sich ganz der Politik opferten, standesgemäß ernähren zu können. Ach, der Staat ist leider noch immer so undankbar, diesen selbstlosen Männern keinen Ehrensold anSzusetzen. Ter scharfe Beobachter kann heute schon wahrnehmen, mit welchem Neid und welcher Mißgunst die alten Paschas der antisemitischen Parteien die neue aufstrebende Generation der Geistesheiden verfolgen. Ja, die Brotfrage ist die Haupttriebfeder der antisemilischen Idealisten, und wenn man seine Existenz bedroht sieht, da hört jede zarte Rücksicht auf. Diese Thatsache war für uns längst kein Geheimniß mehr, aber daß die Antisemiten dieses öffentlich eingestehen, das hätten wir kaum erwartet Es scheint, daß im schweren Kampfe umS Dasein auch die' Klugheit verstninint nnd jede Vorsicht vergeffen läßt. Die „Antisemitische Correspondenz", das Hauptorgan der antisemitischen Partei Deutschlands, ist so liebenswürdig, den Schleier, der die antisemitischen Mysterien verhüllt, etwas zu lüfte» und uns einen Beitrag zur Seelenkunde der Judenhetzer zu liefern. Ein von rührendes Selbsterkenntniß dietirter Leitartikel dieses famosen Blattes zeigt .uuS die Herren der neuen Partei in ihrem Negligö mit all ihren Schwächen und Gebrechen.. Der Herr Verfaffer klagt über die Undankbarkeit der neuen Gelehrten des Systems „Juden heraus!", die das Arsenal „geistiger" Waffen, das von den unsterblichen Vorkämpfern mit so viel Blühe errichtet worden ist, gar nicht gebrauchen und eigene Wege wandeln. O, diese jungen Herren lassen die alten Waffen verrosten und schmieden sich immer neue, so daß der alte Geistesschatz zur Rnnipelkaiiimer wird. Die Schuld daran trägt nach der Ansicht des offenherzigen Artikelschreibers die persönliche Eitelkeit und Originalitätssucht der heutigen Antisemiten. E>, daS ist doch etwas stark, Herr. Sie wollen doch nicht ernstlich behaupten, daß gewaltige Männer, wie Liebermann und Zimnicrmann oder gar wie Lueger, auf die daS XIX. Jahrhundert mit gerechtem Stolze blickt, von solchen kleinlichen Schwächen beseelt sind? Der bemerkenswerthe Artikel fährt fort: „Für die wissenschaftliche Thätigkeit gilt der Satz, daß inan keine Arbeit nochmals thun solle, die schon von Anderen gethan ist. Im Kampfe gegen das Judenthum aber, der doch in seinen Fundamenten auch ein wisienschastlicher ist, glaubt jeder Neuling die Sache von vorn onfangen zu sollen, wenn er auch mit dein A-B-C der Frage noch auf schlechtem Fuße steht, und vermeint, daß die Lösnich derselben nur von einem Originalgenie auSgehen könne, daS seine Urwüchsigkeit noch nicht durch überflüssige- Studium abgeschwächt habe, wie eS glücklicherweise bei ihm selbst noch der Fall ist." Nun, daß der Antisemitismus die Wissenschaft aller Wissenschaften ist und die Lösung aller möglichen und unmöglichen f

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