Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 192 (8.12.1895)
- Date
- 1895-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Abonnemeut-prei-. Kitr Oesterreich-Ungarn: S4au>jäbrig . . . 0 Kronen (fl. S.—) fmlbiobrlo . . . . S Seonen 40 Heller :fl. 1.70) vierteljährig. . . 2 Kronen (fl. >.—> ftiir 5o# gcfammtc Ausland: Songilirig.S Dlort Haldiährig .4 Mark 2in|elne Wummern « kr. Unsrankirte Briese «erden nicht angenommen. Nkdliltio» und ^Ibiiiiniftratioii: i. Zeilerstättr 10. VErjcfyciut Clll jcÖOlll ^Ollllteinc. Solerole «erden mit 20 HrUer (10 ,r > iiir die viera:ai gelpaltene WonporeilleteNe derrchnet. Kleiner «n,e,ger da« Wort 4 Heller (2 kr.), «uinadme oon Inieralen in unierer Adminislralio» |on>i« im «nnoncenbureau 11!. lute#, I. Aollzeile n. Nummer 192. Wien, 8. Vttkmber 1895. IV. Jahrgang. An unsere Leser! Wir erlaube» uns de» T. Herren Abonnenten und Gesinnüngsgenossk» mitzuthcilcn, daß das „Freie Klalt" vom 1. Zänner 1^96 ab insoserne sei» ArbeitSprograiniu zu erweitern gedenkt, als es zu der bloß negativen Polemik mit de» Antisemiten eine ständige Rubrik für socialpolilische Artikel und ttotnen gesellen wird. Wir beabsichtigen in dieser Nnbrik nicht nur jene wirthschastlichen Berhältnisse, welche von de» Antisemiten zn Agitativnszweckcn ausgcbcntct wurden, eingehend vom socialpolitischen Gesichtspunkte zu beleuchten, sonder» auch positiv, ii» Geiste der sriedlichen, aus genossenschastlicher Sclbsthilsc beruhen den Loeialreform ans die Äleingewerbetreibcuden zu wirken und unter diesen sruchtbarere und zugleich sreierc Ideen zu verbreiten, als dies der Antisemitismus thut. Wir appclliren hiebei nicht in letzter Linie an die Theilnahme aller Gesinnungsgenossen und bitten sic ganz besonders, nach dieser durchgesiihrten Ncsorm auch sür die Verbreitung dcS „Freien Blattes" in den kleinbürgerlichen Kreisen thätig sein zu wollen, zu welchem Zwecke wir jederzeit bereitwilligst Freiexemplare zur Versiigung stellen. - Tie Administration des „Freien Blattes". Taaffe und Bismarck. Darf inan diese beiden, Namen zusammenstellen? Besteht zwischen dem in Ellischau verstorbenen Grafen Eduard Taaffe und hem Fürsten Otto BiSmarck, welcher seine unfreiwillige Muße in FriedrichSruhe noch immer nicht verschmerzt zu haben scheint, irgend eine Gemeinschaft? Sind der eiserne Kanzler und der kleine Staatskünstler im „Fortfretten" bloß Zeitgenossen oder haben sie auch Berührungspunkte? Unserem Dafürhalten nach begingen Beide, so ungleich auch ihre Beranlagung und ihre Erfolge waren, aus gleichen Beweggründen gleiche Fehler. Jene verderbliche Agitation, welche sich antisemitisch nennt und theilS anarchischradikal, thcilS bigott-reactionär ist, fand bei dem Einen wie bei dem Anderen wohlwollende Unterstützung. Fürst BiSmarck hatte, 'nachdem er sich der F.sfrl des ihm von Hause nuS anhaftenden Junkerthums theilweise entledigt und zu einem Minister emporgeschwungen hatte, der sich von Borurtheilen und Ueberlieferungen nicht beengen ließ, keine grundsätzliche Abneigung gegen die Juden. Aeußerte er sich doch einmal im Parlamente dagegen, daß man auS der Confefsion RechtStitel für die politische Stellung ableite, und fügte ein osfenbar für vasker bestimmtes Eomplimcnt hinzu, daß er gerade bei Bckcnnern des Jndcnthums Verständniß für staatliche Aufgabe» wahrgenoinme» habe. ,Zür Bleichröder hatte er stets ein besonderes Faible, da dreier i>/,ie politischen Pläne schon zu einer Zeit' finanziell nnterslützle, nlS dicS noch äußert riscant war/ Ungeachtet seiner Slrenggläubigleit sprach sich Fürst BiSmarck in sehr kräftiger Weise sogar für Mischehen zwischen chrtstliche» Adeligen und reichen Jüdinnen aus. Trotzdem war er jahrelang der Gönner des Hojpredigcrs Stöcker, von dessen Agitation gegen die Inden er nicht nur eine Zurück: drängung der Social-Demokratie, sondern auch eine Schwächung der liberalen Partei erwartete, letztere zählte Juden zu hervor ragenden Mitglieder», und es kam dem Fiirste»-Kanzlcl> der namentlich auf deni Gebiete der Wirlhjchastspolitik eine Umkehr zei dem System der Vdrrecht? und Begünstigungen cinleileie, sehr gelegen, daß „jüdische Politiker" und deren Gefährte» angcseindcl wurden. Ebensowenig wie Fürst Bismarck war Graf Taaffe ei» Anti femit; »ahm er ja auch keinen Anstand, einen „Judcnstämmling'' in fein Eabincl;» berufen n»0 zu publiciititchen Herolden zeines Ruhmes Juden zu wähle». Aber Graf Taar'fe, so widerspruchsvoll auch sonst seine öffentliche Wirksamkeit ist, war seit jeher ein Widersacher des Liberalismus. Er verleugnete diese Gegnerschaft selbst dann nicht, als er einem liberalen Eabinele angchöric, in welchem er auch eine Zeit lang de» Vorsitz führte. Die Aus lieferung der Mandate des oberösterreichischcn Großgrundbesitzes an die Elericaltii unter Mißachtung eines reichsgcrichllichen Er kennlnisseS, die Slovenisirung in den Alpenländer», die Verdrän. gung der deutschen Mehrheiten aus drei böhmische» Handels - kammern und zuletzt das famose snürim'- »niro,»,-! unler Bei behallung des besonderen Wahlrechtes der Großgrundbesitzer, weiches seinem Regime ein jähes Ende bereitete — all dies war darauf, berechnet, die Liberalen zu decimiren. Einen willkommenen Bandes genossen in feinem Kampfe gegen den Liberalismus erblickle auch Graf Taaffe in der Hetze gegen Inden und „Judeiigenvsstn", und er ließ ihr gegenüber eine, sagen wir, außerordenllicki milde Praxis walten. Allerdings, solche Anlijcinilen, welche neben dem Indenhasse irredenlistische Gelüste nicht verhehlten, .konnten von einem österreichischen Ministkrium nicht, geschont werden. Um so glimpf-- licher aber war die Behandlung jener Judenhetzcr, .die Loiialität und Patriotismus zur Schau trugen, während sic den Staats grundgejetzcn souveräne Verachtung bezeigte». Mancherlei Kundgebungen lassen darauf schließe», daß der Alt-Reichskanzler es bedauert, die Agilalion Stöckrr's, der nachher auch gegen ihn selbst schmachvoll intriguirl hat, nicht im Ueime erstickt zll habe». Einem Deutsch Amerikaner gegenüber, der ihn letzthin besuchte, mißbilligte er das Sireberthnin auf der Kanzel, die geistlichen Politiker und politisirendeu Geistlichen auf -das Schärfste. Und Graf Taaffe? Er, de» Herr Lueger öffentlich als „fesch" gepriesen hal, galt in beachlenöwcrihcn politischen Preisen als frivol. Zahlreiche Akußerungen des Verstorbenen rechlferligen diese Meinung. So erzählte Heinrich Laube mit lebhafter Entrüstung: In einem Gespräche mit dem Grafen Taaffe habe er die Frage gestellt: „Excellenz, wie konnten Sic auch den KriegSau zum Finanjininistcr machen?" Lachend habe ihm der Graf erwidert: „Mein lieber Laube! Was machen denn Sie als Thcalerdirector? Wenn Ihnen B. kein erster Liebhaber zur Verfügung