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Freies Blatt · 1895-12-01 · 191 (1.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
191 (1.12.1895)
Date
1895-12-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 191. Frei«» Blatt. Feuilleton. Dux barbarorum. (Erzählung aus Groß-Wir» vo» T-s.) Uebcr die Straße fuhr der Mann mit dein Schubkarren, schleppte die Kiste drei Treppen hoch, und Frau Bleuler öffnete die WohnungSlhüre. „Gleich einzichen? Nun ja, gut!" sagte sic. Bonkampf verbeugte sich tief. DaS Zintmer kostete fünf Gulden mehr, aber Nanette stand zufällig im Vorhaufe. Innerlich jubelte sic und, nachdem sie sich scheu nach ollen Seiten nmgeblickt, gab sie ihm hinter dem großen Gardcrobeschrank einen herzlichen Willkommskuß: der bedeutete „ewig dein", und das war auch in den Ring gravirt, welchen Heinrich in aller t Eile bei dem Juwelier im Hanfe für 28 Gulden erstanden hakte. De» steckte er ihr an den Finger. „Schatz! Bin ich deine Braut?" rief sie selig. Er nickte zustimmend. Also, verlobt war er auch, kur;, cs ging ja herrlich: Alles war so über Nacht gekommen! Der Dicnstmann begehrte zwei Gulden für die llcbersicdlung und versprach, die Bücher zu verkaufen. Nach zehn Minuten kam er zurück: „Für Alles 4 Gulden 50 Kreuzer." — „Fort mit Schaden!" — „Adieu!" Es klopfte. „Herein!" "Ein junger Mann trat ein. Er trug eine» deutschen Rock uiit schiefer Knopfrcihe, uniformartig, sticgende HalStuchzipfcl flatterten im Zuge bei der geöffneten Thür, ein Turnerhut deckte das nicht unschöne Haupt, in der Rechten hielt der Mann eine» Prügel, welcher daS „deutsch-nationale" Costüm dcS Ariers von reinstem Wasser, deS Germanen ohne Furcht und Tadel, vervollständigte. Seine Haltung war eine solche, die der Amerikaner mit „'all nose“ bezeichnet; Nase hinauf, Schnurrbart hinauf, Virginia hinauf und freche Augen! Ta lag der ganze Mann in diesem Blicke. „Guhlcr!" rief Heinrich erfreut. „In Ihrer früheren Wohnung fand ich Sie nicht mehr, aber ich sah Sie eben hier heraufgehen und dachte mir, was lhut er denn da? Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen, Bonkampf!" „Bitte, setzen Sic sich." „Ihre Thätigkcit betreffend. Hier schrieb ich Ihnen die Gasthäuser auf, in welchen Sie arbeiten müssen. Eaplan Riesendorf machen Sie Ihre Aufwartung im Pfarrhofe des . . . Bezirkes, warten Sie, ich sage Ihnen die Ziffer später, ich habe sie notirt; er hat unseren Wahlbezirk für den letzten Wahlkörpcr zurrchtzurichten. Sie kommen, also in unseren Bezirk hinüber, Bonkampf; hier ist ein weites Feld. Und nicht zu deutsch-national, verstehen Sie?' Tie Elericalen denken an 1866 und sind enipsindlich. Dieses Kokettircn mit Deutschland schadet unserer .christlichen Sachet Hauptgewicht also aus Christlich legen, auch daS Sociale nicht zu sehr betonen, mchr überhaupt vo» .Verbesserung deS Loses reden'; Augcnaufschlag — so, wie eS Ricsendorf so gerne macht. Geben Sie Acht, daß Sie nirgends hinauSgcworfen werden. Tie Polizei thut Ihnen nichts, wen» cS zu einer Rauferei kömmt. Wo kein Erfolg, paschen Sie bald ab, und verschwenden Sie die Kräfte nicht." „Wird daS nicht für feig genommen werden?" „A bah! Kind! Was denken Sie?" „Aber Rauferei? Ich raufen? Ein gebildeter Mensch, ei» Mediciner?" „Nun, die Liberalen: Sie wissen ja, - mit welchen Mitteln die arbeiten, rohes Pack! Wo wir unseres Erfolges sicher sind, da können Sie Ihr Mundwerk gut arbeiten lassen, Vorsicht geboten nur bei den Gewerbetreibenden. Diese Esel wollen nämlich jetzt cinlenkcn und werden mit Unsummen von den Judenliberalen bezahlt, um sich den Anschein zu geben, als wären sie windelweich und bekehrt. Tie reichen Juden kaufen bei ihnen ein, wie daS schon geht. Unbestechlich sind ja nur wir, echte Deutsche, arisch-christliche Deutsche, welche die Nation von allen Schlacken reinigen." „Aber, wenn Sie nach dem protestantischen Dcutschland hinübergravitiren, können Sie da niit dem katholischen Priestcrihume unter einer Decke spielen?" „Decke? Ich verzeihe Ihnen diesen Ausdruck, den» Sie sind ein Neuling in unserem Kreise. Hüten Sie sich vor derartigen Unvorsichtigkeiten. Wir schätzen Ihre Kraft, aber geben Sic -nicht zu große Kraftproben, sonst schaden Sie uns eher, als Sie uns nützen! DaS christliche Princip verbindet unS auch mit den Tschechen." Seite 9. »Der Zweck heiligt die Mittel, nicht wahr?" fragte Bonkampf kleinlaut. „Wollen Sic ein Abtrünniger werden, ehe Sie noch arbeiten? Ich sehe. Sie sind noch nicht ganz reif,, ich muß Ihnen unsere Ziele klarer machen. Wir sind vor Allem offen; wir wühlen nicht, wie die liberale Maulwurfscanaille, mit Frciwein, Freibier, wir senden keine Kutschen den Wählern; unser erster Grundsatz ist, freie Wahl, ohne Zwang, ohne Beeinflussung, verstanden?" „Wozu brauchen Sie dann Agitatoren?" fragte der. Andere. ' „Wir bezaubern nur, wir reißen nur hin durch unsere Fähigkeiten; ist daS Bestechung? Und, was die Tschechen betrifft, Sie werde» sehen, die wählen dicSmat sicher einen Deutschen. Aller Hader ist vergessen unter dem Zeichen des Kreuzes! In hoc siguo vinces! Der EleruS, die Tschechen und wir sind OpportnnitätSverbündetc gegen den Erbfeind Eorruption!" Heinrich Bonfampf sprang ans und klatschte in die Hände: „Bravo, daS war herrlich gesagt!" ' ■ „Wir sagen .wacker'; bravo ist ein Fremdwort," tadelte'Guhler. „Pardon, ich vergaß. Also: Wacker!" „Vergebung hätten Sic sagen sollen, nicht Pa» d an. Das christliche Band also ist'S, daS uns vereinigt. Bester! Die Religio» wollen wir beschützen, die Schule moralisch mache», sic von Judenichlacken .reinigen! Katholische Volksschulen ist die Parole, nieder mit der Nenschute; aber, das dürfen Sie nicht laut sagen. Rur Vorsicht!•" „Jetzt bin ich schon ganz verwirrt: WaS soll ich sagen, waS darf ich nicht sagen?" klagte Bonkampf. „Sic haben noch Katzenjammer vo» gestern?' „WaS? Ich bitte sehr." „Die Beamten," fuhr Guhlcr unbeirrt fort, „streben ebens» wie wir die katholische Mittelschule, die katholische -Universität an: sie sind christlich und conscrvativ." „Katholische Universität? Und die Medici»? Unser Pfarrer ver danimtc sie als nicht-katholisch. WaS heißt überhaupt Universitas?" '. „So lassen wir diese. Facultät ganz weg. Sb ei» paar reiche Juden früher sterben oder später, ist das nicht gleich?" ' „Aber, wir Ehristen brauchen doch auch Acrzte." „Sic sind unberechenbar; solche alberne Einwürse. Sollen im AuSlande Mcdicin studire», wir brauchen keine unkatholi'chcn Facultätcn! Rede» Sic also vor Allem vom gewerblichen Fortschritte, vom christlichen Standpunkt! Beginnen' Sic um! Uhr indem Svcistlocalc Nr. 1 auf der Liste und berichten Sie uns dann um 5 Uhr, spätestens '/*6 Uhr bei der .goldenen Wildkatze'. Sic sind jetzt ein- Führer unserer Partei, ein Herzog der hosinungSvollen Jugend: nur der Erfolg wird bezahlt, er bringt. Lohn nach Verdienst. Ich 'hoffe, Sie verstehen, was ich mciiie?" /Heinrich Bopkampf stützte den Köpf auf und seufzte tief. Erhörte die letzten Worte nur wie im Traume: Er sah seinen V.atcr ahnungslos die Arme auöbrciten, den Cohn zu empfangen, er sah die gute Mutter, den alte» Pfarrer, er sah den braunen Jagdhund „Flock", wie er ihm entgegcnlicf, die Laube, den Obstgarten, die trauliche „gute Stube" zu Wildcrirg. Alles das war verloren! Niemals durfte er die Heimat ohne Schnldbcwußtscin mehr betreten. Wirklich? Verkauft die Freiheit? Verschleudert die Bücher? Betrogen deS Vaters Vertrauen? Dahin die Ehre? Umkehr ist unmöglich?! Einige Zeit, betrachtete Guhlcr den Reuigen forschend, dann zog er ihn unsanft vom Stuhle empor: „Sie Grübler! Wird'S? Sdcr geben Sic mir die Anweisung zurßck? Solche Srgane kann unsere heilige Sache nicht brauchen." fc Wie erwachend griff sich Bonkampf an die Stirn. Ja, die A»-- wcisung — cs war zu spät! . III. " - . Gegen 1 Uhr war er auSgegangcn, um 5 Uhr hatte er berichtet, von siincn Erfolge». Eaplan Riescndorf war, vielleicht nicht ohne Absicht, unter seinen Zuhörern gewesen. Er lobte seine Suada, seine herrliche Erscheinung als VolkSrcdner, besonders aber den „Schnalzer" mit der Zunge; es psiff nur so bei dem Worte „D'judcn". Auch daS L bei „Llliberale" war ihni sehr lieb, bei „christlich" und „katholisch" vcrschwammcn die Silben zu sehr: hier wünschte er mehr Betonung. Tie Empfehlung deS würdigen EaplanS, dem Alle die Hände küßten, wirkte natürlich bei der „goldenen Wildkatze"; der Neophyt war der Held dcS TageS! Bonkampf ließ das strotzende Lob über sich ergehe». Ihm war der Kopf so schwer, brennende Sehnsucht »ach 'Nanette verzehrte ihn. Er wußte, daß Frau Bleuler heute ihren Tag im Earlthcater habe; Nanette hatte cs auSgeplaudcit und dazu erwähnt, daß die Kinder stets um 0 Uhr schon schlafen. Um 1.a 10 Uhr schützte kr Müdigkeit vor und -schied, von'Gratulanten bis zum-HauSlhore ge-

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