Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 191 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 191 leitet. Guhler machte Miene, mit ihm hinaufzusteigen, aber Bonkampf bat ihn um Sammlung, Ruhe. Er wolle morgen Alle« aufbieten. „Dann sagen Sie mir EineS: ich sah da bei Ihnen oben eine nette Creatur; iver ist sie?" „So?" antwortete-der Student. „Sah sie noch nicht." „Werde Sie einmal besuchen und wenn ich dann uieine Schlingen werfe, verschwinden Sie, nicht wahr?" „C, Sie arischer Schalk; 's ist ein« Jüdin! An die dürfen wir beide nicht heran; es wäre nicht germanisch-rein. Lesen Sie TacituS über die Keuschheit unserer Borfahren!" Wühler brumtüle Unverständliches und schied mit gewaltigent Händedrucke und einem: „Auf morgen denn, Heiloh, Bruder!" Bonkampf schellte: das Dienstmädchen war fortgegangen, Frau Bleuler zu holen; Nanette war also allein und öffnete. Sie trat bei ihm «in, zündete seine Lampe an uud nahni Play im Lehnstuhle. TaS gab ihm den Frohsinn wieder. Sie faßte feine Hand und schaute ihm in die Augen, so vertrauensselig, daß es ihm einen Stich gab. „Wann heiraten wir?" fragte sie. „Sobald ich eine Stellung habe," antwortete er unsicher. „Als Arzt, nicht wahr, guter Hein»? Wann ist das?" „Run, so in — drei bis vier Jahren, wenn ei gut geht." . „Heiliger Himmel!" rief sie auS und schlug die Hände zusammen; sa bin ich gerade gut, um den Stefansthurm zu reiben!" „Es ist nicht anders," antwortete er tonlos. „«beliebter, da mußt du etwas Anderes ergreifen, das dich rascher vorwärts bringt!" „Und wenn ich das ichon gethan hätte?" ,,'Jiuit denn, aber wirklich, ist eS geschehen?" „Wenn ich-eS tage: Ich habe gestern einen Borschuß erhalte», von .'ul (dulden, habe noch 4CM> zu erwarten »ach den —" „Rach den — vop was hängt das ab?" drängte sie betroffen, Bv'cS ahnend. „Nun, warum soll ich eS nicht sagen? 'Nach den Wahlen?" „Höre ich recht? Was hast du mit den Wahlen zu thnn? Bist d» Politiker?" D as Agitationseoiüit,- ist aus meine Rednergabe aufmerksam geworden." Sie sprang auf; sie hatte begriffen und ries: „Herr Bonkamps, Sie lasten sich für Ihre freie Rede bezahlen?" „Was ist dabei? Die .Zehnerjäger' int Parlamente thun's auch." „Die reden nicht bkos, aber mein Gott, Heinrich, waS thust du da?" fuhr sie milder, fast gerührt fort. „Ich sah in dir einen idealen Mann, und jetzt bist du ein Agitator unter den Wählern! Ich habe auch etwcs gelernt» ich glaubte, ein Studirender sollte die Wühlereien verachten. Und was für Wahlen sind das? In welchen Kreisen wirkst du, doch in den besteren, Höste ich!?" „Letzter Wahlkörper — der wählt eben zuerst!" „Ja, die Letzten werden die Ersten «erden, heißt eS in der Schrift," spottete sie. „Also mit den Christlich-Socialen als Coudottiere des Pöbels?! Fürwahr, ich gestehe, Herr Bonkampf: Ich habe mich sehr in Ihnen getäuscht. DaS sieht man Ihrem sanften Gesichte nicht an! Ein Lamm unter Wölfen: Antisemitisch-clerical!" „Deutsch-national ist meine Fahne!" „Beflecken Sie dieselbe nur! DaS hätte ich nie von Ihnen gedacht! Mit diesen Barbaren, denen nichts heilig ist, nicht Familie, nicht Zukunft, die nur an sich denken, und die dem Volke vorlügen, mit diesen machen Sie gemeinsame Sache? Haben Sie kein Ehrgefühl im Leibe? Meine Hand dem Jünger der Musen, dem gebildeten Manne; einem Verächter der Gesetze,, der Menschenliebe, der Aufklärung, kann ich mein Herz nicht lassen! Hier ist der Ring, nehmen Sie ihn zurück! Wer Menschen haßt, kann nicht Liebe fühlen!" „Nanette, Nanette, die ich so lieb habe! Warum thust du mir das?" „Sagen Sie sich los von Jenen, die keine Ideale gelten lasten. Wie heißen Ihre Führer?" Er konnte nicht schweigen. Sie hatte zu große Gewalt über ihn: er mußte es sagen: „Caplan Riesendorf und Wilhelm Guhler, ein Techniker." Sie erblaßte. „Wissen Sie, wer dieser Guhler ist?" „Nein, ich kenne ihn durch einen meiner Genossen aus dem Teutouen-Bunde an der Universität." ' „Also werde ich eS Ihnen sagen, wer dieser Guhler ist. Er ist ein Deteetiv!" Erschreckt fuhr er zurück. „Woher weißt du das?'^ „Hören Sie. Bor einiger Zeit war ich in einem Grafenhause und da kam ein Diebstahl vor. Alle Diener "mußten antreten; ihre Koffer und Kästen wurden untersucht, aber man fand doch nichts. Zuletzt kam der Deteetiv zu mir und erklärte, er niüsse Alles umdrehen, wenn ich ihm nicht Gehör schenke. Er zeigte dann Reue, verfolgte mich oft mit seinen Liebesschwüren; endlich begehrte ich seinen Namen zu wissen; mit diesem ging ich zur Polizei, um Schutz zu verlangen. Mit Achselzucken erklärte man, der Mann scheine mich zu überwache». DaS nächstemal, als er mich auf der Straße einholte, erklärte er, er wolle mich später heiraten, wenn ich seine Geliebte würde! O, welch ein Unglück, hübsch und — arm zu sein! Wenn ich ihn aber zurückwiese, ihn hindere, ein ehrliches Geschäft anzufangen, sollte ich seine Rache fürchten! Bonkampf, wenn er erfährt, daß ich Ihre Braut — war, dann ist es aus. Schon aus diesem Grunde sollten Sie Ihren Ring zurücknehmen." . „Uud wenn ich ihn nicht nehnie?" „Dann lege ich den Ring hier auf den Tisch. Ta! . . . Gute Nacht und leben Sie wohl auf immer, Herr Heinrich Bonkampf. Biel- Glück zur neuen Carriüre als ein Dux barbarorum!“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, ohne sich umzuwenden. (Fortsetzung folgt.) Nnlumdignngeri des „Freien Blattes". Inserate weiden angenommen, sowohl in un'erer Administration, als auch im Annoueen-Bureau W. Duke». »MM Etablissement ONACHER. Ausserordentlich reicliiia.ltig'es Programm mit den S Sisters Barrison. 1 a»-.i F.rfiffBaojj 7 Ubr. Beginn prftcite 8 Uhr. A» Danses Orph.^nxaaa flirec-tion: F. Krlehatini. Kossau. Wa>.a<?asse >r. — Telephon tj‘36. TäglicH : Internationale Künstler-Vorstellung. iC Neues Programm. -WM KrÄffnun* ' ,7 llr. Anfang fhr. . £ccafvciäti3cziincf. ifice/izc midi cie Stliithci(ung zu madieu, cjss mein iFifiatyesdiaft (I. di elfte n tfi u z in - stzasse ISJ sidi von nun al> I. §taßcn dlz. 10 fpzcvis. Singany Spiele flösse cYr. SJ im neuezfauten Stnftcz =da fais fe/inc cf 3. $*l. ScfttmiSfat ä. h. fi, cHcf'zSummi* un9 @effufcicluaazcn* eFatti&ant. (ifzeise eiescffen u-ie in meincz eFaCzili VII. Stiftyasse IS.') Mattom $ Ciesshübler