Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 191 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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reite *i Ne. 191. ,V r e i t i ivibrcituitg von „Ritualmotd"-Geschichten erblickt der biedere Herr Wörlc eine» Kampf gegen „Auswüchse int Erwerbsleben". Tic Behauptung, daß jeder Mensch bis zu einem gewisieu l^radc Antisemit >ei, ist, wie der Wiener in solchen Fällen sagt, „;u dumm". Will Herr Worte damit die Meinung aussprcchcn, daß Juden keine Menschen sind, daß es also auch die Apostel nicht waren? Glaubt er, daß . auch die Etiinescn und Japaner dieses Merkmals der Menschlichkeit! nicht entbehren, oder will er den Cftafmteii ebenfalls das Recht! .nehmen, »ich Menschen;u nennen? Aller Wahrscheinlichkeit nach wollte \ a nur seinen, Judcnhasse und seiner Lympathic für die Antifemiterei Ausdruck gebest, überlegte aber nicht weiter seine Worte und sprach iinnloscS Zeug, Ramcnklich in Bezug auf Oesterreich vcrräth feine Auslassung eine vollständige Unkenntniß der Berhälluisse und Personen. Worte scheint sich nie die Mühe genoninic» zu haben, eine der Hetzreden Luegers oder -Lchucider's dnrchznlcscn. l Eiu Wort Katkow'S. ' Ter nichts weniger als philoscmitischc! Herausgeber der „MoskowSkijc Wjedomosti", Michael Rikistrowitsch Katkow, ,'agle ror Jahren über die russischen Juden: „Ta >mr nun einmal die fünf Millionen Inden von uns nicht abschütteln lennen : und ^s ist noch eine große Frage, ob diese Abschüttlung, Tfenn sie üch realistrte, für uns io. segensreich märe, als man glaubt), io >ollte man bestrebt sein, ihnen eine behagliche, angenehme Existenz :» Rußland rn schaffen, wir könnten nur dabei gewinnen." 2luf amiK'mitiidn'n Vereinen und Oer sannnluncren.! Weibliche Llgilatorc».! In allen Bezirken Wiens bilden eie Ami-! I -..e:.ee:n::-s zur Skarinng ihres Wablfond». Zur Sonnlag den -!. baren drei Frauen in rer Brigittenau, Namen» .'i t a 1, I a 1» , : und R n z i .; l a eine „christliche ^kaiienver'aininliiiig" einbeeute». TaS! r- . an:n . ,.n>.«ea:, rer ia.l tu Stianer's Restauration in der Waltensteinstratze. \ : b .e".:s andertbald Linnren vor der au- ' Uhr Aachinittags .anberauinten Er." nur, noer'iiU:. ras; ein weiterer Einlaß nicht mehr möglichwar. Um .! II> IN r.;:; äi,,I>r liiii (»»ßcr Milbe die Straße vor dem Locale! ü”-1::; nch .-.reib» F,aneu »ttd aiich Männer angeianinielt Hatten,! .t.- ml; mehr Einran nnden konnten. In dem Saale »clfaft darrten die j T. ....... i';.i::;i;iiei, mit Töchter von xretngetverbeti eiben den, .'taps an ü.p' rer:ai:a!. ans. bi-:- einender Einbern'erinnen die Versammlung eröfinete ..n:;eiamo'e aenen den „Jnkeiiliberalisinns". insbe-ondere zu Spenden t'ür Wabl'rr.:.s an'vröertc Es '--rgrin dann der gewesene Bürgermeister von M.:! ■:;i> ras Wort, aber man »chentte ihm gar keine Anünerk-amkeit. da sich r .r, i-.ichd.-ii! v- >vrechen begonnen, der ErbillHre.- Prinz L i e ch! c n st e i II! ...: \. Bn:-..e.nietüc; VChtran: p neger etu'andett. die m» Hochniken und r T.. : i a i> Uten '.-- ruß: -.vurden. Uitterdrüen babn:e/,ch aber der RegiernngS :r--t.rr : Weg zur Aedneriribüne lind erklärte, dliß die Abhaltung der Ber' das nrer'iillte poea! litcht zuiii Tbeile geräumt.werke. Nicht . . .'nich Tie Versitzende äusirrie nun den Wun'ch. daß ein Thril der an - nd - Trane!. :::: 2:..\: vertane. Ta rte'e Worte -nicht beachte! wurden und; - >\ ‘üt'eiie r-; Andrang von außen immer stärker ivaid, nahm Lueger r.ts T,-..: nur .:v:es daran' bin. daß eine gerat,-zu lebensge-ahrkiche Ta.-n- .',->r'che Es müsse al»'o die Brr'ammlung ge'chko'ieii : kündig:,- er aber an, daß 'ür nächste Woche eine Frauen. :n größeres Local einbermen werden >oll. Er 'ortcrie die . .. - n-e!! T.au,:: ,i,:'. 'ur einen zadlreiche» Bemch zu agiürei!. Tic Ber- .::n.:!.r:i:,r -.-. ib. Ende, worauf Man den AnkiT-ini'.dnbälipilchgcii aut S:..tß- . .>' ,.Tbr.inaen" berenete, lieber die Tvaiio», deren t-»ege»staud!-. n - -.re „Wiener Tagbkan"- „Tr. pueger hatte, als er ge 'Wagen 'Sitgetchickr und wollte Nch Fuß rnnerneu. v. i : Mädchen, die ihn auch ans dem Taeue taimt binaus v;;.! ■ .. . ’ nch ihm auder strafte in deg Weg, Hud es ereigneleip -s .e y.l;:. r rceiu::. Junge Mädchen 'und Fraueiil drängten nch an T. - ihn denn rXoäe und bei den Ärmens küßten i H i» -> -. - ' i len > ch! i e ft l i ch i m 'Ile b e vm aße ihrer - " a n ' : , e An,: - achteten nicht, daß ihre Toiletten . T ' r ft nch die Hüie ivtiitobeu und die Frisuren de- - a.... taurr' entbrannte, NM die Hand des .BoilSmanneS- T -ft.: : rachen,- ge>'chmelche!t ttnd >ab wehlwolleur aut die .. mich doch, tzeutln, lastt'S mich koch!- >agte er ein ' - T •* -and aber erst >br Ende, als Tr. tzueger - e : t'teAieiiücm bestieg und davon'ubr rtnrini'che Hoch ..-.i-.. ttit: 1.’. Ter Jeichuer deS ..drikeriki" >ollte die vor tzueger U- .t-.i.i-.cn" T. eil!,'Iranerinnen abbilden »nt der „2cftri'tleiter" dann ■••• '-.t ml: tcn Worten des Tichiers ichtnückeu: W llst :» genau criahren. was nch ziemt, 2t 'rage mit bei edlen Frauen an Via kt. lAeuiizkhn BersammlUllgkN.i Die von den Antisemiten am 26, November tu allen Bezirken Wiens veranstalteten Versammlungen faßten gleichlautende Resolutionen. In denselben wurde da» Verhalten Der antisemitischen Mitglieder des aufgelösten GemeinderalheS gebilligt, gegen daS Vorgehen der Regierung protestirt, die „jüdische" Presse in Acht erklärt und eine Reihe antisemitischer Blätter anempsohlen, darunter die „Deutsche Zeitung" n»d die „Lstdeulsche Rundschau". DaS „Vaterland" und die „Unversälschlen Tenlschen Worte" wurde» in die Liste der „christlichen" Blätter, welche die Ilnicrstützmig der Wiener Antiscinilen verdienen, nicht ausgenommen, worauf sie nicht wenig stolz sein dürfien. f lllntkr polizeilichem schulte.» Montag fand in Floridsdorf eine vom donigen E h r i st l i ch - socialen Vereine einberufene Versammlung statt, zu welcher sich auch Piiiiz Liechtenstein und der giößle Lociologe von S>, Pölten, der hochwürdige Herr S ch e i ch e r, einfanden, Tie Ver- >ammlung war eist für 8 Uhr Abends anberaumt, aber schon zwei -stunden vorher wurde da» BersammliuigSlocal, ein Gasthaus, von einigen hundert Arbeitern blockin, weil der Wirlh angeblich früher den Locial-Demokrale» für den Abend den Laal versprochen hatte. Die Arbeiter wollte» de» Laal be- J setzen, und die bereits ausgestellten Ordner der Antisemite» luchten sie daran zn hindern, jedoch ohne Erfolg- Tie ganze Menge drang in daS HanSthor deS Gasthauses, die Ordner wurden mißhandelt, die Thüreu aiiS de» Angeln ge hoben und die Fensterscheiben eingeschlageii, Tie herbeigcriifene LicherhettSivacNe ivar zn schwach, sie wurde zurückgedrängt, und die Locial-Teinokraien hesevt.-n geivalli'am den Saal. TaS Eommissariat FloridSdors enlsendete nun eine starke Adlhciluiig Wachinannschasl z» Fuß und zu Pferd. Die Wache drang vom Gallen an» in den Saal und rännne denselben; die berittenen Wach Männer zerstrenle» die auf. der Straße aiigesaimnelte Dienschemnengc. Unler Äbsingung des ArbeiterlikdeS begaben sich hierauf die Social Tcmokraten in da» Schankziinmer, welche» bald dicht gefüllt war. Im Hansthore standen zwanzig Wachleute, denen die Theilnchmer der autiseinitische» Versammlung die EinladungSkarteii vorwei'eii mußten, welche nachher noch von den Ordner» ge prüft wurden. Ter Volsitzende der Versammlung erönncte dieselbe mit der Androbung, daß Jeder, der einen Redner unterbreche, hinauSbesördelt ivrgde Sodann nahm Prinz Liechteilstein das Wort und crklärle, daß die Per ivcigernliz des Bestätigttng der Wahl Lneger's zum Bürgermeister von Wien und die Auslö-nng deS Wiener GemeinderalheS »ur inner dem Trucke des „GroßcaviliilS" erfolgt fei. Scheicher sprach auderlhalb Slmiden lang und sagte unter Anderem, daß die Aniisemiten früher leine Ruhe geben werden, bis das Ministerium Badeni gehen müsse Rach Schluß der Berfaminlung wntden Liechtenstein uns Scheicher von etwa dreißig Wachleuten' zstin Wagen geleitet. lTic Organisation der Ailtiscinitcu im Bczirtc Baden.i Z» Perch- I o l d s d o r s fand vorigen Sonntag i» Joses Fnggee's Gasthaus ein antiseniltl'cher „Paiteitag" statt. Tic EinladmigSlarle», die von der „antiiemittichen Parteileiliing de» politischen Bezirke» Baden" anSgrgebe» worden waren, enl hielten auch de» Beiiatz: „Inden, Liberalen und Social-Temokralen ist der Befuch de» Parteitages unter keiner Bedingung gestaltet." Hin die Menge anzulocken, wurde verbreitet, daß auch Lueger an dein „Parteitage" lheilnebme» werde. Aus viele Einlakiiiigskarfen wurde geschrieben: „Lueger kommt, um zu euch zu sprechen — Christen, erscheint bis auf den letzten Mann!" In der Tbat war das Local dicht gefüllt, Lueger selbst lam aber nicht. I» der Versammlung ging es sehr lärmend zu, und eS wurden heftige Reden gehalten. Zunächst 'prach Baumeister Folter ans Baden über die Nothwcndigleit einer Organisirnng der aiiti'omitiidjeu Partei.ini Bezirke Baden. Tie christliche Be- 'völkerung. sagte rr, muffe zusammenbalten. Alan müsse sich von der „lüdischen Herrschaft" befreien und dein „Einflüsse der Juden nach oben" ein Ende maäien. -Tie Regierung glaube, beute iönnc bei uns Jeder, der eine AmtSlappe trägt, den Tieiaior spielen, aber da babe sie sich gründlich getänschl. Rliil, .nachdem „der Xrieg erklärt" sei. iiinffe inan auch ans dem Lande „zn den Waffen greisen" und sich organisircn: in jeder Stadt, ili >cdem Markte -> und in ledem Torfe müsse auf den „Faustsclilag" (hie verweigerte Bestätigung der Wahl Lueger'») eine Antwort gegeben und der Aamps zu Ende geführt werden. Folter schlug dann vor, Bertraiiensinännec zu wählen, die in steter Berbindimg miteinander bleiben solle», damit, „wenn der Rns erfolgt, die Aunee schlagferlig einberusen werde» kann". In gleichein lriegerischeu Sinne 'prachen noch mehrere andere Redner, einer von ihnen ries: „Hinaus mil den Inden und Liberalen, hinaus mit der polnischen Wirtyichast, hinan» mit dem ungarischen Ausgleich!" Endlich wurden die Bertrauensmäniier noininirt. Bei der Reintling'eines derselben bieß eS plötzlich: „Tas ist ein Liberaler!'' iS» entstand ein wilder Lärm, und der Gewählte zog eS vor, sich an» der Beriammlimg zn entfernen. Gleich daraus erschienen sieben -Leute an der Thür deS BerianiiiilnngsiaaleS und riefen in denselben hinein: „Hoch die internationale Social-Teinokratie!" Alles sprang aus, um sich auf die Eindringlinge zn stürzen, die aber ebenso schnell wiedzr verschwanden, als sie gekommen waren. Bald nach diesem Zwischenfall wurde die Bersammlimg, in welcher auch Sammelbogen zn Zeichnungen für de» antffemilischen Wahlfonds aufgelegt worden war-n, unter Hochrufen auf Lueger geschloffen.