Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 191 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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freies Blatt. Nr. 191. Seile 4. Ngliardi und feilte AdjutantklI.) In der Berliner .Nation" wird ein t)Od>:nteieiTanter Artikel über die Wiener antisemitische Bewegung verösieilsicht, deffen „^ustriacus" sich nennender Verfasser iidee die Borgauge hinter den Coulissen offenbar wohl informirt ist. In dem Artikel wird ausgeführt: TaS unsichtbar« Haupt der Wiener und österreichnchen Antisemiten ist niemand Anderer als der päpstliche NuniiuS Monsignore Agliardi. In der päpstlichen Nuntiatur Am Hof laufen alle die weitverzweigten und complicirtcn Fäden der Bewegung zusammen, dort werde»' die Kriegs- und Schlachtpläne entworfen. dort werden dieOrdres gegeben, die Rollen vertheilt, und dort wird auch die Art und Weise erwogen, wie die materiellen Mittel iür die Campagne aufgebracht werden können. Wenn die Acbte solcher Stifte und -Klöster, die selten für wohlthätige Zwecke, noch seltener für öffentliche Einrichtungen ein Opfer gebracht haben, sich gegenseitig eine förmliche Steuer aufcrlegtcn, um;u den Kosten des Wahlfeld', ng.efür den Wiener Gcineindcrath eine stattliche Summe beiznlragen ir-ud die Wahl Lncger'S;um Bürgermeister der Rcichshauptstadl zu fordern, so darf daö in erster Linie der Einwirkung deS '?>'nlliiuS rngeschricben werden. Aber seit dem llnglückSfall, der ihm in Ungarn zugestoßen, .ist Monsignore Agliardi vorsichtiger geworden. Er l ült sich.ganz unsichtbar, er agitirt nicht selbst. Dazu hat er AHui.iuten?k:r Agenten, einen geistlichen und einen weltlichen.;ft o.r aposloli'che F.ldvicar Dr. B elop ot ocz ky, das H: der!a!li,'l"'chen Mtiirärgeistlichkeit, der, gestützt auf die mächtige l-i:; der er sich er'reuk, bereits wiederholt gegen den KricgSmnust.i rrondirl hat und sich in Wien zu Gunsten der Antisemiten o, ioo!ü ihm bekannt ist, daß die höchsten militärischen Auto- : d.» cnrgLgcngeietzten Standpunkt einnehill'cn, weil sie das Hin- :'..;:. ii d,r velderb sichen Bewegung in die Armee mit Grund 'erg n See weltliche Adsutant des Nuntius ist Graf Sylva- Sa. r - ein vordem armer und unbedeutender Junker, der durch l H . . zu großer gesellschaftlicher Stellung gelangt ist und sie l.h.r Socialpolitik arbeitet. Graf S»lva-Taroucca si .: .'.r rer. e>:>:el. Er ist Abgeordneter der böhmischen Großgrunde .. -j.'id d.- Hohenwart Etubs und 'ucht sich im RcichSrathe '... E. eb. n is;t; gemäßigten Halluiig zu geben. Hinter den Couliffen .. i:.. er. .: ,!e Hand des Nuntius, für den er die Fühlung mit Ä > okratie unterhält. Seine Stellung ist hinreichend el.e. : ch.->-, Iv.nu wir erwäbiien, daß er mit reichen Mitteln das u üü r. die.sie aniiseiiiitliche Sudclblatt unterstützt, dessen Widerlichkeit den Umstand gesteigert wird, daß es von zwei getauften E.-e;,.-.g':t u:rt Bei solchen Häuptern und Führern ist cs NU» reg:daß die Partei bereits über den trockenen Antisemitismus . ruoge.r und zu der Losung „Nieder mit den Juden!" eine neu. iu.:.:i .st : „N'cder mit Ungarn!" Die Brandstiftung in Ungarn ist an dein konstitutionellen Bewußtsein und der unerschüktcrdeli,i Eid.'streue des Monarchen gescheitert; nun soll Oesterreich in Bra:rd g si.ck: we-.den und Ungarn mit dazu. TaS Organ Ahlw a r d dm kuesiich zur Sicgcsscicr Luegers nach Wien verschrieben wa.de. i i; die geheimsten Gedanken dieser Leute vcrrathen, als cs r r. a Ta en schrieb: .Graf Baden! will die Revolution, er sie! “ Was die wahren Häupter deS Antisemitismus in ' .II!' iE!!. ist in der Thar der Umsturz der Grundlagen B.'i'uü'.i.ig. dre Erschütterung des Dualismus, auf dem seit :. e: L , i'i'.en das Gefüge der Monarchie ruht. Und in alled e.u ist' d.r Heß des Baiieans gegen den Dreibund die mächtigste TriE'.der T sbalk wird der Feuerbrand der Zwietracht in die Mon- .b'.. gewo.'en, deshato wiegelt man in Ungarn Rumänen und 2^..r:.n geaen den ungarrschen Staat auf, deshalb werden die radialen -dl.:iealen. eie Aiiii'eiiiirc», Deutschböhmcn und Jungtschechen d'g.n H.gi'.u n:olllisirr. An der Spitze dieser Bewegung, die einem . si.en eü.si.i .a Patrioten als eine lande-vcrrälherische erscheinen muß, : : d .' r.irstlich: Nuntius mir seinen beiden Adjutanten, dem Feld- .: E E ler 'oez!» »ne dem Grafen Sylva-Taroucca Dieses Triuml: ist das Hanrr der schwarzen Revolution in Oesterreich. Mit .: . ß Bateni terrrg werden. ' Ein Drost. Seäis jüdische Möbelhändlcr hatten sich neulich vor : . :.'.r:':n, und zwar wegen „Erpressung", weil sie «ssemeiudewählen einer Reihe von Tischlern,;n '.-gastlicher Beziehung st.hcn, deutlich zu verstehen ' s daß sie d i Leuten, die anlisemilisch wählen sollten, keine Ta .; n .. i i nuchcn würden. Zur Erhebung der Anklage gaben :! : •t.i ., ..Bedisnt»". sondern Anzeigen sines antisemitischen Würden- . s es Anlaß Das «Bericht sprach alle Angeklagten'frei, und zwar 'slg.nrc: Begründung: D.r Gerichtshof erachtete, daß allerdings 7 >.l liiig e>'o'gi sei, welche geeignet war, gegründete Besorgniß isiä d r ■ Ardcilsentziebung bei de» bestehenden Berhältniffen zwischen den Möbelhändlern und den Tischlern deren wirthschaftliche Existenz gefährden könne. Allein die Entziehung der Beschäftigung sei keine Verletzung deS EigenthumsrechteS, welche für den Thalbestand der Erprcsiung nöthig ist. Man könne nicht sagen, daß hier etww ein Vertragsveihältniß vorliege, durch welches die Tischler ein Recht auf den künftigen Erwerb erlangt haben. Der Begriff deS EigenthumS könne unmöglich auf künftige Erwerbsverhältnisie ausgedehnt werden. Für die antisemitischen Agitatoren geistlichen und weltlichen Standes ist das freisprechende gerichtliche Erkenntniß ein wahre- Glück. Wie viele ihrer hätten befürchten müssen, als „Erpresser" gebrandmarkt zu werden, wenn die sechs jüdischen Möbelhändler im Sinne der Anklage schuldig befunden worden wären! Nun haben diese „Wahlmacher" des „christlichen Volkes", die unterschiedlichen Cooperatoren, Advocaten, Lehrer :c., von der Staatsanwaltschaft, welche ja für Arier und Semiten denselben Maßstab der Gerechtigkeit anwenden muß, nichts mehr zu besorgen. (Auch eine ethische Bewegung.) Am 14. October, dein Tage der Landtagswahl in der Inneren - Stadt, rief der Kellner Alois. Fleischhacker „Am Hof" vor dem liberalen Wahllocale, wo sich viele Menschen angcsammclt hatten: „Die Hebräer müssen alle vernichtet werden!" Er wurde deshalb verhaftet und hatte sich am 25. November vor einem Erkenntnißsenate wegen Vergehens Nach 8 3t>5 St.-G. zu verantworten. Fleischhackcr rechtfertigte sich nach Antisemitcnart mit der stereotypen Wendung, er sei damals volltrnnken gewesen und wisie nicht, was er gerufen habe. „Ich bin," sagte er, „nicht für die Juden, nicht für die Christen, ich bin ein Kellner, ich muß jeden Menschen bedienen. Ich bin einmal von Jemandem ans den Kopf geschlagen worden, der deshalb wegen schwerer körperlicher Verletzung vcrurthcilt worden ist; seitdem weiß ich nicht, was ich thuc, wenn ich einen Viertelliter Wein getrunken habe. Ich bin deshalb auch vom Militär entlasten worden." Der StaatSanwalt-Substitut beantragte die Vcrurtheilung des Angeklagten, der Bcrthcidiger desselben aber, der gewesene antisemitische Gemcinderath Dr. Hößlinger, hielt den objcctiven Thatbcstand nicht für vorhanden, weil doch der Haufe Menschen, an den der Ruf gerichtet war, nicht imstande gewesen märe, alle Hebräer zu vernichten. Der Kellner habe offenbar nur gemeint, daß die „jüdische Ethik" vernichtet werden solle. Der Gerichtshof beschloß, die UrtheilSfchöpfnng zu vertage», um den Act über die Entlastung Fleischhackcr's aus dem Militärdic»W zu requirircn und daraus die Gründe seiner Entlastung kennen zu lernen. sProcrß Tcckcrt.) Die Schwurgerichtsverhandlung gegen den wegen »cuci sicher anlisemitischcr Hetzpredigtcn in den Anklagestand versetzten Pfarrer Dcckcrt wurde auf den 21. Dccember anberaumt. (Ein Sicst der Glcichbcrcchtistnng.) Man schreibt uns aus Linz: Auch wir hatten in der GcmcinderathSsitzung vom 20. November eine kleine Judcndcbatte, die sich aber zum Unterschiede von ähnlichen Beispielen im österreichischen Parlamente und Wiener Gcmcindcrathe höchst ruhig und sachlich abspicltc und mit einem vollkommenen Siege der Gleichberechtigung endete. Gemcinderath Dr. Jäger hatte über den Erlaß deS LandeSauSschusieS, betreffend die Ausübung deS Wahlrechtes der Mitglieder deS DomcapitelS, referirt und dem Gcmcittderathe vorgeschlagen, das Wahlrecht für die Gemeinde Lin; nicht nur den,Mitgliedern des DomcapitelS, Profesioren der theologischen Lehranstalt, den in der Ortsseclsorge definitiv verwendeten Geistlichen der staatlich anerkannten christlichen Confessionen, sondern auch den Rabbinern der israelitischen Cultusgemeinde zu ertheilcn. Unsere Antisemiten, die sich gerne als unabhängig von religiösen Vorurtheilen und aufgeklärt geben, hatten zwar nichtgegen die Erthcilung deS Wahlrechtes an den gesammten christlichen CleruS unserer Stadt, der leider sehr zahlreich ist, wohl aber empfanden sie die Err «Heilung des gleichen Rechtes an den einzigen jüdischen Priester als ein Culturdesicit. Interessant für die tiefe ethische und intellcctuclle Grundlegung des Antisemitismus ist die Motivirung, mit welcher Dr. Beurle gegen „eine so ostentative Huldigung deS Judenthums" auftrat. Der Führer der Linzer Antisemiten berief sich darauf, daß 1. die Rabbiner als solche das Wahlrecht auch früher nicht besaßen, und daß 2. zu den jetzigen Zeiten „eine Auszeichnung der jüdischen Religion" nicht gerechtfertigt sei. Gemeindeßath Bancalari trat entschieden einem diesbezüglichen Abänderungsantrag Bcurle's entgegen. Er sagte, man werde Jeden, der in dieser Sache nicht der Meinung des Dr. Beurle sei, wieder einen Judenknccht heißen, mit Ausnahme der zwei bis drei Gottbegnadeten, die für dessen Antrag eintrcten werden. Dies genire aber die Sektion nicht, und werde hoffentlich auch die Collegen im Gemeindcrathe nicht geniren. Die liberale Mehrzahl des Gemeinderathes huldige dem Grundsätze, was dem Einen recht, müsse dem Andern billig sein;