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Freies Blatt · 1895-12-01 · 191 (1.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
191 (1.12.1895)
Date
1895-12-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 191. Seite 3 Frei»» ftssion. Die „neue Zeit" ist auch an Gaya nicht spurlos vorübcrgegangen: Eine große Glasfabrik, ein Braunkohlenbergwerk, zwei große Dampfmühlen, zwei große Brennereien u. f. w. stehen in blühendem Betriebe und beschäftigen über 2000 Arbeiter auS der Umgebung. Das Einvernehmen zwischen den deutschen Fabriksherrcn und den zum großen Thcilc slovakischcn Arbeitern ist daS denkbar beste. Die Gemeindevertretung ruht seit jeher in deutschen fänden; sie schuf und erhält ein deutsches Gymnasium, eine deutsche Knaben- und Mädchen-Volksschule, zwei utraqnistischc Lehranstalten, eine gewerbliche Fortbildungsschule :c.; sie verwaltete daS nicht unbeträchtliche Gemeindevcrmögen in geradezu musterhafter Weise und verstand es, trotz aller neu erwachsenen, durch den Fortschritt der Zeit gebotenen Ausgaben, durch eine vernünftige Sparsamkeit die Gemeindemitglieder vor drückenden Umlagen zu bewahren. Dieses blühende deutsche Gemeinwesen der „heiligen tschechischen Mutter" zu erobern, nahmen sich — cS sind dies kaum Zwanzig Jahre her — ein paar tschechische Staatsbeamte vor, die Lehrer an de» utraquistischcn Schulen leisteten bereitwillig Gefolgschaft, ein halbes Dutzend Bürger wurde gewonnen und der Kampf um die Eroberung.GayaS seither systematisch betrieben. Die tschechischen Führer gründeten nationale Institute und Unternehmungen, um die ländlichen nationalen Brüder heranzulvckeu. Da aber mit dem nationalen Köder wenig Erfolge zu erlangen waren und ein nationales Institut nach dem anderen in Mißkredit gcrieth, verfiel »ran auf den Gedanken, die antisemitische Flagge aufzuhifscn. ES wurde ein regelrechter Boycolt gegen Alle, die Juden oder judcnfreundlich sind, insccnirt. ES wurden tausende und abertausende antisemitische Brandbriefe i» die Bevölkerung geschleudert, catilinarischc Existenzen wurden Hcrbcigezogc», um an der heiligen Sache milzuthun und Gewinne zu erzielen :c. Und merkwürdig! All die Mittel der brutalsten Bcrgcwaltigung vermochten cS nicht, die deutsch-liberale Bevölkerung auS der stoischen Ruhe. hcrauSzubringcn. Auf dieses klägliche FiaSco hin betraten die Tl'chechcnführcr GayaS einen anderen Weg: Sie versuchten cs, den jüdischen Wählern klar zu mache», wie schön eS wäre, wenn der slavische Christ und der „slavische Jude" in trauter Eintracht miteinander in Gaya fürderhin lebten, die deutsche Gemeindevertretung mit ihren deutschen Schulen gestürzt und ein slavischeS Regiment cingeführt würde. Die Antwort auf diese Sircncutöne gaben die wahlberechtigten Judcn GayaS im Verein mit sämmtlichen übcrzcugnngStrcucn Deutschen in den jüngsten Wahltagen. Wie Ei» Mann fügte sich die deutsche Partei der. Leitung dcS wackeren Bürgermeisters Dr. Earl Koch; sie betheiligtc sich an der Wahl im dritten Wahlkörpcr gar nicht, errang im zweiten Wahlkörper einen glänzenden Sieg und brachte es im ersten Wahlkörpcr, wo durch allerlei Wahlpraktikcn die Tschechen Stimmengleichheit mit den Deutschen aufwiescn und cS zur Losung kam, zu acht Stimmen gegen zwei tschechische. Tic Gemeindevertretung von Gaya zählt sonach jetzt 18 deutsche und 12 slavische Vertreter. Richt unerwähnt darf bleiben, daß der hiesige k. k. LandcSgerichtsrath Alois Trczka der einzige k. k. Beamte war, der Hand in Hand mit den tschechischen Antisemiten ging und, begleitet vom tschechischen Landtagsabgeordneten Dr. Ottokar Freiherrn v. Prazak, in tschechischer Sprache sich und neun antisemitischen Gesinnungsgenosicn die Stimme gab. Eine geradezu beschämende Rolle spielte aber im Wahlkampfe ein Apothekergehilfe, RanicnS Franz Laznia. Derselbe, Sohn eines alten kranken Mannes, dcS ehemaligen deu?schen Bürgermeisters von Gaya, Eduard Laznia, bestimmte seinen greisen Later, tschechisch zu wählen. Dieser Apothekergehilfe, welcher in Wien derzeit weilt, gerirte sich hier als — risum teneatis amici — als Deutsch-Rationaler. DaS einzige Deutsche an diesem Jüngling ist aber, daS sagen alle Leute, sein in Prag gekaufter Cylinder, mit dem angcthan er seine tschechischen Freunde in tschechischer Sprache in seinen vielen Mußestunden — der Mann steht gewöhnlich nicht in Condition — hierorts haranguirte. Und nun zum punctum salieus! Hat denn Gaya, dürfte Jemand fragen, feinen Kleon — Pardon I — Dr. Lueger? O gewiß, und zwar mehr als einen! Abgesehen von den drei tschechischen Toctoren, ' deren einer zehn LuegerS aufwiegt, tummelt sich hierorts ein Dutzend tschechischer Schreiber herum, die über eine weit größere Lungenkrast und praktischere AgitationSmittcl als Lueger und Consorten verfügen. Ein Theil des hiesigen katholischen CleruS ist ganz ähnlich dem, welcher Dr. Lucger'S geistliche Knappschaft bildet. Der Abgeordnete Pater Webr wohnt kaum eine Wegstunde von Gaya, im Dorfe Milotitz, wo der clericale Graf Seilern seinen Wohnsitz hat. Ter LcrglcichS- »lomcnte zwischen Wien und Gaya gibt eS, wie man sieht, in Hülle und Fülle. Ii. X. Statt. (8»r Ä?ahl1>rwtguilg.1 Der „D onaucl u b" hietl vorige Woche - eine zahlreich besuchte Versammlung ab, in weicher Reichsraths abgcordnetcr Profesior Tr. Sucß die politische Lage erörterte und auch auf die Nichtbestätigung der Wahl Luegers zum Bürgermeister zu sprechen kam. Mit aller Entschiedenheit wies er neuerdings die freche Behauptung der Antisemiten zurück, daß deutsch liberale Abgeordnete sich in diese Angelegenheit hineiugcmischt haben, und sagte: „Tic Abgeordnete» March et, Wr abetz, RoSkc und ich, wurde gesagt, sollen, was die Frage der Nichtbcstütiguug anbelangt, besonders cngagirt gewesen' sein. Wir haben all die Gerüchte widerlegt. Hier in meinem wie im Flamen meiner Freunde gebe ich Ihnen das Ehrenwort, daß wir niemals mit irgend einem Mitglicde der Regierung über diesen Gegenstand auch nur Ein Wort gesprochen, ja noch mehr: von den genannten Collegen hat bis zu diesem Momente nicht ein einziger mit einem Mitglicde der Regierung über- .. Haupt gesprochen, und ich selbst habe in meinen Gespräche» nie dieses Thema berührt. AllcS, was darüber geschrieben wurde,--'ist absolut unwahr." Dr. RrchanSky, Frauenbcrgcr und Dr. Albert Richter besprachen sodann in eingehender Weise die Eommunal vcrhültnisse. Tr. Richter forderte zur emsigsten Agitation bei den bevorstehenden Neuwahlen auf, da ei» böses Beispiel des zweiten Bezirkes die liberale Partei sehr schädigen würde. „Wenn Tr Lueger," fuhr der Redner fort, „das Wohl der Bcrölkcrung im Auge gehabt ' hätte, hätte er sich dafür eingesetzt, daß ein anderes Mitglied seiner Partei den curulische» Stuhl besteige und tö die Autonomie-der <'V . meindc gewahrt bleibe. Eine interessante Figur nt Prinz L i e ch t e »-- stein. Ein berühmter^französischer Staatsmann hat einst die Aeuße rung gctha»: ,Jm vorigen Jahrhunderte hat man die Privilegien der Geburt bekämpft; da sic nun durch die Revolution beseitigt sind, be , kämvft man jetzt die Privilegien des Reichlhnms ° Bei uns. sind die Privilegien der Geburt noch nicht bescingt, und man bctämpst trotzdem die Privilegien dcS RcichthnmS. Und so ist eS möglich, daß Jemand die Auswüchse dcS EapitalismuS dieses Jahrhunderts bekämpil. aber nicht mit .den Waffen des XX. Jahrhunderts, sondern mit den Wanem deS XVIII. Jahrhunderts. Und so ist cS möglich, daß Jemand versuchen kann, zugleich Erbführer und Tcmagog zn sei», ein Beispiel, wie weit man cS bei einer leichtgläubigen ^Menge bringen kann." ,. Dr. Zcichtcr schloß!' „Eine schwere Verantwortung laden diejenigen auf sich, die — ein selbstmörderisches Beginnen - die Autonomie der Gemeinde ei» zweitesmal unterbunden haben. Wenn diese Erkenntniß sich in der Bevölkerung Bahn gebrochen hat, dann wird es auch bester werde. Wir düpse» nicht verzweifeln, an nnscren Pri» cipicn scsthalte», und dann wird eS bester werden." — Die Antisemiten entwickeln außerordentliche Anstrengungen, und am 28. November hielten sic in allen Wiener Bezirken Versammlungen ab. Mit Bezug auf den Wahlkampf wird u»S nun von liberaler Seite geschriebene „Wenn abermals eine antisemitische Mehrheit gewählt wird, die das blinde Werkzeug'deS Herrn Lueger ist und seinen Ge boten folgt; so wird cS zweifelsohne zu einer neuerlichen Auslösung > dcS ncugcwählten Gemeinderathcs kommen. Wenn aber das Regime dcS kaiserlichen EommistärS im Rathhause jahrelang dauert, wenn die . Bevölkerung sicht, daß diese Bcamtcn-Regierung gut und r.aich arbeitet, so liegt die Gefahr nahe, daß diese Bevölkerung die schwer er rungene Freiheit der Gemeinde, dieses breite giMiiitcnc' Fnndamem aller staatsbürgerlichen Freiheiten, geringachtc, daß sie cs nicht ge nügcnd vertheidige und dann Zusehen muß, wie -es eingeengt und schließlich confiScirt wird. . . Unsere Partei ist vor einem neuen, schweren Wahlkampf, vor neue Arbeit gestellt. Sie muß vor- Allem.der Bevölkerung klar machen, was, die Haltung der .großen Pennalen auf Kündigung' eigentlich bedeutet. Sic haben ferner der Bevölternng klar zu machen, welche Gefahr dem Prineip der Selbstverwaltung droht, welche die Bevölkerung in sturmbewegtcr- Zeit sich errungen und stets hochgehaltcn hat. Sic hat endlich den materiellen Schade» klarzulcgen, welcher der Stadt Wien durch die Aera des Unfriedens und der Unruhe erwächst, und muß auf die Rachtheilc Hinweisen, die der Stadt und der arbeitenden Bevölkerung durch die Hinhaltnng der Wiederkehr stabiler, geordneter Zustände erwachsen müsten. .. .. Neue Kämpfe, neue Arbeit! Mögen sich wackere Männer in genügender Anzahl finden, welche die letztere auf ihre Schultern nehmen und die Schaaren her Fortschritts- und Friedensfreunde in die ersteren führen. Möge aber diesen selbstlosen und' opferwilligen Männern, welche wahrlich keine eigennützige» Zwecke verfolgen, genügende Unterstützung aus der Bürgerschaft heraus werden, und möge der unS neuerdings aufgezwungcne Kampf mit dem Feuer heiliger Begeisterung-für die hehre Sache des Fortschrittes und Per Freiheit geführt werden, dann haben wir Hoffnung auf daS Zurückdrängen der Reaktion in unserem schürzen, einst so freiheitlich gesinnten Wien!"

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