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Freies Blatt · 1895-12-01 · 191 (1.12.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
191 (1.12.1895)
Date
1895-12-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie» Blatt. Nr. 191 den zchnsliminigen ChoruS der Secessionisten stets verstärken, und das dürfte diese freien deutschen Männer mit allem Anderen versöhnen. Der ^candal in Permanenz. Tie letzten Plenar-Sitzungen des Abgeordnetenhauses wurden leider zum großen Theile von antisemitischen Radau- und Scandalscenen, unnützen Anfragen, Vorschlägen und Erörterungen auSgefüllt, und ' an eine Erledigung eines nützlichen Arbeitsprogrammes in absehbarer Zeit ist nicht zu denken, so lange man da nicht Wandel ickiant. Am 23. November brachte Mechaniker Hauck Anträge ein, es leien zwei StaotSanlehen in der Höhe von je hundert Millionen ' dulden aufzunchmen und für die Hebung und Rettung des Kleingewerbes, rcspective der Bauernwirthschaft zu verwenden. Bei einer ausgiebigen Erhöhung der Börsensteuer könnte, wie Hauck meint, diese Rettuiigsaction ohnewciters durchgeführt werden. ES würde uns nicht überraschen, wenn irgend ein anderer Antisemit sich melden sollte, um Herrn Hauck, wie Bismarck sagen würde, zu überhaucken und je eine Milliarde sür Kleingewerbe und Kleingrundbesitz mit dem Bemerken;u beantragen, daß die daraus sich ergebende Mehrbelastung ja durch eine zweckentsprechendere Anwendung der Steuerschraube beim Hausirgeschäne leicht zu bewältigen wäre. Auch der so sittenstrenge Stcinirenter "Meldete sich zum Worte, um' beim Präsidiuni neuerdings Erleichierungen sür den Besuch der Galerie dnrchzusetzen. Steinwender iebeinl Samstag in der peinlichen Lage gewesen zu sein, so manchem seiner Lieblinge das Ansuchen um Gewährung eines bequemen Plätzchens ab'chlagen zu müssen. Ter Hanvlheld an diesem Tage war aber der berüchtigte Mechaniker Schneider, handelte sich darum, ihn dem Krcisgerichle Korneubnrg wegen einer aufreizenden Rede und dem Bezirksgerichte Rudolssheim wegen einer Ehrenbeleidigung auszuliefcrn. In beiten Fällen wurde die Ermächtigung zur strafgerichtlichen Verfolgung Schneiter's enheilr. Allein dieser benützte Tank der Langmuth des Präsidiums den Anlaß, .um unter dcui Schutze der Immunität die bilden aller' nnr erdcnklichcn Schandthaten zu beschuldigen und Lügen, die schon längst als solche erwiesen sind, in schamloser Weise so vorrvbringen, als ob er selbst daran glauben würde. Assistenz leisteten ilun seine Kampsgenoffcn, namentlich der verunglückte Bürgcrmeistcr- Asxirank. Man kennt die Art, wie Lucgor spricht, wenn er nichts mehr;u gewinnen und nichts mehr zu verlieren hat. Verblüffen, ärgern und unlcrcinandcrhctzcn — nach diesem Rccepte liefert er dann 'eine rhetorischen Mixturen. Auch vorigen Samstag schleuderte' er tiibn die Behauptung ins HauS, daß in den sogenannten „Ritualmord" .«allen die Thäter zwar ermittelt wurden, daß man sie aber lausen ließ. Was werden, dachte wohl der in Enzcrsdorf von frommen Weibern angebclete .schöne Karl", jene Juden für Augen niachen, die nur für meine Enlrüstungsäußcrung über das Ränkcspiel von Tisra Eszlar eine schöne Busennadel verehrt hatten? Wie werden sic sich über meinen jetzigen AuSspruch „giften"? Tic Liberalen, sagte ferner Lueger, trauen sich nicht mehr für dix Juden cinzutrelen, und er verfolgte offenbar damit den Zweck, leichtgläubige jüdische Wähler z», verstimmen, irrczusühren und zu einem passiven Verhalte» bei künstigen Wahlen zu verleiten. Herr Lueger spricht im Ah. geordnerenbame stetS zum Fenster hinaus, und diesmal galten seine Worte den Inden. Ta dürfte er sich aber wieder einmal verrechnen, wenn er ernstlich glaubt, in den Reihen derselben Juden, deren Eigenthttiit ihm ein Torn im Auge ist, Narren zu finden, welche ihm den Gciallen erweisen, auS Aerger über wirkliche oder angebliche Zurückhaltung und Fahrlässigkeit liberaler Wortführer antisemitischen Plänen durch Passiviläl Vorschub zu leisten. Ten Lügen und Verunglimpfungen dcr Antisemiten traten Tr. Byk und Tr. Kronawetter entgegen. Ter demokratische Abgeordnete der Inneren Stadt Wien stellte :nsbc''sndcre die Angabe Schneider's klar, wonach ein jüdischer Journalist einen Raubmord begangen hätte. Es war ein Arier und Tl '.'st, welcher sich und seine Familie redlich als Tiencr ernährte, c.r dadu'.ck um Brot und Stellung kam, daß Schneider, wiewohl b.r wahre Sachverhalt bekannt war, ein längst gesühntes Bcrbr.chcn rar Svracde brachte und aus einem arisch-christlichen Tiener L.u.'n^crrorragendea jüdischen Journalisten" machte. Für die anti- 'cnilN'ck'.c Kampiweikc ist diese Raubmordgeschichte sicherlich charakterist'ch. Bezeichnend hiesür ist aber auch ein Zwischenruf Schlc- 'inger's: als Patiai versicherte, daß Rohling seinerzeit vom Slakihalrcr FML. Freiherrn v. Kraus bestimmt worden wäre, von seinem' Proccne gegen Tr. Bloch abzus^hen, schrie der Vicrtdimensionale: „Lump!" Auch antisemitische Professoren benehmen sich immer wie Hausknechte. Am 27. November bot die AuSlieferuäg des Herrn Lueger, welche auf Verlangen dcS Bezirksgerichtes Wieden wegen einer Ehrenbeleidigung erfolgte, dem Zimmcrmaler Steiner den Anlaß, dem Hause nicht angchörige Privatpersonen in ehrenrühriger Weise anzu- ' greifen. Pfarrer Webr aber verblüffte namentlich seine ConfratreS durch eine Vergleichung Lueger'S mit dem Stifter der christlichen Religion. und es dürfte so Mancher unter chnen sein, der nun dem verstorbenen Cardinal Fürstenberg, welcher seinerzeit über Webr die Mundsperre verhängen wollte, Recht geben wird. Sodann kam wieder die angebliche Militärbcreitschaft am Tage der Nichtbcstätigung Lucger's in der Form eines von Sch ei eher gestellten DrmglichteitsantrageS zur Sprache. Dcr Ministerpräsident Graf Badeni erklärte mit aller Entschiedenheit, daß er seinen früheren Aeußcrungen über diesen Gegenstand nichts hinzuzufügen, von denselben nichts zurückzunehmen habe. Tie Regierung habe 'keine Militärassisten; verlangt, sie sei überhaupt mit den Militärbehörden wegen Beistellung einer Assistenz in gar keine Berührung getreten. Sic würde, falls sie in Erfüllung ihrer Pflicht, für die Aufrechthaltung der Ordnung zu sorgen, irgend welche militärische Vorkehrungen veranlaßt hätte, nicht den geringsten Anstand nehmen, dies unumwunden einzugestchen; denn der schlimmste Vorwurf, der erhoben werden könnte, wäre dcr, daß die Regierung vorsichtiger gewesen sei, als unbedingt nothwcndig war. Daß der Dringlichkeitsantrag abgelehnt werden wird, wußten , die Antisemiten im Vorhinein; sie erreichten aber dennoch ihren Zweck, indem sie dem Hause durch eine unfruchtbare Discnssion neuerdings viel Zeit raubten und überdies ihrer Scandalsucht fröhnten. Tie Erklärungen des Ministerpräsidenten suchten sie durch Cantincnklatsch zu erstkrästcn, und 'Lueger that noch ein UebrigeS, indem er den Liberettnr-^uyluthete, sie hätten den Wunsch gehegt, daß man auf das „christliche Volk" schieße. Als er für diese Verdächtigung vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde, kam eS zu einer selbst in den Tagen des Antisemitismus nicht gewöhnlichen Scandolscene. Schneider, dcr sich durch Unanständigkeit besonders hervorthat, wurde vom Abgeordneten Tr. von Kraus, hinter dem er stand, aufgefordert, sich auf seinen Platz zu begeben. „Judenknccht" war die Antwort Schneider's, welcher sich auch, als ihm hierauf der Präsident Freiherr v. C h l u m e c k y einen Ordnungsruf crtheilte, ungeberdig benahm. Mit Recht sagte der Präsident unter dem stürmischen Bcifalle der Majorität, man dürfe sich nicht wunder», wenn außerhalb des Hauses eine Verrohung wahrzunehmcn sei, sobald im Hause ein solcher Ton cinreißc, Lueger nahm sich seines Freundes Schneider an und insultirtc den Präsidenten. Bon allen Seiten wurden aber Entrüstungsrufe laut und geboten ihm Schweigen. In Beantwortung einer antisemitischen Anfrage über die Verschärfung der Hausordnung erklärte dann noch der Präsident, cs sei seine Pflicht, dafür zu sorgen, daß das Parlament nicht unter dem Terrorismus der Straße zu verhandeln gezwungen sei. Schließlich brachten die Antisemiten eine Interpellation ein über die Beschlagnahme des nach der Auflösung dcS Wiener GemeinderatheS erlassenen antisemitischen Wahlaufrufes. Da daS LandeSgcricht daS Verbot der Weitexverbreitung dieses AälfrufeS ausgesprochen hat, ordnete der Präsident eine geheime Sitzung an, damit in derselben das antisemitische Schxiftstück zur Verlesung komme. Das Manöver, auf dem Wege einer Interpellation die Veröffentlichung und Weitervcrbreilung des consiscirten Wahlaufrufes zu ermöglichen, ist also mißlungen. Derlei ConfiScationen sind nicht nach unserem Gcschmacke, aber ebensowenig können wir uns mit Kunstgriffen befreunden, welche darauf abzielcn, gesetzliche Verfügungen hinterlistig zu umgehen. Gaya und Mien. (Trigiual-Millheiluiig des „Freien Blattes".) Gaya, Ende November. Das kleine, etwas über viertausend Einwohner zählende Städtchen Südmährens Gaya hat im Laufe dieses Monates einen Kampf bestanden, welcher — si licet parva componere luagnis — vielfache Anknüpfungs- und Vergleichungspunkte mit den Kämpfen aufweist, welche in der Millionenstadt Wien anläßlich der letzten Gemeindewahlen stattgefunden haben. Während aber in der Haupt- und Residenzstadt Wien die deutsch-liberale Sache eine Niederlage erlitt, hat sic in der königlichen Stadt Gaya einen Sieg erzielt. Die Verhältnisse der letzten deutschen Sprachinsel Südmährens sind in aller Kürze geschildert: Das, wie historisch feststeht, bereits in der Keltenzeit gebildete Gemeinwesen Gaya liegt inmitten einer sloväkischen Bevölkerung, mit der es in den Tagen des Leides und der Freude allzeit auf gutem Fuße stand. Handel und Verkehr vermitteln wie vor Jahrhunderten auch heute noch vorwiegend Handelsleute jüdischer Eon-

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