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Freies Blatt · 1895-11-24 · 190 (24.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
190 (24.11.1895)
Date
1895-11-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. IW Frei», Mittclbcrger wollte seine Landsleute vor den bösen 'Ränken der Neuländer warnen, ihm that der erbärmliche und kumniervollc Zustand Derer "leid, „die anS Deutschland nach diesem nencn Vaiibc wände» n: ihn verdroß daS unverantwortliche nnd unbarmherzige Verfahren der holländischen Menschcnhäudlcr und ihrer auSgcsandtcn Menschcndicbc, der sogenannten Neuländer, den» sic stehlen gleichsam die Vciitc anS Deutschland unter allerhand schöne» Vorspiegelungen und liefern sie den holländischen großen Seelenverkäufern in die Hände", (ln Rot tcrdam und Amsterdam wurden die Menschen in die großen Seeschiffe ' wie Häringe zusammcngcladcn, denn manchmal waren bis zu sechs hundert Kopfe a» Bord. Die Schiffe »inßten bei Eowcs anlcgc», dort Zoll entrichten, weil sic nach einer englischen Eolonie fuhren, und lagen oft vierzehn Tage, che sic abgcfcltigt waren. Nachher begann der Jammer auf See. „(Gestank, Dampf, (slraucn, Erbrechen, Seekrankheit, Fieber, Ruhr, Kopfivch, Hi he, Berstopsnngc», Gcschwnlste», Scharbock, Krebs, Mundfäule^ Hunger, Durst, Nässe, Angst, Noth, llngczicfcr, Wehklage» und noch vielerlei anderes llngcmach. Unter de» Gesunden wi»d manchmal die Ungeduld so groß - und grausam,- daß einer den andern oder sich und seine (Geburt verflucht, und daß sic einander bald nmS (.'eben bringen. Am allermeisten! aber schreien sic Rache über die Menschcndicbc. Man hat in unserem - Schiss >ust au ciucm Tage, da mir starken Sturm gehabt, eine Fra», ' »vclche gebäre» sollte nnd cS in diesen Umständen nicht tonnte, durch einen (laden im Schiss geschoben nnd also ins Meer falle» lassen.! Kinder von ein bis sieben Jahren iibcrftehcn die Seereise selten, nnd j die Eltern müsse» sehen, wie sic verschmachten und ins Wasser geworfen werden. Ich habe solchen jämmerlichen nnd sehr betrübten! Zustand leider an zwciunddrcißig Kindern aus unserem Schisse ge- > sehen, die man i»S Meer versenket hat." * DaS Schiss erreichte Philadelphia, aber aus ('and durften unr die, l welche ihre Fracht bezahlte» oder gute Bürge» stellten: die Anderen mußten »och lange liegen bleiben, „bis sie gekauft und durch ihre j Käufer vom Schiffe loSgcmacht werden". Eine Reise aus Deutschland; »ach, Pcnnsylvanien tastete damals. 200 Gulden. Den Menschenhandel - auf dem Schissmarkt beschreibt Miltelbcrger in folgender Weise:; „Alle Tage komme» Holländer, Engländer und hochtentsche Vcutc ans; der Stadt Philadelphia nnd sonsten aller Trtcn znm Dhcil sehr weit her,' wohl an die 2t) bis 40 Stunde», »nd gehe» auf daö Schiff, > welches Menschen aus Europa gebracht und feil hat, und suchen sich! unter den gesunden Personen die zu ihre» Geschäfte» anständige» heraus. Sie handeln mit denselben, wie lange sic vor ihre ans sich . habende Seefracht, welche sic geinciniglich »och ganz schuldig sind, : dienen wolle». Wenn man nun des Handels eins geworden, so gei schielst cS, daß erwachsene Personen für diese Summe nach Beschaffen^ 1 heit ihrer Stärke und Alters, st, 4, f> bis 0 Jahre zu dienen, sich! schriftlich verbinde», die ganz jungen aber, von 10 bis 1;V Jahre», j müssen scrvire», bis sie 21 Jahre alt sind. Biele Eltern müssen ihre Kinder selbst verhandeln nnd verkaufen wie das Bieh, damit nur die - Eltern, wen» die Kinder ihre Frachten auf sich nehmen, vom Schiffe ' frei und los werden. Da nun die Eltern oft nicht wisse», zu >vaS - für Acuten oder wohin ihre Kinder kommen, so geschieht cS oft, daß : nach dem Abschcidcn vom Schiss manche Elter» nnd Kinder viele Jahre oder gar lebenslang einander nicht mehr zu sehe» -bekommen. Ein Weib znuß für ihre» Mann, wen» er krank hinein kommt, und eben so ein Mann muß für sein kranke» Weib stehen und die Fracht auf sich nehme», und also nicht nur allein für sich, sondern auch für seinen kranken Ehegatte» bis 0 Jahre scrvire». Testers geschieht cS, daß auch ganze Familie», indem sic an verschiedene Käufer j kommen, scparirt und getrennt werden, sondcrheitlich, wenn solche gar nichts von der Fracht bezahlen könne». Entlauli i» diesem Candc■ jemand von seinem Meister, der ihn hart gehalten, so kann er nicht j weit kommen j Denn man hat in diesem Stück, gute Trdnnngcn darinnen, daß man einen Entlofscnc» gewiß bald wieder bekommt. Man gibt einem, der einen Deserteur aufhült oder wiederbringt, eine gute Belohnung " Der Entlaufene mußte als Strafe für jeden Dag, den er als Flüchtling verlebt hatte, eine Woche, für jede Woche einen Monat und für jeden Monat ei» halbes Jahr zur Strafe „ser Viren". Wenn aber der Herr cinen solchen Entlanfcncn, den man ilnck^ wieder brachte, nicht behalten wollte, so konnte er ihn auf so vPe-^ Jahre verkaufen, als derselbe noch dienstpflichtig bei ihm gewesen wäre. „Unsere Europäer, welche vcrkauffct werden, müsse» immer hart arbeiten, weil inan beständig neue Felder machet; dahcro erfahren dieselben, daß warlich die cichcnc Stumpe» so hart in Amerika als in Deutschland stehen." Der ehrliche Mittclbcrger erzählt sehr' „merkwürdige und höchst fatale Exempel" von dem Mißgeschick, welches manche Vcutc betroffen. Der Voigt Daser aus Nagold in Württemberg kam mit Frau »nd slatt. Seite 8 acht Kindern zu Philadelphia in sehr kläglicher Vage an. Auf See . hatte man ibm 1*00 Gnldc» gestohlen. . Er verklagte deshalb den englischen SchisfSeapiiän, bekam aber Unrechf, mußte hvh' Klagckostcn nnd dann noch 000 Gnlde» Fracht zahle». Aber das OVlb war ihm geraubt worden, man versteigerte also »eine fahrende Habe. AlS er l^cld borgte, »in eine» Ackcrhof zu kaufe», wurde er von den Gläubigern schmachvoll betrogen: sie ballen einen gefälschte» Schuldschein •mm ihm unterschreibe» lassen und nahmen den -liest seiner Habe ab. Seine Kinder wurde» dann verbundene Knechte »nd Mägde. . . Im Jahre 17f>2 lies in Bhiladelphia ein 'Schiss ei», das volle sechs Monate ans See hcruingctriebc» worden war. Bo» st40 Passagieren waren noch — 21 am Vcbc», die übrigen vor Hunger und Elend gestorben l Im Jahre 17f>4 kamen mehr als 22.000 Deutsche in Philadelphia an. Daran, »icint Mittclbcrger, seien die Betrügereien und Bcschwütznngcn der Neuländer schuld, welche e\" in folgender Weise schildert: „Diese Menschcndicbc bcOlgen Vatte von allerlei Stand und Profession: auch Soldaten, Gelehrte. .Künstler »nd Handweiter. Sie verführe» den Fürsten nnd Herren die Veute und liefern sie.znm Berkans nach Rotterdam lind Anisle>daui, wo sie von ihren Kanslcntcn für eine jede Person, welche zehn Jahre nnd darüber alt ist, st Gulden oder cinen Ducaten erhalten. Dagegen bekommen diese Kanslcntc in Philadelphia für jede Person 00, 7", ja "-0 Gulden, je nachdem eine Person ans der Reiw mehr oder weniger Schulden gemacht hat. Der Neuländer lieferte seinen Transport ab, blieb den Winter über in Holland, »ahm im Frühjahr von feinen Kanfleulen - wieder Geld auf Mensche», reiste nmhcr und log den Ceuien vor, er koiiinic ans Pen»st)lvanic», »in Waarcn rinzutauscn Er behauptete, Bollmacht zuk Hebung von. Erbschaften zu haben nnd Bei wandte ab zuholc». leichtgläubige fand er immer Ccute von Adel und hohem Rang, die in Penusi>lvanicn als gemeine Tagelöhner oder, verbundene Knechte dienten und der harten Arbeit nicht gewohnt waren,„.lraetirel man mit Schlügen wie das Bieh,. damit sie die harte Arbeit lernen." Deiters geschieht es, daß die Kanfleule i» Hollaiid mit ihrem Egpitän und den Neuländern einen verborgene» Aeeord »lachen, damit diese die Schiffe mit den cingcladencn Menschen an einen anderen amerikanischcn Platz führen. sollen und nicht nach Pennshlvanie», wohin doch die Ccute eigentlich wollen; sie gedenken dann' die' leine bester z» verkaufen. Diese Darstellungen Milielbcrger's cutfp,scheu volllommc» der Wahrheit und finde» ihre Bestätigung durch andere gleichzeitige 'Nachrichten über die „Scelentrcibcr". Als das Elend gar;» arg wurde, bildeten wohlhabende. und wohliueincnde Ccute deutsche tstesellschaftcu, deren jetzt i» allen EinwandcrnngShäfc» dev Bereinigten Staaten vorhanden find. Die erste war jene zu Philadelphia 17<>4. Der Hauptzweck war, den arme» Candslenten Unterstützung zn gewähre» ilnd Hilfe zu leisten. Ein deuisrher BertraucnSinan» ging in ihrem Auftrag an Bord des ankoinuicndtu Schiffes, überwachte de» Menschen- -vetkans und fertigte die Dienstbriefe ans, dainit der verbnndciie Knecht ein richtiges Docnmcnt in Hünden habe. Auch sorgte-die Gesellschaft für Krankenhäuser. So waren diese Knechte oder Käuslinge >ScrvaiilS, RcdcmptionärS) doch nicht mehr ganz.vogclfrci, nnd nach und nach gestaltete sich das Berhältniß besser. Seit Anfang nnicreS Jahrhnndgrts kam eS völlig in Abgang. Znr WriljlbcwtstttIIst.1 Gleich lzäch der Auflösung des Gemeinde rathcS begann in ganz Wien eine lebhafte Wahlbewegung. Bon anliscmitischcr Seite.wurden vor Allem Versuche zur Stärkung des Wahlfonds linlernommcn, nnd man trat an die weiblichen GesinnungS geiiossilincii mit der Zumuthung heran, so. opferwillig zn sein, wie. cS die schöne» Seinitinilen im alten Karthago waren, »nv ihren Schnrnck für die „gute Sache" zu opfern. Tb die Gemahlin des langnasigen Prinzen nnd die im Parlamente geheininijivoll.angcdculcle, angeblich noch höher stehende Gvnncrin des verunglückten Bürgcrmeister-?lspira»tcn mit dem Beispiele vorangchc» werden, wird sich erst zeigen; mit einem kostbaren Diadem oder Eollier ließe sich jedcn'alls ungleich mehr anSaMlcii als mit Dutzenden von Krcnzlcin »nd Thrgehkingcn armer DifchlerS- ^v«kcn und Schnsterinnen . . Erfreulicherweise sind diesmal auch die' liberalen nicht saumselig. Wie schon in der vorige» Nummer de» „Freien BlatteS" erwähnt wurde, erließen die dem fortichrittluhen Pärteivcrbande des aufgelösten Gcmciuderalhcs angchörigen Mitglieder am Ceopoldi Tage eine» Wahlausruf. I» demselben wird unter Anderem znr Widerlegung der von den Antisemiten erhobenen Anwürfe bemerkt: „Zur KampfcS.rrt unserer Gegner gehört cs auch, uns als Inden knechte hinzustellcn, deswegen, iveil wir, .wie dies in allen eivilifirle» Staaten der Fall und eine Ehristenpflicht ist, auf dem Standpunkte der gleichen Rechte und' der gleichen Pstichtc» aller. Bürger stehen

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