Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 190 (24.11.1895)
- Date
- 1895-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit* 2 Freie» Blatt. Nr. ISO unzweideutige Erklärung ab, daß der einzige Grund der Auflösung dcS Genieinderathes der sei, daß der Gemeinderath abermals die Wahl des Tr. Lueger vollzogen habe Rachdem der Regierung nicht zuzu- ' iiiukhen sei, daß sie nach einige» Tagen ihren Standpunkt, den sie eingenommen hat, verlasse, war es dem Genieinderache benommen, de» Ausgaben, für die er gewählt wurde, nachzukommen. Graf Badeni sowie die Minister Graf GleiSpach und Ledebur wiesen mit großer Prücision den streng rechtlichen und gesetzlichen Standpunkt der Regierung in dieser «trage nach, wobei sie von den Vertreter» der großen Parteien, durch die Abgeordneten S u eß, Meng er, Kopp, Ritter v Zaleski und Graf Palffy unterstützt wurden. Rakürlich trat auch diesmal wieder an der Seile seiner Eigenmannen der zu einer ganz "nuvetdienten Bedeutung emporgeschraubie Tribun ' von Margarethen für die eigene Sache ein und in Worten, welche unstreitig für den Herrn Professor Krassl-Ebiug uichr Interesse haben, als für den Leiter der österreichische» Politik. Lueger leidet an einem krankhaften, dem Cäsarenwahnsinn nahe verwandten Tünkel, der eS .. ilmt gestaltet, von sich selbst nür noch in der dritten.Person als von dem „Tr. Lueger" zu sprechen und sich . selbst den widerlichst riechenden Weihrauch zu streuen. Tabei ist der Horizont seiner AnSsührungen iiuincr. auch tut Abgeordnetenhaus* tns österreichischen Reichsrathes nicht etwa dem Gedankenkreis der Volksvertreter, sondern ganz dem der Gallerien angepaßt, ans welchen seine Elaque postirl ist Es beißt, daß man diesmal sich nicht mit dem Wiener Publicuni dignügt. sondern ..Hochrnter" ans Klosterneuburg und anderswoher bestellt habe. Tie beorderten ClaaueurS thaleu ihre Pflicht und Schuldigkeit den» auch i» io ausgiebigem Maße, daß der Präsident des Hauses die Räumung nicht nur der zweiten, iondern auch der ersten Gatlerie vornehmen lauen mußte Ter Beifall, daö Tücherschwenken aus der ersten Gallerie, das „Hoch Z'ueger" von den Lippe» junger «traue», wie mag es deui „schönen Karl" in den.Kops gestiegen sein, und doch, welch mairer Ersatz für die goldene Bürgermeisterkelte! ES ist nur zu begreiflich, wenn man dabei ein Rarr wird. Endest . sind die maßgeblichen Kreise des Parlaments entschloffen, dem unglückieligen Burgermeistercaiididaten auch diese kleine Genugtbnung, die er sich bislang im griechischen Prachtpalaste zu verschaffen wußte, zu raube» Richl nur, daß der GeschäskSordnungS Ausschuß n'enester Zcit wieder mit frischem Tampse arbeitet, mit Scandalscene», wie die in den letzten Wochen erlebten, vorzubengen, man erinnert sich gegenwärtig auch wieder daran, daß auch die bestehende Hausordnung für das Parlament eine ganze Menge Bestimniungen für das besuchende Publieum enthält, welche eine llebemUlung und lieber schweinmnng der Galerien durch llnbernsene verhüten sollen, bisher aber nicht zur (''cltung gebracht wurden. So schreibt 32 der Haus ordnung vor, daß aus der ersten Galerie nur für 58 Sitze und .'in Stehplätze Karten auSgegeben werden, während sich bei der letzten 'stürmischen Sitzung vielleicht dreimal soviel Menschen eingedrängr ballen Ani der zweite» Galerie werden Karlen für' 144 Sitz und 1-0 Stellplätze ausgegebe». TaS Jnkertssaulesle ist aber, daß für Abgeordiieke, die ihre «Frcuude in die Sitzung bringen, aus der ersten Galerie 25, ans der zweiten 20 Sitzplätze reservier werden. An dem! erwähnten Tage drang aber eine große Zahl von Menschen unter! dem Vorwände, mit Abgeordneten sprechen zu wollen, beim Thore ■ oberhalb der Rampe inS Hans. Ter Portier ließ sie ein, sie füllten; bald die große Säulenhalle und den anstoßenden rothen Saal, sie j gaben ihre Visilkarten ab und ließen die antisemitischen Abgeordneten : hole», die inr sie Karten im Bureau des Ham'es erhoben, so lange , dieselben vorhanden waren, und als diese auSgingen, ihre Partei-! genossen an die Tiener wiesen, welche sie daun ohne Karten ans die Galerie suhlten Tie Hausordnung schreibt zwar vor, daß ein Ab geordneter üch nur ans zwei Karlen vornierken lassen kann, damals i aber kamen einzelne Abgeordnete mit ganzen Rudeln der bekannten! antisemillschen Borstadtgrößen, Männer» und «Frauen, um sie in die , ilemiKten Räume einzudrängen Tie 2oge für Herreuhausmitglieder ' und die Voge für das diplomatische EorpS dürfen »ach der Hausj idnung weder von Abgeordneten, noch von deren Angehörigen besetzt; werden. Aber auch um diese Bestimmung kümmerte sich kein Mensch. : I;e Menge besetzte jedes freie Plätzchen. Bei allen Thüren und.Thoren ichnchen sich V iitc ein, Personen, die mit den Gängen und Stiegen; des weiiläungen Gebäudes vertrant lind, kamen auf den Hintertreppen I zu den Galerien emporgestiegen Hielt ein Tiener d:S Hauses einen \ die'er Eindringlinge auf, so berief sich derselbe keck aus einen der; ^Wiener Abgeordneten, denen 'Raine ihm gerade einsiel, und ließ sich :» 'einem Ausstiege zur (Lalerie nicht aufhalten. Besonders galant waren Sie Herren vom Berge, wenn einige weibliche Verehrer ihre j Hilfe in Anspruch nahmen, um »och ein Plätzchen für die in AuS-! siebt gestellte Temonstrasion zu erhalten. Selbst Prinz b'i echten- \ stein ließ sich wiederholt herab, auf Ersuchen solcher enthusiastischer Lueger-Verehrerinnen aus der Vorstadt, die den Prinzen in dem sogenannten rothen Saale um Karte» ansprachen, solche zu besorgen. Man war nachträglich im ganzen Hause über eine» solchen IlnfiiL entrüstet, und es sind nunmehr vom Bureau die strengsten Weisungen an die Kanzlei ergangen, künftig die Bestimmungen der Hansordiuing unnachsichtlich zu handhaben. ' Dies ist aber nicht die einzige Veränderung,, welche die Wiener Bürgermeisterfrage in den parlamentarischen Verhältnissen hervorgebracht hat. Auch die Parteien sind in Fluß gerathen, und wenn der bekannte „Culturdünger" bisher auch noch nicht ' die oft angekündigte Zersetzung der liberalen Partei bewirken konnte, so ist es ihm doch einstweifeu gelungen, den Hohenwart Club, diese festeste Trntzburg wider den Liberalismus, zu sprengen. Jene Gruppe von clericalen Abgeordneten, welche bisher stets die meiste Afsinilät zu den Wiener Christlich-Socialen bewiesen, sind, weil ihnen voni Verbände die Einbringung der obenerwähnten Interpellation Dipanli nicht bewilligt wurde, aus dem Club der Conservatioen ausgetreten, um eine neue Partei, die sich, nicht ohne lieeittia poi-tion, „Katholische Volkspartei" nennt, zu bilden. Dem neuen Verbände gehören bisher die Abgeordneten «Freiherr v. T i p a u l i, Tr. E b e n h o ch, Dr. v. «i u ch s, Dr. Schorn, O h e r n d o r f e r, P e i t l e r, D o b l h a in e r, G a s s e r und Dr. Rapp an. Weitere Zuzüglinge werden erwartet. Ter mit seine» Sympathie» stets den Antisemiten gehörige Beindlviehbarou Morsey hat sich der Secession vorläufig nicht angeschlosie». Der gleichfalls den Christlich-Socialen stets mit Her; und Sinn zu gethane Graf S y lv a - T a r o »ca beabsichtigt sein Mandat niederzulegen, weil er sich in Betreff der Lueger-,Frage mit den Mitgliedern, die aus dem Hohenwart-Club ausgetreten sind, im Widerspruche befinde. Eine weitere Zersetzung des Hohenwart-Clubs ist in Sicht. Ta? Programm der neuen merkwürdigen „VolkSparlei", die sich am -5. Roveniber constituiren soll, wird nach einem gesinnungsverwandten Blatte sei»: Die Aufrechterhaltung der katholisch conservativen Programmpunkte, Unabhängigkeit von der Regierung und der ihr stets dienenden Fraclionen, ungehinderte Berücksichtigung des nationalen Bewußtseins „unseres Volkes" bei gewiffenhafter (Gerechtigkeit gegen andere Rationen. „Es kommt die Zeit, wer lebt, wird'S seh'n, daß Mensche» aus den Füße» geh'»." Alenschenbcrndel. Es verstreicht fast keine Woche, wo nicht das eine oder andere Aniisemitenblatt auS Anlaß der AuöwanderungSbewegnng den Juden — selbstverständlich den Juden überhaupt — Menschenhandel zum Voiwürfe machen würde.. Angesichts besten erscheint eS üuS angezeigt, auf ein Bild aus „judenreiner" Zeit zu verweisen, welches ein wissen schastlicheS Organ vor 33 Jahren brachte. Im „Globus" von 1802, Band 2, Seiten 284—286, ist zu lesen: . . . Reulich theilteu wir mit, daß ein Blatt zu Philadelphia, „Der wöchentliche philadelphische Staatsbote" von 1761, eine Ankündigung enthielt, in welcher ein "Philipp Moser demjenigen vierzig Schillinge Belohnung bot, welcher einen verbundenen Knecht, der ■jenem entlaufen war, anhaltx und seinem „Meister" wieder einliefere. Wir können die Sache selbst, welche allerdings nur noch ein geschichtliches Jnteroffe in Anspruch nimmt, in sehr anschaulicher Weise erläutern, und zwar aus einem Buche, das jetzt sklten geworden ist, und das auch Franz Zköher (Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika, Cincinnati und Leipzig 1847) nicht gekannt zu haben scheint. Wir meinen Gottlieb Mittelberger's Reise nach Pennsylvanien im Jahre 1750 und Rückleise nach Teutschland im Jahre 1754. Enthält nicht nur eine 'Beschreibung des Landes nach seinem gegenwärtigen Zustande, sondern auch eine ausführliche Rachricht von de» unglückseligen und betrübten llmstündeu der meisten Deutschen, die in dieses Land gezogen sind und dahin ziehen. («Frankfurt und Leipzig 1756, 120 Seiten.) Wir wollen den rechtschasfenen Schwaben, so viel es angeht, selber erzählen lasten. Er war im Mai 17.50 von Euzweyhingen in Württemberg nach Heilbronn gegangen, um eine Orgel nach Pennsylvanien zu bringen. Er fuhr mit ihr den Reckar und Rhein hinab nach Rotterdam und voir dort in einem Transportschiff, auf welchem sich etwa 400 Württemberger, Durlacher, Pfälzer und Schweizer befanden, nach „Kaupp" (Comes) in England; erst am 10. October, also nach Verlauf eines halben- Jahres, kam er in Philadelphia an. Von Schwaben bis Rotterdam, heute eine Reise mit dem Dampfer, die anderthalb Tage dauert, war er sieben Wochen unterwegs: die Seereise von Rotterdam »ach Pennsylvanien dauerte fünfzehn Wochen!