Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 189 (17.11.1895)
- Date
- 1895-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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ZU. 180, . A Seite t te » Wie dem auch sein mochte, in seinen Zügen prägte sich daS heißeste Berlangen auS, daS Kloster zu erreichen; und der alte Fährmann, der die nagende Unruhe in dem Antlitze des Fremden sah, willigte ein, daß sein Sohn die Ucbcrfahrt wage, trotz der hereinbrcchcnden Nacht und des von ferne her drohenden UngcwittcrS, dabei wurde der Sec immer unruhiger, und es drängte sich die Bcsorgniß aus, die Fahrt würde wohl ans dein kleinen, schwankeüdc» "Nachen recht bc-' schwerlich sein. Der Fremde hatte sich in den Nachen gesetzt, während Valentin die Ruder in die aufgeregten Wellen tauchte, nachdem sein Vater mit starkem Stoße den kleinen Nachen in den See gestoßen hatte: dann winkte ihnen der alte Fährman noch einen Abschiedögruß und glückliche Ucbcrfahrt zu, und fort ging'S in den Sec hinaus. - t Die zu übersetzende Strecke war bei ruhigem Wafferstande keine zu große, wenn aber, wie heute, Wind und Wellen sich dem Kahne hemmend cntgegenstclltcn, so halte der Ruderer seine ganze Kraft von Nöthen, um gegen die Elemente anzukämpfcn. Die Nacht war plötzlich herein gebe ochc», und das Gewitter, das vorhin drohend in der Ferne aufgezogen war, 'kam immer näher; schwere, dunkle Wolkcnniassen bedeckten das Firmament, und eine dumpfe Schwüle lagerte über der Atmosphäre. Kaum aber hatte daö Schifslein die Milte dcS Sees erreicht als daS Gewitter losbrach; cs wurde immer dunkler um sic her, und nnr die zuckenden Blitze erhellten für Augenblicke den mit dnnklen Waldungen umrahmten Sec. Jetzt krachte ein Donnerschlag über ihrem Haupte, dann fuhr wieder ein greller Blitz dahin. Muthig und fest a> beitete der junge Ruderer weiter, denn an Gefahren zur See und zu Vaiibc war der Junge ja gewohnt; nicht selten gab es Gelegenheit, seinen Mnth zu erproben, wenn cs galt, besonders znr Winterszeit in Gemeinschaft mit seinem Bater ihr kleines Gehöft und die darin unter «ebrachtcn wenigen Ziegen gegen den Angriff von Wölfe», ja oft gar Bären zu vcrtheidigcn, die hungrig und beutegierig auS den Wäldern hervorbrachen und die ärmliche Wohnung umschlichen. Das Schifflein rückte kaum vorwärts, die Wellen stürzte» und peitschten ihnen den Schaum i»S Gesicht; der Sturmwind braune, und dazwischen grollte dumpf und dröhnend der Donner. Jetzt fuhr ein greller Blitz hernieder. Den Rippen des Knaben entrang sich ein halblaut geflüstertes Gebet, während daS Auge dcS stummen Mannes weltentrückt zu dem Himmel emporsah; aber der inulhigc Junge erlahmte nicht, "Nun galt cS, die ihnen cntgegcnstürzenden Wogen möglichst zu durchschneidcn; das wußte der kleine Seefahrer aus Erfahrung, und deshalb fetzte er seine ganze, Kraft ein. Bald sah er denn auch seine Anstrengung belohnt, denn unter dem Schutze des hohen Berges, dem er zurudcrte, glätteten sich die empörten Wogen immer mehr und mehr, und cS war nun ein leichtes, das Schiff an daS seichte, sandige Ufer hinzufahren. „Der heiligen Mutter Lob und Dank," rief der Junge, „wir sind am Land, und wie Ihr sehet, nicht weit vom Ziele mehr, denn das Kloster ist nicht hundert Schritte <>veit. Horch, nun läuten sie die Thurmglocken, das geschieht stets bei Gewittern; die bösen Geister in den Lüften werden dadurch verscheucht. Dann versammeln sich anch beim Nahen des Gewitters die heiligen Männer und beten für die armen Seelen im Fegefeuer. So," fuhr er fort, „das Schifslein ist für die "Nacht geborgen, gehen wir nun beim Pförtner anklopfen; Ihr werdet dort ein ruhiges Nachtlager finden, denn im Kloster wird Jedermann gastlich aufgcnoinmcn." ' Rasch legten sie die kleine Entfernung zurück, und jetzt standen sie vor der Klosterpfortc. Am Rande des dichten Waldes, der weithin den ganzen Berg bedeckte, erhob sich das Klostcrgebäude; die Hauptfront war gegen den See gerichtet; halb Schloß, halb Bauernhaus, und nnr'der niedere Thurm, auf dem sich leuchtend das Kreuz erhob, unterschied eS von einem solchen. In der "Nähe deS Klosters lagen mehrere kleine Gehöfte zerstreut umher, daS Ganze, aber umgrenzte eine niedrige Mauer. Dumpf und schaurig tönte der Ton der Sturmglocke» durch die Nacht und vermengte sich mit dein Rollen des Donners und dem entfernten Brausen des aufgewühlten Sees. Da zuckte cs plötzlich wie greller Feuerschein durch die "Nacht und erhellte mit fahlem Scheine die Finsterniß: der Fremde hatte seinen müden Blick gegen Himmel erhoben — und jetzt, als grell und lohend der Blitzstrahl herabgefahrcn, da hatte sein Auge auf der Pforte des Klosters gehangen, und da — da zuckte eS hell auf in seinen düsteren Zügen, lieber der Klosterpforte war in lateinischen Lettern eine Inschrift angebracht, hie dem Auge durch den leuchtenden Blitzstrahl plötzlich sichtbar wurde; gleich einer göttlichen Offenbarung erschienen ihm die Worte, die da standen, und verkündeten seinem Herzen den Frieden: „UtzfuZium miserorniu!"-— — Statt. Der Fremde war in die Knie gesunken und blickte in stumiucr Verzückung auf die verheißenden Worte hin. Ter Junge aber hatte verwundert dem seltsamen Treiben des stunlinen ManneS zugeschcn/ was mochte denn daS wohl sein, und weshalb gcrieth er . in Verzückung? Hatte er, Valentin, doch oft genug die lateinischen Worte über der Klosterpfortc gesehen und daran nichts Merkwürdiges gefunden; ja, eigentlich und im Grunde genommen verstand er sie auch, gar nicht und wußte nicht, was sic bedeuten sollten, dann klopfte cr init starker Hand an die Pforte; doch schienen der Lärm und daS Getöse der entfcsielten Elcinente sein Pochen zu übcrtöucn, denn nichts Legte sich im Innern dcS Klosters; und et wollte sein Klopfen er- »cner», als durch cinc kleine Ocfsnung im- Thore ein Lichtstreif erglänzte nnd sich die Sliniinc des Pförtners hören ließ. „Wer klopft da'?" „Ich, Valentin," gab dieser znr Anlworl, „öffnet,' ein Frcnidcr, den ich auf Geheiß »icincS ValcrS hcrübergebracht, begehrt Einlaß. Er ist stumm!" "Nun wurde von Innen ei» Balken auSgchobcn, der das Thor sperrte, und gleich darauf ging in seinen Angeln ächzend der Thorflügcl auf, nnd her Pförtner 'erschien auf der Schwelle. Er hob die brennende Pcchfackel/ die er in der.Hand hielt, empor,' und seine Augen mit der anderen Hand beschattend, sah cz ans. den Fremden hin. __ „Gelobt sei JcsuS Eliristnö nnd die heilige Jungfrau." sprach er den WillkomnienSgruß. „In Ewigkeit Amen," sprach Valentin, während sein Begleiter sich bekreuzte. /Einen Augenblick verweilten deS Pförtners Blicke auf der Gestalt dcS Fremden. „Tn kommst von weit her?" - Der Fremde nickte mit dem Kopfe. ✓ „ES ist nicht an mir, dich weiter zu fragen," fuhr der Pförtner fort, „doch will ich für dein Unterkommen für die "Nacht Sorge trage»: morgen FrühJannst du dann dem hochwürdigen Abte deine.» Dank absta^tcn, folget mir. Deine Uebcrfuhr muß wohl recht schaurig gewesen sein," wendete er sich an Valentin, „ist; würd/.mich um keine» Preis, bei solchem Wetter auf den See hinauswagcn." „Dafür seid Ihr ja aber auch einheiliger Mann und könnt in Eurer Zelle beten, wenn cs draußen stürmt, als wäre» alle bösen Geister loSgclasscn." Tabci machte er daS Zeichen deS Kreuzes, der Pförtner aber' blicklc ängstlich in die dunkeln Winkel deS Eor'ridoro, den sic durchschritten. „Sprich nicht von bösen Geistern," flüsterte er dein Jungen zu, „wie leicht könnte sich auch ein solcher hier verbergen ..." „Geht, geht," sagt? lachend der Knabe, „wir sind.ja im Kloster, und hichcr traut sich wohl kein Höllcnspuk!" „So, da wären wir," sagte der Mönch, indem er die Thürc zu einer kleinen Halle öffnete, „geht hier hinein," und dabei zündele er ein kleines Oelläinpchen an, daö nothdürftig den kleinen Raum erhellte, „du, Valentin, kannst mit mir ins Refcetorium gehen nnd einen Imbiß holen für dich und den müden Mann!" Der stuninic Gast war in die Zelle eingctrcten und schritt zu dem aus rohem Hol; geschnitzten Heiland hin', der an der kahle», weißgctünchte» Wand hing, nnd beugte ftin Knie und erhob mit dankerfülltem Ausdrücke feine Blicke empor. Heiße 'Thränen netzten seine Wangen und rannen ihm in den langen Bart. " ■ * Nach der gewitterschwülen "Nacht war hell nnd strablend der Morgen angebrochen; der See hatte auSgetobt, am Himmel iab man noch einige Sterne, die nach und »ach vor dem ausgehenden TageSgcstir» erbleichten; im fernen Osten zog r'ötblich golden die Sonne herauf und bestrahlte die BergeShöhen, während über dem Seebeckcn noch halbes Dunkel lagerte, grane Nebel lösten sich von der Oberfläche dcS Waste'-? und zogen, von leichter Brise getragen, den höheren Luftschichten, einem durchsichtigen Flor ähnlich, zu, uui sich dann in der Almosphärc aufzulösen. Pfeilschnell flog das leichte Boot Valentins über den spiegelglatten Sec zurück. * '„Vater, Vater," rief er, an das User springend, seinem harrenden. Vater in die geöffneten Arme sinkend. „Gottlob," sagte erleichterten Herzend der alte Fährmann, als er - seinen mnthigcn Jungen wieder heil nnd wohlgcmuth vor sich sah, „ich war recht sehe in Angst um dich; ein solch Unwetter hat'ö ja schon lange nicht gegeben wie heute "Nacht..." „Ja, Vater, es war schrecklich," berichtete der Junge. „Und hätte mich' dkr arme Mann nicht so sehr gedauert," fuhr der Vater fort, „ich hätt' dich wahrlich nicht ans den See hinauSzclassen "