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Freies Blatt · 1895-11-17 · 189 (17.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
189 (17.11.1895)
Date
1895-11-17
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 189 Freies Blatt. „Ach, Vater, hättest du ihn nur gesehen," redete Valentin weiter, „Blitz und Donner hätten mir nicht so Angst gemacht wie der stumme Mann. O, hättest du nur sein Aug' gesehen, Vater, in diesem Aug' ist etwas, Vater, das ich dir nicht erklären kann, ein großer, tiefer Schmer;! Und dann, Vater," und jetzt begann der Junge in der Erinnerung noch zu lachen, „dann, als wir vor der Klosterpfortc ankamen, hättest du den Mann doch da nur gesehen, wie er," und der Junge lachte aus vollem Halse, „wie er vor den großen lateinischen Buchstaben, die dort geschrieben stehen, auf tG Knie siel und betete — betete, denk' dir nur, natürlich nur mit Geberdcn vor den tobten Buchstaben — und waS heißt denn daS eigentlich, Vater, waS dort geschrieben steht über der Klosterpforte?" „Die Leute nennen'S .Refugium miserorum'." gab der Vater;ur Antwort, „und eS ist so etwas von einer .Zuflucht der Elenden'." ..Kefu^ium miserorum.“ murmelte der Knabe .nachdenklich vor sich hin, „und eine Zuflucht der Elenden! Der arme, stumme Mann, er muß wohl recht, recht elend sein." Achlundzwanzigstrs Capitel. Jahre waren seit jener SturmcSnacht vergangen, in der der Sohn des Fährmannes den stummen Fremdling über den See in das Kloster hingebracht hatte, wo der müde Mann auch Aufnahme gesunden hattci Ter würdige Abt Tcucho hatte damals, als er deS mühseligbekadencn fremden ansichtig wurde, Mitleiden mit dem Schwergeprüften empfunden und ihn in daS gastliche Heim des Klosters ausgenommen. „Denn seht," hatte Abt Tcucho zu dem Armen gesagt, der da rührend in seiner Hilflosigkeit vor ihm stand, „iehl, Ihr dauert midi, armer Fremdling, und ich weiß, daß Ihr mit dem Gebrechen, das Euch anhaftct, wohl nie ein Unterkommen finde» werdet, Ihr müßtet denn hilflos und elend zugrunde gehen. Las aber soll mau vom Abt Tcucho nicht sagen, daß er eine". Unglücklichen von der Schwelle des Klosters' gestoßen; und darum bleibt, und 'wie stch unser Haus .Rrl'iüiium misVrorumnennt, so sollt auch Ihr, da Ihr elend seid, hier Zuflucht sinden und mögct hier in Frieden leben: Ihr wollt arbeiten?" setzte er auf eine bittende Gcbe:de deS Stummen hinzu, „nun wohlan! Unser Wahlspruch heißt ja: .«in, >>r lullora? Tu magst dem Kloster deine Dienste weihen inid kannst als SliftSknccht deine Pflicht erfüllen." Und »on jenem Tage an hatte denn auch der stumme Mann, den sic im Kloster Bruder EöleftinuS nannten, sich den Fratres auf jede mögliche Weise dienstbar gemacht, hatte por keiner noch so geringen Tienstleistung zurückgeschreckt, und bald hatte man denn auch den stillen Dulder liebgewonnen und dir geistlichen Herren sich an seinen Anblick und an seine Ergebenheit gewöhnt und hätten ihn nicht miffc» mögen. In der ersten Zeit seiner Ankunft hatte noch mancher der Brüder 'Neugier empfunden, wer wohl der Fremde sein möge, von wannen er käme und welch tiefes Leid sein Herz und sein stummer Mund verbergen mochten, aber da hatte ein Blick aus den dunklen, traurigen Augen desselben ihre Neugier verstummen gemacht, so schmerzerfüllt war jener Blick und so viel unsagbarer Jammer lag darin ausgeprägt. Sie lernten es allgemach einsehene er wollte allein sein mit seinem Leid, allein die schwere Bürde seiner Mühsal tragen ohne den tröstenden Zuspruch der Menschen, ohne daß sein Geschick im Auge des Nächsten hätte eine Thräne heraufbeschwören mögen. So ließen sie ihn denn still seines Weges gehen und gewöhnten sich an seine traurigen Mienen und unterdrückten in ihren Herze» jedwede Neugierde nach den Geschicken des ans weiter Ferne in ihr Kloster verschlagenen Mannes. * * * Es war Weihnachten gekommen. Im Kloster, in den Mauern des gottgeweihten Hauses: ..Refugium uii'iTorunr' rüstete sich die heilige Bruderschaft, daS herrliche Fest ivürdig zu begehe». Aus dem Klostcrschatzc wurden all die gottgeweihten Geräthschaften l rrorgeholt: die Bilder der Heiligen und die Altäre erstrahlten im : Glanze Jetzt aber war cs noch hell am Tage und die Stunde, »> der sich die Mönche zum Gebete versammeln mußten, noch lange mä>l gekommen. Ter ehrwürdige Abt bereitete sich in seiner Zelle gleichfalls für das hohe Fest vor. Sein Auge richtete sich himmclwäns, dorr, wo noch strahlend die Sonne erglänzte,' und aus seinem Angesichte breitete sich tiefer, heiliger Friede. „Ehrwürdiger Vater!" kam es jetzt von den Lippen eines FraterS, der in athemloser Hast in die Zelle deS AbteS stürzte, '„ehrwürdiger e.eucho, kommt, Eölestinus, der Knecht, bereiter sich zum Sterben vor und verlangt durch Zeichen Eure Anwesenheit." „CölestinuS, der stumme Knecht?" gab bewegt der Abt zurück. „So sollte denn seine Stunde gekommen sein und ihn erlösen von dem schweren Wirrsal dieser Erde?" Der Abt war in die Zelle getreten. Auf seinem Lager lag, das eingefallene Antlitz mit TodeSbläffe überzogen, die dunklen Augen tief in den Höhlen, die zitternden Hände über die Decke gebreitet, EöleftinuS. „Gelobt sei JesuS Christus!" sprach eintretend der Abt. „In Ewigkeit Amen!" kam es leise von den Lippen deS Kranken. Entsetzt wich der Abt zurück bei dem Klange dieser Formel aus dem sonst stummen Munde. „Mein Gott," rief er, „also waren meine Vermuthungen doch richtig, und du, CölestinuS, verbirgst unter deiner niederen Hülle ein tiefes Geheimniß." „Vergebt, ehrwürdiger Vater," flehte der Kranke mit leiser, fast unhörbarer Stimme, „ich habe einst in schwerer Trübsal ein Gelübde abgelegt, bis zu meiner letzten Stunde nicht mehr zu sprechen — nun mein Tod naht, vermag ich auch daS Gelübde zu brechen!" „Tröste dich, mein Sohn ... „Nein," wehrte CölestinuS schwach, „nein, ich fühl'S, meine Stunde naht .... doch ehe ich vor Gottes Thron erscheine, um Rechenschaft abzulcgen über mein irdisch Dasein, will ich der Kirche beichten, was ich verbrochen, was ich gesündigt habe.... Dir als Diener der Kirche lege ich die Beichte ab, du wirst das Ungeheuerliche meiner Sünden hören, aber auch von den unermeßlichen Dualen vernehmen, die ich erlitten." Und seinen Mund zu dem. Ohre deS AbteS hinneigend, begann er mit flüsternder, von schwerer Mattigkeit zuweilen unterbrochener Stimme seine Beichte. Und eS ninßte wohl Schweres und, wie er selbst cs ja gesagt. Ungeheures sein, waS das Ohr des Abtes traf, und die Sündenlast, die Jener getragen, müßte ihn wohl zu Boden drücken und seine Lebenskraft sinken machen. Tieft Bestürzung malte sich auf den Zügen Teucho'S, dann aber wieder hohe Bewunderung und ungeahntes Staunen; zuletzt aber tiefes Grauen und-namenlose Verwirrung. Die Beichte mar beendet, und der Abt war entsetzt zurückgewichen. „Ja, wahrlich, waS du verbrochen auf Erden, kann nur durch deS Himmels reichste Gnade getilgt werden .. . ." „Oh, ehrwürdiger Vater!" kam eS zagend aus dem Munde des Beichtenden, „ich habe schwer gefrevelt, ich weiß eS . .. . jetzt, wo es zu spät ist, erkenne ich, daß ich um irdischen GlanzcS willen zu Mitteln griff, die viel Unheil verursacht' und mich zum erbarmungswürdigsten Menschen gemacht haben .... doch ich war geblendet., . . aber ich habe gesühnt, o heiliger Mann, ich habe das Schwerste ge- - tragen, das je ein Mensch getragen, ich habe allem irdischen Glanz \ und aller Menschengrößc entsagt, habe Alles von mir geworfen und meine -Seele nur dem Jenseits zugewendet.... sagt, kann ich Vergebung erhoffen?" „Mein Sohn," erwiderte der Abt, „du kannst auf die göttliche Gnade hoffen; denn der Herr hat mehr Freude an einem Sünder, der Buße thut, denn an tausend Gerechten .. .." „O, mein Gott!" stöhnte der Beichtende aus gequältem Herzen auf, „mein Gott! mir droht die ewige Berdammniß .. .. dort, dort," rief er aus, und seine Züge verzerrten sich und die Hände ausstreckend, „dort, seht Ihr ihn, Hochwürdiger, den Erzengel Michael mit dem flammenden Schwerte der Vergeltung.... seht, er erhebt eS und drohend wendet er es auf mein Haupt! Ich bin verflucht, verdammt auf ewig ....." - „Mein Sohn." begann der Abt nun wieder, „armes, verirrtes Menschenkind! Wohl warst du verdammt, und der Fluch heftete sich a» deine Fersen.... doch kraft meines pricsterlichen Amtes nehme ich den schweren Fluch von deinem Haupte! Sei gesegnet! Denn du hast schwer gebüßt! So zieh' denn hin in Frieden und versöhne dich mit dem allerbarmenden Gotte! Und so reiche ich dir den Leib des Herrn!" Und indem er ihm die Sterbesacramente reichte, kniete er an dem Lager des Sterbenden nieder, und seine Lippen bewegten sich in inbrünstigem Gebete. Das Haupt deS Sterbenden war zurückgesunken, die wachsbleichen Hände zuckten, und sein Auge erhob sich mit verklärtem Ausdruck nach oben. Es war Abend geworden, die heilige Weihe deS Festes hatte ihren Einzug gehalten in die geweihten Räume des Gotteshauses. Vom Oratorium her erklang der dumpfe, eintönige Gesang der betenden Mönche. Durch die kleine, dürftige Zelle aber schwebte der Engel des TodeS über beut Haupte des sterbenden Boleslaw, König« von Polen. Ende. i

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