Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 189 (17.11.1895)
- Date
- 1895-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hebron 1× ep/1047559
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Seite t>. Nr. 189. .freies erkannt imivbcit, bei ihrem Ende abgeschworen. Wer hätte cs vor ,'iit fahren glauben können, daß, nachdem so LieleS über die Emancipatiou der finden gesprochen worden war, nachdem dieselbe so kühn alö ein großer Erfolg der Civilisation gepriesen, nachdem sie so lange von den Pbilosophen als wünschenswerth angestrebt und durch. deren Einfluß gefördert, von den Politikern endlich als höchstes liberales Postulat, als human und unverletzlich angenommen worden war — wer hätte eS damals geglaubt, daß eine Stun)>e kommen würde, in welcher mehr als eine der civilisirten Gesellschaften Europas diesen Schritt bedauern würde, eine Stunde, wo in einigen Staaten die Regierungen selbst, nicht etwa hingerissen von dem, was man hergebrachtermaßen den .Ausdruck der öffentlichen Meinung' nennt, vielmehr durch einen besonderen Impuls oder scheinbar vernünftige Gründe getrieben, auf ihrem Wege umkehrcn und bereuen würden, die Juden für einen Augenblick sich selbst überlasien zu haben'? Und dennoch ist es >o, und wir, die Alten, mit unserem von den Idealen der Ge- - rechtigkeil und des Friedens, die wir im Enthusiasmus unserer Jugend anbetetcn, noch erfülltem Gedächtnisse, wir sind erstaunt, plötzlich solche Acnßernngen des Halles und ein solches Kriegsgeschrei zu vernehmen. Wrr fragen u»S, welcher Sturm über die humanen Ideen hereingebrochen ist. und oh die Gesellschaft, in welcher wir bis jetzt gelebt baden, dazu best'.mmt ist, sich beständig ttm sich selbst zu drehen und . »jemals einen entscheidenden, von einer besieren Inspiration geleiteten Schritt vorwärts zu unternehmen. Wir und jung gewesen, und die Anderen sind heule jung, aber zu Biele unter ihnen haben Ansichten, die den unseren völlig cntgegcltgc'etzk sind: das, was uns bewegte, verlache» sie. und dort, wo unseren Augen Thränen entströmten, neben llch ibre Lippen zii einem Spötteln zusammen. Es scheint, daß wir gestorben sind oder daß um uns herum kein Vcbcn mehr herrscht! Aber vielleicht ist ihre Krankheit eine vorübergehende. Diese Hoffnung m'b; die uns allein den Mull, gibt zum - weiteren Kampfe. Die Ermittlung eines endlichen Sieges ist trotzdem noch nicht in »nserem Herzen erstorben, obgleich wir wohl willen, daß derselbe nicht ohne »ene tind grausame Kämpfe errungen werden wird. Großer Gott! Wie viel Schlechtes drängt llch doch bei jeder menschlichen Bemühung, 'o gesetzmäßig und wünschenswerth die Bestrebungen auch sein mögen, linier das Gute! Heilsam ohne.Zweifel war die Bewegung, welche in der, zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts Italien und Deutschland ibren Rang unter den 'Jiaticmei, eingcrüpmt, Ungarn zu neuem naiwualdn ".'eben erhoben und ein Bulgarien erst wieder geschallen bai. Und trotzdem genügen, selbst voni rein politischen Standpunkte auS betrachtet, dre Resultate nicht allen Anforderungen, und sind die beschlossenen Veränderungen noch nicht zu Ende geführt; eine derselben ist sicherlich schlecht. Zerstreut existirt in der Milte der christ- \ lichen ".Nationen ein Bolk, welches gelebt hat und noch lebt, ein Bolk, ivelches nicht genug getrennt von jenen lebt, umihnen durchaus fremd zu sein, und andererseits, in keiner von ihnen so vollständig aufgegange» ist, daß es nicht heransgefunde» werde» könnte. Ihre natürliche "Neigung einerseits und andererseits die lange, grausame und verhängnißyollc Folge der Ereignisse haben diese Nation gezwungen, ohne ein eigenes Territorium zn bleiben und ohne jede Balls oder Anerkennung eines öffentlichen Rechtes unter den Anderen zu leben." Sodann wies Bonghi daraus hin, wie mit dem Auftreten der Humanitätsidee am Ende letzten Jahrhunderts der Haß gegen die Juden milder geworden, bis er während der jüngsten Zeit unter dem trauten des Antisemitismus aut'S Neue aufgetauchr sei, und sagte: „Hatten die Juden früher, als llc mit den "Nationen, in deren Mitte sie lebten, gar keine.Fühlung hallen, unter diesem Umstande zn leiden, so leiden : sie setzt in Folge der Beziehungen, die sie später mit jenen einten. '■Siele ton denen, welche eine Antipathie, ein .Etwas' gegen die Juden! l aben, willen selbst nicht warum. £ie Eisten können die Juden nicht! -leiden, weil in deren Mitte das Ehristenthum seinen Ursprung nahni,! die Anderen behaupten wied.er, daß das Judenthum das Ehristenthum s vctdorden habe. Aber waS ist denn eigentlich dieses Judenthum, das ' uns alS das Prineip des Schlechten'geschildert wird? Ta hilft uns | nun die kNschichte aus, die entdeckt hat, daß .die Juden, als Semiten,! nicht mit den Ariern leben und noch weniger sich mit denselben as'imillren können'. Es ist unsere, der ArierF heilige Pflicht,, den Anti'emitlsinus niederzntreten, ihn zu bekämpfen, auSzurottcn, und dies ist zugleich der einzige Weg, welchen einzuschlagen nothwendiges und unentbehrliches Ert'orderniß ist, wenn nian zum künftigen Fort- 'chri'.t der europäischen Eivilisation gelangen will." Jlldkndem in Klltaiö. Aus der russischen Metropole wird bericht,! : ^jc ''eit einigen Tagen hier cursirenden Gerüchte über eine .ludenlietze in Kutais in Transkaukasien am 29. v. M. erweisen sich als richtig. Durch einen unwesentlichen Streit zwischen einem alten Weite und einem Judenknaben entstand ein Tumult von solchen 8 l a t l. Dimensionen, daß der dortige Gouverneur Kosaken requirircn mußte Bis 2 Uhr Nachmittags wurde demolirt, dann trat Ruhe ein, die um 4 Uhr abermals unterbrochen wurde. Bis 9 Uhr Ahcnds wüthete der Pöbel gegen die jüdische Bevölkerung. Mehrere Juden wurden gefährlich verwundet. Mit Hilfe eines Bataillons Infanterie und der dortigen Kosaken wurde schließlich die Ruhe wieder hergestellt. Am folgenden Tage blieben die jüdischen Magazine geschloffen. Das von Juden bewohnte Stadtviertel ist von Truppen cernirt. Wegen Ermordung eines Ruffen, der in dem erwähnten Streite für die alte Frau eintrat, wurden zehn Juden verhaftet. (Einwanderung von Juden in Syrien und Palästina.) Tie „Politische Correspondenz" veröffentlicht folgendes Communiquö: „Unter Hinweis auf di« in der .Wiener Zeitung* vom 21. October 189;$ erfolgte Verlautbarung wird uns von autoritativer Seite mitgetheilt, daß die türkische Regierung das Verbot der Einwanderung fremdländischer Juden nach Palästina noch immer aufrecht hält: Solchen Israeliten ist bloß ein dreißigtäziger Aufenthalt in Palästina gestattet, um die heiligen Orte Jerusalem, Hebron, Tibcrias und Safed zu besuchen; doch muffen sie bei der Landung in Jaffa der Hafenpolizci Sicherstellung leisten, daß sie nach 30 Tagen das Land verlaffen. Tie von den türkischen Verwaltungsbehörden allein angenommene Sicherstellung ist die Stellung eines tauglichen Bürgen in der Person eines ottomanischen Unterthancn; sind die Eintrittswerber außer Stande," einen solchen bcizubringen, so werden sie zur Landung nicht zugelassen." Die citirte Verlautbarung in der „Wiener Zeitung'" besagte: „Wiederholt sind in letzter Zeit israelitische Reisende in Unkcnntniß der Verfügungen der ottomanischen Behörden bezüglich der Beschränkung der jüdischen Einwanderung in Syrien und Palästina in größerer Zahl dortselbst eingetrofscn und haben sich hiedurch den größten Verlegenheiten und Schwierigkeiten ausgcsetzt. Es wird daher specicll darauf aufmerksam gemacht, daß das Verbot der Maffeneinwandernng fremder Juden nach den genannten Ländern besteht und daß nur einzelne zur Einwanderung sowie zum Grundbesiycrwerbe in den gedachten türkischen Provinzen zugclaffen werden. Desgleichen sind Maffcnreiscn fremder jüdischer Staatsangehöriger ebendort nicht gestattet, und wird denselben im günstigsten Falle nur eine Aufenthaltsdauer von einem Monat zugestanden." -Sole OyedanUetT. An ei » e Partei! Sage mir; wer dich fuhrt, und ich sage, was dich erwartet. U n d d e r st ö n i g a b s o lu t . . . Äa» bat iin Aiitisemitenlager ausgerufen: „Tie.strone darf sich nicht von den Ungarn iinponiren taffen." Hätte sich die Krone aber von dem „Fels im Meere", wie sich Lueger nannte, iinponiren' laffen — daS wäre ihnen recht gewesen! Führer und Angeführte. Graf Badeni sagte: „Ich laffe mich nicht fübreu, ich führe." Es gibt dabei auch Angeführte, wie z. B. der „Fels Im Meere", und man hört nun ihr Wehklagen: „Unmittelbar vor der kaiserlichen Bestätigung mußten wir dem Ahlwardt ausweichcn. Warum kam der Mein'ch auch gerade in so kritischer Zeit? Hätten wir Alles früher gewußt, wir wären mit jAhlwardt sehr sreundlich gewesen." Historische Tage. Lind das auch' historische Tage, an welchen etwas, waS man hoffte, nicht in Erfüllung ging? fragt die Austria. „Ter lustige .st r'i e g." Aach einer der levten Aenßernngen Lneger'S im Parlamente soll die Operette „Ter lustige .strieg" verboten werden. 8 sIf in a ff e ui a.n.? Selbst ist der Mann; Lueger ist heute ganz das, was er a»S sich gemacht hat. L u e g e r u n d Schmerling. „Wir können warten 1" — das ist das Einzige, was Lueger jetzt dem alten Schmerling nachsagt; früher hat er ihm Dipl schlimmere« nachgesagt. Loyalität und Liebe. Tie wahre Loyalität ist wie die Liebe: Sie bleibt sich ewig gleich, ob man ihr Alles gewährt oder Alles verwehrt. Tie Loyalität der Herren Antisemiten aber dauert nur so lange, als sie ihren Willen behaupten können oder etwa? erhoffen. Verbürgte christlich-sociale Nachricht. Gras stielmansegg soll auch Lueger umarmt und ihn seinen liebsten Bezirkshauptmann genannt haben.