Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 189 (17.11.1895)
- Date
- 1895-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. lb‘J. Freies Blatt. reite OrtSschulrath zwar nicht die tcutsch-natioiialcn Candidatcn der Bau mann'schen Liste, wohl aber die Candidatcn des christlich-socialen Wählervercincs, einer neuen, angeblich von Lueger inS Leben gerufenen Antisenlitcnfractio», gewählt habe. Auch der ehemalige christlich-sociale Gcmcindcrath Johann JedliLka wurde vcrnoinincn nnd erzviderte auf eine Anfrage des Richters: „Was Palka gcthan hat, hätte auch jeder Andere gcthan, wenn er von Baumanu wie ei» ,zugesta»dcncx Hund' behandelt worden wäre." In Folge vorgerückter Abendstunde wollte der Richter, da noch circa 6U Zeugen zu vernehmen waren, die Perhandlung auf den 16. d. M. vertagen. Ta kam im letzten Augenblicke noch ein Ausgleich zustande. Ter Kläger Palka erklärte, er gestehe und bedauere, daß er seiner Partei gegenüber gefehlt habe, worauf Hofer die Erklärung abgab, er habe den Kläger dcS PerrathcS nicht beschuldigen wollen. Tic Klage wurde sodann zurück gezogen und Hofer frcigesprochcn. (Ein Erlcliniß Grcgorig'S.) Ter anliscmilische Held 0.1 rc gorig war am vorigen Sonntag wieder in: einen Kampf ^verwickelt, bei welchem er eine leichte Berletzung davontrug Ter Schauplatz des Kampfes war diesmal nicht der tflcmcinderaths- oder Landtagssaal, sondern ein Eiscnbahnwaggon dritter Claste. Taö „Deutsche Bolksblatt" berichtet hierüber: „Als der Abgeordnete Gregorig Sonntag mit mehreren Freunden von Gumpoldetirchcn nach Wien fuhr, wurde tut Waggon einer der Begleiter des Herrn Grcgorig von einem jungen Manne in einem Wortwechsel beleidigt. Als Herr Grcgorig den Beleidiger in der Station Meidling arrctiren lassen wollte, nahmen sich desselben der in der Thaliastraßc Rr. '.>6 wohn hafte Friscurgchilfc Franz Rath er und der Bildhauermeister Eduard Earl Kubejch, Wchringcrgasse 4tr.,36 wohnhaft, an. Sie umringten mit noch drei Personen Herrn Grcgorig und faßten denselben an de» Kleidern, um die Flucht des Fcstgcnommcncn zu ermöglichen, was ihnen auch gelang. Bei dieser Gelegenheit soll Rnthcr anfgcfordert habe», Herrn Gregorig zu schlagen, woraus Kubisch dem Abgeordneten dcsicn Stock entriß. Tabci erlitt Herr Gregorig eine leichte Berletzung an der linken Hand. Die beiden Angreifer wurden über Bcraulassung des Abgeordneten Grcgorig sofort verhaftet." Tb diese Darstellung nicht zu Gunsten Gregvrig's von der Wahrheit abweichl, wird sich bald vor Gericht zeigen. (Eine Reustcriiiisi dcS Lkatkhullcrs Fiirstc» LülistilSzko.) Tcr »eucrnanntc Statthalter von Galizien, Fürst Enstachinü San gnszko, empfing, wie anö Lemberg berichtet wird, bald nach seinem Amtsantritte den Borstand der dortigen jüdischen Enltusgemeinde und erwiderte ans die Begrüßungsansprache dcS Präsidenten Herrn Laninel v. H o r o w i tz, daß er dem Beispiel seines Porgängers, des jetzigen Ministerpräsidenten Grafen/rasimir Badeni. folgen, die Wünsche der jüdischen Bevölkerung stets einer wohlwollenden Prüsung unterziehen und als Hüter der Bcrfastung dic verbriefte Gleichberechtigung der Judcu nicht antastcn lassen werde. (Hcinrich Ricktlk.) Am '<>. d. M. waren fünfundzwanzig Jahre verstrichen, seitdem Heinrich Rickert die patlamcnlarischc Laufbahn betreten hatte. Ans diesem Anlässe wurde der. um dic Wahrung freiheitlicher Grundsätze hochverdiente Abgeordnete von viele» Seilxn durch Kundgebungen dcS ^BcrtrancnS und der Tankbarkcit. aus gezeichnet. Tie Stahl Danzig verlieh ihrem langjährigen Bcrtreter das Ehrcnbürgcrrccht; eine namhafte Summe wurde ihm zur Errichtung einer gemeinnützigen Stiftung überreicht :c, Rickert mar einer der Wenigen, die sofort erkannt halten, das; dic Aütiscmilerci nicht nnr einc empörende Ungerechtigkeit gegen dic Juden ist, sondern auch ein unlauteres Kampfmittcl rückschrittlicher Ränkeschmiede gegen den gcsammtcn Liberalismus. Die ausgezeichnete Organisation dcr.Abwchr bcwcgung in Deutschland ist hauptsächlich das Bcrdienst dieses schlag fertige», kcnntnißrcichcn und charaktervollen Dkannes, der auch in de» fortschrittlichen Kreisen Oesterreichs viele Freunde und Berchrcr zählt. (Berliner Tiadtverordnetciiwahlen.) Aus Berlin wird unterm 12 d. M. berichtet: Das Ergcbniß der diesjährigen ErgänzungS wahlcn für dic Berliner Stadtverordneten-B^rsammlung in allen drei Abtheilungcn ist folgendes: Tie dritte Abtheilung wählte am Freitag 0 Liberale und 5 Social-Temokraten. An den drei Stichwahlen, welche erforderlich sind, sind dic Liberalen mit zw i Social-Dcmokratcn und einem Antisemiten bcthciligt. Tie zweiteAbthcilnug wählte am SamStag sümmtlichc15liberalen Candidalen; dic Antisemiten brachten trotz lebhafter Agitation nur ganz verschwindende Minoritäten auf. Dic erste Abtheilung wählte gestern lL Liberale;, eine Stichwahl ist zwischen dem liberalen und dem antisemitische» Candidalen »och auSzufechtcu. TäS Gesannutresultat ist also, daß in 4L Wahlen 66 Liberale und ."> Social-Dcmokratcn gewählt wurden und 4 Stichwahlen anSstehcn, bei denen 2 Antisemiten bctheiligt sind, aber ohne Aussicht auf Erfolg Bisher setzten sich dic 126 Stadtverordneten ans 108 Liberalen, 17 Social-Temokraten und einem Antisemiten zusammen. Tao jüngste Wahlergcbniß lann diese Zusammensetzung nur. insofern änderil, als die Social-Temokraten bei de» Stichwahlen zwei Sitze, von denen sie einen bisher bereits besaßen, gewinnen. 'Tic einst jo siegessichere anii scmilischc Bürgerpartei ist so ttäglich zniamniengcichrnmpft, daß auchconservativc Blätter ihr ans Anlaß des Resultates der Stadtverordnctenwahlcn ein nahes Ende Vorhersagen. (Tie Floilllucn in Roth,)-Man schreibt uns anö ddöln: Tie confcrvarivc Partei in Deutschland wittert wtzl überall Temagogic und Bcrralh. Ihre früheren treuen Freunde, die Christlich-Socialen, werden ihr gefährlich und jagen ihr einen großen Schrecken ein. Es ist für den politischen Beobachter iin höchsten Geade interessant, wenn erhört, in. welchen herzzerreißenden Tönen die vornehmen Herren »der confcrvativen Partei sich über die wnndcrliche» Schwärmer Ranmanu scher Richtung beklagen. Es hört sich so an, als wenn der Staat ins Wankeil gcrathcn lönn-le. Unwillkürlich t'ragt inan sich da- Aber der. Blind der Landwirlhe, dieses sorgfältig gelniiete Schoßkind der Eonscrvalivcn, ist der nicht auch demagogisch-.-- T nu, ihr naiven Lenke, denn dieser hetzt nur gegen die undcntiche Regier i>ng vnd die Inden, und das wird doch wohl einem edlen Juuter a - l armlose..Passion gestaltet sein. Wenn aber junge Geistliche äin Sraail'-rnindoeieri' nnd sich crdrcislcn, gegen die Herren Agrarier zu .predig-» und auch > ihnen inenschliche Pflichten zu dictiren, so muß cneraiiel, dagegen ein geschritten avcrde». Tie armen Palloren., was n-.u-_.t ne uul)t Alles sein! Als Temotratcn, alö Revolutionäre nnd Sehn: haststs werden sie bezeichnet. Es geschieh: i hatten sic auch den unseligen Gebauten, an' e.-m - moderten coniervaliven Wcllanschaunng nockn e:was ' conftrvativc Partei marichirt seit Te,enn-.en aui einher nnd fühlte sich stets sehx wohl dabei A.d-He N!l. ee lauen warum Bod--r> der r-.-.si-.;n l? Tie :>u i:-.--.»ngssiel;en ■ ab.r tcni zen, der es wagt, pnlsirendcö Leben in dieses Gcrivp-e hinc-.nzulraqe!'.. die. morschen Knochen, a>;S ihrr Ruhe qenör.t. 'allen ll--udo-.-.n ins Gesicht. Ja, die conservative Partei - in von allen S -:en l .droln, ihre Helden müssen hon ihren Höhen herab und. stck> - d:: .\h:t:t un t berufener L^nte gefallen lassen. Ter edle Herr v - H am mer st e i n, der. Liebling .der deutschen Frauen, ist verschollen, und Tbrän n weinen, ihm nur seine Gläubiger nach. Herr .S r öck e r, sein getreuer'Freund,. sieht sich veranlaßt, seinen geschwundenen Glanz durch 'chnerd.ig. Aviitel .aufzufrischen. Ter schwergeprüfte Goilcsmanu baue .es - sich ge'allen lasten müssen, daß man feine Königrlreue. in Zweisil. zog und. ihn als Hintertreppcnpolitiker bezcichnele. '.sinn sind die l.ibcralen Zeitnngea so. dreist, ihn gar der Erl'schlcicherci zu beschuldigen und Procesie, Sie nicht für dic große Tesientlichteil bestimmt sind, ans Tageslicht zn fördern. Wir sind überzeugt, daß es emem so talentvollen Manne wie-Herrn Stöcker gelingen wird, seine Ehre rein, zn waschen und uachzuweifcn, daß er doch der fi Nische Held in, für den wir ihn immer gehalten haben. .Aber..unangenehm sind diese Tinge imnierbin. Und mit diese» Herren-ist dic Reibe der Kämpfer für Ehristenthnm izud Patriotismus noch nicht geschlossen. Als würdiger. Borgänger. des Herrn v. Hammc'rstein wird jetzt auch Herr v. R a th »''i » s,-. der frühere Chefredakteur der biedere» „Krcnzzelliing". bewichnet. Es -oll. wie man allgemein behauptet, gegen diesi-n Herrn, der eine >ebr in:.r essante Bergangcnhcik hinter sich Hai. ein gerichtliches Skrasverfahrei: wegen Betruges, Unterschlagung und'Urkundenfälschung schwelst» ras sind sicherlich Tinge, die nicht gerade znni literarischen Bern'-- ge hören. Eö muß doch ein unangenehmes Amt sein, dien' eteedaAions leilnng der „Krcuzzeitnng" Tie Bcrjndnng, di.-' Mnk's-. aller Sünden, scheint ihren bösen Einfluß auf -alles Lebend.-, ansrnn.ben und sie ist biS in die allerheiligste (-'eineswerknäi:.- d-.e l:n er.eon'er vativen OigaüS cingedrungcn. -' l'-sii (Ruggicro Bonghi.) Ter vor Kurze»! in To,-.--.- dei (üraeeo bei Reapcl verstorbene Ruggiero Bo'nghi Hai a!--> Pnbl:.--.':. Polksver treter und Staatsmann stets im lRilte de-. Hnnianliät gewirlt. Als sich in steoni zn Gunsten der unter Czar. Alerander Ul. verfolgten russische^ Juden ein Hilsseoinil-'- bildete,-trat Bongd: an denen ^pine, indem er sagte, daß er es als eine ehrenvolle Aufgabe ansehe, „die weiteste» Kreise Italiens ohne Unterschied des Glaubens änsznrnsen, damit überall die helfende Hand sich rege, um die Wunden zu lindern, >ivclchc Tyrannei und Fanatismus pausenden unschuldig bedrängter Menschen geschlagen". Er verfaßte einen zum Herzen sprechenden Aufruf und veröffentlichte auch bald daraus einen „Tie slagd ans die Juden" überschriebenen Aufsatz, in welchem er u.'A. ausführte: „Das Ende unseres Jahrhunderts niinint wahrlich einen Berlan.f, den man nicht erwarten durfte. Wer das XlX. Jahrhundert darnelle» will, wird cs nur. unter dem Sinnbild einzr zn'ammsngervstlen Schlange thnn können, dic sich in den eigenen Schweis beißt: gerade so werden nämlich viele Glaubensbekeuntnisfe, die bei ihrem Anfänge an-'