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Freies Blatt · 1895-11-17 · 189 (17.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
189 (17.11.1895)
Date
1895-11-17
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Nr. 189. Seile 4. ,f r H *» ist riu Regiermigsact und bedeutet, daß die derzeitige Regieruug »ich! will, daß ich Bürgermeister von Wie» werde. Eine? der wichtigsten Erfordernisse eine» Burgernieister« der ReiäiShaiipl- und Residenzstadt Wien ist aber seine Unabbängigleil nach allen Richtungen bin. Er muß ein treuer Diener seine« Xaver« und des Volkes sein, und er muß di« gerechten Wunsche und Forderungen des Volke« überall und gegenüber Jedermann, auch gegenüber der Regierung geltend zu machen missen. Er wird die« aber nur dann mit Erfolg thnn können, ivenn die Regieruug weiß, daß sie e« mit einem Manne zu lhun hat, der nicht vor, dein leichtesten Ltirnrunzeln davonläuft. Für mich lag die Frage also: Soll ich mich dein Machtsprnche der Regierung beugen oder dun Volksiville» gehorchen? Bevor ich in die Beantwortung dieser Frage einging, prüfte ich mich, ob ich wirklich, wie her Ministerpräsident sagte, unberufen sei. Ich fand einige Eigeuschasken au mir, welche in Oesterreich nicht gerne geseheu werden. Man lechnct es mir al« oitj Vergehen an, daß ich durch eigene straft emporgestiegen bin, daß ich ein guter Oesterreicher bin mit unabhängiger Gesinnung, daß ich ein Diener Gottes und nicht de« goldenen stalbeS biu. Alle diese Eigenschaften sind in den Augen de« Volke« keine Fehler. Ich habe mir auch die Vorkommniffe vor Augen geführt, welche sich zwischen dem Tage meiner Wahl und dem Tage meiner Richtbesiätigung ereignet baden. Sie zeigen trotz aller Ablengnuugcn für den nnbesangenen Beobachter jene Einflüsse, denen ich zum Opfer gefallen bi». Gerade dieie Einflüsse müssen ti jedem Wiener, jedem Oesterreicher klarmachen, daß c« sich heule nicht mehr um tue Person de« Tr. Carl Lueger handelt. Es Handel: sich um die Freiheit und um'die Ehre meiner Vaterstadt Wien, um die Freiheit und Ebre meines armen unterdrückten Vaterlandes Oesterreich. Diese Erwägunge» »rächen cs mir zur Pflicht, in dem-stampfe auszuharren und denselben sorrzussihren tliigebeiigten Mulhes und mit ungebrochener straft. Derjenige, n-elcher will, daß da« Volk ibn nicht verlasse, der muß auch dem Volke selbst die areue bewahren, und ich wäre kein deutscher Mann, ivenn ich diese Treue nicht brrvabren würde. Ta« Volk von Wien würde ein Zurückweichen von meiner 2eite al« ein Zeichen von bedauerlicher Schwache aufsassen und jedes Vertraue» in diejenigen verlieren, welche bisher al« Rufer im heiligen .stampfe gegolten baden Ich erkläre, daß ich die heule auf mich gefallene Wahl dankend a nnehme. '.'rach diesen, von tosenden Beifallssalven der Antisemiten und lanien Prolcstruten der Freisinnigen oft unterbrochene» Worten Lueger's erklärte Tr. v. Fries eiS im Namen des Statthalters v o il N i c d e r ö st e r r e i ch den Wiener Gemeindcrath für aufgelöst. Ter bezügliche Ermächtigungserlaß lautet: ’ SeUie der Wiener Gemeinderath bei der am 13. Rovember 1895 stattsindendeu Bürgermeisterwahl den Gemeinderath Tr. Earl Lueger, dessen erste Wahl Se. I. und k. Apostolische Majestät mit der a. h. Entschließung vom f> Rovember 1"95 nicht jh bestätigen geruht haben, neuerlich zum Bürgermeister erwählen und sich dadurch mit der a. h. Witlensmeinung in Widerspruch seven, >'o sind der Herr Lezirksbaliptmann ermächtigt, in meinem Ranicn die Auilö'nng de« Wiener Gemeinderathes gemäß § 101 des Gemeinde sia:u:ee sofort in onener Sitzung anszusprechen. Tie schriftliche Bestätigung der ans Grund dieser Ermächtigung tkat-ächlich ausgesprochenen Gemeiuderaths au'losung 'owie die Erlaüung der erforderliche» Versügungen wegen Turch wlbrung der Neuwahlen und wegen der einstweiligen Besorgling der Gemeindegeichäste bleibt mir Vorbehalten. Wien. 1’2. -Rovember 189.V tiielmansegg. Unter tumultarischen Auftritten verließ der vor wenigen Wochen erst erwählte Gemeinderath die Stätte, an welcher er nichts gewirkt und die ihm von den Wühlern in wirtbschastlicher Mission anvertraute Bolimach: nur zur Befriedigung einer Capricc aus eine bestimmte Perlon mißbraucht halte. Tie einzige Segnung der antisemilischcil Majorität war die, daß Wien an wie vor seines Rechtes der Sclbstvcrwaltuiig entkleidet ist. Mehr als im Rarhhause nocki kam es natürlich auf den Straßen :u Austritten u>;d Seandalen, als die 'Nachricht von der Auflösung des Gemeinderathes unter die zahlreich angesanimclten, fieberhaft erregten Masten drang. Jedoch gelang cs der Sicherheilswache leicht, die kliiultuirendcn Antisemiten auscinanderzufegen, und auch ein paar Gailzinulhege, welche sich bis in den inneren Burghof vorwagtcn und! :.r ihr „Hoch Lueger!" anstimniten, wichen widerstandslos vor den g.'.wl:..u Bajonneren des Burgwachdetachements zurück. Wenn Lueger .uze Tage vorher braniarbasirt hatte, die ganze Armee stehe hinter war hierin ostenbar das Jägerbataillon, das ani 13. die Wackre am Allerhöchsten Hoflagcr besorgte, nicht mit inbegriffen. Es wur. :> au di>-':»t Tage an 40 Verhaftungen vorgenommen. i1,:: ta einstweiligen Besorgung der Geuieindegeschäfte im Sinne des W euer Geineindestatuts wurde, laut Kundmachung der Statthalierei, neuerlich Bezirkshauptmann Tr. Hans v. Friebeis betraut; arich die Ende Mai ernannten Beiräthe verbleiben in ihrer bisherigen Stellung. Tie Fartichrinspartei erließ aber schon am 15. d. M. uien Wahlaufruf. 8 l a t t. (Nicht schlecht!) Äm Abgcordnetcnhause kam cs am 11. d. M. bei der Verhandlung' eines DringlichkeitsantragcS der Abgeordneten Professor Dr. Sueß und Dr. Groß, betreffend den CourSsturz vom I. d. M. zu folgender heiterer Scene. Dr. Groß widerlegte die Bemerkungen, welche Dr. Lueger bei diesem Anlässe gemacht hatte, und sagte: „Ter Abgeordnete Dr. Lueger meint, daß man selbst ein Spitzbub sein muß, um etwas gegen die Acticngcsellschaften u. s. w. auSzurichtcn, und meint dabei, der Finanzministcr könnte vielleicht mit ihm zusammen etwas auSrichten. Den Schluß möge er selbst ziehen." Auf diese von lebhaftem Beifalle der Linken begleiteten Worte glaubte Dr. Lueger auch etwas erwidern zu müssen und rief verlegen lächelnd aus: „Das war nicht schlecht!" (Gegen die geistige und moralische Versumpfung.) In einer Versammlung des Demokratischen Vereines im IX. Bezirke geißelte Reichsrathsabgcordneter Dr. Kronawetter in scharfer Weise den jesuitischen Charakter, der durch die antisemitische Bewegung in daS Volk getragen wurde. Es müsse, betonte er nachdrücklich, dem „kleinen Manne" gezeigt werden, daß er unter der Führung, der er sich heute unterworfen, der geistigen und moralischen Versumpfung und dem Untergänge zugeführt werde. Die Clericalen aber machen durch die zahlreichen antisemitischen Wallfahrten ihr Geschäft. Die Worte des Tr. Kronawetter fanden in der Versammlung lebhafte Zustimmung. („Reformclub.") Unter dem Titel „Reformclub" ist nach langen Berathungen eine Vereinigung zustande gekommen, welcher die Mitglieder der Verfassungspartei des Herrenhauses, der Vereinigten deutschen Linken des Abgeordnetenhauses, der liberalen Partei des Landtages und der Fortschrittspartei des Gemeinderathes, sowie eine Reihe von außerhalb dieser Körperschaften stehenden Gesinnungsgenossen angehörcn. Die Statuten des Deutschen Casinos in Prag dienten den Statuten des liberalen Clubs in Wien als Muster. Die geräumigen Clublocale befinden sich Parkring Rr. 10 und findet noch im Laufe dieses Monates die feierliche Eröffnung statt. Wie wir hören, soll auch eine eigene Clubzeitung gegründet werden, die zweimal im Monate, erscheinen würde. (Antisemitische (kxcedenten.) Ein Tischlcrgchilfe Mathias S ch u ck l und ein Bäckergehilfe Rupert Jedliczka epcedirtcn, als sic die Nichtbcstätigung Lueger'S erfuhren. Sic wurden nun vom Bezirksgerichte Alsergrund verurtheilt, und zwar Erslcrcr zu einer Woche, Letzterer zu vierzehn Tagen Arrests. Der witzige Spitzer- Weimar pflegt sich, weiiu seine Stammesgenoffc» Haftstrafen erhalten, auSzudrücken: Sie bekommen „Sperrsitze". (Palla nud Hofer.) Der gesammte Ortsschulrath sowie nahezu sänuntliche Bezirksausschußmitglieder des XVIII. Bezirkes waren am 12. d. M. beim Bezirksgerichte Währing erschienen, um theils für, thcils gegen die Angehörigkeit des ehemaligen BrzirkSousschuffeS Josef Palka zur antisemitischen Partei Zeugenschaft abzulegcn. Palka selbst erklärte sich für einen strammen Antisemiten und eliipsindet cs sehr, daß ihn Lueger im Mär; dieses Jahres aus der Partei auSstieß. Palka suchte nun nach einer Gelegenheit, den auf ihm lastenden Vorwurf zurückzuwcisen, und strengte gegen den Advocaten Dr. Carl Hofer, der ihm in einer für den Bczirksvorsteher Anton Baumann verfaßten Satzschrift Verrath an seiner Partei vorwarf, die. Ehrenbcleidigungsklage an. Diese bildete nun am 12. d. M. den Gegenstand einer den ganzen Tag währenden Verhandlung vor dem Bezirksgerichte. Der Geklagte erbot sich nämlich, in umfangreicher Weise den Wahrheitsbeweis zu erbringen, daß Palka thatsächlich die antisemitische Partei verrathc» und sic absichtlich geschädigt habe. Der Kläger führte zur Widerlegung dieses Beweises 29 Zeugen, darunter sämmtlichc Mitglieder des Währinger OrtSschulrathes. Ter Richter brachte zunächst eine Eingabe Hofer's zur Verlesung, in welcher dieser anführtc: Palka habe bei der Wahl des Währinger Armcnrathcs am 18. Oktober v: I. gemeinsam mit dem Bezirksausschüsse Rudolf K c r n e r sich absichtlich absentirt und hiedurch die Wahl von -17 liberalen Armenräthcn hcrbeigeführt. Nachdem diese Haltung der beiden Bezirksausschüsse den Unwillen der Partei erregt, hatten die „Sünder" Abbitte geleistet, wobei Rudolf Kerner mit Zustimmung des Palka in einer Versammlung in Baumann's Gasthause erklärt haben soll: „In unserer Blindheit haben wir das Unglück verbrochen, legen Sie uns auf die Bank und hauen Sie uns Fttlifuiidzwanzig auf!" Trotz dieser Abbitte, fuhr. die Eingabe fort, haben Palka und Kerner bei der Orisschulrathswahl ani 10. Februar d. I. für die liberalen Candidaten gestimmt und bcwilkt, daß dieselben mit neu» gegen sieben Stimmen gewählt wurden. Zur Widerlegung dieser Vorwürfe überreichte Palka durch seinen Vertreter Tr. Isidor B a u m a n n eine Gegenschrift, in welcher er angab, daß er während der Wahlen in den Armcnrath auf Urlaub war, daß er die demüthige Abbitte nur auf Intervention Schneider's geleistet und endlich, daß er in den

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