Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 189 (17.11.1895)
- Date
- 1895-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit«- 2 freies Blatt. Nr. 189 c?)ur Mieiier Bürgerrneisterfrage. vlm Mittelpunkte deS politischen Interesses steht die Wiener Bürgcriiieisterfrage. Tie Verblüffung, welche die- Nichtbcstätigung l'ueger'S für den ersten Augenblick im antisemitischen Lager hervorgerufcn, wich bald den Ausbrüchen jener wohlbekannten elementaren Leidenschaft, die wir auS. dem BcrsammlungSlebcn dieser Partei her nur zu gut kennen: wüste Schimpfereien, dummfrcchc Verdächtigungen und alberne Drohungen lösen in bunter Folge einander ab; daS Wort, daS der augenblicklich gleich einer Primaballerina gefeierte „schöne Earl" bald »ach seinem jähen Erwachen aus dem kurzen, goldenen Vürgcrmeistertranm ausgab, nun werde es einen frischen fröhlichen Krieg geben, wirkt mit der Suggcstivkraft aller Schlager, die aus EarlS schönem Munde kommen, auf die Maffe. Lueger will die. Welt oder doch wenigstens de» strafen Baden! glauben machen, es sei ihm eleu so leicht, Führer einer großen Opposition im Reiche zu werden, wie er eS in Wien geworden; indeß scheint Graf Badeni nicht der Mann der blaffen Furcht zu sein. Ein dem Herrn Ministerpräsidenten notorisch sehr nabe stehendes Blatt, der Krakauer „EzaS", äußerte . sich über die rem den Antisemiten zu erwartenden Scandalc neulich in lwchsi kaltblütiger Weise: „Was den parlamentarischen Effect der Scandale, die man in dem Augenblicke zu gewärtigen hat, da Herr Lueger wieder die Freiheit seiner.Ueberzeugungen' erlangt hat, betrifft, io Und diese feire Reuheit," meint der „Ezas"-. . „Wir kennen sie, 'wir kennen ihren politischen, ethischen und intellektuellen Werth auS den Seiten der Eoalikion. Wenn in. dem Allem etwas Rcucs > e: n w ird, fo »erben cS nicht die Scandale, sondern die Entschiedenheit und die Wirksamkeit sein, mit welchen d i e Reg icruug und d ic Maj oritäk gegen dieselben auslrelcn werden." Eine kleine Probe dieser Entschiedenheit und Wirksamkeit provo-» .:ilen die Aniiseiilitcn sehr bald, indem ffe am dl. d. M. im Abgeordncrciihause durch mehrere Interpellationen und einen Dringlichteitsan'rag die ffeegicrung zu offener Erklärung über die Personal- 'tage des Tr. Lueger zwange,. Ter sittenstrenge Astcrgermane Ttein- -render. der nuct) in der Polit als bedächtiger Realist Alles > ,--l>-ri„ri anznvackcn liebt, ging iseiner eindringlichen Weise den "'runden nach, auS denen die Regierung die Richtbestätigung dcS '?"» it. EerI Lueger als Bürgermeister -der Stadt Wien beantragen zu muff.» glaubte. Ter anlii-uilische TvrtäuS Hauck sammt Äewiederum iutcipellirte den Minist-' Präsidenten über die Richtigkeit e.ner R.ichiichi, der zufolge der Statthalter von Riederöstcrrcich in eirer Be'rre.chung über die Beste,' gungSsrage die Erklärung abgegeben i a. ei, >?.v, c' betrachte den Bürgermeister v"u Wien gewiffermaßen als 'einen Bezirkshauptmann und sei dahcnicht in der Lage, einen '^5'chs.aihsabgeordncten, der gegen, die Regierung sprechen könne, zur Best.uigiing rorzuschlagen. Um aber die Entwicklung einer Debatte n:eb,k ran dem guten Willen des Gra eu Bade,.! abhüugig zu machen, stelle der des- Französischen nicht mächtige Partcidiplomat Patlai au'z idem noch einen TringlichkeitSantrag, in welchemdie Regierung tn'ge'o-derl wurde, die Gründe bekanutzugcbeii, die sie bestimm' b'ben, dem Raffer den Vorschlag zn erstatten, die Wahl des Lmger zum Bürgermcist-'r der Stadt Wie» nicht;n bestätigen. Als Ersier in der über die Tringlichkeit dieses Antrages cingcleitetcn Tebalte ergriff der Ministerpräsident Grat Badeni das Wort zu f toigeudeit AuStübruiigen: Au' ei::.- A.-.oe e r. „:r . r-a und zmn Schluff« der heutige» Sitzung e bF!>:,'!rellaüci!-'!', 'Swie auf den TringliekkilSantrag Ivill ich io ' " ari:>o-.,: und .'durch dem Hauke auch den Beweis liefern, daß die Reais : . «^rundvoineip betrachtet, >'ür jeden ihrer Schritte voll und u.t"ch cnzu-.e"-'" Bezüglich der Furerpellatioii des Abgeordneten Hauck d "'ir uelchcr d:e Frage an mich gerichtet wird, ob der Statthalter --"i.b den Aunrag erkalten hat, dem Herrn Abgeordneten .. r arr Bcdingnng für seine Bestätigung al« Bürgermeister die ' - i - Reichs.-arbsmandatS vorziuchlagen, kann ich auf dar ’ , rk' eire „ , daß weder seitens d e S M i » i- " ' - e 11 ii - des Statthalters eine derartige - ' :u H - r n T r. L u e g er gesetzt wurde. Ebenso -i - : iC dem -Herrn Abgeordnete» Tr. Lutger iin Falte -d.i'- iozundie Erwirkung der allerhöchsten B.-stätigung in ü.Ut ist Richtig eagege« ist. daß der Herr Statthalter w»ich.-r als genauer xenuer ker Größe und - de» Ihn- ■'''" W<t».'!nri,'kdvrrwalkui'g. sowie der daraus für de» Bürger» -. r > o,.'ch. -uA! .lintuche» Pervftichtnngen, endlich mit Rücksicht auf - -!,r'ge -ubei, Zwei'el hegte, ob sich beide Stellungen vereinige»! U'.i.-"-.-d.n,g im, Herrn Tr Lueger an 'denselben die Frage richtete, ob er gesonnen sei, sein ReichSrathSmandat auch im Falle der allerhöchsten Bestätigung weiter zu behalten. Der Bollständigkeil halber erlaube ich mir noch zn bemeiken, daß.'ich, als ich Herr» D r. Lueger empfing, mich demselben gegenüber ausdrücklich dagegen verwahrt habe, daß die Beibehallnng oder Niederleg nng seines ReichSrathSmandatS fürdieFrage derBest ölig nng von Belang sei. Ich komme »un zur Beanlworlnng der Interpellation des Abgeordiieie» Tr. Stein Wender und Genoffe». Mit derselbe» im Zusammenhänge steht der DiinglichkeitSanlrag deS Herr» Abgeordnele» Tr. Patlai u»d Geuoffeir. Ich muß vor Allem betone», daß die Regierung priucipiell absolut nicht verpflichtet ist, über die Gründe einer »ach dem Gesetze ausschließlich i» die Sphäre ihrer Erecmive salleuden Actes, wie eS ihr an alleihöchster Stelle »nterbreileter Antrag aus Nichibestätigimg der-Wahl des Herrn Dr. Lueger zum Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wie» ist, sich auSsiisprechen. Für diese» ihren Schritt ist die Regierung Niemandem veramworilich, als Sr. Majestät unserem allergnädigsten Kaiser und Herrn und ihrer eigenen geivistenhaften Ueberzeugung. Un^er Festhaltung dieses principiellen Momentes will ich »ichlSdestoweniger dem Gegenstand» nicht auSweiche», vielmehr mit wenigen Worten den von der Regienmg eingenommene» Standpunke dem hohe» Hause bekannt gebe». Ich werde mich dabei bemühe», dem Umstande Reckmmig zn trage», daß er sich um ein Mitglied des hohen Hauses handelt, imd mich der thnnlichsten Schoimsig der persönlichen Momente befleiße». Die im tz 2', deS GemeindestatulS für Wien vorgesehene Evenliialitäl der Nichtbesiälignng deS von der Majorität gewählte» Bürgermeisters steht nach der Auffassung der Regiermig mit dem Principe der Anionomie i» keinem Widerspruche. Bo» einer autonomeu Körperschaft, dem Landtage, beschloffe», kan» der genannte Paragraph weder an sich noch in seiner praktischen Anwendung einen Eingriff in die Gemeindeaiitonomie involviren, sonst müßte die Epstenz dieses 8 25» eine» derartigen Eingriff bedeuten. Formell war daher das Vorgehen der Regieruiig im Gesetze vollkommen begründet, aber auch in materieller Hinsicht. Gerade dadurch, daß dep Krone daS Mittel geboten wurde, de» AmlSantrilt eines nicht entsprechend befundenen Eandidateu ans Botschlag der Regierung zu veihiildern, ist die Regiermig in der Lage, gegenüber der Wahlbeiveguug und Parleibildung, soweit sie sich in den streng gesetzliche» Bahnen bewegen, sich ganz objeciiv;» verhalten, ohne besorgt» zu müssen, daß die politische Verwaltung d e r H a u p t- »»d Residenzstadt mit einer Bevölkerung von in e h r a l S 1' 4 SDi i 11 i_o n e « eventuell i n >, n d e r » s e » e H ä » d e gelangen könnte. Nach der Anschauung der Regierung und nach der raiio legis kan» das Boluin der Majorität nicht berücksichtigt werden , sobald die e r s o.r d e r l i ch e B ü r g s ch a s t für eine streng objective, sachliche, von jedwedeL agitatorische» Teiidciiz freie, alle» Classen der Bevölkerung gegknüber gleichmäßige, denAnfordernngen der Autorität Volte Rechnung tragende Führung der B e r iv a l t u n g » i ch t außer Zweifel steht. Diesbezüglich den Weg der E xp e r i i» e n l e zu betreten oder sich aus Hofs nu »gen zu stütze», dl e >' i ch in i t B o r g ä » g e » in d e r B e r g a u g e » h e i t n u r s ch w e r vereinbaren lassen, kann n i ch t i n den I » l e » I i o u e » einer ihre B e r a n l w o r l u n g c r k e » n e u d e » Regierung gelegen sein. Tie» und dies allein sind die M o t i v e, welche f Ü r d a S B o r g e h e ii d e r R e g i e r u n g bestimmend waren. Die Regierung hat nach sreicm Ermessen gehandelt, und verwahre ich »sich mit aller Entschiedenheit gegen die Insiimalioii, als wäre die Regierung irgend einer Pression, sei eS seitens der königlich ungarischen Regiermig, sei e« seilen» irgend einer der Parteien de» Parlaments, auSgesitzt gewesen. Eine solche Jnsimialioii ist ein Angriff ans die Ehre de» SiaaieS, den zu vertreten wir hier berufen sind, und damit zugleich ein Angriff auf die hohe Bedeiilmig und die Ehre de» hohen Hauses. An diese meine AuSfiihrmig aiikisiipsend, erlaube ich mir im Rainen der Regieruiig da» hohe HauS zu ersuchen, die Tringlichkeit de» erwähuteu Antrages ablehue» zu wollen. An diese Erklärungen dcS Ministerpräsidenten schloß sich eine Reihe von Sieben für die Tringlichkeit, welche mit einander um die Palme der Reizlosigkeit zu ringen schienen. Selbst die von Liechtenstein in seiner bekc.iiuten steifleinenen Manier vorgcbrachten Drohungen mit einer Abkühlung der LoyalitätSgefühle bei den guten Wienern prallten wirkungslos an den kalt?n Marmorwänden des HauseS ab, und beinahe wäre die auf den Gallerien reichlich postirte Lueger-Garde um ihre „Gaudü" gekommen, wenn nicht der kleine Herrgott von Margarethen noch rechtzeitig sich selbst ins Zeug gelegt und mit ein paar geschickt angebrachten Schlagern die Leute zu derartig lautem Jubel begeistert hätte, daß der Präsident die Gallerte räumen laffcn mußte. Zu erwähnen ist noch, daß gewiffc auch in der Debatte kritiklos nächgebetete Bermuthungen über die Motive der SanctionSverweigerung, durch zwei, vom Minister Gautsch namenS deS GesammtministeriumS und vom Abgeordneten Beer namens der Pereinigten Linken abgegebene Erklärungen als vollständig erfunden blosgelegt wurden. Die Dring-