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Freies Blatt · 1895-11-17 · 189 (17.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
189 (17.11.1895)
Date
1895-11-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Adoniikinrntsprcir. Kür Oesterreich-Ungarn: Nanijälirig . . . fi Kronen (ff. 3.—) Halbiädrig. . . . 3 Kronen 40 Heller (fl. I.7V) Bicrtcljährig... 2 Kronen (fl. 1.—) Kür da» gcfammtc Ausland: SanijLhrig.6 Mark Halbiährig .4 Llark Cin|c!nc tttnmmern « kr. Unsrankirtr Briese «erde» nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion »ndAdniiilistratio»: l. Leilerstätte 10. Inserat« werdsn mit 20 Heller (io kr ) für die vier, mal gespalten« »lonpamillereil« berechnet. Kleiner «N,ei,er da» Wort 4 Heller (* kr ), «usnadme von Inseraten in unserer Administration sowie im klnnoncenbureau M. Tute«, I. L!oll,«ile 8. sttummer 189. Wien, 17. November 1895. IV. Jahrgang. In der heutigen Rutinner unseres Blattes endet der Roman „)n Ächt und Aann", und beginnen wir in der nächsten diilmmer mit der Veröffentlichung einer höchst aetnrllcn ulid spannenden Erzählung ans dem heutigen Wien: Dux barbarorum. Bon P-f. Ter Bersasser, eine unseren Lesern wohlbekannte Persönlichkeit, hat mit meisterhafter Hand einige typische Figuren ans dem gesellschaftlichen Leben unserer Stadt hcransgegrissen und in ihnen die Tragik, welche der Antisemitismus in das Leben auch der kleinen Ereile und der Personen bringt, in packender und knapper Form gezeichnet. Tie Ereignisse spielen sich während der letzten Gemeinderathswahle» auf Wiener Boden ab. Tie Rcdaction. Unverstand oder Verschmitztheit. In mehreren Provinzblättern, welche noch vor Kurze,» die Grundsätze deS Liberalismus hochhielten, tritt in letzter Zeit eine bedenkliche Erscheinung zu Tage. Es wird da den Liberalen der Rath ertheilt, ihr Schifflein vor dem Untergange dadurch zu retten, daß sie sich deS Ballastes der Jndenfreundlichkcit entledigen und zugleich die Fahne der Gewerbereform hissen sollen. Worin besteht aber diese Judenfreundlichkeit, deren sich die Liberalen bisher schuldig gemacht haben? Sie bekannten sich zu den Staatsgrnndgesetzen, welche die Rechtsgleichheit aussprechcn, sie waren Anhänger der interkonfessionellen BolkSschule und äußerten hie und da in Interpellationen die Meinung, daß der i? 302 des Strafgesetzes auch dann Anwendung finden müsse, wenn eS sich darum handle, den Juden als Religionsgenossenschaft oder alö BolkSstamm gegen Aufreizungen Schutz zll bieten. Gibt man diese Judenfreundlichkeit auf, so begeht man ohne Zweifel einen Berrath an dem Liberalismus, gleichviel ob man diese schnöde Absicht hegt oder nicht. Was jedoch die zu entrollende Fahne der Gewerbereform anbelangt, so lassen diejenigen, welche mit deren Hilfe den Liberalen Rettung bringen wollen, an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig. Zu jenem Volksbetrug, der dem „kleinen Manne" ein schmerzloses Universalheilmittel präsentirt, kann aber ein rechtschaffener Liberaler sich nicht hergebcn, auch wenn er dafür die sicherste'Aussicht hätte, sich und feine» Parteigenossen Mandate zu verschaffen, welche scrupellose Gegner auf diese Weise gewonnen haben. Mit den sogenannten christlich-socialen Reformern können sich da Liberale in keine» Wettbewerb einlasse». In einer Zeitschrift, welche hier ein dem Parlamente angehöriger nichtdeutschcr Publicist herauSgibt, wurde neulich das Wesen jener Socialreforni, welche die Eliguette der Wiener Anlisemitenhäuptlinge trügt, treffend gekennzeichnet: Die Unfähigen sollen von der Esncurrc»; Jener befreit werde», welche fähiger und arbeitsamer sind; durch staat liehen Zwang soll eine Organisation von Innungen geschaffen werden, welche schlechten Meistern für immer ein Vorrecht deS PfuschenS einzuräumen und sie in dieser privilegirten Stellung gegen die Eoncurren; deö Fortschrittes, der Maschine, der Also, cialion, der ArbeitStheilnng zu schützen hätte. Rein, die Fahne einer solchen Gewcrbereform kann von liberaler Seile nicht gehißt werden. Würde die Befolgung deö sonderbaren Rathschlageö einzelner Provinzblatter etwas nützen? Aach nicht der armseligste Rest von Liberalismus könnte trotz der schimpflichen Preisgabe wichtiger liberaler Principien und frciheillicher Errungenschaften vor antisemitischen Anfechtungen geschätzt werden. Unzühligcmale hat cS sich bereits gezeigt, daß cS den Wiener Antisemiten als den Tri ariern der Rcaclion in erster Linie um die Bekämpfung aller Personen und Einrichtungen zn >h»n if* die sie für liberal an sehen. Sie suchen Bundesgenossen nur in solchen Kreise», welche schon Handlangerdienste bei der Ausführung rückschrittlicher Pläne geleistet haben, oker denen sie die Eignung znlrauen, brauchbare Werkzeuge für Zukunftsreactionäre zu liefern. Sie schwärmen für Eroaten und Rumänen, umschmeicheln Tschechen, Slcivenen und Slovaken und vergießen salzige Zähren über das Schicksal der armen Ruthene». Den Polen traue» sie nicht recht; halten doch die Gesetze und Institutionen der AdelSrepublik mancherlei Ansätze, welche jh einem Siege des liberalen Geistes hätten führen können, wenn deren Entwicklung nicht gewaltsam unterbrochen worden wäre, Roch verhaßter sind den Wiener Antisemiten die Italiener. Während sie die Beziehungen siebenbürgischer Rumänen zur Bukarcster Eulturliga nicht im Geringste» geniren, beschuldige» sie italienische Staatsbürger in Oesterreich ohne viel Federlesens deö JrredcntiömuS; während sie für die angeblich hart bedrängten Rulhenen christlich S Mitleid zur Schau tragen, frohlocken ne über die sicherlich nicht beneidenSwerthe Stellung deö liberalen italienischen EulturelementeS in Dalmatien. Allein ani -meiste» verhaßt sind den besoldeten und freiwillige» Borkämpiern der Reaction die Ungarn, und sie fühlen sich in ihre» Kämpfen--gegen den Liberalismus nicht sicher, so lange dieser jenseits der Leitha feste Burgen besitzt .... Es gehört, scheint eö. nach alledem viel Unverstand dazu, nm auch nur eine» Augenblick anzunehmen, die Antisemiten würden einen Waffenstillstand schließen oder wären leichter zu bekämpfen, wenn, die Liberalen sich selbst entwürdigen, den antisemitischen Wünschen, insoweit sie die Juden betreffen, entgegcnkommen und in wirlhschaftlichcn Fragen nicht verschmähen würden, ebenfalls die Methode absichtlicher Irreführung zu gebrauchen/ Doch können wir uns des Verdachtes nicht erwehren, der Unverstand werde nur erheuchelt, in Wirklichkeit aber suche Verschmitztheit Ueber läufern den Weg zum Feinde zu bahnen. Unverstand oder Verschmitztheit, jedenfalls ist diese Erscheinung sehr bedenklich. Angesichts derselben empfiehlt es sich dringend^ auf der Hut zu fei», sich Rarrcn von, Leibe zu hallen und ankisenntischen Bauern fängern stets auf die Finger zu sehen. s!'!'

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