Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 188 (10.11.1895)
- Date
- 1895-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 188. Seil* 4. .freies ciit reetet; welches gebot, jedesmal die Ansichten der obrigkeitlichen Wahrsager und Zeichendeuter einzuholen, wenn der Blitz in ein öffentltches Gebäude gefahren sei. Bon diesem Kaiser Constantin, welcher die eigentliche Weihe der Taufe bis zu seiner Sterbestunde verschoben batte, um nach der Lehre, welche seine Hofgeistlichen ihm darüber vortrugcn. von allen Sünden reingewaschen in daS überirdische Leben hinüberziigehen, datirt die Geschichte der Sonntagsheiligung und ihrer zahlreichen Gesetze in allen christlichen Ländern. Dieselbe zeigt, daß die Vorschriften. für die SonnkagSheiliguug immer weniger befolgt und immer liberaler ausgelegt wurden, ohne daß die meisten Christen ,ei»alS befürchtet hätten, in Folge dessen von einer zweiten Sündflulh beiingeiucht zu werden. Tie ursprünglichen Sonntagsgesetze der amerikanischen Colonialzcit waren denen der englischen Puritaner aus der Periode "Cromwell'S nachgebildet. Als die sogenannten Pilgrimväter zu Anfang deS XVII. Jahrhunderts in Ren-England eine Theokratie gründeten, in welcher "die weltliche Macht zur Dienerin der geistlichen degradirt wurde, batten sic selbstverständlich unter Anderem nichts Eiligeres zu tlnttt, als die strengen alttestamentlichcn Bestimmungen betreffs der Sabbaib'eicr gesetzlich in Kraft und Wirksamkeit treten zu lassen. So schrieb zu ui Beispiel die Plumoulh-Colonie im Jahre 1650 vor, daß J.tei, welcher den Sabbath durch Arbeiten oder sonst irgendwie entheilige. sjir jedes Bergchen zehn Schillinge Strafe zu-entrichten oder eine Anzahl Peii'chenhiebe zu erleiden habe. Boin folgenden Jahre an wurde auch'die .Abwesenheit vom Gottesdienste mit zehn Schillingen "geahndet. Im Jahre wurde verfügt, daß Jeder, welcher ohne genügende Euisck'uldigung an Sonntagen zu Fuß oder ZN Pferde eine ■lie-ie unternahm oder eine Last von einem Orte zum anderen schleppte, '-i' Schillinge zu zahlen oder vier Stunden in, Gefängnisse zu Der» bt iiigen harte. Vierzehn Jahre später wurde bestimmt, daß am Sabbath nur sdiaiikii. und Ohnniächkigen geistige Getränke verabfolgt werden dttr'i.r». 1'>^i? wurde in der Plimiouth-Colonic ein besonderer Polizist angesieilr, welcher hauptsächlich darüber zu wache» hatte, daß die Sonniagdiiihe nicht durch den Andrang fremder Personen gestört wurde Jeder, welcher am Sonntag seine Wohnung verlassen wollte, mußte sich vorder unter Angabe eines GrundcS einen Erlaubnißschcin he'otg'u, wenn er nicht (Gefahr laufen wollte, ins Gefängniß gesteckt zu werden Trotz dieser cnlictzlich strengen Maßnahmen geht aus den .zahl: lüi'ii -besetzen, welche sich auf den Kirchenbesuch bezogen, deutlich hervor, d.iß nicht alle Puritaner eifrig darauf verseffen waren, Sonn- :a.;c> eine lange und mitunter auch langweilige Predigt anzuhören. Selb''! dier-,Ilgen, welche sich nokhgcdruiigen im Hause des Herrn einianden. tonnten ihre wahre Ratur dort nicht benicistern und versanken :n ei:: ii crauiekenden Schlaf. Ties muß so oft vorgekoiniiicn sein, daß .ed - genannte Colouie für rath'am erachtete, einen Wächter zu bestellen, welcher taiür Sorge zu tragen hakte, daß sich Jeder in der Vr. ehe anständig und würdig auffiihren mußte. Bei der ersten lieber* ir.tuna {aut der schläfrige Christ noch mit einer derben Ermahnung d.ivo:', lei der zweiten aber wurde er schon eingesperrt. Ein aus dem Ja'. :e he: rührendes Gesetz der Mafsachuselw-Bay-Colonic bestimmt'. daß da? Arbeiten am Samstag Rachmittags um drei Uhr .uifl ei ".i und der Rest des Tages zur Borbcreilung für den Sabbath uv! 'taleäfisireii verbracht werden sollte, Für die Entweihung deS S.'.'"i.i.z s irii.de unter Umständen Todesstrafe festgesetzt. Es durfte an di ::i Tag' kein Erwachsener sich' ohne triftige Gründe ins Kreit wagen und!.:n Kind durfte auf' der Sliaße spielen Körperliche Skia* i, wurd ii angewandt, wenn Jemand am Sonntag ein Wirthsl .rus h-'suchte ei r eilt Schiff betrat. 1077 ernannte der Gerichtshof zu Besten einen Ausseher, welcher Sonntags die einzelnen Familien! 'net n mußte, um auf niiordeiitliche Trinker zu fahnden, Tcrartige M'ü-zh.itw wurden in einen auf dem Marktplatze stehenden Käsig i i?r Ii» Jahre 171?7 wurde es Riemaiidem ohne specielle Erl u":"ß .g stauet, einen Todren zu beerdigen, weil, wie die Erfahrung 'l'Z. daduich stets zu viele Tienstmägde und Kinder auf die Straße ec?- u ni den Auch die 'Rew Hoven Eolonie nahm die Bibel zur " '.;t" nur fnr alle öffentlichen Angelegenheiten Sie bestrafte Sabbath- '.uii'-ii nur tfefängniß oder körperlicher Züchtigung. Wurde - i. . d in eun Tbiinrage begangenen Raubes überführt, so wurde j ■i v C . i z -chniiien: beim zwciteninale büßte er das zweite und in r 'i. i . il. d.:-- Leben ein. Wer den Gottesdienst störte, hatte 2elu..ir;e Szr.iie zu entrichte», und wenn er dieselben nicht i'n .'. all- 'iiier Woche bezahlt hatte, so niußte'er einen Monat schwere ■.1:1 "T im f'iieiiigniüe verrichten.! e.-e neu h in f'.ei'innigen 'Geistlichen Roger Williams gegründete esc ...ii von '>il üde Island erklärte zwar 1073, daß man den Besuch ect K - che. ' e B rehruug («ottcS und die Heilighaltung des Sabbaths! v ä>Z izningcn fönti•: gleichwohl verbot sie daS Arbeiten, das Jagen j 8 l a t t. und Fische» an demselben. Auch durfte sich Niemand an diesem Tage betrinken. In Birginien mußte Jeder, der am Sonntage den Gottesdienst versäumte, nach dem Gesetze vom Jahre 1619 dieses Vergehen mit 2 Pfund Tabak sühnen. 1623 wurde diese Strafe auf die Hälfte redncirt, dafür aber ward Jeder, der einen ganzen Monat ohne Entschuldigung im GotteShause fehlte, zur Hinterlegung von 50 Pfund Tabak vcrurtheilt. Die Verordnungen des Staates RewG)ork waren nie so strenge, wie die der zu New-England gehörigen Staaten; doch die von 1882 verbieten am Sonntage auch das Arbeiten im Allgemeinen, daS Schießen. Jagen und Fischen, das Pferderennen sowie das Offenhalten von Schaubuden. Alle Proeessionen und Paraden sind am Sonntage verboten mit Ausnahme der Trauerparadcn und der Proeessionen von und nach der Kirche, vorausgesetzt, daß bei denselben weder inusicirt noch geschossen oder Feuerwerk abgebrannt wird. Eine derartige Bestimmung ist nun insofern inconsequcitt, als sie den Kirchcngrnieinden da Vorrechte einräumt, wo der Staat ossieiell gar nichts mit dem religiösen Bekenntnisse seiner Bürger zu lhun hat. Dr. Bernhard Münz. _ (Aus dem Bereinc der Fortschrittsfreniidc in der Innere» Etüdt.) In einer Versammlung dieses Vereines besprachen die Abgeordneten Dr. Kopp, Dr. Exner- und Roske unter lebhaftem Beifall zahlreicher Zuhörer die politische Lage. Der antisemitischen Bewegung widmete namentlich Abgeordneter Roste einige treffende'Worte. Er sagte: Tie aiiiiseinilischeii Minisleistnrzler und Maulhelden, die'sonst immer so laut schreien, waren bei der Tebaile über daS RegieriiiigSprograiiim im Abgeordueteuhause nicht zu sehen niid znhöreii. Wo war da Tr. Lueger, der Führer der christlichen Volkes? Ten Saloiiaiitvciiiileu Tr. Panai schickte inan in« Treuen, der eine Rede hielt, daß Einein die Angen übergingen. „Wir wollen doch den Jude» nichts lhun," sagte er, den Inden, vcn dcneti der Held deS christlichen Volkes selbst erklärte, eS sei ihm gleichgiltig, ob sie gehängt oder geköpsl werden: „mir haben ja nichts gegen die Juden," dieselben Inden, auf w lche der Busenfreund deS Führers des christlichen Volkes, der Herr Ernst Schneider, ein Schußgeld ausletzie. Ja, da sicht inan, was das Bürgerlueisterwerdenwollen für Wirkungen hat. Ter Held des christlichen Volkes, der die Armee einst Rothschild - Husaren naitiile, läßt plötzlich die Armee hoch leben und reclauilrl dieselbe für den Antiseiiiiiisliius. Auch gegen die Ungarn empfinde er keine Abneigniig oder gar Feindschaft, eillätl oer Führer des christlichen Volke« Und doch bat Lueger stets gegen Ungarn in der heftigsten Weise geeifert TieAntiieiniken wehren sich stet« dagegen, die Schlcppiräger derReaciion zu sein. Und siebe da! Als die BestäiiguugSfrage des Herrn Tr. Lueger acut wurde, itteicn sich die schwärzesten der Elericalen für seine Bestäliguiig ein. Und da konnte inan ja an der lAestUschafl, die für die Vestäliguitg atbeitete, sehen, daß der ÄniiietniiiSiitns nur int Tienste de« schwärzesten ElericaliSniu« stehe. Tie Vehanptung, die mit echt kalksbnrg jesuili'cher Lcheinheiligkeit und Unverfrorenheit vorgebracht würde, daß die Vereinigte Linke sich für die Richlbesläligung Lueger'« eingesetzt habe, ist vollständig unwahr. Tie Lueger Frage wurde vielmehr im Elub der Linken nicht mit Einem Worte berührt. Sziche der Ne- giernng allein ist es, getreu ihrem Programm zu handeln. Wir müsse» warten. Was die Znknnsl bringen wird, ist ungewiß. Allein die liberale Partei darf den Mnth nicht v-rlieien. Tie Riederlage derielben bei den letzten Eetneinderathswahlen ist noäi kein Beweis für die Unrichtigkeit ihrer Piinripien, sie ist nur ein Zeichen der Verirrung eines TheileS der Bürgerschaft. «ann eS denn eine blutigere Schmach geben, als daß Wiener Bürger einen Mann vorn Schlagt eines A h l w a r d t, den man in Teuischland überall abgeschüitelt hat und den Herr Schneider nach Wien iinportirt hat, mit Jubel ansnehinn > Herr Tr. Lueger, der gewählte Bürgerineister, ist zu der Versantnilung, in der Ablivardl erschien, nicht gekomnien. Er, der Leute wie- Ählwardt großgezogen und genährt, traute sich nicht, sich jetzt als Freund deS Herrn Ählwardt zu bekennen. Tici'e Undankbarkeit de« Herrn Lueger gegen feine Getreuen muß angenagelt werden. Tenn so wie Herr Lueger vor der Bestätigung Ählwardt verleugneie, so ivird er alle i'eine Freunde abichülleln, wenn er sie nicht mehr bcnöihigen wird. Ein solcher Menich, der den Bürgerkamps aus seldstsüchtigen Motiven angefacht,( konnte die Zweidrittelniajoriiät im Wiener Äeineinderalhe erringen, einein solchen Menschen jubelt die Bevölkerung zu. Allein diese Verirrung der Bürgerschaft wird auch ihr Ende haben. Ter Rausch wird veiflicgen und ein bitterer jiatzenjainmer wird ' sich einstellen. Wir aber müssen wachen und ruhig und fest auSharren. ((5in Heycaplan.) In einer am 7. d. M. abgehaltcnen Ver sanimlung des Deutsch-fortschrittlichen ReformvcreincS erzählte Abgeordneter Wrabctz, er habe vernommen, daß in der Lcopoldstadt! ein katholischer Rcligionslehrer die Kinder crlnahnl, mit jüdischen Mitschülern so wenig als möglich zu verkehren. So wird selbst in der Schule Haß und Zwietracht gesäet. ' (Mißglückte Spernlgtion.) Man schreibt UNS: Durch die Richtj bestätigung Luegcr's zum Bürgcriiicister von Wien ist eine Reihe