Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-11-10 · 188 (10.11.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
188 (10.11.1895)
Date
1895-11-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441690--2308-4888697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

freies 8latt. Nr. 188. ireite 2 luta Steuern zahlen, dag sie eS sind, welche über 2000 Arbeiter beschattigen, daß in dentschen Händen der ganze Handel und Wandel rnbt. Was die Autochthonie der Tschechen betrifft, so sei darauf hingewiesen, daß die hiesigen tschechischen Stimmführer! nicht über 15, sage fünfzehn Jahre in Gaya seßhaft sind, während dagegen z. B. die kiesige Judengcmcinde urkundlich bereitseit dem Jahre 1084 crii'tirt. Taß die hiesigen Inden ohne Ausnahme wie Ein Mann zur denn'chen, freisinnigen Sache stehen und dieselbe mih großen Opfern mtbeibigen, ist den Tschechen allerdings höchst unlieb, zumal ihre Versuche, durch allerlei Versprechnngen einen Theil der Judenschaft ins i'chechische Lager;u ziehen, ebenso kläglich gescheitert, sind,' wie die Trobungen und Einschüchterungen sich als wirkungslos erwiesen haben. Wenn, nuiS zweifelsohne der Fall sein wird, Gaya nach wie vor als deut'che Eultnrstätte in Südmähren erhalten bleibt, so ist eS iy erster Vinte Verdienst der deutschen Judenschaft. In einer am 3. d. M. stattgehadten Festversainmlung anläßlich deS NamenSfesteS unseres wackeren Vürgermeisters Tr. Earl Koch sprach derselbe die vollste Erwartung ans. daß eS gelingen wird, den tschechischen Ansturm gegen unsere kerndeutsche Stadt mit aller Entschiedenheit abzuwehren. TaS walle (*ott! I\*fneue Programm der deutschen Antisemiten. iiiMtrirt an da» ..Freie Statt".» tföln, 7. OioBetiiber. Eu! reliU'cheS Schauspiel hat in der letzten Woche seinen Ab- 'cktluß gesunden, und. als der Vorhang gefallen war, wußten die Zu- ’ctntua nicht, ad sich eine Komödie oder Tragödie vor ihren Augen alge'riut hat. Ter antisemitische Herold rief all die Getreuen der Herren Vulviuijun und Zimmermann zur Feststellung der Heilslehre zuwitititcu Uitd sic kamen all die theueren Söhne des Vaterlandes, Klnunteu i'ich um die Fahne des allein echten, unverfälschten Deutschtl itinv tat?- stellten ihre Kräfte in den Dienst der guten Sache. Drei '.olle Tage saßen die patriotischen Denker zu Erfurt mit gefalteter Statt und lauteten über das neue Mittel, das Vaterland vor der Jutengeiahr tu retten Aber was diese edlen Männer schufen, daS ist gewaltiges Werk, eine Thal, von der noch die späteren Genetaneneti ren Segen üüren werden. Es ist ein politisches Heilserium, dacin Er'urt rabriart worden ist, ein sicheres Recept zur Heilung .>ct.r soctaliit und sittlichen Krankheiten. Das epochemachende Progtutitt!! der kcut'ch socialen Reformpartei hat nämlich aus diesem arandtw.u Parteitag seine Sanciion erhalten, und nun weiß Deutschland nttd dte ganze Welt, was die Herren Antisemiten wollen. Tas nute Programm zerfällt in zwei Theile. Im ersten Theil!;t;!n::it dic «Grundsätze der Antisemiten zum Ausdruck. Es wird hier gmaßen die vhilot'ophische Weltanschauung und die sociologische ^auudlag. der retormeriichen Politik geboten. In rührenden Worten tvit über die 'onichreitende Zersetzung aller gesellschaftlichen und trt:jf:i;sS}cti Crtnnng gefragt. „Diese Zersetzung"—so wird ferner ntt-gert;!:t - „bedroht den Arbeiter- und Mittelstand in seinem be- 'cki.udeiieii Besitz und vermehrt täglich die' Schaar der Besitzlosen." Wabrnckl. diese Einleitung klingt stark social-demokratisch, und man kennte ra:v genug sein, ^u erwarten, daß nun die socialistische Weltordnulrg t:nd die Vernichtung der capitalistischen Wirthschaft erstrebt w>td Ta fenintt aber die lleberraschung, denn die Jeremiade über die llngctechttgleit und die Unzusriedenheil der Gegenwart klingt in »dlgenke Seitten; aus: „Träger der Zersetzung ist daS stammfremde Jttkeiirolk, das in unserem wirthschaftlichen, politischen und gesell- '.liasillchen Vcben, in der Rechtspflege und in der Presie unserem V-dlkSü-tim seinen zersetzenden Geist ausgedrängt und damit den Anlaß fr atül'cmtif'chen Stimmung gegeben hat. Deutschen Geist und c t' l E e -nart wellen wir bewahren vor jedem schädlichen Fremdt " :■ .1k Atlnit schützen gegen Ausnützung und Ausbeutung. <! ÜIIS der Kampf gegen den jüdischen Geist, gegen die e t ' V- . . :-. ttg ans allen (Gebieten deS Lebens als eine wirth- 'g .i".! , .!!'.!> und sittliche Nothwendigkeit " Der Ausweg ist nt-q : 'ck'..au und be.ntcm. Man braucht sich also nicht die Regtc'.nng »ne dt 'tctchen auf den Hals zu hetzen und — ist doch S.; ln;. 'wer und hat doch ein Her; für die Sache des leidenden Volk Wozuimf ecttn die Juden da, wenn man sie nicht für alle i ti :.; :v Wat verantwortlich machen könnte? O, wenn es keine -s wäre ein Unglück für alle Ignoranten der Social- 'i'oi .itf und aäc ihre Weisheit wäre erschöpft. Tb über das arbeitende deutsche Volk sich mit dnser Begründung der socialen Mpih begnügen wird,, ist freilich fraglich. Es ist nämlich ein eigen Ding mit der Zersetzung, und es gibt leider Leute, welche so kühn sind, zu behaupten, daß gerade der Antisemitismus'selbst ein zersetzendes Element im Staate und in der Gesellschaft ist. Überhaupt scheint eS uns unklug von einer neuen Reformpartei, die auf den Ruinen der alten Parteien etwas ReüeS schaffen will, den Vorwurf der Zersetzung zu erheben. Jede Kritik wirkt zersetzend, und Alles, waS Originelles schaffen will, muß daS Alte zersetzen. Daß man den deutschen Geist und die deutsche Eigenart bewahren will und die deutsche Arbeit zu schützen bestrebt, ist, daS ist sicherlich sehr anerkennenswerth, aber eS muß doch eigentlich sehr schlecht mit dem deutschen Geiste bestellt sein, wenn die paar Juden, die nur ein Percent der Bevölkerung in Deutschland auSmachen, ihn bedrohen können. ES wäre uns auch sehr wünschenswerth, endlich einmal eine genaue Definition des deutschen Geistes zu hören. In einer Zeit, wo die Verwirrung der Geister so weit gediehen ist, daß sogar die Antisemitenführer sich gegenseitig die Verjudung vorwerfen, da thut eine Aufklärung auf diesem Gebiete noth. . Eine etwas gewagte These ist auch der Satz: .Unsere Partei stellt sich auf den Boden christlicher Weltanschauung. So entspricht eS der geschichtlichen Entwicklung unseres BolkSthumS, in dem sich deutscher und christlicher Geist innig und unauflöslich verbunden hat." Zunächst Ikann sich eine praktische Politik kaum auf den Boden einer Confessio« stellen. Daß aber die geschichtliche Entwicklung eine Verschmelzung deS christlichen Geistes mit dem Deutschthum darstelle, ist sicherlich schwer zu beweisen. DaS Christenthum ist auf orientalischem Boden entstanden, hat seine Mission als eine Resormrichtung deS JudenthumS begonnen und hat sich dann über alle Völker verbreitet. Das Deutschthum im antisemitischen Hinne ist ebensowenig mit dem wahren Christenthum wie mit der Vernunft zu vereinigen. Dühring hat sicher nicht Unrecht, wenn er daS Christenthum als eine jüdische Lehre darstellt. Je mehr sich daS Christenthum seiner ursprünglichen Idee nähert, desto mehr fängt eS an, jüdisch zu werden. Noch wunderlicher ist der zweite Theil dieses seltsamen Programme-, der die Forderungen enthält. So wird verlangt .Erweiterung deS Wahlrechtes zur Wahlpflicht, Tagegelder und freie Eisenbahnfahrten für die Abgeordneten". Nun, wenn man ein Recht zur Pflicht macht, wenn man Jemand zwingt, sein Recht auSzuüben, so hört es eben auf, ein Recht zu sein. Wenn man mir meine freie Bestimmung raubt, dann zur Wahlurne zu schreiten, wenn ich Lust dazu habe, so danke ich für das Recht. Man denke sich, zwei .verjudete" Parteien ständen in der Stichwahl, welch eine unangenehme Lage' für den antisemitischen Wähler, einen Candidaten unterstützen zu müssen! Die Forderung von Tagegeldern für die Abgeordneten — waS übrigens seitens der Liberalen und Social-Deywkraten schon häufig geschehen ist — ist sicherlich eine berechtigte, schon deshalb, damit die Volksvertretung nicht zum Privileg der reichen Claffen wird. Aber freie Eisenbahnfahrt für die ReichStagSabgeordneten ist kaum berechtigt, geschweige nothwendig. Von seinem Heimatsort nach der Residenz kann auch heute der Bolksbote frei fahren, ihm aber freie Fahrt für Agitations- und Vergnügungsreisen zu gewähren, ist die Aufgabe deS Staates nicht. Daß die Herren sich diplomatisch und vorsichtig auszudrücken verstehen, daS. beweist der zweite Punkt. Da heißt eS: .Freiheit in Rede und Schrift, soweit sie nicht gegen Recht und Sitte verstoßen." Dieser Satz ist sehr elastisch und bequem. Wer will nun genau bestimmen, was gegen Recht oder gar gegen Sitte verstößt? Jeder liberale und social-demokratische Vortrag könnte ja diesen Herren anstößig erscheinen. In Punkt 3 wird .volle GlaubenS- und Gewissensfreiheit" verlangt. DaS klingt sehr schön. Wie dieses Princip aber mit dem geforderten Schächtverbot und mit der steten Beleidigung der jüdischen Religion zu vereinbaren ist, das vermögen wir mit unserer nichtantisemitischen Logik nicht zu begreifen. Die eigentlichen Lieblingswünsche der Antisemiten enthält der letzte Punkt des Programmeals Schlußeffect. Da heißt eS: „Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden und Stellung derselben unter ein besonderes Fremdenrecht, namentlich AuS- - schluß der Juden aus allen amtlichen und einflußreichen Stellungen, Aufstellung und dauernde Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Stamme-, Verbot der Einwanderung fremder Juden, Schächtverbot, wiffenschaftliche Prüfung . der jüdischen Religionsvorschriften bezüglich ihres Inhalte- und ihrer Verbindlichkeit." Diese gehäuften Forderungen zu kritisiren, ist die Aufgabe deS carnevalistifchen Redner-, dem wir nicht gern ins Handwerk pfuschen möchten. Es ist ein langer Wunschzettel, den die Herren präsentiren, aber er ist nicht mehr neu, und die Helden der Judenhetze sind sich wohl darüber klar, daß diese so bescheidenen Wünsche auch zu diesen Weihnachten noch nicht erfüllt werden. Die artigen Kinder werden sich also noch gedulden müffen, biS der Geist deS Mittelalterfeinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.