Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 187 (3.11.1895)
- Date
- 1895-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 187. ' ■freie» nicht einmal weiß, wie wichtig die Frage aller Frage», die der baldige» Lößnig | harrende Jndensrage ist. In der ganzen Wett epistirl ja mir ein slammendes Fragezeichen, die schreckliche Indens,age, n»d alle anderen Frage» der Wisseuschast »nd de« Leben« schwinde» vor der Macht dieie« wellbeherrichende» Problem«. Es sollte doch endlich in Temsckiland zur beständige» Einrichlnng tverde», daß jeder RegierungSbcamte eine» antise» il,scheu EursuS bei Ahlwardl absolvire» muß, denn ohne anliseiniiische Vorbildung gibt e« keine Polittk, keine. Diplomatie, keine Administration. Tie „S l a a ts b ii r g e r - Z e i t u n g", da« Hanptorgan der Berliner Antisemiten, sucht daher mit Recht nachzuweije». daß da« liebe Balerland bei der himmelschreiende» Jgnorirnng der „Jndensrage" unbedingt in Trümmer zerfallen müsse, -sie schreibt in ihrer überzeugende» Weise: ^,E« gibt nichts Wichtigere« als die Jndensrage, weil mit ihr die imi'ner schroffer hervortretenden Berirrunge» in unserem Volksleben aufs Engste Zusammenhängen, ja gar nicht von ihr;» trennen sind. Ohne Lösung der Jndensrage wird jede sociale Reform nur Stückwerk bleibe»; wer daS nicht begreifen kan»,'der kan» auch nicht als berufe» betrachtet werde», in dem große» stampfe der nothwendige» socialen Umgestaltung wirkiam »rilzuhelse». Der Kamps ist ein unendlich schwerer; aber er ist unabweisbar, und glücklicherweise wächst die Zahl der EinsichlSvollen von stunde zu stunde, denen der Kernpunkt der sociale» Frage nicht mehr verborgen ist. Wenn sich da« deutsche Volk ermannt haben wird, diesem Kernpunkt, der Jndensrage, »»gescheut naherzulrelen, dann wild e« die iociale Frage au« sich heran« lösen und damit auch den Umsturzbestrebnngen, die »nr eine Folge der gegenwärtigen Zustände sind, ein Ende bereite». Mögediese Einsicht in allen, auch in Regierungskreise» bald Eingang sinte», damit noch schwerere Prüfungen unserem Volke und Valerlande er,pari bleiben!" Ja, nun wissen wir e« doch: e« gibliuir ei» Universaliniuel für alle sociale» und sittlichen Leiden de« Volkes, die gerechte Lösung der „Judenfrage", d. h. die Vertreibung der Jude» au« dem Lande. Freilich gibt eS komische Käuze, welche behaupten, daß die judensreien Länder, wie Spanien und Portugal/ sich nicht gerade in der glücklichsten socialen Lage befände». Ja, diese superklugen vergessen aber, daß^eS in diese» Ländern keinen Ahlwardl und keinen Liebermann gibt, und daß die Menschheit ohne solche Retter doch unmöglicherlöst werden kann. Es wäre im Interesse der „guten" Sache wohl zu wünsche», daß den genialen Socialpolitiker» de« Shstemö „Juden heraus" irgendwo ei» judenreines Läntchen angewiesen würde, damit sie da mit ihre» beglückenden Ideen ein Experiment mache» konnten. Wir meinen, daß man de» Leute» da leicht de» Himmel auf Erden verichassen könnte. Wie wär'S mit Kamerun? Man könnte ja einmal zur Abwechslung den schwaizen Bürgern, die leider in der antisemitische» Eult»^ »och so weit zurück sind, biweisen, wie gefährlich die Juden sind. Herr v H-.nmerstei» würde wohl gern'da«'Finanzreffort übernehmen und sich von schivarzen zarlen Händen Aneikennnngen seiner polnischen Thäligkeil erweisen lasse». Herr Slöcker könnte dann die Enllusangelegenheiten versehen und in seinen freien Stunde» Pollesungen über Ethik halten O, es wäre eine Wonne, in diesem Jdealstaate z» lebe»! (Slöcker lind dcr berliner Hof.) In der „T eUtIchen Evangelische» Zeitung" sähir Stöcker mit seine» Veriuchen, sich reinzuwaschen, fort. In einem seine» Beziehungen zu». Hose gewidmete» Artikel erzählt er, Kaiser Wilhelm I. habe ihn im Jahre 1878 aus dem OrdenSfest „unseren Lanzenbrecher" genannt und kurz vor seinem Tote geiagl, die „Berliner Belvegung habe wenigsten« 50X00 conservalive Stimmen aufgebracht". Auch habe der Kaiser einmal geäußert, eine Lection könne den Jude» nicht« schade», da sie sonst zu breitspurig wurden. Rach diesen freudigen Erinnerungen kommen aber auch trübe. Slöcker erzählt von einer „scharfen Mißbilligung" seiner Bemerkung über Bleichröder? von einem „Verweise", d'en er wegen seiner Luther Rede in London 1883 erhallen habe, seiner davon, daß er verschiedeiulich übergangen wurde, und daß er „beinahe seines Lebens nicht sicher war". Auch da« Urtheil in dem bekannte» Proceß Bäcker bespricht er unter Anzweiselung der Unparleilichkeit der Richter. Es wäre für ihn beinahe verhängnißvoll geworden. Ter Kaiser habe ihn aufsordern lasse», seinen Abschied einzureichen, er wäre auch wahrscheinlich seines Amte« enthoben worden, wenn nicht von einer „hohen Periönlichkeil" Hilse gekommen wäre. (Hier deutet Slöcker aus den j e ß i g e n st a i s e r hin.) Tann kommt der edle Priester aus seine Bezielmnge» zum Fürsten Bismarck und znm Kaiser F r i e d r i ch zu sprechen. Er läßt sich darüber wie folgt an«: „Gleich nach dem erste» Thronrath wurde über mich und meine AmtSentlaffung verhandelt. Hier >var e« denn auch, wo des Fürsten Bismarck starke Hand eingrisj Er haue für die voranssichilich kurze Regierungszeit des kranke» Kaisers, um sie möglichst ohne Erschüiierunge» vorübergehe» zu laffen, gleichsam ei» System der Stabilität und Solidarität geschaffen, in welche« gewiffe Periönlichkeiten und Positionen eingeschlossen waren. Daß der Kanzler auch mich zu diesem Kreise rechnete, war eine große Freundlichkeit. Er »ahm im Thronrath formell die Stellung ein, daß meine Angelegenheit eine Tisciplinarsach» sei, die nur vom evangelische» übelkirchenralh eiUschiedeu werden könne, und betonte sachlich, daß mein Kamps gegenüber den Uinsturzparteien nicht, ohne Rntzen für de» Staat gewesen sei. Man kann ivohl begreifen, wie hoch mein Herz schlug, als ich von di/ier großmülhigen Hilfe in schwerer Stunde erfuhr. Wenn ich je dem Fürsten Bi«marck gegenüber persönliche Mißstimmung empfunden hätte, was aber nie der Fall war, so Blatt. _Scitc ü wäre sie damals in Tankbalkeit nniergegangen. Ten sachlichen Gegensatz freisich, der sich in dem Carlell zuspitzle, konnte ich nicht ausgeben. Ich habe nie persönliche, sondern immer nur sachliche und plincipielle Politik gelrieben. klebrigen« will ich diesen'Abichiun meines Lebens nicht schließen, ohne zu de pierke», daß ich auS zuverlässiger Cnelle erfuhr, Kaffer Friedrich sei naicl/dem Thronralh noch einmal daraus angeredel ivorde», ob er meine Ainzelegenheii nicht erledigen wolle. Darauf habe er ablehnend geanlworlet Die Schivingen des nahen Todes breiteten sich allmälig über den vielgeliebten Hohenzoller, ei 'ti'äie mir eine köstliche Erinnerung, wenn sei» letzter Gedanke gegen mich, der ich mit ihm leider in tiefem Gegensav See politischen Awchaiiuug stand, ein versöhnlicher gewesen iväre. Seiil Gedächlniß bleibe in Segen." Gegenüber diesem Versuche Stöcker'«, Kaiser Friedrich als mit ibnr ansgewkiil hinzustelle», constqtirt die „Vollszeiiung", daß Kaiser Friedrich Aber Slöcker bis zum letzten Augenblicke so gedacht hat wie früher, und erinnert zum Beiveise. dessen daran, wie er dieien Hosprediger als solchei, brhandelie: „In der Schloßcapelle zu Eharloltenbnrg fanden allioniuäglich Gottesdienste stall, die der Reihe nach von den Hosprediger» abznbalteu waren Rur, wen» Herr Slöcker an her Reihe war, wurde er übergangen. Er hat niemals vor der kaiserlichen Familie in Ebarlouenburg den Gotlcsdiepst.abhalten dürfen. Eswar dainal« ganz ossenkuiidig, daß Kaiser Friedrich und feine Gemahlin Herrn Slöcker absolut nicht hören und scheu wolllen. Außer de» anderen Ho.ipredigeril wurden sogar Geistliche, wie der Lberp'arrer Müller aii-5 EhaUolleiiburg und der Prediger Slechow von der Berliner Torolheenkirche zur Abhaltui-g von. Goltesdiensten heraiigezogen, Herr Slöcker ivurde gänzlich bei seile getane». Intest, da«> niachte keinesfalls de» Eindruck auf ihn, den e« aus jede» anderen iüeii,litte» gemacht haben würde und den eine solche geflissentliche Zurückstellung ioiorl veranlaßt haben würde, seine Emlassung nachzusuchen." l„Tliltsche Wacht") Vor der siinsien Slra'kailimer des Landgerichte» Dresden sand ai» 28. Ceiober die Verhandlung gegen die anlff'einilizchen ReichsiagSabgeordnelen Z i i» in e r m an»', Lupe, G r ä ' e , .Hie m in, Hanptmann a. D. v. Saute n und weitere >un' Genoffen wegen Vellebung de« Acliengesetze« statt. Es wurde den Angellagle» zum Vorwürfe gemacht, daß sie bei Gründung der Aclieugeiellschasi „Deutsche L'.-achi" die dem Abgeordneten Ziuimermann 'gewährte Entichädignng von 25,'s>0, Marl für die von die'em sriiher herausgegebene Wochem'chr,''t „Deni-che Wacht" nicht in den ZeichnnngSproipect und das Gesellichailsstatut aufgenonuiten, demnach die'«» Vorgang den Actionären verichwiegen haben. Die Angeklagten erkläilrn bei ihrer Vernehinnng, daß der Ankauf erst nach Begründung der Acti.engeieUjchair erfolgt sei. Im klebrigen Hanen sie, da sie im Griindungsvenabren vollnändch nnerfahre» seien, sich »m die Absassnng deS Stainis nicht gekümmert, sondern diese« unterschriebe», da Rechlsamvalt Hofralh T a in m ihnen erklärt habe, daß die Faffung desselben dem Gesetze vollständig entspreche. Die Verhandlung schloß mit einer Freisprechung der Angeklaglen In der UriheilSbegriinkung wurde auSgeiührt: Tie Augek.agte» Hallen sich allerdings strafbar' gemachi, wen» sie vor Begrilndnng der Acliengeiellschan den Kaufvertrag mil Zin.mcl' man» abgeschlossen halten. Spreche auch lo Manches dafilr, daß dir«, geschehe» sei, so habe der Gerichlshof aus der Verhandlung dpch nicht die klebt rzeugung gewonnen, daß die kkebernahme der Wochenichrisl „Dellliche Wackn" -vor Be griindung der Actiengeiellschast eine feste Form erballeu balle Testerreichißche Aiilisemitenblälter verkündigte» jubelnd diesen Freispruch, ohne jedoch roil der klrlheilSbegründung 'lioli; zu nehineu. Fculllcton. Zn Acht u n 6 W a ri n. lionimi aus Polens lUirjcit 0011 Carl (Oriot. , goillediiiig., F ü n f u n d; ma »; igst cS (iapitcl. * Auf einer fanftc» Anhöhe erhob sich eiVLattlich^schloß. Weithin i» die Runde leuchtete der Glau; der Fackeln und erhellte strahlend die Rächt. Das -ganze schloß mit all seinen 'Dhüruic» und Zinne» schien in ei» Licht- und Freudeuuieer verwandelt nnd. Iheilte seinen Glan; und seine blendende Lichtfülle dein gan,en, weit ausgedehnlen Dhale mit und lenchtete sogar bis an den tiefdunkleri Walp hin. Und wenn inan näher kam, da vernahm inan lautes, fröhliches. Lachen und scherzen, vermischt mit spiel und sang. Geschäftig eilten die Diener die Treppen aus und nieder, (Edelknaben in ihrer malerischen Tracht trieben sich schäkernd und mit den ausgeputzten Dienerinnen kosend durch die hellerleuchteteu Gänge der Burg; ru dem geräumigen Gelasse, daS zur Küche diente, hantirle geschäftig der Koch und erlheilte einem ganzen Heere von Untergebenen seine Befehle,