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Freies Blatt · 1895-11-03 · 187 (3.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
187 (3.11.1895)
Date
1895-11-03
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Nr. 187. Seite (> .f r e1 * s . Harte: und rhres Anführers Mittcrmaher. Tie am. 12. Juni vor-!|,roii:::inu,ii Wahle», bei denen die Reformpartei nur 14 Stimmen in t.-r Minnrilür geblieben war, leien von der Behörde anuullirt worden, ta diele in ><4 Fallen Wahlschwindel constaiirt Kat«. Es handle sich nun darum, :u cnilcheidcn, ob die Kellner antiscniitische Politik treiben oder für die Perbcfferung ihrer Vage eiukreten sollen:. Lebhafter Beifall begleitete diele Ausführungen, cbenlo die des Herrn Fried, welcher u A. >agic: „Leas wollen denn diese Leute mit ihrem Antisemitismus? Fürchten sie viellcichr die jüdische Eoncurrcnz? In ganz Wie» gibt cs 40 jüdi'che Kellner und unter den 4000 Gasthäusern bloß 12 größere lüdilche Rcstauranrs. und auch hier sind zumeist christliche Kellner in Perwendung. Ter Kellner, der vom Gclde des Gastes ohne Unterschied der Eonsession lebt, darf nicht Antisemit lein." Die Einbernfer der Periammlung ballen auch die Mitglieder dcS derzeitigen antisemitischen E'ehilscnausichusses cingeladeu, von denen jedoch Niemand erschienen war. T agcqcii lraren, nachdeni die Bersainmlung bereits für geschlossen erklärt wolden war, drei Ankünger Mittcrmaner'.S in den Saal und provoeirleu nach Anlisemitenart Scandalicenen, dis erst ein Ende fanden, aiS Sicherheilswachc cinichritt und sic auS dein?aale entlel ilte. — Nach einem heftigen an, dein sich auch antisemitische Abgeordnete als Agitatoren bethclligren, schloß die Wahl mir einem Siege der Anhänger Mnteriiiaiicr'S Am tttiahltaqc wurden mehrere P.rhaftungeu vorgenoiiinien.?r. Wolfflodll? In Hamburg wurde kürzlich der ini hohe» Aller von Jahren verskorbene, Irüherc national-liberaleReichstags abgeordnere Tr Jlaak Wollfsohu besialtcl. Tie Leichenrede hielt Scuaior T:. Hertz. her Ebel des Hamburgifcheu Justsiwescus. Tr. Hertz renne::' daiai'. daß dem Pelsiorbenen bis zu scincmi iil. Lebensjahre, : :s;nr Uiuwalliliig von 1^4^, als einem Juden sogar, das Aultreten rer l^erictu unteisagt. war, daß ihn aber Ipälcr leiife BernsSgenolsen ,» den d:.! freien Stadien an ihre Spitze skclllcn. „Und," so 'nhr der Nedner fori, „als vor fünf Jahren die ausgezeichnetsten Krälte aus kein ganze» deutschen Palerlande zilsainmenberuscn wurde», um das Bürgerliche .«Gesetzbuch zu überprüfen, da muß cs ihn wie uns ivn storzer t^enugkhiiuug erfüllr haben, daß er, der Dljährige, der '.NN .'«hal iiges Jubiläum hinter sich hatte, als eiuzigcr Rechtsanwalt und als einziger 'Nichichiisi in diele Periammlung berufen wurde, drei che: Religion hak er airgehört?" so fragte der Redner , weiter, um d^c lelione Antwort;n gebenr „Ich weiß nur, daß er.ru der Ö'cnlcinLe derer gehörte, die sich dülen, daß sic in keine Sünde willigen, und die den .'1 ach sie n lieben wie sich ielbsi " Tic lyillllfbillig ^urilvlvo s. > Man schreibt UNS: T-er russische Pl Uiisie: des Innern, SlaatS'ecrclär. Jwau Turnowo, ist seines r'Unles eullwben worden. In vieler kurren Meldung, welche der olsi- »i.llc Trab: ubermillell, licgr ein Ercigniß, das für die Juden in :>riißland reu weilestgehender Bedeutung ist. Turnowo-, den die Juden Rußlands inil Rechk den russischen Hainau nennen, verfolgte mit größter Rücksichtslosigkeit die russischen Unierlhanen imosancher Eon s.'sion. Er war es, der die Ausweisung der in Moskau und den EeniralgonvernenicutS befindlichen jüdischen Handwerker, denen unter "AAraudcr ll das unbclchrankle Wohnrecht eingeräuinr worden war, bei Alerander II!. besurworleie und dann schonungslos durchführtc. Eist IN iiciiesier Zeit ivies Turnowo die Juden aus dem Kaukasus und aus dein Tongebiete aus, trotzdem die dortige orlhodore Beir.kerung gegen diele Ausweisungen sich erklärte. Alle Beschränkungen, .i.iche gegen d^e .luden in Rußland in den letzten sechs Jahren versagt wurden, sind ausschließlich auf den Judenhaß Turuowo's zurück- Fuhren Wen» nun auch die Politik der russischen Regierung den Inden gegeiiuber ini Wesentlichen keine andere werden dürfte, so wird sie doch :n Folge der Enthebung Turuowo's nicht mehr ein solches O'-.vrage^ler is'ehalsigkeit tragen. Ein zweiter Turnowo dürfte sich schwerlich finden, und für die Juden in Rußland wäre cs schon ein 's'.ivliiu, wenn der allmächtige Posten eines Ministers des Innern :i:m Manne anvertraut würde, der sie nicht um jeden Preis ver- '' g. i wollte ^iiDiidlC Fabrikülltrn. Aus Petersburg wird uns ge- -u.;;o erinnerlich,- hak Pobcdonos; e w, der lSbcrprocuror des Lvued. in seiner dem Czar überreichten Tcnkschrist die . v'ch:: F'.e.lli.uen als Ausbeuter und Leuteschinder hinzustellen i.snchi h.s . .sank unbegründet jedoch, diese Tenunciation des „heiligen Procuro: s". w-.e uian PobedonoSzew hier nennt, war, erhellt aus booskurower Berichte, den die olsiciellen „Birschcwqja Wjedornoin", das Trqan des russischen Finanzministeriums,, pablicircn. In dem Berichte heißtes: „Tie in Proskurow bestehende Zuckerfabrik des Juden S Maran z kann mit Recht als Paradies der Arbeiter b-trachiel werden. Maranz hat allseine Arbeiter versichert, so daß die Zakua't ihrer Familien vollkonann geborgen erscheint. . 151 a 11. i Außerdem ist die Fürsorge des Herrn Maran; um die laufenden Be,! dürfnisie seiner Arbeiter crwähncnswcrth. Die für dieselben errichteten! Kaserne» mit Wasserleitung, Luftreinigung, Bädern und Lesezimmer! können mit den schönsten Wohnungen der Stadt wetteifern. Abgesehen l von diesen Wohlfahrtseinrichtungen beziehen die Arbeiter Löhne, die | cS ihnen ermöglichen, noch kleine Ersparnisse zu mach n." Mögen alle i Zuckerfabrikantcn, sagen die „Birschewyja Wjedomosti", dem Beispiele 1 deS humanen Herrn Maran; folgen und für ihre Arbeiter in gleich! .würdiger Weise sorgen! Daß Herr Pobedonoszew den Bericht der! „Birlchewnja Wjedomosti" dem Czar nicht unterbreiten wird, dürfte! zicuilich sicher sein.! Pu Allerseelen. Po» .q. R. Allerseelen in clner deutschen Großstadt! Wagen um Wagen raffeln zu. dem Friedhof, der da flimmert, glimmt und gleißt in tausend und! abertausend Flammen und Flämmchen. DaS große Todtenfest wird | geleiert und, lo ist cs nun einmal ini Menschenleben eingerichtet, vjcl nichr mit üiißcrcm Prunk und Aufwand als mit innerem Webgesühl! um daS eigene Leid, das »ns und Alle, die sterblich sind, betroffen.! Tu wandelst »eben de» Gräbern stillschweigend dahin, ein greller Schein, . ei» Flittcrwerk vom beleuchteten GlaS feffelt deine Anf- . merksamkeit, du liest den Rainen am Grabdenkmale und — ein ganz i unbekannter Name war's ja — läßt dich von der großen Woge der Friedhofbcsncher weiter schieben und weiter drä-igcn; die große Menge plaudert, schäkert, lacht — der zottige Silcn respcctirt selbst nicht des > <>'rabes Ruhe und die heilige Todtcnfcicr... So ungcführ dachte ich, als ich die Hauptallce des großen Fried- : Hofes, man nannte khu Ecutrallriedhof, passirtc, und bog vom Hauptf wcgc ab. Ta g.ab'S nicht so viel Glanz und Schimmer, nicht so viel ' prachtvolle Tciikmale, nicht so viel kostbare Kränze zu scheu, dafür aber rührende Bilder wahrer Andachlund Frömmigkeit Tort — ein : schlichtes Eisenkrcuz fchmückte das Grab — kniete eine junge Frau mit zwei Kindern und betete. „Mutter," sprach aus vollem Kindcrberzen daS ältere Bübchen, „Mutter, so sag' doch dem Papa, er soll aulstekeu. wir wollen schon nach Hause gehen." „Aber Fritz," rcpii- , eine der jüngere dreijährige Beno, „wie kann man denn so dumm! sein! Ter Papa muß ja so lange schlafen, bis all die Lichter auSbrennen, die man ihn, zu Ehren augczündet!" Tie Akutter weinte. Am.Himmel oben brannten und glühten Millionen Lichter, und wenn die-erlöschen, kann das prophetische Wort zur Wahrheit werden! So! dachte ich mir und ging weiter. Das Meer von Lichtschimmer hörte plötzlich aus > Ich war zur Grenze des Judcnfricdhofcs gelangt, der, wie all- ' nächtlich, durch einige Gaslaternen beleuchtet war. Tie Unzahl weißer, schmuckloser (ffiabsteine,^ die im salben Sterncnschcin von sich selbst i Licht zu geben schienen, erinnerte mich an den Ausspruch eines Rabbi, der b.-tiii Anblick eines jüdischen Friedhofes sagte: „Tic wcigcn Leichen ’ steine sind Wechsel sürS Jenseits!" Ta blieb ich mit cincmmal wie i verzaubert stehen. An einem Grabcshügel, den ein schlichter Grabstein! mit einem Ausspruch JesaiaS schmückte, kniete eine alte Frau vo» etwa! sechzig Jahren und nächst ihr ein Mädchen von kaum zwanzig. Tic! Beiden schienen dem Aeußern nach den bcfferen bürgerlichen Ständen anzugehören. Indes; die alte Frau betete, war das Mädchen bemüht, eine Reihe von Lampen.und Kerzen anzuzündc». Als dies geschehen, j faltete das Mädchen die Hände und versenkte sich, gleich der Mutter,! in tiefe Andacht. - Ich störte die Betenden nicht, und nachdem sie die Andacht verrichtet hatten, trat ich hinzu und fragte, den Hut lüftend: „ 'Nicht wahr, daS ist der jüdische Friedhof?" i „Ja," erwiderte die alte Frau. " > „Wie kommt cS denn," fragte ich weiter, „daß Sie,' offenbar | Christinnen, am Grabeeines Juden ein Gebet verrichten und Lichter j brennen laffen?"! „Tas geht Sie gar nichts an, Sie kecker Schnabel," rcplicirte die i junge Dame, „Sie scheinen auch einer von den Antisemiten zu sein, i die da glauben, der liebe Herrgott müsie erst Sie um Erlaubniß ■ fragen, ob man zu ihm beten darf oder nicht." Verdutzt durch diese rcsche Antwort, bat ich um Entschuldigung und begründete in schlichter Weise meine Anfrage. Tie alte Frau sagte nun: „Du bist im Unrecht, Röschen, der Herr hat's gut gemeint. Ich verstehe es, daß Sie, mein Herr, eS absonderlich fanden, daß wir als Christinnen heute am Grabe eines Juden beten. Weshalb dies geschah und so lange wir leben auch geschehen wird, daS mögen Sie denn hören, vorausgesetzt, daß Sie daran noch ein Jntereffe haben."

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